Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies, und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.

Ian McEwanDie Kakerlake

E-Book (EPUB)

Diogenes (2019)

144 Seiten

ISBN 978-3-257-61034-5

EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!

Kurztext / Annotation
Jim Sams hat eine Verwandlung durchgemacht. In seinem früheren Leben wurde er entweder ignoriert oder gehasst, doch jetzt ist er auf einmal der mächtigste Mann Großbritanniens - und seine Mission ist es, den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen. Er ist wild entschlossen, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen: weder von der Opposition noch von den Abweichlern in seiner eigenen Partei. Und erst recht nicht von den Regeln der parlamentarischen Demokratie. Ian McEwan verneigt sich vor Kafka, um eine Welt zu beschreiben, die kopfsteht.

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Seit seinem Welterfolg Abbitte Am Strand Kindeswohl Maschinen wie ich Die Kakerlake

Textauszug
Eins

A ls Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt. Eine Weile blieb er auf dem Rücken liegen (nicht gerade seine bevorzugte Stellung) und betrachtete verwundert die fernen Füße, die wenigen Gliedmaßen. Bloß vier, natürlich, und zudem recht unbeweglich. Mit seinen eigenen dünnen braunen Beinen, an die er sehnsüchtig zurückdachte, hätte er, wie hilflos auch immer, lustig in der Luft gezappelt. Nun aber lag er bloß da, fest entschlossen, nicht in Panik zu geraten. Ein Organ, ein glitschiger Fleischlappen, lag plump und feucht in seinem Mund - ekelhaft, besonders, als es sich eigenständig bewegte, um die riesige Mundhöhle zu erkunden, und - wie er mit stummem Entsetzen registrierte - über eine unermessliche Anzahl von Zähnen glitt. Er starrte an seinem Körper herab. Farblich war er von den Schultern bis zu den Fußknöcheln blassblau, mit dunkelblauen Querstreifen an Hals und Handgelenken und weißen Knöpfen in vertikaler Reihe über seinem nicht segmentierten Brustkorb. Der leichte, stoßweise darüber hinwegstreichende Hauch, der auf nicht unangenehme Weise nach halb verdautem Essen und gebranntem Korn roch, war wohl sein Atem. Sein Sichtfeld war unzweckmäßig eingeschränkt - ach, hätte er nur wieder Facettenaugen -, und alles, was er sah, erdrückend bunt. Allmählich begann er zu begreifen, dass sein verletzliches Fleisch in einer grotesken Umkehrung außen am Skelett lag, weshalb Letzteres für ihn völlig unsichtbar blieb. Dabei wäre der Anblick des vertrauten, perlmuttschimmernden Brauns ein solcher Trost gewesen.

All dies war schon besorgniserregend genug, doch als er nun wacher wurde, fiel ihm wieder ein, dass er eine wichtige, einsame Mission hatte, auch wenn er im Moment nicht mehr wusste, welche das war. Ich komme zu spät, dachte er, als er versuchte, seinen Kopf, der bestimmt an die fünf Kilo wog, vom Kissen zu heben. Das ist so unfair, sagte er sich. Das habe ich nicht verdient. Seine bruchstückhaften Träume waren tief und verrückt gewesen, voller heiserer, widerhallender, sich unablässig streitender Stimmen. Erst jetzt, da sein Kopf wieder zurücksank, begann er, das Gespinst des Schlafs abzustreifen und ein Mosaik an Erinnerungen, Eindrücken und Absichten zusammenzusetzen, das sich jedoch verflüchtigte, sobald er es festzuhalten versuchte.

Ja, er hatte den angenehm modrigen Palace of Westminster ohne jeden Abschied verlassen. So musste es sein. Geheimhaltung war entscheidend. Das brauchte man ihm nicht zu sagen. Doch wann genau war er aufgebrochen? Bestimmt nach Einsetzen der Dunkelheit. Gestern Abend? Vorgestern Abend? Er war vermutlich durch die Tiefgarage gelaufen, vorbei an den blankpolierten Stiefeln des Polizisten am Ausgang. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Eilig war er dem Rinnstein gefolgt, bis er die furchterregende Kreuzung am Parliament Square erreichte. Vor einer Reihe haltender Fahrzeuge, die es kaum erwarten konnten, ihn auf dem Asphalt zu zermalmen, flitzte er hinüber zur Regenrinne auf der anderen Seite. Danach hatte es, wie ihm schien, eine Woche gedauert, bis er eine zweite furchterregende Straße überquerte, um auf die richtige Seite von Whitehall zu gelangen. Und dann? Sicher war er viele Meter gesprintet und schließlich stehen geblieben. Warum? Langsam fiel es ihm wieder ein. Aus jeder Trachee seines Körpers keuchend, hatte er vor einem einladenden Gully Halt gemacht, um von einem fallen gelassenen Stück Pizza zu kosten. Ganz aufessen konnte er es nicht, gab sich aber größte Mühe. Er hatte Glück, es war eine Margherita, seine zweitliebste Sorte. Keine Oliven. Jedenfalls nicht auf diesem Stück.

Den unhandlichen Kopf konnte er, wie er jetzt merkte, mühelos um 180 Grad wenden. Also drehte er ihn zur Seite. Die Mansarde war klein, unangenehm hell von der Morgensonne, denn man hatte die Vorhänge nic

Beschreibung für Leser
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet