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Peter KeglevicWolfsegg

E-Book (EPUB)

Penguin Verlag (2019)

320 Seiten

ISBN 978-3-641-24427-9

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Kurztext / Annotation
Kraftvoll, archaisch, düster - ein Ausflug in die Abgründe der menschlichen Natur
Ein enges Tal irgendwo in den Bergen: Die 15-jährige Agnes, die so gern ein "Autoschrauber" hätte werden wollen, muss erfahren, wie brutal das Leben sein kann. Wenn die eigene Familie verachtet wird. Wenn jeder jeden kennt und mit jedem eine Geschichte hat. Da stehen dem Missbrauch die Türen weit offen, da wird vertuscht und betrogen, denunziert und getötet, ohne dass der Himmel ein Einsehen hätte. Als der Vater totgeschlagen und die Mutter elendig verreckt ist, hat Agnes nur noch einen Gedanken: Sie muss die "Kleinen", Bruder und Schwester, vor dem Heim retten, in dem sie einst gelitten hat.
Peter Keglevics dramatischer Roman über Agnes und ein namenloses Tal in den Alpen ist eine Geschichte von alttestamentarischer Wucht - so zärtlich und so brutal erzählt, wie das wohl nur ein Österreicher kann.

Peter Keglevic, geboren 1950 in Salzburg und gelernter Buchhändler, ist ein erfolgreicher TV-Regisseur, ausgezeichnet u.a. mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis. Seit über 20 Jahren hat er für "Laufen für den Führer" und die Lebensgeschichte von Harry Freudenthal recherchiert. "Ich war Hitlers Trauzeuge" ist sein erster Roman.

Textauszug
1

Es war der letzte Mittwoch im Mai, und der Vormittag war mit Tests und Aufgaben ausgefüllt. Logik, Persönlichkeit, Intelligenz. Jetzt stand auf der Schultafel das Aufsatzthema: Ich. Meine Familie. Meine Wünsche.

Die Berufsberaterin vom Arbeitsamt sah die Schüler eindringlich an. Acht Jungen und sieben Mädchen, fünfzehn bis siebzehn Jahre alt. Es war eine kleine Abschlussklasse dieses Jahr.

"Schreiben Sie ehrlich auf, was Sie denken. Nehmen Sie kein Blatt vor den Mund. Je ehrlicher Sie sich, Ihr Umfeld und Ihre Wünsche beschreiben, desto leichter fällt es uns, Sie einem Beruf zuzuführen, der zu Ihnen passt. Sie haben fünfundvierzig Minuten Zeit. Schreiben Sie: jetzt."

Die Berufsberaterin bediente einen Tischgong. Einige legten los, als wollten sie endlich alles abschütteln. Andere grübelten mit schiefem Mund und geblähten Nasenlöchern.

Das Mädchen, das allein in der letzten Reihe saß, starrte eine Weile vor sich hin. Dann begann es zu schreiben:

Ich heiße Agnes, nach der heiligen Agnes, was die Reine heißt, wie meine Mutter mir erklärt hat. Insgeheim nenn ich mich aber Nessie. Wie das Ungeheuer, das plötzlich aus seinem See hochsteigt und alle zu Tode erschreckt. So wünsche ich mich manchmal auch. Aber meine Mutter will nicht, dass wir Kinder, die Karoline, der Lorenz und ich, Spitznamen haben ... In der Schule rufen sie mich trotzdem Nessie oder auch Agi, was sich aber oft wie Maggi anhört ... In fünf Monaten, Ende Oktober, werde ich sechzehn.

Agnes war schmal mit knochigen Schultern, klein und wog vielleicht so viel wie eine Zwölfjährige. Ihr widerspenstig gelocktes Haar war dunkelbraun.

Sie blinzelte mehrmals, ihre Gedanken schwammen fort. Die Klassenfahrt nach Wien. Darüber hätte sie gerne geschrieben. Letzten April. Es war der obligatorische Ausflug in die Hauptstadt, den jede Schulklasse aus den Bundesländern hinter sich bringen musste. Parlament, Burgtheater, Schloss Schönbrunn. Großartig war das gewesen. Die Kapuzinergruft, in der die Habsburger in bombastischen steinernen und bronzenen Särgen lagen, hatte sie am meisten beeindruckt. Dass diese ohne Herz und ohne Eingeweide in der ewigen Ruhe eingemauert waren - das war spektakulär. Für zwei Euro hatte sich Agnes eine Broschüre gekauft, in der alles geschrieben stand. Herz und Eingeweide waren den Kaiserlichen nach dem Tod herausgeschnitten worden, ohne Rücksicht, ob sie ein gutes oder ein schlechtes Leben geführt hatten. Die Organe wurden in Seidentücher gehüllt, in Silberbehältnissen in Spiritus eingelegt, die dann zugelötet wurden. So standen nun die Herzen im Herzgrüftl , einer Nische der Loretokapelle, wie Mamas eingekochte Marmelade und das Russenkraut im Kellerregal.

Agnes überlegte, wie sie das in ihrem Aufsatz unterbringen konnte, fand aber keine Lösung. Sie hätte auch gerne geschildert, wie sie sich auf der Heimfahrt im Bus schlafend gestellt hatte. Durch die Wimpern hatte sie beobachtet, wie in der Sitzreihe auf der anderen Seite der Hubsi der Margit die Hand unterm Kleid in die Unterhose geschoben hatte. Wenig später hatte er die Hand wieder herausgezogen, sich über die Sitzlehne zum Robert gebeugt und ihm den Zeigefinger unter die Nase gerieben. Gefeixt hatten die beiden. Margit hatte zu ihr hingeschaut und dabei ihren Monsterbusen zurechtgeschoben. Ich krieg jeden, hatte ihr Blick gesagt. Auch den Jo Weis! Darauf kannst du Gift nehmen! Das war das Schlimmste, was Agnes sich vorstellen konnte. Ihre Augenlider zuckten. Alle konnte Margit haben, aber nicht den Jo! Der Jo war für sie bestimmt. Bis in den Tod. Da war Agnes sich sicher. "Wusst ich doch, dass du dich schlafend stellst", hatte Margit zu ihr herübergerufen, "du kleine Spannerin."

Agnes beugte sich wieder über das fast leere Blatt und konzentrierte sich. Mit einem Mal fiel es ihr leicht, etwas niederzuschreiben.

Mein Bruder Lorenz ist zwölf und geht in die

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