Dream Count
Roman | Deutschsprachige Ausgabe
Hardcover
S. FISCHER (2025)
528 Seiten; 21.5 cm x 14 cm
ISBN 978-3-10-397662-5
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Hauptbeschreibung
Vier Frauen, vier Leben und die Sehnsucht nach Sichtbarkeit, Liebe und Selbstbestimmung. Der lang erwartete neue Roman von Chimamanda Ngozi Adichie. Spiegel-Bestsellerautorin, literarischer Superstar und feministische Ikone.
Chiamaka
ist Reiseschriftstellerin, navigiert zwischen ihrer nigerianischen Heimat und ihrem amerikanischen Zuhause und versucht, sich im Rückblick auf die Männer ihres Lebens zu erklären, wann genau ihr ihre Träume abhandengekommen sind.
Zikora
ist Anwältin und lebt in Washington D. C. Sie hat Erfolg und sich schon vor langer Zeit von ihrer Mutter distanziert; bis sie - plötzlich selbst Mutter und alleinerziehend - merkt, wie nahe sie ihr in ihrer vermeintlichen Schwäche ist.
Omelogor
lebt in Nigeria. Als Bankerin hilft sie, Korruption zu verschleiern, aus Idealismus versucht sie, Frauen und ihre Unternehmen zu fördern. Doch eines Tages kündigt sie ihren Job, um in den USA zu studieren.
Kadiatou
ist Chiamakas Haushälterin. Außerdem arbeitet sie in einem Hotel, wo ein mächtiger Gast sie schwer belästigt. Ein entwürdigender Prozess von Beweisaufnahme und Verfahren beginnt, in dem alles im Zentrum steht, nur nicht Kadiatous Schicksal.
Mitreißend, dringlich und klug spannt Chimamanda Ngozi Adichie über Kontinente hinweg die Geschichten von vier Frauen, die einander immer wieder die Hand reichen.
Sie erzählt wie keine andere von existentieller weiblicher Erfahrung, die oft in den ganz kleinen Augenblicken zutage tritt: im Schwangerschaftstest auf dem Badewannenrand, in Tagträumen nach einem Augenkontakt im Flugzeug, im Warten auf einen Anruf oder im Moment plötzlich zusammengenommenen Mutes. Ein wegweisender, gegenwärtiger Roman über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Frauen in einer Welt, die es immer noch schwer macht, sich zusammenzutun.
Zehn Jahre nach dem Weltbestseller »Americanah« der neue große Roman von Chimamanda Ngozi Adichie.
Hersteller: S. Fischer Verlag GmbH
Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main DE
E-Mail: produktsicherheit@fischerverlage.de
- Americanah
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- Romane über Selbstbestimmung von Frauen
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Hin und her
Die vier sind alle Afrikanerinnen, die auf die ein oder andere Art in den USA gelandet sind, wobei Chiamaka, Zikora und Omelogor aus einem sehr wohlhabenden Haus in Nigeria stammen, Kadiatou hingegen hat eine Flucht aus Guinea in die USA hinter sich. Ihrer aller Schicksal ist stark geprägt von ihren Erfahrungen mit Männern und den hochtrabenden Erwartungen ihrer Verwandtschaft, das oberste Ziel scheint eine Heirat und das Kinderkriegen zu sein. Doch bei alle den Frauen laufen die Leben entgegen der in sie gesetzten Erwartungen, ihr Umgang damit ist unterschiedlich: Von einer Wurschtigkeit, über Naivität bis hin zum Selbstunterdrucksetzen ist alles dabei. Manchmal tut es weh, wie einzelne Charaktere - vor allem Chiamaka - ihr Glück von Männern abhängig machen. Sie ist ohnehin die schwer auszuhaltendste Figur, für mich zumindest. Sie definiert sich förmlich über ihre Partner, macht oft das, was eben diese wollen. Sie fantasiert der Reiseschriftstellerei nach, fliegt in unzählige Länder, um anschließend erfolglos ihr Geschriebenes an die Presse zu bringen. Das ist aber kein Problem, denn finanziert wird das alle ohnehin von ihrer Familie, die nur selten den Unmut entgegen der verschwenderischen Ekstase äußern.
Die dargebotenen Beobachtungen der Autorin über ihren Figuren sind detailliert und sehr intensiv. Alle Handlungen sind nachvollziehbar, der Lesefluss gerät aber aufgrund der Dichte des Textes oft ins Stocken. Ich habe das Buch wirklich sehr gern gelesen, allerdings hinterlässt es mich etwas ratlos. Meistens erwarte ich mir beim Lesen ja irgendeine Moral der Geschichte, diese konnte ich hier aber leider nicht wirklich erkennen. Die Sprache der Autorin hat mich in den Bann gezogen, zweifelsohne, sie schafft grandiose Sätze wie "Doch in stillen Momenten, wenn ich alleine war, hatte ich Angst, dass das, was sich wie Zufriedenheit anfühlte, eigentlich Resignation war." (S. 108), hat mich mitgerissen - vor allem die Geschichte um Kadiatou ist unfassbar bewegend. Aber da ist auch immer wieder das Gefühl der Langeweile und der Ratlosigkeit, weil ich einfach keine Antwort auf das "Warum" (wurde dieser Roman so erzählt, wie er erzählt wurde) finde. Auch nicht nach dem Ende, nach dem Nachwort, in dem die Autorin ihre Beweggründe und Hintergründe darlegt. Ich persönlich habe nicht erkannt, dass es in "Dream Count" vorwiegend um Mutter-Tochter-Beziehungen gehen soll, wie es uns die Autorin wissen lässt. Ehrlich: mir hätte es genügt, wenn Kadiatous Geschichte, vielleicht sogar noch etwas detaillierter, erzählt worden wäre. Nichtsdestotrotz habe ich das Buch, bei allen Längen und Unverständlichkeiten sehr gerne gelesen, weil es trotz eines schlüssigen Plots doch schöne Erzählkunst ist. Und ich habe viel neue Einblicke in verschiedene afrikanische Kulturen bekommen, die der mir gewohnten doch gar nicht so unähnlich sind, nein, die Parallelen sind erstaunlich. Dass ich für "Dream Count" eine Leseempfehlung ausspreche, ist für mich genauso einleuchtend wie mysteriös. Ein Hin und Her, das im Gedächtnis bleibt.
Das Leben vier starker Frauen
Es handelt sich hier um Frauen, die jede für sich in ihrem Leben Erfüllung sucht und zum Teil auch erhält, dies jedoch ganz unterschiedlich.
Chiamaka ist Reiseschriftstellerin, ihre Eltern zählen zu den Reichen in Nigeria. Durch die Pandemie kann sie nicht reisen und so blickt sie zurück auf die Männer ihres Lebens. Heiraten und Kinder zählen nicht zu ihren Träumen. Sie wünscht sich einfach den richtigen Partner.
Ihre Cousine Omelogor hat in Nigeria als Bankerin Karriere mit illegalen Geldtransaktionen gemacht und trägt so zur Verschleierung der Korruption bei. Sie kam dadurch zu ungeheuerlich viel Geld. Sie will weder Mann noch Kinder, sondern Frauen monetär unterstützen.
Zikora ist als Anwältin in Washington DC sehr erfolgreich und wollte sich den Traum ihres Lebens erfüllen: unbedingt wollte sie eine Familie – also Mann und Kind. Als sie endlich schwanger ist, wird sie verlassen – zwar unterstützt sie ihre Mutter, jedoch war das Verhältnis der beiden bis dahin eher schlecht.
Die oben bereits erwähnte Kadiatou ist Chiamakas Haushälterin. Kommt aus armen Verhältnissen, wurde als junges Mädchen – ganz nach Tradition – beschnitten.
Es geht somit um vier starke Frauen, die viele Themen abdecken: Freundschaft, Traditionen, Erfolg, sexuelle Gewalt, Klasse, Rassismus, Herkunft und Selbstbestimmung sowie ganz allgemein Erwartungshaltungen gegenüber vor allem afrikanischen Frauen.
Jede Frau hat so ihre eigenen Träume und Vorstellungen von einem erfüllten, erfolgreichen und glücklichen Leben. Der Autorin Adichie gelingt es sehr gut diese unterschiedlichen Facetten und Aspekte zu zeigen, egal ob reich oder arm, egal ob in den USA oder in Afrika.
Dream Count lässt sich interpretieren als die Anzahl der erfüllten Träume, die jede*r für sich so im Leben hat.
Sehr zu empfehlen
Frauenleben
Nun ist er da, der lang ersehnte Roman von ihr.
Vier Schwarze Frauen stehen im Zentrum, drei aus Nigeria, eine aus Guinea.
Den Anfang macht Chiamaka, eine Frau Anfang Vierzig und in Amerika lebend. Sie stammt aus der nigerianischen Oberschicht und arbeitet als Reiseschriftstellerin. Nun aber zwingt sie das Coronavirus zur Isolation und Untätigkeit und sie zieht Bilanz, über ihr Leben, über ihre Träume und v.a. über ihre vergangenen Beziehungen. Denn obwohl sie schön und reich ist, lebt sie allein. Sie wünscht sich nicht unbedingt Heirat und Kinder, ihr Traum ist ein anderer. „ Ich habe mich immer danach gesehnt, von einem anderen Menschen erkannt zu werden, wirklich erkannt.“
Dieser erste Satz im Roman ist elementar, nicht nur für Chia, sondern für den ganzen Roman. Und in diesem Zusammenhang ist auch der Titel „ Dream Count“ zu interpretieren. Es ist ein Wortspiel, das sich auf den Begriff „ Body Count“ bezieht. Im Krieg meint dieser die Anzahl der getöteten Gegner, in der Liebe die Anzahl der Sexpartner. „ Dream Count“ nun ist eine Bilanz unserer Träume, der geplatzten, der aufgeschobenen, der unerfüllt gebliebenen.
Und interessant ist, wie sehr sich Chia abhängig gemacht hat von den Männern, die sie einmal geliebt hat. Drei Jahre lang war sie mit einem Mann zusammen, der sie immer wieder demütigte und man fragt sich beim Lesen, warum sie das so lange mit sich machen lässt. Und so gibt es noch einige Episoden mit längst verflossenen Liebhabern.
Auch bei Zikora dreht sich vieles um das Thema Mann. Sie ist eine Freundin von Chiamaka und lebt als erfolgreiche Anwältin in Washington. Sie träumt schon lange von einer eigenen Familie, doch als sie endlich schwanger ist, macht sich der zukünftige Vater aus dem Staube. In dieser Situation findet sie in ihrer Mutter Hilfe und Unterstützung, obwohl das Verhältnis zwischen ihnen bisher sehr unterkühlt war.
Die dritte Frau in diesem Kreis Omelogor, Chias Cousine, eine erfolgreiche Bankerin in Nigeria, liebt dagegen ihre Unabhängigkeit und weiß, dass sie keinen Mann ständig an ihrer Seite braucht. Trotzdem ist sie irritiert, als eine Tante in Bezug auf ihre Kinderlosigkeit meint: „ Tu nicht so, als wärst du zufrieden mit deinem Leben.“
Immer noch, und nicht nur in afrikanischen Kulturen, gilt ein Frauenleben ohne Mann und Kind als unvollständig.
Es sind keine feministischen Ikonen, die uns die Autorin hier präsentiert, sondern moderne Frauen, die sich zwar aus manchen Fesseln befreit haben, sich aber nicht ganz dem Druck von außen entziehen können.
Die vierte Frau, der Adichie ein ganzes Kapitel widmet, sticht aus diesem Kreis hervor. Nicht nur, weil sie aus Guinea stammt, sondern weil sie nicht wie die drei anderen der Oberschicht angehört. Kadiatou ist in einem afrikanischen Dorf aufgewachsen und ist als Geflüchtete in die USA gekommen. Hier arbeitet sie als Haushälterin bei Chiamaka und hofft endlich auf ein ruhiges, gesichertes Leben. Diese Hoffnung zerschlägt sich, denn sie wird Opfer eines sexuellen Übergriffs. In einem Hotel, in dem sie als Zimmermädchen arbeitet, wird sie von einem reichen prominenten Gast vergewaltigt. Die anschließende Untersuchung und Befragung wird zu einem demütigenden Spießrutenlauf für die Frau. Adichie hat sich hier, wie sie im Nachwort schreibt, an dem Fall Dominique Strauss-Kahn orientiert.
Die Autorin verwebt die Geschichten dieser vier Frauen gekonnt miteinander, Chiamaka ist das Bindeglied und der Rahmen des Romans. Während Adichie die Kapitel von Chia und Omelogor aus der Innensicht der Figuren schreibt, so erhalten Zikara und Kadiatou keine eigene Stimme. Ihre Abschnitte werden aus der dritten Person geschildert.
Adichie betrachtet sehr genau das Leben heutiger Frauen und ihre Probleme. So geht es um die Erwartungen an ein gelungenes Leben, um das Verhältnis zu den Eltern, um Freundschaften zwischen Frauen und vieles mehr. Dabei richtet sie aber auch ihren Blick auf das gesellschaftliche Umfeld, auf Missstände in den USA und in Nigeria.
Omelogor, die Karriere in einer Bank gemacht hat, gibt uns einen genauen Einblick in die kriminellen Machenschaften, in die Banken, Geschäftsleute und korrupte Politiker verstrickt sind. Und an ihr können wir auch sehen, mit welchen Vorurteilen und Hemmnissen Frauen in Führungspositionen zu kämpfen haben.
Das Schicksal Kadiatous hat mich am meisten berührt; hier bekommt der Lesende eine Vorstellung von den patriarchalen Strukturen ihres Landes. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hat sie früh Vater und Schwester verloren. Später kommt ihr Ehemann in einem Bergwerk um. Unter vielen Schwierigkeiten gelingt es ihr, mit ihrer Tochter Asyl in Amerika zu erhalten. Doch auch hier findet sie nicht das Glück, das sie erträumt.
Der Roman ist voll von Geschichten und es gibt eine Fülle an Szenen, die im Gedächtnis bleiben, so die einer Beschneidung oder die einer Geburt. Nichts, was ein Frauenleben ausmachen kann, wird ausgespart. Das alles wird erzählt in einer kraftvollen Sprache mit scharfsinnigen Dialogen und genauen Beobachtungen.
Und Adichies Charaktere sind Menschen aus Fleisch und Blut: nicht immer sympathisch, sondern widersprüchlich und ambivalent.
Auch wenn „ Dream Count“ nicht an die literarische Qualität von „ Americanah“ heranreicht, so ist es doch ein Buch, das unbedingt lesenswert ist.
Vielschichtig, klug, einfühlsam
Statt durch eine lineare Handlung entfaltet sich der Text in vier weibliche Stimmen, die miteinander verwoben sind, ohne sich gegenseitig zu erklären: Wir begleiten Chia, Zikora, Kadiatou und Omelogor bei ihrer Suche nach der großen Liebe, nach einem besseren Leben und dem eigenen Weg. Alle gehen mit den Herausforderungen von Frauen um, gehören aber unterschiedlichen Klassen an: Während Chia sich keine Gedanken um ein regelmäßiges Einkommen machen muss, muss Kadiatou neben ihrer Arbeit als Haushälterin von Chia noch in einem Hotel arbeiten. Zudem bewegen sich alle zwischen verschiedenen Welten: Chia und Zikora sind aus Nigeria in die USA gezogen, um dort zu studieren und zu arbeiten, Kadiatou hat aus Guinea kommend Asyl in den USA bekommen und Omelogor lebt nach einem kurzen Studienaufenthalt in den USA wieder in Nigeria. Und obwohl die Frauen sich alle in ganz anderen Lebenswelten bewegen, konnte ich immer wieder Situationen erkennen, die sicher viele Frauen schon erlebt haben.
Diese Vielstimmigkeit habe ich auch als Form von literarischem Widerstand gegen die Vereinfachung weiblicher Lebenserfahrung gelesen. Was hier verhandelt wird – Sexismus, Migration, Rassismus, soziale Ungleichheit, Begehren, Körper, Freundschaft, Arbeit, Gewalt – wird niemals mit dem moralischen Zeigefinger vermittelt, niemals vereinfachend, sondern immer so, dass Verbindungen, Widersprüche und Ambivalenzen deutlich werden. Über Menschen, die meinen, die Welt verstanden zu haben, wird sich stattdessen lustig gemacht und sie werden als scheinheilig entlarvt. Dabei liest sich der Text dennoch leicht, flüssig und unterhaltsam. Es gibt außerdem immer wieder Momente der Komik und Situationen, in denen sich Frauen gegenseitig unterstützen und fördern. Ein Nachwort der Autorin, in der sie ihre Geschichte in einen aktuellen Kontext einordnet, hat die Lektüre für mich perfekt abgerundet.
Für alle, die sich für Literatur interessieren, die Einblicke in vielfältige Perspektiven gibt – formal, inhaltlich, emotional – ist „Dream Count“ eine dringende Leseempfehlung. Ein vielstimmiger, eindringlicher Roman über weibliche Erfahrung, Macht und Verletzlichkeit!


