Das gute Übel
Erzählungen | Gestochen scharfe Horrorgeschichten der National Book Award Gewinnerin | »Entsetzen, Angst und Lust - großartige Storys.« Siri Hustvedt
Hardcover
Suhrkamp; Literatura Random House (2025)
189 Seiten; 21 cm x 13.2 cm
ISBN 978-3-518-43138-2
versand- oder abholbereit innerhalb von 3 Werktagen
Hauptbeschreibung
Das Grauen lauert im Vertrauten
Hinterm Haus liegt ein tiefer See, da sitzt sie stundenlang auf dem Grund und hält die Luft an – zurück bei Mann und Kindern wird sie den bohrenden Wunsch nicht los, für immer unter Wasser zu wollen. Ein Junge hat ein Loch in der Kehle und die Stimme verloren – und um die Aufmerksamkeit seines gebrochenen Vaters zu wecken, greift er zu immer abgründigeren Methoden. Eine im Sterben liegende Frau ruft eine Freundin an, mit der sie seit dreißig Jahren nicht gesprochen hat, seit dem tragischen Unfall damals – wer von den beiden trug daran eigentlich die Schuld?
In den gestochen scharfen Horrorgeschichten von
Das gute Übel
kommen uns die Monster des Alltäglichen so nahe, dass wir ihren Atem im Nacken spüren. Samanta Schweblin ist eine Magierin und schreibt mit einem übernatürlichen Gespür über den Einbruch des Bösen in unsere Welt – und das perfide Gute, das darin aufscheint.
Alle Dutzend Jahre erscheint dieses eine Buch, das ein Loch in den Himmel reißt.
Hersteller: Suhrkamp Verlag GmbH
Torstr. 44, 10119 Berlin DE
E-Mail: info@suhrkamp.de, Telefon: +49 30 740 744 0
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Das gute Übel
Das gute Übel
Aus dem argentinischen Spanisch von Marianne Gareis
Suhrkamp Verlag 2025
ISBN 978-3-518-43138-2
„Das gute Übel“ von Samanta Schweblin ist eine Sammlung von sechs Kurzgeschichten – und sie überzeugen alle durch fein
ziselierte Beschreibung menschlicher Schwächen und sauber aufgebaute Spannungsbögen, sowie durch sprachliche Präzision.
Hinterm Haus liegt ein tiefer See, da sitzt sie stundenlang auf dem Grund und hält die Luft an – zurück bei Mann und Kindern wird sie
den bohrenden Wunsch nicht los, für immer unter Wasser zu wollen. Ein Junge hat ein Loch in der Kehle und die Stimme verloren –
und um die Aufmerksamkeit seines gebrochenen Vaters zu wecken, greift er zu immer abgründigeren Methoden. Eine im Sterben
liegende Frau ruft eine Freundin an, mit der sie seit dreißig Jahren nicht gesprochen hat, seit dem tragischen Unfall damals – wer von
den beiden trug daran eigentlich die Schuld? In den Geschichten kommen uns die Monster des Alltäglichen so nahe, dass wir ihren
Atem im Nacken spüren. Wie bricht das Böse in die Welt? Und finden wir nicht immer das perfide Gute, das darin aufscheint?
Die Erzählungen sind wirklich unheimlich und zugleich tiefgründig, das Mysteriöse dringt vor, um die psychischen Verwerfungen der
Figuren aufzudecken. Ob eine Frau mit Steinen beschwert im Meer versinkt oder ein Junge nach einer Notoperation seine Stimme
verliert. Schweblin erzählt stets von Menschen, „denen ihr Leben aus dem Gleis gesprungen ist“. Mit Präzision und Empathie zeigt
Schweblin, wie das Übel überall lauert, psychologisch fein und atmosphärisch dicht. Wie schon in ihren früheren Erzählungen, wählt
sie wieder durchgängig die Ich-Form: In „Das Auge in der Kehle“ erzählt sie aus der Perspektive eines zunächst zweijährigen Jungen:
„Ein langes Schweigen genügt, dass mein Vater sich umdreht. Ich sitze inmitten verstreuter Gegenstände vor dem Fernseher auf dem
Boden und merke, dass er erschrickt. Er steht auf, ist mit einem Satz bei mir, denn das, was gerade passiert, ist kein Wutanfall, das
versteht er sofort. Es ist nicht dieses Schweigen, das dem Weinen vorausgeht. Er hat mein Gesicht gesehen, wie ich die Wangen
aufblase, bis sie sich färben, irgendwas passiert da gerade. Er braucht ein paar Sekunden, bis er versteht, dass ich am Ersticken bin,
dass ich keine Luft mehr kriege. Ich schließe eines meiner Händchen zur Faust und haue mir ungeschickt auf den Mund. »Was hast du
gemacht?«, fragt er. Er versucht, meine Faust, meinen Mund aufzubekommen. Ich entwische ihm, er fängt mich ein. Gewaltsam öffnet
er meine Hände. Da schlucke ich auf einmal, schlucke etwas...“ Es ist eine Lithium-Batterie. Sie verätzt dem kleinen Ich-Erzähler die
Kehle. „Während die Kinder in meinem Alter anfangen, mit komplexeren Wörtern zu spielen und die Kraft des Klangs und den Luxus
des vorsätzlichen Schweigens entdecken, verliere ich für immer die wenigen Wörter, die ich gelernt habe.“
In der berührenden Erzählung beleuchtet Samanta Schweblin, wie der namenlose Junge, seine Mutter und vor allem sein Vater über
die Jahre mit ihrer Schuld umgehen: Nur für einen Moment hat der Vater nicht hingeschaut. Man kann die Geschichte aber auch als
eine Parabel auf die Sprachlosigkeit innerhalb einer Familie lesen. Für Momente hebt Schweblin dabei ins Unwirkliche ab, wie es für
sie typisch ist: „Auf Höhe meines Kehlkopfs ist eine Art schwarzes Amulett, so groß und unförmig wie ein gigantisches Auge.“
„Das gute Übel“ erzählt von existenziellen Abgründen, von der Langzeitwirkung von Traumata, von den Momenten, in denen sich
die Sicherheiten des Lebens verschieben. Eine der Geschichten beispielsweise handelt von Lidia, die ihre Mutter im Pflegeheim
besucht und der eine der verwirrten Heimbewohnerinnen bis nach Hause folgt … Die Autorin ist eine Meisterin der Überraschung; auf
feine Untertöne versteht sich die Autorin ebenfalls und so wird die Lektüre zu einem klugen und unterhaltsamen Genuss, der lange
nachhallen wird: Kann es ein „gutes Übel“ geben? Ja, denn wie Romain Rolland erklärt: „Das schlimmste Übel, an dem die Welt
leidet, ist nicht die Stärke der Bösen, sondern die Schwäche der Guten“, oder - humorvoll formuliert vom Meister Wilhelm Busch:
„Es ist nicht so schlimm als wohl man denkt, wenn man's nur recht erfasst und lenkt.“
Düster
Schweblins Stil ist ihr Markenzeichen: minimalistisch, präzise und mit einem untrüglichen Gespür für das Übernatürliche im Gewöhnlichen. Eine Preziose für dunkle Tage, sinistre Gemüter oder Leser:innen von Shirley Jackson oder Mariana Enríquez.


