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Rezensionen

Zeit der Mutigen
Ausgezeichnet mit dem Österreichischen Buchpreis 2025

Autor: Dimitré Dinev

Erschienen 2025 bei Kein & Aber
ISBN 978-3-0369-5079-2
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Keine Angst vor 1148 Seiten! - 5 Sterne

Der großes Umfang dieses Buches hat mich lange Zeit abgehalten zuzugreifen. Erst ein Freund, der die "Zeit der Mutigen" bereits gelesen hatte, nahm mir die Furcht und den Respekt vor dem Lesevolumen. Während eines Kuraufenthalts, als mir der Lesestoff ausging, fand mich in der nächstgelegenen Buchhandlung schließlich die "Zeit der Mutigen". Ich bin in dieses Buch sofort hineingekippt. Und so folgte ich dem Schicksal einer Eva, die sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der Donau ertränken will, dem Schicksal eines gewissen Meto, einem Tiroler, den es nach Bulgarien verschlägt, und anderen. Anhand einer kleinen Figurengruppe werden die letzten hundert Jahre europäischer Geschichte erzählt. Ursprünglich dachte ich, der Roman spielte in Bulgarien, aber ein nicht geringer Teil handelt in der Wachau. Dabei ist es nicht der Inhalt allein, der die Leser:innen quasi gefangen nimmt. Beim ersten Lesen nimmt man zwar Dinevs Sprache wahr und ist sich bewusst, man sollte auf sie genauer achten; gleichzeitig möchte man wissen, wie diese humorvoll, larmoyant, manchmal sarkastisch formulierte Geschichte sich weiter entwickelt. Einerseits ist die "Zeit der Mutigen" ein politisches Buch, andererseits enthält es gleichzeitig viele märchenhafte Szenen. Die Beherrschung der Sprache zeigt sich, wie so oft, gerade in den Beschreibungen von Sex, wo viele Autoren peinlich scheitern. Eigentlich sollte man dieses Buch mehrmals lesen. Gerne würde man Dinev fragen, wie er auf seine wunderlichen Ideen kommt. Das Ende des Buchs kommt einigermaßen unvermittelt und enttäuscht ein bisschen. Da wäre noch einiges zu klären gewesen.
von Wolfgang Suschnig - 2026-04-05 22:52:00

Zeit der Mutigen - 5 Sterne

Der Roman „Zeit der Mutigen“ von Dimitré Dinev gehört zu den Büchern, die mich nachhaltig beeindruckt haben. Auf über tausend Seiten entfaltet sich ein gewaltiges erzählerisches Panorama – eine Familiengeschichte, die zugleich zu einem Spiegel des europäischen 20. Jahrhunderts wird.
Die Handlung setzt unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg ein, mit einer Szene von großer symbolischer Kraft: Das Dienstmädchen Eva will sich aus Verzweiflung in die Donau stürzen. Doch statt im Wasser zu versinken, wird sie vom jungen Infanterieleutnant Alois Kozusnik gerettet – oder vielmehr in seine Arme gespült. Aus dieser zufälligen Begegnung entwickelt sich eine Geschichte, deren Folgen Generationen überdauern. Von hier aus verzweigt sich der Roman in drei große Familienlinien: eine österreichische, eine bulgarische und eine Roma-Familie. Dinev verknüpft ihre Schicksale meisterhaft miteinander und zeigt eindrucksvoll, wie eng individuelle Lebenswege mit den politischen Erschütterungen Europas verwoben sind.
Besonders eindrücklich ist die Figur Leopold, ein Wehrmachtssoldat, dessen Lebensweg eine erstaunliche Wendung nimmt. Nachdem er sich zeitweise einer Roma-Gruppe angeschlossen hat, wird er von Rotarmisten erschossen – und überlebt wie durch ein Wunder. Mit einer Kugel im Kopf und ohne Erinnerung lebt er fortan unter dem Namen „Meto“ weiter. Diese radikale Amnesie macht ihn zu einer der faszinierendsten Figuren des Romans, denn in seiner Identitätslosigkeit bündeln sich die zentralen Fragen des Buches: Wer sind wir ohne unsere Erinnerungen? Was bleibt vom Menschen, wenn Geschichte, Ideologien und persönliche Biografien auseinanderbrechen?
Dinev erzählt von den großen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts: von zwei Weltkriegen, vom Aufstieg des Faschismus und Nationalsozialismus, von Gulag, Überwachung und totalitären Systemen. Doch trotz dieser historischen Wucht verliert der Roman nie den Blick für das Individuelle. Die Geschichte Europas erscheint hier nicht aus der Perspektive von Generälen oder Staatsmännern, sondern aus der Sicht einfacher Menschen: Fischer, Hirten, Krankenschwestern, Bäcker oder Roma-Patriarchen. – Und gerade diese Figuren verleihen dem Roman meines Erachtens seine große menschliche Tiefe.
Mich hat besonders berührt, wie stark Dimitré Dinev den menschlichen Zusammenhalt betont: Immer wieder zeigt er, dass selbst unter den härtesten Bedingungen noch Zuneigung, Solidarität und Liebe möglich sind. Diese Momente wirken wie kleine Gegenlichter zur Brutalität der Geschichte – zart, verletzlich und dennoch von großer Kraft.
Auch sprachlich ist der Roman beeindruckend. Dinev erzählt mit einer sichtbaren Freude am Poetischen und auch am Fabulieren, die an die großen epischen Erzähler der europäischen Literatur erinnert. Seine Sprache bewegt sich zwischen derbem Humor und poetischer Verdichtung, zwischen bitterer Ironie und märchenhafter Bildkraft. Zwischen den Zeilen blitzt immer wieder ein schwarzer Humor auf, der die Schwere der Ereignisse auf besondere Weise bricht.
Ein zentrales Thema des Romans ist das Erinnern. Metos Amnesie wird dabei zu einer kraftvollen Metapher: Nicht nur der Einzelne kann seine Vergangenheit verlieren, auch Gesellschaften sind in Gefahr zu vergessen. Und dieses Vergessen kann gefährlich sein, weil es Gleichgültigkeit hervorbringt – und Gleichgültigkeit wiederum den Boden für neue Gewalt bereitet. Dimitré Dinev setzt dem die Kraft des Erzählens entgegen. So werden Geschichten zu einem Akt des Widerstands gegen das Verschwinden von Erinnerung und gegen das Verstummen der Opfer.
Natürlich verlangt ein Roman dieser Größe auch etwas Geduld: Die Vielzahl an Figuren, die verschlungenen Familiengeschichten und die wechselnden Perspektiven fordern Aufmerksamkeit von uns Lesenden. Doch gerade darin liegt auch der besondere Reiz des Buches: Wer sich auf diese komplexe Erzählwelt einlässt, wird mit einem außergewöhnlich dichten und eindrucksvollen Leseerlebnis belohnt.
Für mich ist „Zeit der Mutigen“ weit mehr als ein historischer Roman. Es ist ein großes humanistisches Epos über Mut, Erinnerung und Menschlichkeit in dunklen Zeiten. Ein Buch, das fordert, berührt und lange nachhallt.
Ich kann diesen Roman allen empfehlen, die sich auf eine große literarische Reise einlassen möchten – eine Reise durch Geschichte, durch menschliche Abgründe, aber auch durch die erstaunliche Widerstandskraft des Menschen; – eine Reise, die mich an ein berühmtes Zitat von Horkheimer und Adorno erinnert hat: „Der Listige überlebt nur um den Preis seines eigenen Traums, den er abdingt, indem er wie die Gewalten draußen sich selbst entzaubert.“
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2026-03-25 16:39:35

Ein moderner Klassiker der Literatur - 5 Sterne

An „Zeit der Mutigen“ hat der Autor nach eigenen Angaben 13 Jahre lang geschrieben. Es hat sich gelohnt! Entstanden ist ein monumentales Epos, in der Printausgabe über 1000 Seiten lang, ein ganzes Jahrhundert europäischer Zeitgeschichte umfassend, leichtfüßig erzählt und dabei sorgfältig recherchiert, viel Wissen vermittelnd und dabei auf jeder Seite ein unterhaltsames und mitreißendes Leseerlebnis!

Ich habe noch nie ein so umfangreiches Buch gelesen, bei dem ich mich gleichzeitig so gut unterhalten habe und das von der ersten bis zur letzten Seite mitreißend und spannend war, und dabei gleichzeitig voll von schönen Sprachbildern, profundem Verständnis für die menschlichen Beziehungen und tiefsinnigen Gedanken über das 20. Jahrhundert in Europa mit all seinen Schrecken, aber auch für das, was Mensch-Sein, (Wahl)-Familie und Verbindung ausmacht.

Abwechselnd werden die miteinander auf vielfältige Weisen verflochtenen Schicksale der Mitglieder dreier Familien erzählt: einer österreichischen, einer bulgarischen und einer Roma-Familie, beginnend mit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg bis in 1990er Jahre. Es geht um Täter, Mitläufer und Widerstandskämpfer, Loyale und Verräter, Gedächtnisverlust und Rollentausch, die Frage, was Verwandtschaft ausmacht (Abstammung? Soziale Elternschaft? Eine Wahl?) und ganz viel um hehre Ideale, die sich dann in Schreckensherrschaft und Unterdrückung verwandeln können. Um Ausgrenzung und unverhoffte Freundschaft und Unterstützung. Um Kommunismus vs. Kapitalismus, Westen vs. Osten. Und um vieles mehr.

Die Figuren sind liebevoll gezeichnet, originell und nicht klischeehaft. Da gibt es eine ausschließlich unter Männern aufgewachsene, sehr toughe Schafhirtin in Bulgarien, einen blonden, blauäugigen Roma und Enkel des Clanchefs, eine Stasimitarbeiterin, die doch auch ihr Herz am rechten Fleck hat, einen österreichischen Wehrmachtssoldaten, der seine Exekution durch die Sowjetarmee überlebt hat und fortan mit Gedächtnisverlust und einer Kugel im Kopf durchs Leben irrt, eine junge Frau, die ihre eigenen Suizid in der Donau überlebt hat und deren Tochter zeitlebens eine besondere Verbindung zu dem Fluss haben wird, und viele mehr. Eine stille und doch eindrucksvolle Protagonistin, die all die Schicksale immer wieder auf ihre Art verbindet und eine bestimmte Mythologie mit sich bringt, ist auch die Donau selbst, an deren Wachau-Ufer die eine österreichische Familie lebt… aber auch das bulgarische Konzentrationslager Belene ist von ihr geprägt.

Dadurch, dass aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, entsteht ein vielfältiges Bild, und mir sind selbst manche der moralisch durchaus zweifelhaften Charaktere auch ans Herz gewachsen bzw. habe ich ihre Antriebe und Motivationen nachvollziehen können.

Das Schreckliche der Kriege, Diktaturen und Konzentrationslager des 20. Jahrhunderts nimmt einen großen Raum im Buch ein. Insbesondere geht es ausführlich um das bulgarische Lager Belene, in dem jede und jeder aufgrund des kleinsten Vergehens oder auch völlig unschuldig für Jahre landen konnte und in dem viele Menschen grausam ums Leben kamen. Insgesamt befasst sich das Buch, neben den Schrecken der beiden Weltkriege, viel mit der Zeit der kommunistischen Diktatur in Bulgarien samt Bespitzelung, Überwachung und Staatssicherheit: ein wichtiges und mir bisher nicht sehr bekanntes Thema, über das ich in diesem Buch viel gelernt habe. Man merkt, dass der selbst ursprünglich aus diesem Land stammende Autor sich ausführlich und auch, wie er im Nachwort anmerkt, anhand umfangreicher Quellen, mit diesem Thema auseinandergesetzt hat.

Auch sprachlich mochte ich das Buch sehr und insbesondere die tiefsinnigen Gedanken über das Mensch-Sein, das Verständnis für ihre Psyche sowie mythologischen Bezüge haben mir ausgezeichnet gefallen:

„In einer nahezu unbekannten Sprache so viel wie möglich über sich zu erfahren, war ein schwieriges Unterfangen. „Wo bin ich?“, fragte er so lange mit Worten und Gesten, bis der andere ihn verstand. „Bei mir“, antwortete dieser. Ja, das verstand er, aber was sollte er mit so einer Antwort anfangen? Wobei dieses „Bei mir“ zwar nicht zurück zu seinem früheren Leben geführt hatte, so doch eindeutig zurück ins Leben. Und überwältigt von dieser Erkenntnis, begann er zu weinen.“ (S. 125 im E-Book)

„Ein ganz klares Bild von ihm hatte sie nie in ihrem Kopf aufbewahrt, da sie es als reine Platzverschwendung empfand. Trotzdem wusste sie genau, welche Gefühle seine Präsenz im Raum in ihr geweckt hatte. Deswegen wusste sie genau, dass dieser Mann, der wie aus dem Nichts erschienen war, nicht Helmut war. Seine Augen hatten vielleicht die gleiche Farbe, aber ein Blick hinein hatte gereicht, um ein ganz anderes Licht, eine ganz andere Welt in ihnen zu entdecken.“ (S. 270 im E-Book)

„Sie verschaffte ihrer Tochter immer neue und neue Aufgaben, kümmerte sich darum, dass sie nicht lange Zeit allein mit ihren Gedanken blieb. Vierzig Tage nach der Geburt war jede Wöchnerin sehr gefährdet, denn sie befand sich zwischen der Welt der Ahnen und der Welt der Lebenden, zwischen Leben und Tod, zwischen Gott und Teufel. Ihre Seele hatte Zugang zu allen Welten.“ (S. 700 im E-Book)

Insgesamt ist es trotz all der dunklen Themen kein hoffnungsloses Buch: dafür sorgen die liebevoll gezeichneten Charaktere, die raschen Perspektivwechsel und die vielen fast humorvollen Situationen unwahrscheinlichen Glücks, in denen unsere Helden und Heldinnen doch noch einmal davonkommen und sich aus einer scheinbar ausweglosen Situation retten können, auch wenn ihnen bei weitem nicht alles Unheil erspart bleibt.

So bleibt mir nach mehreren Wochen intensiver Lesezeit ein tiefgreifendes emotionales Erlebnis zurück, das noch lange nachwirken wird. Für mich ist dieses Buch schon jetzt ein moderner Klassiker der Literatur, der sich auf unterhaltsame Weise mit vielen grundlegenden Themen des Mensch-Seins und europäischer Zeitgeschichte auseinandersetzt. Es gehört zu den wenigen Büchern, die ich jedenfalls noch ein weiteres Mal lesen möchte. Ich kann das Buch einer breiten Leserschaft nur wärmstens empfehlen!
von Eternal-Hope - 2026-02-08 15:31:00

Wortmalerei - 5 Sterne

Ich lese sehr viel. Kann mich aber nicht daran erinnern, wann ich zuletzt ein Buch in einer derart malerisch schönen Sprache gelesen habe.
Es ist schon eine Herausforderung, sich diesem Buch zu widmen. 1148 Seiten sind ja kein Klacks. Noch dazu ist jede Seite prall mit Wörtern gefüllt. Es gibt kaum Absätze oder leere Zeilen dazwischen. Die Hände ermüden leicht, wenn man (wie ich) auf dem Rücken liegend, das Buch in der Hand, liest.
ABER: es hat sich gelohnt!
Eine pralle Geschichte in der es nur starke Persönlichkeiten gibt. Auch die Frauencharaktäre sind durchwegs stark. Alle ProtagonistInnen fallen aus dem Raster "normal" heraus. Geld scheint bei niemandem eine große Rolle zuspielen. Die einen haben es, die anderen brauchen es nicht. Einziger Wehmutstropfen: Gewalt regiert die Welt in dieser Geschichte. Alles wird mit Gewalt geregelt.
Große Empfehlung - alleine schon der Sprache wegen!
von HEYN Leserunde, Manuela Meierhofer - 2026-01-17 11:34:00

Ein Buch wie ein deftiger Eintopf - 4 Sterne

Der in Bulgarien geborene Österreicher Dimitre Dinev hat mit seinem Roman Zeit der Mutigen den Österreichischen Buchpreis gewonnen.
Eine überbordende Freude an Sprache und Erzählen kennzeichnet diesen Roman.
Es ist ein groß angelegter Roman mit Figuren, die Stärke und Haltung in schwierigen Zeiten zeigen. Dabei bleiben sie alle irgendwie eigenwillige Sonderlinge und Außenseiter.
Das Buch zeigt das zwanzigste Jahrhundert in Deutschland, Österreich und Bulgarien. Mit zunehmender Dauer kommen Figuren hinzu, aber es gibt immer Bindeglieder und so bleibt der Text im Fluss.
Meine Sternewertung: 4,5

von yellowdog - 2025-12-22 08:00:00