Rezensionen
Wenn die Sonne untergeht
Familie Mann in Sanary | Der Nr. 1-Bestseller über Thomas Mann und seine Familie im Exil
Autor: Florian Illies
Erschienen 2025 bei S. FISCHER
ISBN 978-3-10-397192-7
Ganz große Empfehlung - Thomas Mann und Family - 5 Sterne
Aus zahlreichen Briefen, Tagebucheintragungen, Fotografien und Aufzeichnungen hat Florian Ilies den Sommer 1933 der Familie Mann, also Thomas, Katja und ihre Kinder, auf äußerst amüsante und interessante Weise dargestellt.
Thomas Mann konnte im Februar 1933 nach einer Vortragsreise zum 50. Todestag von Richard Wagner nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Er emigrierte zuerst mit seiner Frau Katja in die Schweiz und dann nach Sanary-sur-Mer an der Cote d’Azur.
Thomas Mann fand sich in der Fremde nur schwer zurecht, ist er ja ein Mensch, der weder Abweichungen von seinem Tagesablauf ertragen kann, noch hält er Geräusche aus, auch nicht die seiner Kinder. Besonders beunruhigte ihn, dass er seine Tagebücher in seiner Villa in München zurücklassen musste – da hier so manches Geheimnis niedergeschrieben ist, das nicht an Tagessicht kommen soll, um keinen Gesichtsverlust zu erleiden. Auch an seinem aktuellen Roman „Joseph und seine Brüder“ konnte Thomas Mann im Exil zunächst nicht weiterarbeiten, zu sehr war er davon getroffen, dass er, der Nobelpreisträger, nicht reuevoll nach Deutschland zurückgerufen wurde. Er selbst sah sich als deutsche Kulturinstitution. Thomas Mann hatte große Sehnsucht nach Deutschland.
In Sanary befanden sich noch weitere Migrant*innen ein, wie Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann (Bruder von Thomas Mann und seine nicht standesgemäße Geliebte Nelly), Arnold Zweig und Aldous Huxley, um nur ein paar zu nennen.
Das Buch fand ich insofern fantastisch, da hier jedes der sechs Kinder seinen*ihren Platz bekommt – einerseits mit ihren Besonderheiten und andererseits im Verhältnis zu ihrem „Über“Vater. Die beiden ältesten Geschwister, Erika und Klaus, sind bereits erwachsen und können nach Belieben Zeit mit den Eltern verbringen. Auch kann der Vater sie akzeptieren, trotzdem Klaus homosexuell und ganz offensichtlich drogensüchtig ist. Golo Mann kämpft zeitlebens um die Anerkennung seines Vaters. Michael wird vom Vater nicht geliebt, ja nicht mal akzeptiert, das schreibt Thomas Mann auch in sein Tagebuch.
Nach seinem Tod findet Michael dies in seinem Nachlass und bringt sich kurz darauf um. Für die Tochter Monika interessiert sich niemand in der Familie, weder der Vater, noch Katja, noch die Großeltern. Nur Elisabeth, die jüngste Tochter, wird vom Vater über alles geliebt, so sehr, dass er sich eine Büste von ihr in sein Arbeitszimmer im Exil bringen lässt.
Ich habe das neue Buch von Florian Ilies mit großem Genuss gelesen - dabei hatte ich Thomas Mann vor Augen, wie er mit seinem Schicksal hadert. Der Sommer 1933 wird von Ilies sehr interessant auf Papier festgemacht. Besonders gelungen fand ich, wie der Autor schrullige Eigenschaften von Thomas Mann dargestellt hat, aber auch die seiner Kinder.
Ganz große Empfehlung
Thomas Mann konnte im Februar 1933 nach einer Vortragsreise zum 50. Todestag von Richard Wagner nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Er emigrierte zuerst mit seiner Frau Katja in die Schweiz und dann nach Sanary-sur-Mer an der Cote d’Azur.
Thomas Mann fand sich in der Fremde nur schwer zurecht, ist er ja ein Mensch, der weder Abweichungen von seinem Tagesablauf ertragen kann, noch hält er Geräusche aus, auch nicht die seiner Kinder. Besonders beunruhigte ihn, dass er seine Tagebücher in seiner Villa in München zurücklassen musste – da hier so manches Geheimnis niedergeschrieben ist, das nicht an Tagessicht kommen soll, um keinen Gesichtsverlust zu erleiden. Auch an seinem aktuellen Roman „Joseph und seine Brüder“ konnte Thomas Mann im Exil zunächst nicht weiterarbeiten, zu sehr war er davon getroffen, dass er, der Nobelpreisträger, nicht reuevoll nach Deutschland zurückgerufen wurde. Er selbst sah sich als deutsche Kulturinstitution. Thomas Mann hatte große Sehnsucht nach Deutschland.
In Sanary befanden sich noch weitere Migrant*innen ein, wie Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann (Bruder von Thomas Mann und seine nicht standesgemäße Geliebte Nelly), Arnold Zweig und Aldous Huxley, um nur ein paar zu nennen.
Das Buch fand ich insofern fantastisch, da hier jedes der sechs Kinder seinen*ihren Platz bekommt – einerseits mit ihren Besonderheiten und andererseits im Verhältnis zu ihrem „Über“Vater. Die beiden ältesten Geschwister, Erika und Klaus, sind bereits erwachsen und können nach Belieben Zeit mit den Eltern verbringen. Auch kann der Vater sie akzeptieren, trotzdem Klaus homosexuell und ganz offensichtlich drogensüchtig ist. Golo Mann kämpft zeitlebens um die Anerkennung seines Vaters. Michael wird vom Vater nicht geliebt, ja nicht mal akzeptiert, das schreibt Thomas Mann auch in sein Tagebuch.
Nach seinem Tod findet Michael dies in seinem Nachlass und bringt sich kurz darauf um. Für die Tochter Monika interessiert sich niemand in der Familie, weder der Vater, noch Katja, noch die Großeltern. Nur Elisabeth, die jüngste Tochter, wird vom Vater über alles geliebt, so sehr, dass er sich eine Büste von ihr in sein Arbeitszimmer im Exil bringen lässt.
Ich habe das neue Buch von Florian Ilies mit großem Genuss gelesen - dabei hatte ich Thomas Mann vor Augen, wie er mit seinem Schicksal hadert. Der Sommer 1933 wird von Ilies sehr interessant auf Papier festgemacht. Besonders gelungen fand ich, wie der Autor schrullige Eigenschaften von Thomas Mann dargestellt hat, aber auch die seiner Kinder.
Ganz große Empfehlung
von Nicole Koppandi - 2025-12-29 19:29:00
drei Monate im Leben Thomas Manns - 5 Sterne
Sehr früh, bereits Anfang 1933, erkennt die Familie Thomas Mann die Gefahren, die das Leben in Deutschland mit den Nationalsozialisten mit sich bringt. Sie fahren in die Schweiz, noch mit der Hoffnung, bald in ihr großes Haus in München zurückkehren zu können. Doch die Lage verschlechtert sich zusehends und so suchen sie für ihr Exil eine angemessene Unterkunft. Sie finden sie im beschaulichen Sanary in Südfrankreich. Dort treffen sie auf eine kleine Exilgemeinschaft mit Zweig und Feuchtwanger und Aldous Huxlex und bald auch auf Heinrich Mann mit seiner Nelli. Das Verhältnis der Brüder Mann ist nicht ungetrübt und mit der einfachen Nelli sind Gespräche schwierig. Probleme gibt es auch im Verhältnis des Vaters Thomas mit seinen sechs Kindern, die alle um die Aufmerksamkeit buhlen. Drogen, Alkohol und Medikamentenmissbrauch sind allgegenwärtig und die Freitodrate, auch in der Vorgeschichte, recht hoch. Wir erfahren über diesen Sommer in Sanary auch vieles aus der Familiengeschichte, über die Eltern Katia Manns, die wohlhabend und hochgebildet für ihren Mann ihre Karriere aufgab und die jüdischen Wurzeln Katias. Wissenschaftlich ist dieser Roman sehr gut anhand von Briefen, Tagebucheinträgen, Fotos und Beschreibungen von Zeitgenossen aufgearbeitet worden und dabei von einer erzählerischen Leichtigkeit, die es zu einem Lesevergnügen für Thomas Mann Kenner wie Laien macht.
von Ulla - 2025-12-28 17:13:00
Wenn die Sonne untergeht - 5 Sterne
Im Jahr 1933 - Thomas Mann ist auf Lesereise. Durch die Entwicklung in Deutschland, wird dem Schriftsteller und Nobelpreisträger nahegelegt, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. Die Familie Mann nimmt Zuflucht an der Cote d' Azur, wo auch viele andere großartige Künstler mit jüdischen Wurzeln stranden. Thomas Illies erzählt in bewährter Manier, einfach genial, über die Familie im Exil.
von Doris Stadlbauer - 2025-12-20 08:40:38
toll - 4 Sterne
toll
Auch wenn es nur um wenige Monate im Jahr 1933 geht, dehnt sich das Buch keineswegs. Man fühlt sich genial unterhalten. Sein Schreibstil ist mit viel Ironie gespickt und die historische Zeit der Naziherrschaft schildert er sehr atmosphärisch. Ihm gelingt es von allen Familienmitgliedern der Manns ein realistisches Bild zu zeichnen, kombiniert aus diversen Quellen, die teilweise bisher noch nicht veröffentlicht waren. Besonders gut hat mir am Ende das Aufzeigen der weiteren Lebenswege der Protagonisten gefallen. Es rundet das Werk perfekt ab. Seit Generation Golf hatte ich kein Werk von Florian Illies mehr gelesen, ich freue mich den Autor wiederentdeckt zu haben und werde seine weiteren historischen Romane sicherlich lesen. Definitiv ein grandioses Werk, wenn man Thomas Mann samt Familie näher kennen lernen möchte.
Auch wenn es nur um wenige Monate im Jahr 1933 geht, dehnt sich das Buch keineswegs. Man fühlt sich genial unterhalten. Sein Schreibstil ist mit viel Ironie gespickt und die historische Zeit der Naziherrschaft schildert er sehr atmosphärisch. Ihm gelingt es von allen Familienmitgliedern der Manns ein realistisches Bild zu zeichnen, kombiniert aus diversen Quellen, die teilweise bisher noch nicht veröffentlicht waren. Besonders gut hat mir am Ende das Aufzeigen der weiteren Lebenswege der Protagonisten gefallen. Es rundet das Werk perfekt ab. Seit Generation Golf hatte ich kein Werk von Florian Illies mehr gelesen, ich freue mich den Autor wiederentdeckt zu haben und werde seine weiteren historischen Romane sicherlich lesen. Definitiv ein grandioses Werk, wenn man Thomas Mann samt Familie näher kennen lernen möchte.
von qq - 2025-11-10 11:06:00
Sommer im Exil - 5 Sterne
Ein Buch von Florian Illies, wie man es kennt: In kleinen Episoden erzählt er in ironischem und sehr präzisem Ton von den Manns, der größten deutschen Schriftstellerfamilie. Basierend auf deren Tagebucheinträgen und anderen historischen Quellen zeichnet der Autor nach, wie schwer sich Thomas Mann und Katia im erzwungenen Exil im Süden Frankreichs taten. Die Kinder, die fast alle Literaten eigenen Ranges waren oder wurden, erkannten viel schneller die mörderische Gefahr des Nazi-Regimes und drängten die Eltern und Großeltern zum Exil und publizistischen Widerstand, in dem Bruder Heinrich Mann schon angekommen war.
Besonders interessant waren die Informationen über und Einblicke in das Leben und die Gedanken von Klaus, Erika und Golo Mann. Auch die Atmosphäre des kleinen Sanary-sur-Mer mit seinen anderen berühmten Exilanten ist gut eingefangen. Dieses Buch sollte man zwischen Uwe Wittstocks Winter 1933 und Marseille 1940 lesen, um ein vollständiges Bild des Exils deutscher Schriftsteller:innen zu erhalten.
Besonders interessant waren die Informationen über und Einblicke in das Leben und die Gedanken von Klaus, Erika und Golo Mann. Auch die Atmosphäre des kleinen Sanary-sur-Mer mit seinen anderen berühmten Exilanten ist gut eingefangen. Dieses Buch sollte man zwischen Uwe Wittstocks Winter 1933 und Marseille 1940 lesen, um ein vollständiges Bild des Exils deutscher Schriftsteller:innen zu erhalten.
von Reiseweise - 2025-11-01 13:58:00
Großartige Erzählkunst - 5 Sterne
In seinem neuen Buch "Wenn die Sonne untergeht" beschreibt Florian Illies, Autor und Herausgeber der "ZEIT", aus Anlass des 150. Geburtstags von Thomas Mann das Leben der Familie Mann während der heißen Sommermonate des Jahres 1933 in ihrem Exil in Südfrankreich.
Am 11. Februar 1933, dem 28. Hochzeitstag von Thomas und Katia Mann, bereiten sich die Eheleute auf Thomas' Vortragsreise vor, die sie nach Amsterdam, Brüssel und Paris führen wird. Anschließend ist ein dreiwöchiger Erholungsurlaub in Arosa geplant. Da Thomas Mann wegen eines "verunglimpfenden" Vortrags über Richard Wagner bei den Nazis in Ungnade gefallen ist, raten ihm sein Verleger und seine Kinder Erika und Klaus dringend, vorerst in Arosa zu bleiben. Hinzu kommt, dass seine Schwiegereltern und somit auch Katia und die sechs Kinder jüdische Wurzeln haben und sich im "Deutschen Reich" nicht mehr sicher fühlen können. Thomas und Katia beschließen, ihren Aufenthaltsort nach Sanary-sur-Mer zu verlegen. Dort leben sie im Hotel, bevor sie ein geräumiges Haus beziehen, das Platz für die ganze Familie bietet. Auch Thomas' Bruder Heinrich sucht Zuflucht in Sanary, nachdem er Berlin aus politischen Gründen fluchtartig verlassen hat.
Florian Illies ist ein begnadeter Erzähler, dem es mit seinem Buch ganz hervorragend gelungen ist, das private Leben von Thomas Mann und seiner Familie mit der Zeitgeschichte zu verknüpfen. Die Charaktere zeichnet er ganz wunderbar und authentisch, insbesondere den Patriarchen Thomas, der nur seiner Lieblingstochter Medi Zuneigung entgegenbringt, während die anderen Kinder die gemeinsamen Mittagsmahlzeiten fürchten und meist von ihm mit Gleichgültigkeit behandelt werden. Katia managt ihren Mann, organisiert sein Leben und kümmert sich um alles.
Das Buch beschreibt unterhaltsam und mit ein wenig Ironie den Alltag der Familie im Exil. Die Tage sind im Sinne des Familienvaters fest strukturiert, die Eheleute gehen gern spazieren, baden im Meer und treffen sich mit Freunden. Ein besonderes Highlight sind die Lesungen in den Gärten der Schriftsteller, zu denen neben Thomas und Heinrich Mann auch Arnold Zweig und der im Buch eine wichtige Rolle spielende Lion Feuchtwanger gehören. Der Zauberer, wie die Mann-Kinder ihren Vater bezeichnen, ist ein ausgezeichneter Vorleser, der seine Zuhörer fesselt.
Thomas Mann ist ein egozentrischer und wenig sympathischer Zeitgenosse, der von seiner Familie viel Rücksicht verlangt und sich gern in den eigenen Befindlichkeiten verliert. Der geniale Schriftsteller hat als Vater gewaltige Defizite, innerhalb der Familie umgibt ihn Kälte, Wärme und Empathie vermag er nicht zu geben. Seine Kinder - bis auf Medi - kämpfen ein Leben lang um die Liebe und Anerkennung ihres Vaters. Für Golo und Erika, denen es gelingt, neben den Tagebüchern des Vaters auch eine hohe Geldsumme und viele Wertgegenstände aus dem Münchner Haus in Sicherheit zu bringen, findet er keine Worte der Dankbarkeit. Klaus, der eine Exilzeitschrift gründet, hofft vergeblich darauf, dass sein Vater endlich seine Stimme erhebt und ein öffentliches Bekenntnis gegen den Nationalsozialismus abgibt. Seinen Sohn Bibi lehnt Thomas Mann ab, der Junge fühlt sich nicht erwünscht, nur durch sein Geigenspiel verspürt er endlich Anerkennung durch den Vater. Monika lebt mit der Überzeugung, ein ungeliebtes Kind zu sein.
Es geht in dem Buch nicht nur um den Alltag der Familie Mann in Sanary, sondern auch um Heimat und Verlorenheit, um Depressionen und Drogensucht sowie um die politische Situation in Deutschland. Thomas Mann gilt als politischer Flüchtling, der Rotary Club verstößt ihn, und in München gibt es einen Protest gegen ihn. Seine Konten werden gesperrt, die Villa und der Fuhrpark beschlagnahmt, es werden ein Haftbefehl gegen ihn erlassen und 100.000 Reichsmark Reichsfluchtsteuer gefordert.
Auf den letzten 13 Seiten erfahren wir, wie es nach dem Sommer 1933 mit den einzelnen Protagonisten weitergegangen ist, auch dieses Kapitel fand ich sehr lesenswert und äußerst interessant. Der Familienstammbaum am Ende des Buches ermöglicht es, jederzeit die Familienstruktur der Manns nachvollziehen zu können, auch die Übersicht mit den Namen der Sommergäste fand ich sehr hilfreich.
Ich habe das fesselnde Buch, das bereits jetzt für mich eines meiner Jahreshighlights ist, mit sehr viel Freude und großem Interesse gelesen und war fasziniert vom Leben der Familie Mann, die von heute auf morgen ihre Heimat verlor und sich ein völlig neues Leben aufbauen musste. Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, häufig geschmunzelt und mich bestens unterhalten gefühlt.
Absolute Leseempfehlung für das großartig geschriebene Werk über eine der interessantesten und außergewöhnlichsten Familien des 20. Jahrhunderts!
Am 11. Februar 1933, dem 28. Hochzeitstag von Thomas und Katia Mann, bereiten sich die Eheleute auf Thomas' Vortragsreise vor, die sie nach Amsterdam, Brüssel und Paris führen wird. Anschließend ist ein dreiwöchiger Erholungsurlaub in Arosa geplant. Da Thomas Mann wegen eines "verunglimpfenden" Vortrags über Richard Wagner bei den Nazis in Ungnade gefallen ist, raten ihm sein Verleger und seine Kinder Erika und Klaus dringend, vorerst in Arosa zu bleiben. Hinzu kommt, dass seine Schwiegereltern und somit auch Katia und die sechs Kinder jüdische Wurzeln haben und sich im "Deutschen Reich" nicht mehr sicher fühlen können. Thomas und Katia beschließen, ihren Aufenthaltsort nach Sanary-sur-Mer zu verlegen. Dort leben sie im Hotel, bevor sie ein geräumiges Haus beziehen, das Platz für die ganze Familie bietet. Auch Thomas' Bruder Heinrich sucht Zuflucht in Sanary, nachdem er Berlin aus politischen Gründen fluchtartig verlassen hat.
Florian Illies ist ein begnadeter Erzähler, dem es mit seinem Buch ganz hervorragend gelungen ist, das private Leben von Thomas Mann und seiner Familie mit der Zeitgeschichte zu verknüpfen. Die Charaktere zeichnet er ganz wunderbar und authentisch, insbesondere den Patriarchen Thomas, der nur seiner Lieblingstochter Medi Zuneigung entgegenbringt, während die anderen Kinder die gemeinsamen Mittagsmahlzeiten fürchten und meist von ihm mit Gleichgültigkeit behandelt werden. Katia managt ihren Mann, organisiert sein Leben und kümmert sich um alles.
Das Buch beschreibt unterhaltsam und mit ein wenig Ironie den Alltag der Familie im Exil. Die Tage sind im Sinne des Familienvaters fest strukturiert, die Eheleute gehen gern spazieren, baden im Meer und treffen sich mit Freunden. Ein besonderes Highlight sind die Lesungen in den Gärten der Schriftsteller, zu denen neben Thomas und Heinrich Mann auch Arnold Zweig und der im Buch eine wichtige Rolle spielende Lion Feuchtwanger gehören. Der Zauberer, wie die Mann-Kinder ihren Vater bezeichnen, ist ein ausgezeichneter Vorleser, der seine Zuhörer fesselt.
Thomas Mann ist ein egozentrischer und wenig sympathischer Zeitgenosse, der von seiner Familie viel Rücksicht verlangt und sich gern in den eigenen Befindlichkeiten verliert. Der geniale Schriftsteller hat als Vater gewaltige Defizite, innerhalb der Familie umgibt ihn Kälte, Wärme und Empathie vermag er nicht zu geben. Seine Kinder - bis auf Medi - kämpfen ein Leben lang um die Liebe und Anerkennung ihres Vaters. Für Golo und Erika, denen es gelingt, neben den Tagebüchern des Vaters auch eine hohe Geldsumme und viele Wertgegenstände aus dem Münchner Haus in Sicherheit zu bringen, findet er keine Worte der Dankbarkeit. Klaus, der eine Exilzeitschrift gründet, hofft vergeblich darauf, dass sein Vater endlich seine Stimme erhebt und ein öffentliches Bekenntnis gegen den Nationalsozialismus abgibt. Seinen Sohn Bibi lehnt Thomas Mann ab, der Junge fühlt sich nicht erwünscht, nur durch sein Geigenspiel verspürt er endlich Anerkennung durch den Vater. Monika lebt mit der Überzeugung, ein ungeliebtes Kind zu sein.
Es geht in dem Buch nicht nur um den Alltag der Familie Mann in Sanary, sondern auch um Heimat und Verlorenheit, um Depressionen und Drogensucht sowie um die politische Situation in Deutschland. Thomas Mann gilt als politischer Flüchtling, der Rotary Club verstößt ihn, und in München gibt es einen Protest gegen ihn. Seine Konten werden gesperrt, die Villa und der Fuhrpark beschlagnahmt, es werden ein Haftbefehl gegen ihn erlassen und 100.000 Reichsmark Reichsfluchtsteuer gefordert.
Auf den letzten 13 Seiten erfahren wir, wie es nach dem Sommer 1933 mit den einzelnen Protagonisten weitergegangen ist, auch dieses Kapitel fand ich sehr lesenswert und äußerst interessant. Der Familienstammbaum am Ende des Buches ermöglicht es, jederzeit die Familienstruktur der Manns nachvollziehen zu können, auch die Übersicht mit den Namen der Sommergäste fand ich sehr hilfreich.
Ich habe das fesselnde Buch, das bereits jetzt für mich eines meiner Jahreshighlights ist, mit sehr viel Freude und großem Interesse gelesen und war fasziniert vom Leben der Familie Mann, die von heute auf morgen ihre Heimat verlor und sich ein völlig neues Leben aufbauen musste. Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, häufig geschmunzelt und mich bestens unterhalten gefühlt.
Absolute Leseempfehlung für das großartig geschriebene Werk über eine der interessantesten und außergewöhnlichsten Familien des 20. Jahrhunderts!
von Bücherfreundin - 2025-11-01 10:24:00
Eines der Highlights in diesem Bücherjahr - 5 Sterne
Florian Illies bleibt sich treu als Chronist der Stimmungen und Meister der Zwischentöne. In 'Wenn die Sonne untergeht' widmet er sich der Familie Mann, der wohl bekanntesten deutschen Schriftstellerfamilie, die in den 1930er-Jahren im südfranzösischen Sanary-sur-Mer Zuflucht fand. Es sind Monate des Übergangs, zwischen äußerem Glanz und innerer Verunsicherung, die Illies mit großer Genauigkeit nachzeichnet.
Wie schon in seinen früheren Büchern verbindet er sorgfältige Recherche mit erzählerischer Leichtigkeit. Aus Tagebucheinträgen, Briefen und Erinnerungen entsteht ein vielschichtiges Bild dieser außergewöhnlichen Familie. Illies beschreibt die Manns nicht als Denkmalfiguren, sondern als Menschen mit all ihren Widersprüchen: begabt, eitel, verletzlich und auf der Suche nach Haltung in einer aus den Fugen geratenen Welt.
Sein Stil ist elegant und präzise, durchzogen von feiner Ironie und einem sicheren Sinn für Atmosphäre. Die flirrende Hitze der Côte d’Azur wird ebenso spürbar wie die politische Bedrohung, die im Hintergrund heraufzieht.
Auch das Hörbuch, gelesen von Stephan Schad, ist eine Empfehlung. Schad findet den richtigen Ton, trägt Illies’ Sprache mit ruhiger Klarheit und verleiht ihr zusätzliche Tiefe.
'Wenn die Sonne untergeht' ist kein klassischer historischer Roman, sondern ein literarisches Zeitgemälde, das historische Distanz in emotionale Nähe verwandelt. Ein klug komponiertes, sprachlich brillantes Buch, das zeigt, wie kunstvoll Illies Geschichte in Atmosphäre verwandeln kann.
Wie schon in seinen früheren Büchern verbindet er sorgfältige Recherche mit erzählerischer Leichtigkeit. Aus Tagebucheinträgen, Briefen und Erinnerungen entsteht ein vielschichtiges Bild dieser außergewöhnlichen Familie. Illies beschreibt die Manns nicht als Denkmalfiguren, sondern als Menschen mit all ihren Widersprüchen: begabt, eitel, verletzlich und auf der Suche nach Haltung in einer aus den Fugen geratenen Welt.
Sein Stil ist elegant und präzise, durchzogen von feiner Ironie und einem sicheren Sinn für Atmosphäre. Die flirrende Hitze der Côte d’Azur wird ebenso spürbar wie die politische Bedrohung, die im Hintergrund heraufzieht.
Auch das Hörbuch, gelesen von Stephan Schad, ist eine Empfehlung. Schad findet den richtigen Ton, trägt Illies’ Sprache mit ruhiger Klarheit und verleiht ihr zusätzliche Tiefe.
'Wenn die Sonne untergeht' ist kein klassischer historischer Roman, sondern ein literarisches Zeitgemälde, das historische Distanz in emotionale Nähe verwandelt. Ein klug komponiertes, sprachlich brillantes Buch, das zeigt, wie kunstvoll Illies Geschichte in Atmosphäre verwandeln kann.
von jori1020 - 2025-10-31 21:53:00
Typisch Illies - 5 Sterne
Florian Illies ist wieder in seinem Element: fein beobachtend, elegant formulierend und mit einem unverkennbaren Gespür für Zwischentöne. In „Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary“ widmet er sich der wohl berühmtesten deutschen Künstlerfamilie im Exil der 1930er Jahre – den Manns – und zeichnet ein dichtes Porträt der Monate, in denen die Familie in Südfrankreich Zwischenstation macht.
Wie schon in seinen bisherigen Büchern gelingt Illies auch hier, akribisch recherchierte historische Fakten mit Atmosphäre, Witz und Tiefe zu verbinden. Sein Blick auf die Familie Mann ist nie voyeuristisch, sondern liebevoll distanziert: Er zeigt die Eigenheiten, Eitelkeiten und Empfindlichkeiten dieser außergewöhnlichen Familie aus den verschiedenen Perspektiven, die klug nebeneinander arrangiert werden. Man spürt den heißen Sommer, die politische Bedrohung und die Zerissenheit der Familienmitglieder. Die Sprache ist, auch typisch Illies, mal einfühlsam und poetisch, dann wieder pointiert und leicht ironisch.
Wer Ilies‘ andere Bücher mochte, wird auch dieses hier lieben. Ich habe es auf jeden Fall sehr gerne gelesen und freue mich schon auf das nächste.
Wie schon in seinen bisherigen Büchern gelingt Illies auch hier, akribisch recherchierte historische Fakten mit Atmosphäre, Witz und Tiefe zu verbinden. Sein Blick auf die Familie Mann ist nie voyeuristisch, sondern liebevoll distanziert: Er zeigt die Eigenheiten, Eitelkeiten und Empfindlichkeiten dieser außergewöhnlichen Familie aus den verschiedenen Perspektiven, die klug nebeneinander arrangiert werden. Man spürt den heißen Sommer, die politische Bedrohung und die Zerissenheit der Familienmitglieder. Die Sprache ist, auch typisch Illies, mal einfühlsam und poetisch, dann wieder pointiert und leicht ironisch.
Wer Ilies‘ andere Bücher mochte, wird auch dieses hier lieben. Ich habe es auf jeden Fall sehr gerne gelesen und freue mich schon auf das nächste.
von LeserinLu - 2025-10-26 18:25:00
grandios - 3 Sterne
Das Lesejahr ist zwar noch nicht vorbei, aber dieses Buch gehört definitiv in meine Top Ten Liste des Jahres 2025. Florian Illies gelingt es außerordentlich gut den Leser mit in den Bann der Familie Mann zu ziehen. Auch wenn es nur um wenige Monate im Jahr 1933 geht, dehnt sich das Buch keineswegs. Man fühlt sich genial unterhalten. Sein Schreibstil ist mit viel Ironie gespickt und die historische Zeit der Naziherrschaft schildert er sehr atmosphärisch. Ihm gelingt es von allen Familienmitgliedern der Manns ein realistisches Bild zu zeichnen, kombiniert aus diversen Quellen, die teilweise bisher noch nicht veröffentlicht waren. Besonders gut hat mir am Ende das Aufzeigen der weiteren Lebenswege der Protagonisten gefallen. Es rundet das Werk perfekt ab. Seit Generation Golf hatte ich kein Werk von Florian Illies mehr gelesen, ich freue mich den Autor wiederentdeckt zu haben und werde seine weiteren historischen Romane sicherlich lesen. Definitiv ein grandioses Werk, wenn man Thomas Mann samt Familie näher kennen lernen möchte.
von Der blaue Mond - 2025-10-26 17:04:00


