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Rezensionen

Feine Risse
Roman

Autor: Elisa Hoven

Erschienen 2026 bei S. FISCHER
ISBN 978-3-10-397751-6
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Unterhaltsame Fallsammlung, spannend erzählt - 4 Sterne

Mit "Feine Risse" legt die Strafrechtsprofessorin und Richterin Elisa Hoven nun schon die zweite belletristische Fallsammlung ethisch diskussionswürdiger juristischer Fälle nach ihrem ersten Band "Dunkle Momente" vor. Wieder steht die Strafverteidigerin Eva Herbergen im Mittelpunkt der Geschichte. Diese wollte ja am Ende des vorigen Bandes ihre Zulassung als Anwältin zurücklegen, hat sich aber nun dagegen entschieden und will sich weiter als Strafverteidigerin für ihre Mandantinnen und Mandanten einsetzen. Dabei bewegt sie sich wieder zuweilen in den Graubereichen von Recht und Moral.

Eva Herbergen ist als Charakter sicher kein Vorbild für eine immer korrekt handelnde Strafverteidigerin, soll sie wohl auch gar nicht sein. Aber genau dadurch, dass unserer Hauptfigur immer wieder ihr eigenes Gewissen, aber auch ihre spezielle Sichtweise auf die Menschen in die Quere kommen, entsteht eine interessante Falldynamik, die die Fälle insbesondere für juristische Laien wie mich unterhaltsam zu lesen gestaltet.

Dabei werden viele spannende ethische Fragen aufgeworfen, zum Beispiel:

- In einem zivilisierten Rechtsstaat können wir doch nur wollen, dass es ein absolutes Verbot der Folter gibt. Was aber, wenn eine Situation auftritt, in der vielleicht nur durch den Einsatz dieser das Leben eines entführten Kindes gerettet werden könnte? Wie mit diesem ethischen Dilemma umgehen? Welchen "Ausweg" finden Eva Herbergen und die Polizei in diesem Fall, und wie urteilen wir darüber?

- Welche Verantwortung trägt ein Bergführer für den Absturz eines Mannes, den er in die Berge begleitet hat und der ihm versichert hat, Berg- und Klettererfahrung zu haben, obwohl das nicht der Wahrheit entsprach?

- Selbstjustiz sollte natürlich ebenfalls verboten sein, in einem zivilisierten Rechtsstaat. Ist sie auch. Und doch können vielleicht viele von uns nachvollziehen, wenn Eltern diese verüben, wenn jemand ihr Kind angefahren und verletzt zum Sterben liegen gelassen hat, und den Eindruck haben, das Gericht würde viel zu milde urteilen. Wie mit sowas umgehen? Ist für diese Eltern eine geringere Strafe aufgrund der Verständlichkeit ihrer großen emotionalen Erregung gerechtfertigt?

Diese und einige weitere ethische Fragen wirft das Buch auf. Dabei sind die Fälle spannend und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, und vieles ist nicht so, wie es am Anfang scheint, wodurch auch die Leserinnen und Leser aufgefordert sind, ihre eigene Beurteilung der Situation immer wieder mal in Frage zu stellen. Interessant ist auch, dass es für die meisten oder sogar alle der vorgestellten Fälle reale Vorbilder gegeben zu haben scheint.

Damit komme ich nun zu meinem einzigen größeren Kritikpunkt an diesem Buch: es gibt einen weiteren ungelösten Fall, im nahen Umfeld von Eva Herbergen selbst. Eine uralte Leiche, die im Elternhaus ihres Partners gefunden wurde. Auch hier wird ermittelt und einiges aufgeklärt, doch auch am Ende bleibt noch vieles offen, offensichtlich ein Cliffhanger für den zu erwartenden nächsten Band der Autorin. Das ist ein unbefriedigendes Ende für ein Buch, das ich gerne auch als in sich abgeschlossen gelesen hätte und dafür ziehe ich einen Stern ab.

Insgesamt bleibt es aber ein unterhaltsames und zum Nachdenken anregendes Buch, das ich allen, die sich für Recht, Ethik oder auch einfach für Verbrechen, ihre Aufklärung und Bestrafung interessieren, durchaus empfehlen kann.
von Eternal-Hope - 2026-06-18 10:57:00

Im Zwielicht: Zwischen Recht und Gerechtigkeit - 5 Sterne

Die bekannte und renommierte Autorin Elisa Hoven hat mit “Feine Risse” den zweiten Band über die Strafverteidigerin Eva Herbergen vorgelegt. Wie der Titel schon sagt, sind es oft minimale Unterschiede eines Tatherganges, die den Ausschlag geben, welches Urteil über einen Straftäter gefällt wird. Ebenso feine Unterschiede führen zu einer völlig anderen Sichtweise, wenn man ein Verbrechen vom Standpunkt der persönlichen Moral aus betrachtet. Was ist jetzt Recht- und was ist gerecht?

Die Autorin, selbst Juristin, die Strafrecht an der Universität Leipzig lehrt und Richterin im Sächsischen Verfassungsgerichtshof ist, greift für ihren Roman auf spektakuläre Kriminalfälle zurück, die sie an die Geschichte des Buches anpasst und mit einem fiktiven Ende versieht. So ergeben sich nicht nur Einsichten in die Arbeitsweise der Justiz und der Ermittlungsbehörden, sondern auch die spannende Aufarbeitung von Verbrechen mit all ihren Facetten wie der Berichterstattung in den Medien und der öffentlichen Meinung. Um diesen Roman zu lesen, muss man aber keine Rechtskenntnisse haben, es geht um Taten, die in der Realität begangen wurden und deren Beurteilung durch die Gerichte zu Diskussionen Anlass geben kann.

Elisa Hoven hat als Hauptfiguren für ihren Roman das Ehepaar Herbergen gewählt. Eva ist eine bekannte und gefragte Strafverteidigerin, ihr Ehemann Peter lehrt an der Universität und steht knapp vor dem Ruhestand. So erfahren die Lesenden nicht nur die Sichtweise von Eva über den Gang der Gerichtsverfahren, die Beurteilung der Mandanten, die Zweifel am richtigen Vorgehen der Verteidigung und die Bewertung von Beweisen, sondern Peter bringt auch eine andere, persönliche Meinung zu den Fällen ein. Diese Fälle werden einigen Lesenden bekannt sein: Die Fahrt eines Betrunkenen, der ein Kind niederfährt und Fahrerflucht begeht; der Bergunfall eines Managers, der mit Bergführer eine zu schwere Tour geht oder das entführte Kind, dessen Aufenthaltsort der Entführer nicht preisgeben will. Die Aufzählung ist nur beispielhaft für die sehr gut ausgewählten spektakulären Verbrechen und ihre Aufarbeitung.

Ebenso wichtig ist die schöne, innige und gleichberechtigte Beziehung der Eheleute Eva und Peter, die selbst in ein länger zurückliegendes Kapitalverbrechen verwickelt werden, das Peters Familie betrifft. Während Peter eher zögerlich ist, veranlasst Eva die Auswertung der alten Spuren, das Ergebnis ist schockierend. Soll Eva Peter damit konfrontieren, denn wie wird er sein bisheriges Leben im Licht dieser neuen Erkenntnisse bewerten?

Abseits der Verbrechen beschäftigt sich das Buch mit ernsten, persönlichen Themen. Wie will man das eigene Alter verbringen, wie sich auf den Ruhestand vorbereiten? Soll Eva auch beruflich kürzer treten, wenn Peter in Pension ist? Darf man alten Bekannten vertrauen oder wird dieses Vertrauen missbraucht? Hier geht es nicht um Recht und Gerechtigkeit sondern um wichtige Lebensentscheidungen, um Weichen, die man für das eigene Schicksal stellt.

“Feine Risse” ist ein in gut verständlicher Sprache geschriebener spannender und interessanter Roman, der zwischen Realität und Fiktion changiert, ein Buch, das man am liebsten im einem Rutsch lesen möchte. Die Charaktere aller Protagonisten sind lebensnah ausgearbeitet, die Lesenden fühlen sich direkt in das Geschehen versetzt und beziehen unwillkürlich Stellung zu den jeweiligen Rechtsfragen und Schicksalen. Dieses Buch beeindruckt einerseits durch große Sachkenntnis, andererseits aber auch durch Empathie, sowohl für die Opfer als auch manchmal sogar für die Täter. Für mich war es ein Lesehighlight, ich empfehle es gerne und bewerte es mit fünf Sternen.
von gabiliest - 2026-06-08 18:51:00

Zwischen Recht und Gerechtigkeit - 5 Sterne

„Feine Risse“ ist nach „Dunkle Momente“ das zweite Buch der in Berlin lebenden Autorin und Professorin für Strafrecht Elisa Hoven mit der Strafverteidigerin Eva Herbergen. Die Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden.

Eva Herbergen ist eine sehr engagierte Strafverteidigerin, die hier nacheinander sieben sehr unterschiedliche Fälle aus ihrem Berufsleben schildert. Außerdem gibt es noch einen sehr persönlichen Fall, der die Familie ihres Mannes Peter betrifft und der sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Durch diesen und immer wiederkehrende Einblicke in das Privatleben des Paares bekommt die Handlung eine Romanform.

Die Fälle sind jeder für sich erschreckend und erstaunlich zugleich. Die dargestellten Verbrechen erschüttern. Eva ist jedes Mal mit viel Einsatz dabei. Sie verlässt sich nicht allein auf die ihr zur Verfügung gestellten Unterlagen, sondern sie ermittelt, bringt Dinge zu Tage, mit denen ich niemals gerechnet hätte und die den Fall jeweils in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen.

Die Darstellung der Diskrepanz zwischen Recht, Ethik und Moral ist hier wirklich gut gelungen.
Dadurch ist ein packender Roman entstanden, der das Dilemma zwischen Recht und Gerechtigkeit treffend abbildet.

Mir hat das Lesen des Buches wirklich viel Spaß gemacht, ich bin immer wieder überrascht worden, habe gestaunt, war entsetzt, wütend, erschüttert und fassungslos. So viele Emotionswechsel in so kurzer Zeit habe ich sonst nur selten erlebt.
von Tara - 2026-06-04 21:45:00

Ist Gerechtigkeit immer gerecht? - 5 Sterne

Was mich an diesem Buch am meisten begeistert hat, waren gar nicht nur die Kriminalfälle selbst, sondern was sie in mir ausgelöst haben. Jeder einzelne Fall hat mich überrascht, wenn auch öfters das Ende für mich absehbar war, und zum Nachdenken gebracht. Immer wieder wurde deutlich, dass Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht sowie Wahrheit und Lüge oft viel schwieriger voneinander zu trennen sind, als man zunächst denkt. Während des Lesens habe ich mich oft gefragt, ob das, was juristisch korrekt ist, auch immer moralisch richtig ist. Genau dieser Konflikt hat mich besonders beschäftigt.

Besonders spannend fand ich, dass das Buch mir gezeigt hat, in welchen Denkmustern ich selbst gefangen bin. Obwohl ich mich eigentlich für einen sehr reflektierten Menschen halte, hat mich der eine oder andere Fall zum Staunen gebracht und mich meine Sichtweise hinterfragen lassen.

Das Buch macht deutlich, dass komplexe Fragen keine einfachen Lösungen zulassen. Genau das hat mir so gut gefallen. Es regt zum Nachdenken an und beschäftigt mich auch nach dem Lesen noch weiter.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für alle, die spannende Kriminalfälle mögen und sich gerne differenziert mit den komplexen Fragen hinter Recht, Gerechtigkeit und menschlichen Entscheidungen beschäftigen.

Vielen lieben Dank an Lovelybooks und dem Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar im Rahmen der Leserunde. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.
von askyfullofpages - 2026-06-04 21:34:00

Wunderbares Hörbuch! - 5 Sterne

ch habe bereits „Dunkel Momente“ von der Autorin als Hörbuch gehört und war absolut begeistert davon. Ich wusste deshalb, dass ich auch dieses neue Hörbuch von ihr haben wollte und ich wurde nicht enttäuscht! Es ist genauso ein Highlight wie schon der andere Roman und ich habe in jeder Minute mitgefiebert!
Es geht um Eva Herbergen, sie ist eine engagierte Strafverteidigerin, will sich langsam aus ihrer Arbeit zurückziehen und mit Ehemann Peter das Alter genießen. Doch die düsteren Schatten ihrer Fälle reichen bis in ihr Privatleben hinein.
Das Hörbuch besteht wieder aus vielen verschiedenen kleinen Fällen der Strafverteidigerin und ich liebe dieses Format einfach. Jede Geschichte ist anders, einige lassen einen mit einem unguten Gefühl zurück, manche Handlungen kann man nicht gutheißen aber möglicherweise sogar verstehen, das Hörbuch überrascht, es lässt den Hörer reflektieren wie er die Taten selbst bewerten würde, er zeigt menschliche Abgründe die man vielleicht nicht vermutet hätte und man sollte bei den Geschichten niemals vorschnell urteilen...denn erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.
Wieder ein ganz tolles Hörbuch bei dem ich mich oft gefragt habe was ist Gerechtigkeit, wie sieht sie aus und kann es in manchen Fällen überhaupt Gerechtigkeit geben. Und manchmal ist Recht sprechen auch nicht das gleiche wie Gerechtigkeit.
Die Sprecherin hat mir sehr gut gefallen, sie hat gut zur Person der Eva Herbergen gepasst und hat das Hörbuch sehr gut und lebendig vorgelesen.
von DoraLupin - 2026-05-27 19:52:00