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Rezensionen

Die Vorkämpferinnen
Wie aus vielen Frauen eine Bewegung wurde | Von der Podcasterin und Instagrammerin @frauenvondamals

Autor: Bianca Walther

Erschienen 2026 bei FISCHER E-Books
ISBN 978-3-10-492364-2
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Die frühe Frauenbewegung - fesselnd erzählt - 5 Sterne

Historikerin und Autorin Bianca Walther lässt in diesem Buch die Vorkämpferinnen der ersten deutschen Frauenrechte aufmarschieren. Ja, ich wähle bewusst diese martialische Einleitung. Dann, dass deutsche Frauen ab Jänner 1919 erstmals wählen durften, ist ein langer, zermürbender Kampf. Österreich ist da ein bisschen schneller. Zeitgleich mit der Ausrufung der Republik dürfen Frauen ab 12. November 1918 ihr aktives und passives Wahlrecht ausüben.

In fünf großen Abschnitten, die in zahlreiche Kapitel gegliedert sind, stellt uns Bianca Walther die Pionierinnen der frühen Frauenbewegung von 1848 bis 1919 vor:

Die enttäuschten Töchter der Revolution
Nach der Revolution: Eine Bewegung im Aufbau
Gründerzeit: Erfolge, Rückschläge und der Beginn einer Massenbewegung
Eine gesellschaftliche Kraft: Die Kämpfe werden vielfältiger
Krieg und Umbruch

Beginnend mit der Französin Olympe de Gouges (1748-1793), die für ihre Forderung nach Freiheit und Gleichheit für Frauen, hingerichtet worden ist, über Louise Otto-Peters (1819-1865), Helene Lange (1848-1930) sowie Minna Cauer (1841-1922)und Anita Augspurg (1857-1943) bis hin zu Clara Zetkin (1857-1933) - um nur einige zu nennen - spannt die Autorin den Bogen zu all jenen Frauen, die für ihre Rechte mehr oder weniger militant aufgetreten sind und mitunter auch auf die sprichwörtlichen Barrikaden gegangen sind.

Nicht immer agieren die unterschiedlichen Frauengruppen geschickt und ziehen selten an einem Strang. So bemerken einzelne bürgerliche Frauengruppen, die von Hauspersonal umgeben sind, dass das Engagement der Arbeiterinnen für die Vereinstätigkeit zu wünschen übrig lässt. Ja, eh! Nach einem 12-Stunden-Tag in der Fabrik, Care-Arbeit vor und nach der Erwerbsarbeit sowie Pflichten der Kindererziehung und Hausarbeit, der kaum Zeit zum Durchschnaufen lässt, ist es kaum möglich, zu einer der Versammlungen zu gehen. Zudem fragt zunächst keine der bürgerlichen Damen, was denn die Arbeiterinnen zu ihrer Entlastung bräuchten. Das Wahlrecht oder doch eher einen Acht-Stunden-Tag und Kinderbetreuung. Erst Arbeitervereine schaffen es, Arbeiterinnen zu mobilisieren.

Dieses Buch bringt uns diese ereignisreichen Jahrzehnte nahe. Es beleuchtet, welche Widerständen Frauen ausgesetzt sind, wenn sie keine (Versorgungs)Ehe eingehen wollen, dafür aber mehr als häkeln oder stricken lernen wollen. So ihnen Bildung und Berufstätigkeit verwehrt. Ausgenommen sind natürlich die Arbeiterinnen, deren Familien ohne das Zubrot, so gering es auch ausfällt, nicht überleben können. Für bürgerliche Töchter ziemt es sich nicht, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Lediglich eine Anstellung als Gouvernante ist bis zu ihrer Verehelichung opportun.

Jene Frauen, denen es gelingt, an einer der privaten Lehrerinnenakademien eine Ausbildung zu machen, dürfen zunächst nur Privatschulen für Mädchen unterrichten (ein einwandfreier Leumund und Lebenswandel vorausgesetzt). Als Lehrerinnen sind sie dem sogenannten Lehrerinnenzölibat unterworfen: Kaum ist ein Ehemann in Sicht, werden sie aus dem Schuldienst entlassen.

Wenn frau nun aus dem elterlichen Haushalt ausscheiden will (oder muss), bleibt nur das Zusammenleben mit einer anderer Frau, am besten einer Verwandten übrig. Anderes gilt recht schnell als unschicklich. Diese sexuelle Konnotation sagt im allgemeinen mehr über jene aus, die den Frauen unmoralisches Verhalten unterstellen. Mehrere der Vorkämpferinnen, die mit einer Frau zusammenleben, geraten in das Visier der Behörden. Weibliche Homosexualität steht in Deutschland in Gegensatz zu Österreich nicht unter Strafe.

Erst im Ersten Weltkrieg greift man(n) auf das Reservoir an weiblichen Arbeitskräften zurück, die nach Kriegsende sofort wieder den Männern Platz machen müssen.

Auch wenn die frühe Frauenbewegung zwischen 1848 - 1919 zahlreiche Erfolge erreicht hat und Wegbereiterin für weitere Errungenschaften gewesen ist, muss eines klar sein: Der Kampf ist noch lange nicht vorbei! Den Frauen weht, durch die aktuelle politische Lage in zahlreichen Ländern, die Frauen aus ihren mühsam erkämpften Positionen verdrängen will, ein rauer Wind entgegen.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser lebendig und mitreißend erzählte Geschichte der Frauenbewegung, die mehr als siebzig Jahre um politische Rechte und Freiheiten für Frauen gekämpft hat, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
von Bellis-Perennis - 2026-06-09 07:15:00