Rezensionen
Was wir wissen könnten - 5 Sterne
In „Was wir wissen können“ entfaltet Ian McEwan eine Zukunft, die sich nicht mit einem lauten Knall ankündigt, sondern wie ein langsames Versinken wirkt – ein leises, unaufhaltsames Nachgeben der Welt unter dem Gewicht menschlicher Versäumnisse. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, nicht bloß in das Jahr 2119 zu reisen, sondern vielmehr in einen Spiegel zu blicken, der unsere Gegenwart in eine melancholische Ferne rückt.
Diese Zukunft ist keine fremde Landschaft; sie ist eine Erinnerung, die noch gar nicht vergangen ist. So zerfällt Europa zu Inseln, Städte sind verschluckt vom Meer, und das Leben hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Doch mitten in dieser brüchigen Welt steht Thomas Metcalfe, ein Literaturwissenschaftler, der sich an etwas klammert, das beinahe anachronistisch wirkt: an Worte, an Gedichte, an die flüchtige Unsterblichkeit der Literatur. Seine Obsession – die Suche nach dem verschollenen „Sonettenkranz für Vivien“ des Dichters Francis Blundy – erscheint wie ein Akt des Widerstands gegen das Vergessen.
Was mich besonders berührt hat, ist die zarte Ironie dieser Suche: In einer Zeit, in der unzählige Datenfragmente überlebt haben, in der jede noch so banale Information archiviert scheint, bleibt ausgerechnet das Wesentliche unauffindbar: ein Gedicht, ein Moment, ein Gefühl. Es ist, als würde McEwan sagen, dass Wissen nicht gleichbedeutend mit Verstehen ist. Dass die Wahrheit sich nicht in Datenbanken konservieren lässt, sondern zwischen den Zeilen wohnt – oder vielleicht für immer verloren geht.
Metcalfes Blick auf unsere Gegenwart hat etwas zutiefst Verstörendes, denn für ihn ist unsere Zeit ein verlorenes Paradies, erfüllt von Schönheit, Überfluss und einer beinahe verschwenderischen Freiheit. Dinge, die wir kaum beachten – saubere Luft, reiche Natur, grenzenlose Mobilität – erscheinen aus seiner Perspektive wie kostbare Relikte. Diese Umkehrung hat mich innehalten lassen. Plötzlich wirkt das Heute zerbrechlich, fast schon nostalgisch, obwohl wir es noch leben.
Der Roman verändert seine Tonlage, sobald Vivien selbst zu Wort kommt. Ihre Aufzeichnungen sind leiser, intimer, durchzogen von einer stillen Ehrlichkeit und einem vielstimmigen Geflecht aus Erinnerungen, Selbsttäuschungen und unausgesprochenen Wahrheiten. Besonders eindrucksvoll ist dabei die Erkenntnis, dass selbst persönliche Zeugnisse keine verlässlichen Spiegel sind – sondern oft Inszenierungen, geschrieben für ein unsichtbares Gegenüber ...; plötzlich wird klar, wie sehr jede Erzählung von Auswahl, Deutung und Wunsch geprägt ist. Die Wahrheit zerfällt in Fragmente, die sich nicht mehr eindeutig zusammensetzen lassen. Und genau darin liegt eine stille Tragik: Je mehr wir versuchen, die Vergangenheit festzuhalten, desto mehr entgleitet sie uns.
Auch die Liebesgeschichten, die sich durch das Buch ziehen, wirken nicht wie romantische Zufluchtsorte, sondern sind geprägt von Missverständnissen, von Sehnsucht und von der Unmöglichkeit, einen anderen Menschen vollständig zu erkennen. Liebe erscheint mir hier nicht als Antwort, sondern als weiteres Rätsel – eines, das ebenso wenig lösbar ist wie das verschwundene Gedicht.
Am Ende blieb in mir ein Gefühl, das sich schwer greifen lässt – eine Mischung aus Wehmut, Staunen und leiser Beunruhigung. „Was wir wissen können“ ist kein Roman, der Antworten liefert, sondern er ist vielmehr eine Einladung, Fragen zu stellen: über Erinnerung, über Wahrheit und über die Verantwortung, die wir für unsere eigene Gegenwart tragen.
Vielleicht ist es genau das, was dieses Buch so nachhaltig macht, denn es zwingt uns nicht, in die Zukunft zu blicken – sondern lässt uns erkennen, dass wir längst mitten in ihr stehen. Und dass das, was wir heute für selbstverständlich halten, morgen schon zu einer fernen, beinahe unerreichbaren Geschichte geworden sein könnte. Eine grandiose Lese-Erfahrung, die einlädt, darüber nachzudenken, „was wir wissen können“!
Diese Zukunft ist keine fremde Landschaft; sie ist eine Erinnerung, die noch gar nicht vergangen ist. So zerfällt Europa zu Inseln, Städte sind verschluckt vom Meer, und das Leben hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Doch mitten in dieser brüchigen Welt steht Thomas Metcalfe, ein Literaturwissenschaftler, der sich an etwas klammert, das beinahe anachronistisch wirkt: an Worte, an Gedichte, an die flüchtige Unsterblichkeit der Literatur. Seine Obsession – die Suche nach dem verschollenen „Sonettenkranz für Vivien“ des Dichters Francis Blundy – erscheint wie ein Akt des Widerstands gegen das Vergessen.
Was mich besonders berührt hat, ist die zarte Ironie dieser Suche: In einer Zeit, in der unzählige Datenfragmente überlebt haben, in der jede noch so banale Information archiviert scheint, bleibt ausgerechnet das Wesentliche unauffindbar: ein Gedicht, ein Moment, ein Gefühl. Es ist, als würde McEwan sagen, dass Wissen nicht gleichbedeutend mit Verstehen ist. Dass die Wahrheit sich nicht in Datenbanken konservieren lässt, sondern zwischen den Zeilen wohnt – oder vielleicht für immer verloren geht.
Metcalfes Blick auf unsere Gegenwart hat etwas zutiefst Verstörendes, denn für ihn ist unsere Zeit ein verlorenes Paradies, erfüllt von Schönheit, Überfluss und einer beinahe verschwenderischen Freiheit. Dinge, die wir kaum beachten – saubere Luft, reiche Natur, grenzenlose Mobilität – erscheinen aus seiner Perspektive wie kostbare Relikte. Diese Umkehrung hat mich innehalten lassen. Plötzlich wirkt das Heute zerbrechlich, fast schon nostalgisch, obwohl wir es noch leben.
Der Roman verändert seine Tonlage, sobald Vivien selbst zu Wort kommt. Ihre Aufzeichnungen sind leiser, intimer, durchzogen von einer stillen Ehrlichkeit und einem vielstimmigen Geflecht aus Erinnerungen, Selbsttäuschungen und unausgesprochenen Wahrheiten. Besonders eindrucksvoll ist dabei die Erkenntnis, dass selbst persönliche Zeugnisse keine verlässlichen Spiegel sind – sondern oft Inszenierungen, geschrieben für ein unsichtbares Gegenüber ...; plötzlich wird klar, wie sehr jede Erzählung von Auswahl, Deutung und Wunsch geprägt ist. Die Wahrheit zerfällt in Fragmente, die sich nicht mehr eindeutig zusammensetzen lassen. Und genau darin liegt eine stille Tragik: Je mehr wir versuchen, die Vergangenheit festzuhalten, desto mehr entgleitet sie uns.
Auch die Liebesgeschichten, die sich durch das Buch ziehen, wirken nicht wie romantische Zufluchtsorte, sondern sind geprägt von Missverständnissen, von Sehnsucht und von der Unmöglichkeit, einen anderen Menschen vollständig zu erkennen. Liebe erscheint mir hier nicht als Antwort, sondern als weiteres Rätsel – eines, das ebenso wenig lösbar ist wie das verschwundene Gedicht.
Am Ende blieb in mir ein Gefühl, das sich schwer greifen lässt – eine Mischung aus Wehmut, Staunen und leiser Beunruhigung. „Was wir wissen können“ ist kein Roman, der Antworten liefert, sondern er ist vielmehr eine Einladung, Fragen zu stellen: über Erinnerung, über Wahrheit und über die Verantwortung, die wir für unsere eigene Gegenwart tragen.
Vielleicht ist es genau das, was dieses Buch so nachhaltig macht, denn es zwingt uns nicht, in die Zukunft zu blicken – sondern lässt uns erkennen, dass wir längst mitten in ihr stehen. Und dass das, was wir heute für selbstverständlich halten, morgen schon zu einer fernen, beinahe unerreichbaren Geschichte geworden sein könnte. Eine grandiose Lese-Erfahrung, die einlädt, darüber nachzudenken, „was wir wissen können“!
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2026-06-01 10:37:28
Ein verklärter Blick in unsere Gegenwart - 5 Sterne
In diesem Roman blicken wir aus dem Jahr 2119 zurück in unsere Gegenwart.
Der erste Teil des Romans ist im Jahr 2119 angesiedelt. Die Welt hat alle Konsequenzen unserer ungeheuer laschen Klimapolitik zu tragen: ganze Erdteile sind aufgrund des Anstiegs des Meeresspiegels überschwemmt, es kam zu Nuklearkatastrophen und insgesamt hat sich die Weltbevölkerung auf vier Milliarden halbiert. Wohlstand gibt es keinen mehr.
Thomas Metcalfe ist Literaturprofessor, jedoch im Jahr 2119 sind Geisteswissenschaften nicht mehr gefragt. Der Professor hat seinen wissenschaftlichen Fokus auf Literatur von 1990-2030 eingegrenzt.
Metcalfe ist auf der Suche nach einem Liebesgedicht von dem damals berühmten Francis Blundy. Sämtliche Archive hat er bereits durchforstet, aber es gibt keinen Hinweis, wo das Gedicht geblieben sein könnte. Beim Lesen des archivierten Materials bekommt Metcalfe eine Ahnung, wie die Welt 2020 ausgesehen hat und die Menschen gelebt haben, welche Krisen sie meistern mussten und welche Kriege sie geführt haben. Er kann nicht begreifen, warum in dieser Zeit nicht mehr für die Umwelt und das Klima getan wurde. Er stellt sich die Jahre 1990-2030 sehr verklärt vor (im Gegensatz zu dem, wie wir sie derzeit selbst erleben).
Im zeiten Teil des Romans erzählt dann Vivien Blundy ihre Geschichte, denn für sie wurde das Gedicht „Ein Sonettenkranz für Vivien“ geschrieben und so löst sich auch das Rätsel rund um den Verbleib des Gedichtes. Dieser Teil des Romans ist großartig konzipiert und geschrieben.
Ich fand den ersten Teil etwas zu lang und fast ein wenig zäh zu lesen, wurde jedoch im zweiten Teil mehr als belohnt. Bei dem Roman handelt sich nicht nur um eine Umwelt- bzw Klimadystopie, weil der Roman so viele andere Themen verhandelt und sich auch nicht wie eine Dystopie liest. Liebe, Alzheimer und Ehebruch sind weitere zentrale Themen.
Insgesamt dann am Ende ein gelungener Roman.
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Der erste Teil des Romans ist im Jahr 2119 angesiedelt. Die Welt hat alle Konsequenzen unserer ungeheuer laschen Klimapolitik zu tragen: ganze Erdteile sind aufgrund des Anstiegs des Meeresspiegels überschwemmt, es kam zu Nuklearkatastrophen und insgesamt hat sich die Weltbevölkerung auf vier Milliarden halbiert. Wohlstand gibt es keinen mehr.
Thomas Metcalfe ist Literaturprofessor, jedoch im Jahr 2119 sind Geisteswissenschaften nicht mehr gefragt. Der Professor hat seinen wissenschaftlichen Fokus auf Literatur von 1990-2030 eingegrenzt.
Metcalfe ist auf der Suche nach einem Liebesgedicht von dem damals berühmten Francis Blundy. Sämtliche Archive hat er bereits durchforstet, aber es gibt keinen Hinweis, wo das Gedicht geblieben sein könnte. Beim Lesen des archivierten Materials bekommt Metcalfe eine Ahnung, wie die Welt 2020 ausgesehen hat und die Menschen gelebt haben, welche Krisen sie meistern mussten und welche Kriege sie geführt haben. Er kann nicht begreifen, warum in dieser Zeit nicht mehr für die Umwelt und das Klima getan wurde. Er stellt sich die Jahre 1990-2030 sehr verklärt vor (im Gegensatz zu dem, wie wir sie derzeit selbst erleben).
Im zeiten Teil des Romans erzählt dann Vivien Blundy ihre Geschichte, denn für sie wurde das Gedicht „Ein Sonettenkranz für Vivien“ geschrieben und so löst sich auch das Rätsel rund um den Verbleib des Gedichtes. Dieser Teil des Romans ist großartig konzipiert und geschrieben.
Ich fand den ersten Teil etwas zu lang und fast ein wenig zäh zu lesen, wurde jedoch im zweiten Teil mehr als belohnt. Bei dem Roman handelt sich nicht nur um eine Umwelt- bzw Klimadystopie, weil der Roman so viele andere Themen verhandelt und sich auch nicht wie eine Dystopie liest. Liebe, Alzheimer und Ehebruch sind weitere zentrale Themen.
Insgesamt dann am Ende ein gelungener Roman.
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
von Nicole Koppandi - 2026-02-01 22:02:00


