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Rezensionen

Schwebende Lasten
Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025

Autor: Annett Gröschner

Erschienen 2025 bei C.H.Beck
ISBN 978-3-406-82973-4
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Faszinierende Lebensgeschichte einer Frau im Wandel der Zeit - 5 Sterne

Mit „Schwebende Lasten“ ist Annett Gröschner ein bemerkenswerter Roman über eine außergewöhnliche, charakterstarke Frau gelungen, die für das bewegte 20. Jahrhundert ebenso stehen könnte wie für die stille Stärke vieler Frauen ihrer Generation.
Im Mittelpunkt steht die Blumenbinderin und spätere Kranführerin Hanna Krause aus Magdeburg, die in ihrem ereignisreichen Leben Armut, Krieg, Verlust, Misogynie und familiäre Konflikte durchlebt hat und dennoch erstaunlich geerdet bleibt, ohne sich je von den vielen Schicksalsschlägen brechen zu lassen. Gröschner erzählt nicht nur ein individuelles Schicksal, sondern macht an der Lebensgeschichte ihrer Protagonistin eindrücklich die Turbulenzen und Brüche eines ganzen Jahrhunderts sichtbar.
Hanna wächst als junge Frau in Magdeburg auf, arbeitet zunächst als Blumenbinderin und trägt mit bemerkenswerter Widerstandskraft die Lasten des Alltags und ihrer Familie. Mit ihrer Fähigkeit, sich anzupassen und mit emotionalen und existentiellen Belastungen umzugehen, gelingt es ihr, die vielfältigen Herausforderungen der Zeit vom Kaiserreich über Weimarer Republik, Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg, die DDR und den Sozialismus bis hin zu Mauerfall und Wiedervereinigung zu meistern.
Besonders eindrucksvoll ist der Moment, als sie im Krupp Gruson Werk in Magdeburg die erste weibliche Kranführerin wird. Von dort oben bewegt sie tonnenschwere Lasten in die Luft mit großer Selbstverständlichkeit und beinahe spielerischer Leichtigkeit, als wäre dies ein natürlicher Teil ihres Lebensweges. Gerade darin liegt eine große symbolische Kraft, denn ihre äußere Stärke spiegelt die innere Haltung einer Frau, die das Schwere nahezu klaglos tragen kann.
Geschickt nutzt Gröschner Hannas beeindruckende Biografie als feines Brennglas, durch das politische Systeme, historische Zäsuren und alltägliche Lebenswirklichkeiten des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive einer gewöhnlichen Arbeiterin sichtbar werden. Ob nun der Alltag in Zeiten des Krieges, die Entbehrungen, die Bombennächte, den mühsamen Wiederaufbau, den Sozialismus in der DDR sowie der Systemzusammenbruch nach 1989 – all dies erscheint nicht abstrakt, sondern wird in kleinen, oft alltäglichen Szenen vermittelt, wodurch die Geschichte und bedeutsame historische Details für uns äußerst unmittelbar erfahrbar werden. Die Autorin nutzt dabei einen nüchternen, schnörkellosen Schreibstil, der hervorragend Hannahs burschikos pragmatische Art passt und gerade durch seine Zurückhaltung eine große emotionale Wirkung entfaltet.
Äußerst gelungen ist Gröschners authentische und vielschichtige Figurenzeichnung von Hanna als stille Heldin. Sie ist eine Frau aus einfachen Verhältnissen, die kein Aufsehen um sich macht, deren Wünsche und Träume stets verhältnismäßig unspektakulär bleiben und deren Leben von Arbeit, Verantwortung und schlichter Bodenständigkeit geprägt ist. Doch gerade in dieser scheinbaren Bescheidenheit offenbart sich ihre innere Stärke. Die Autorin schildert Hannas Leben mit viel Empathie, ohne sie zu heroisieren, und fängt in persönlichen Geschichten über Anpassung, eigener Entscheidungsfreiheit und stiller Resistenz eindrucksvoll ein Jahrhundert weiblicher Lebensrealität ein.
Gröschner hat für ihre Erzählung zudem eine interessante Rahmenhandlung entworfen, bei der Blumen eine besondere Rolle spielen. Als junge Floristin soll Hanna im Auftrag eines mysteriösen Kunden, ein niederländisches Blumenstillleben von Ambrosius Bosschaert nachstellen, was ihr erst am Ende ihres Lebens gelingen wird. Die einzelnen Blumen sind zugleich Kapitelüberschriften und strukturieren die Erzählung auf elegante Weise. Sie verknüpfen als Hannas innerer Kompass geschickt die Zeitachsen, Erinnerungen und emotionalen Wendungen in ihrer Biografie miteinander. Zugleich stehen die Blumen mit ihrer symbolischen Bedeutung für fragile Schönheit, Vergänglichkeit und den Versuch, mitten im Zerstörerischen kleine Räume von Ordnung und Trost zu bewahren..
In ihrem bewegenden Roman beleuchtet Gröschner viele gesellschaftlich relevante Themen. „Schwebende Lasten“ erzählt von Klassenzugehörigkeit, davon, wie Arbeit zur Identität wird, der Unsichtbarkeit weiblicher Lebensleistung, aber auch von Solidarität, existenzieller Würde, Humor und der Frage nach dem kostbaren privaten Glück allen Widrigkeiten zum Trotz. Gröschner erzählt von Frauen, die funktionieren, helfen, vieles tragen und aushalten müssen, aber dennoch Eigensinn und ihren eigenen Willen behalten.
Sie hat das faszinierende Porträt einer Frau gezeichnet, deren Biografie stellvertretend für jene Generation an Arbeiterinnen steht, die sich in Zeiten widriger Lebenslagen, politischer Umbrüche und persönlicher Tragödien bemühten, ihre Menschlichkeit zu bewahren und das Leben mit einem Rest von Würde zu bewältigen.
So rückt Gröschner auf beeindruckende Weise all jene Frauen in den Fokus, die in der offiziellen Geschichtsschreibung oft nur am Rand erscheinen und erinnert eindrücklich daran, wie Geschichte im Kleinen und Alltäglichen vor allem von ihnen getragen wird.

FAZIT
Ein beeindruckender und bewegender Roman über das bewegte Leben einer Arbeiterin, die das ganze 20. Jahrhundert persönlich durchgemacht hat. Eine äußerst eindrucksvolle, empathische Lebens und Zeitgeschichte und lesenswerte Lektüre!
von bookloving - 2026-04-29 23:30:00

Hanna, die Blumenbinderin - 3 Sterne


Annett Gröschner beschreibt in "Schwebende Lasten" das Leben von Hanna, die 1913 in Magdeburg geboren wurde und dort ihr gesamtes Leben verbringt. Sie erlebt zwei Kriege und hat mit ihrem Mann Karl sechs Kinder, die mehrfachen Abtreibungen nicht mit eingerechnet. Die Leserschaft erlebt mit Hanna wie das Leben in Magdeburg nach dem Krieg weitergeht. Sie muss ihren geliebten Beruf als Blumenbinderin aufgeben und später als Kranfahrerin für den Lebensunterhalt der Familie sorgen.
Hanna ist eine Frau, die trotz vieler Schicksalsschläge nicht aufgibt. Obwohl ich sie dafür bewundert habe, bleibt sie für mich unpersönlich und unnahbar. Insgesamt ist das Buch eine interessante Beschreibung des Lebens einer Frau in der damaligen DDR, das bei mir keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt und ich immer wieder überlegt hatte, das Buch abzubrechen. Vor allem habe ich am Ende ein Nachwort der Schriftstellerin vermisst, in dem erklärt wird, ob es die Person Hanna tatsächlich gegeben hat oder ob sie stellvertretend für verschiedene Ereignisse in Magdeburg steht.
von Ulgu1978 - 2026-03-28 18:20:00

Die Geschichte der Blumenbinderin - 5 Sterne

Die Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner hat mit "Schwebende Lasten" einen Lebensroman über die Blumenbinderin und Kranführerin Hanna Krause verfasst, der es zu Recht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte.
Er beleuchtet in einzigartiger Art und Weise ein ganzes Leben im 20. Jahrhundert zwischen den beiden Weltkriegen, den Leben in der DDR und nach der Wende.
Der Schreibstil in seiner schlichten Schönheit, entfaltet alle möglichen Emotionen, von zutiefst ergreifend, bis zu Tränen rührender Erschütterung, Verlusttrauer, Schmerz, aber auch ein wenig liebenswürdigen Humor und ganz viel Poesie, nicht nur für Blumenliebhaber.
Ein Leben voller Schwere zwischen dem Inferno von Krieg und Verzweiflung, das wehtut, sowie Liebe und Aufopferung, mit einer übermenschlichen Kraft, die gegenüber der Hauptprotagonistin Hanna Krause höchsten Respekt abnötigt.
Die lebendige, schlichte Sprache bei der Schilderung des grausamen, unmenschlichen Kriegsgeschehens, des Neuanfanges quasi aus dem Nichts, das lakonische Abfinden mit der Mangelwirtschaft der DDR-Wirklichkeit und das Erwachen in der kapitalistischen Ellbogengesellschaft, dies alles webt die Autorin zu einem wirklichkeitsnahen Denkmal einer einfachen Heldin, die das Gesicht einer ganzen Generation von Frauen des 20. Jahrhunderts prägt.
Obwohl dieses Genre nicht zu meinen bevorzugten zählt, hat mich dieses Werk tief beeindruckt, und ich bin froh, es gelesen zu haben.
Da ich mich ausgezeichnet unterhalten gefühlt habe, möchte ich es gern weiterempfehlen!
von Paul Kretzschmar - 2026-03-21 17:36:00

Leise Geschichte über Schuld und Erinnerung - 4 Sterne

„Schwebende Lasten“ ist ein ruhiger, nachdenklicher Roman, der sich intensiv mit Erinnerung, Schuld und den Spuren der Vergangenheit beschäftigt. Die Geschichte entfaltet sich eher langsam und lebt weniger von Handlung als von Atmosphäre und inneren Gedanken der Figuren.

Der Schreibstil ist klar und zurückhaltend, teilweise sehr poetisch. Viele Szenen wirken fast still und lassen Raum für eigene Gedanken. Gerade diese ruhige Erzählweise macht das Buch besonders, auch wenn sie an manchen Stellen etwas Geduld verlangt.

Besonders gelungen fand ich die sensible Darstellung der Figuren und ihrer inneren Konflikte. Die Vergangenheit schwebt ständig über allem und beeinflusst Entscheidungen und Beziehungen.

Fazit:
Ein leiser, atmosphärischer Roman, der sich Zeit nimmt und vor allem durch seine Stimmung wirkt. Für Leser:innen, die ruhige, reflektierende Geschichten mögen, eine sehr lohnende Lektüre.
von Piet1990 - 2026-03-16 15:24:00

Schwebende Lasten - 5 Sterne

Im Mittelpunkt steht Hanna Krause, eine Frau, die mit unerschütterlicher Stärke ihre Kinder und ihren kriegsversehrten Mann durch die Wirren des 20. Jahrhunderts bringt. Vom Blumenladen bis zum Kranführerstand erlebt sie Revolutionen, Kriege, Aufstände und Neuanfänge. Annett Gröschners Roman erzählt ein ganzes Jahrhundert in einem einzigen Leben – ergreifend, poetisch und zutiefst menschlich. Ein grandioses Werk, das den Unsichtbaren ein Gesicht gibt und zeigt, was es bedeutet, anständig zu bleiben.
von Gertraud Beisteiner - 2025-09-01 17:29:54

Eine Hommage an Magdeburg und wie es hätte kommen können - 4 Sterne

Annett Gröschners Schwebende Lasten ist ein Roman, der auf weniger als 300 Seiten eine enorme Tiefe entfaltet. Im Mittelpunkt steht Hanna Krause, eine Frau, die das 20. Jahrhundert in all seinen Umwälzungen erlebt hat. Von der Floristin zur Kranführerin, vom Kaiserreich bis zur Nachwendezeit — Hannas Lebensweg ist geprägt von Brüchen, Verlusten und dem ständigen Versuch, in einer Welt voller Extreme anständig zu bleiben.
Gröschner gelingt es, historische Ereignisse und persönliche Schicksale auf eine Art zu verweben, die weder belehrend noch sentimental wirkt. Ihre Sprache ist klar und präzise, ohne dabei die Emotionalität der Figuren aus den Augen zu verlieren. Besonders beeindruckt hat mich, wie Gröschner die Perspektive einer ostdeutschen Arbeiterin authentisch einfängt und dadurch eine Geschichte erzählt, die oft im Schatten der großen Narrative bleibt.
Hannas Blick vom Kran auf die Fabrikhalle wird zu einem Sinnbild: eine Frau, die gezwungen ist, von oben auf die Welt zu schauen, distanziert und doch zutiefst verwoben mit den Schicksalen unter ihr. Diese Metapher verdeutlicht Hannas Lebenshaltung — pragmatisch, zäh, beobachtend, und dennoch voller Mitgefühl.
Die Stärke des Romans liegt für mich besonders in der stillen, unaufdringlichen Art, mit der Gröschner ihre Hauptfigur zeichnet. Hanna ist keine Heldin im klassischen Sinne, aber genau das macht sie so stark. Ihr Credo, "anständig bleiben", ist keine naive Floskel, sondern eine Haltung, die sie durch Diktaturen, Kriege und Enttäuschungen trägt.
Schwebende Lasten ist ein Buch für alle, die sich für die oft übersehenen Geschichten des 20. Jahrhunderts interessieren — für diejenigen, die mehr über das Leben derjenigen erfahren möchten, deren Stimmen im historischen Diskurs oft zu leise sind. Es ist ein Roman, der zum Nachdenken anregt, lange nach der letzten Seite nachhallt und zeigt, dass auch das vermeintlich Unspektakuläre voller Kraft sein kann.
von nil_liest - 2025-05-04 20:03:00

Geschichtsschreibung von unten - 5 Sterne

Warum es dieser Roman nicht auf die Liste für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Umso mehr hoffe ich, ihn auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis zu finden.
Schon auf der ersten Seite wird uns die komplette Biographie der Hanna Krause im Schnelldurchlauf präsentiert, um sie dann auf den kommenden beinahe dreihundert Seiten mit Leben zu füllen. Geboren noch im Kaiserreich 1913, hat sie zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, zwei Demokratien und zwei Weltkriege erlebt und überlebt, dabei viel Schlimmes durchgemacht, aber nie gejammert oder resigniert, sondern sich in das Unvermeidliche gefügt und alles getan, um ihre Familie durchzubringen und zusammenzuhalten.
In ärmliche Verhältnisse hineingeboren, wird sie früh elternlos. Ihre wesentlich ältere Stiefschwester wird sie bei sich aufnehmen. Dafür muss Hanna schon als Kind im schwesterlichen Blumengeschäft mitarbeiten. Und dabei wird der Grundstock gelegt für ihre beständige Leidenschaft für die Blumen. Sie sind ihr Trost und Freude bis an ihr Lebensende. „ …dass Blumen ihr menschlicher vorkamen als ihre eigene Gattung.“
In Berlin lernt sie Karl kennen, beide heiraten und ziehen zurück nach Magdeburg. Hier im Knattergebirge, dem Armenviertel der Stadt, eröffnen sie einen kleinen Blumenladen und Hanna ist sehr erfindungsreich, um ihre Sträuße an den Mann zu bringen. Aber auf Karl kann sie nicht bauen. Er vertrinkt und verspielt das bisschen Geld, das sie einnehmen, ist nicht immer treu und wird schon vor Kriegsbeginn durch einen Arbeitsunfall zum Invaliden.
Die Kriegszeiten dann stellen die immer größer werdende Familie vor große Herausforderungen. Wie die Autorin diese Zeit beschreibt, gehört mit zum Eindringlichsten des Romans. Bei der Bombardierung Magdeburgs wird Hanna mit ihren Kindern in einer Kirche verschüttet und ihr ältester Sohn kommt im Feuersturm um. Nur vier ihrer sechs Kinder überleben den Krieg.
Im neuen Staat wird aus der Blumenbinderin Hanna eine Kranführerin, kein typischer Frauenberuf. Doch auch in der DDR fehlen Männer und die Arbeit wird gut bezahlt. Hanna fühlt sich wohl da oben, endlich einmal ein „ Raum für sich allein“. Zwanzig Jahre wird sie diese Arbeit machen, ihre Kinder großziehen und als ihr Mann tot ist und ihre Töchter aus dem Haus sind, kann sie ein selbstbestimmtes Leben führen und nochmals ihrer Liebe zur Blumenbinderei nachgehen.
Was Annett Gröschner hier erzählt ist ein Frauenschicksal, das exemplarisch steht für viele. Hanna ist eine Frau aus dem Volke, eine aus dem Heer der zahllosen Arbeiterinnen, die vergessen werden bei der Geschichtsschreibung, die aber den Laden am Laufen halten. Sie ist keine Heldin, nur eine Frau, die versucht in all den Umbrüchen „ anständig zu bleiben“.
Doch die Autorin beschreibt nicht nur eine private Geschichte; der gesellschaftspolitische Hintergrund spielt immer mit, er bestimmt das Leben der Figuren. Das alles wird wunderbar miteinander verwoben.
Zusammengehalten wird das Ganze durch ein Stilleben eines holländischen Meisters. In einer Schlüsselszene des Romans betritt eines Tages im Jahr 1938 ein mysteriöser Herr Hannas Blumenladen und er hat einen ungewöhnlichen Auftrag. Sie solle einen Strauß binden, der dem auf einer Postkarte entspricht: „Ambrosius Bosschaert ( 1573-1621), Vaas met bloemen“, steht auf deren Rückseite. Die Schwierigkeit für Hanna besteht darin, dass die Blumen zu völlig unterschiedlichen Zeiten blühen. Nach einem großzügigen Vorschuss setzt Hanna alles daran, den Auftrag zu erfüllen. Der Kunde wird nicht wiederkommen, aber Hanna bekommt dafür eine Ahnung von einer Welt außerhalb ihres gewohnten Umfelds, einer Welt der Schönheit und der Kunst . Dieses Stilleben gibt dem Roman seine Struktur, ist doch jedem Kapitel die Beschreibung einer Blume aus dem Gemälde vorangestellt.
Der Roman liest sich leicht, schon allein durch die chronologische Erzählweise und die Konstanz in der Perspektive. Alles wird aus Hannas Sicht erzählt, so bleiben wir immer ganz dicht bei ihr. Die Sprache ist nüchtern und lakonisch, ohne jegliche Sentimentalität, dafür mit einem ganz eigenen Witz. Die Autorin vermeidet es zu psychologisieren. Was in Hanna vorgeht, wird nicht ausbuchstabiert, doch wir ahnen, wie es in ihr aussieht. Es geht selten um ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte, dafür ist sie zu sehr gefangen in einem Netz aus Verpflichtungen und Fürsorge. Mag sie auch manchmal hart erscheinen, hart gegenüber sich selbst und anderen, so tut sie doch alles, um die Ihren zu schützen und zu versorgen.
Annett Gröschner erzählt dieses Frauenleben ungeheuer lebendig und plastisch, mit einem Gespür für ausdrucksstarke Szenen und Episoden.
Der poetische Titel entstammt aus der Sprache des Arbeitsschutzes und bezieht sich auf Objekte, die beispielsweise von Kränen gehoben werden. Gleichzeitig verweist das poetische Paradoxon, auf all das, was Hanna in ihrem Leben aufgebürdet wurde.
Der Roman ist außerdem eine Liebeserklärung an Magdeburg, die Geburtsstadt der Autorin.
Und wer wissen möchte, wie der Alltag für viele in den beiden Diktaturen aussah, ist nach der Lektüre schlauer. Gerade Westdeutsche erfahren hier viel Unbekanntes, abseits der üblichen Klischees, über den Alltag in der DDR.
„ Schwebende Lasten“ ist ein großartiger Roman über eine beeindruckende, starke Frau und über das vergangene Jahrhundert. Lesen? Unbedingt!
von Ruth - 2025-04-25 16:05:00

Eine deutsche Frauengeschichte einfach und realistisch - 4 Sterne

Das Leben als Blumenstrauß
Es ist die Geschichte einer eher unscheinbaren Frau, die oft übersehen wird, und gleichzeitig die Geschichte Deutschlands aus der Sicht einer einfachen Frau aus Magdeburg. Genau das mag ich an diesem Buch. Ihr Horizont ist relativ klein, sie kommt kaum aus Magdeburg heraus. Der Plot ist nicht ungewöhnlich. Sie heiratet, hat Kinder, sie wechselt die Berufe oder Jobs, um ihre Familie zu ernähren. Ihr Mann ist nicht besonders nett, aber sie bleibt bei ihm und kümmert sich um ihn. Sie überlebt den Krieg und lebt danach in der DDR, nach der Wende im Gesamtdeutschland. Ihre Geschichte ist nicht spektakulär und wird daher nicht oft erzählt. Aber ist es wahrscheinlich die Geschichte der meisten Frauen, typisch und lebensnah. Was für mich heraussticht, ist die Szene, in der sie den Luftangriff auf Magdeburg erlebt – ich habe noch nie so nah und anschaulich und schrecklich über die Bombardierung aus der Luft gelesen. Die Männer sind in dem Roman die Nebenfiguren, natürlich tragen sie zum Plot bei, aber der Fokus liegt auf dem Leben der Frauen: der Protagonistin, ihrer Töchter und Enkelinnen, ihrer Schwestern und Schwiegermutter. Es geht um Familie und Freundschaft, nicht immer nett, nicht immer harmonisch, realistisch. Und dann dreht sich der Roman noch um einen mysteriösen Mann, der plötzlich auftaucht und wieder verschwindet, der nett ist und respektvoll und der ihr die Postkarte eines Blumenstraußes schenkt, der so wild zusammengestellt ist, wie das Leben, aus Blumen, die nicht gleichzeitig am selben Platz blühen, die aber zusammen ein harmonisches oder zumindest komplettes Bouquet ergeben. Er gibt der Geschichte einen Rahmen, der meines Erachtens nicht nötig gewesen wäre, aber auch nicht von der Hauptgeschichte ablenkt.
Die Sprache im Roman ist unschnörkelig wie die Protagonistin, es wird nicht immer chronologisch erzählt, manchmal ist der thematische Zusammenhang wichtiger als die Chronologie. Das verwirrt kurz, aber ändert nichts am Gesamteindruck. Der Roman liest sich gut, eine Frauengeschichte, unspektakulär und eindringlich. Er hat mir gefallen.
von katis zettelchen - 2025-04-15 19:58:00

Ein ganzes Frauenleben, vor, in und nach der DDR - bewegend und authentisch - 5 Sterne

"Schwebende Lasten" von Annett Gröschner ist ein Roman, der bei mir noch stark nachwirkt, nachdem ich ihn vor etwa einer Woche fertig gelesen habe. Nüchtern und sachlich, aber gerade dadurch auch emotional enorm berührend, wird das Leben der fiktiven Hanna Krause geschildert, die prototypisch für so viele Frauen ihrer Generation aus dem ehemaligen Ostdeutschland stehen könnte. Hanna ist um 1913 geboren und sie stirbt irgendwann nach der Wende. Wie viele Zeitenwandel, Krisen und Katastrophen, wie viele Umbrüche und vor allem wie viel Leid hat diese tapfere Frau erlebt!

Ich selbst bin aus Österreich und habe mit der DDR nichts zu tun... doch dieses Buch hat mir auch die Sprachlosigkeit meiner eigenen Vorfahren nahegebracht, von denen manche eine ähnliche Generation wie Hanna waren. Diese multiplen Traumen, die sie erlebt haben... dazu die Not und das Elend und eine Zeit, die erforderlich machte, hart und stark zu sein und anzupacken, um selbst und mit der eigenen Familie zu überleben - kein Wunder, dass da noch wenig Zeit und Raum für Traumaverarbeitung und die Konfrontation mit der eigenen verwundeten Seele war... und oft auch wenig Raum dafür, sich noch einmal auf tiefe Beziehungen einzulassen, wenn man mal mehrere geliebte Menschen verloren hatte.

Für diese Rezension habe ich nach passenden Zitaten aus dem Buch gesucht und dabei noch einmal bemerkt, über was für eine eindringliche Sprache dieses Buch verfügt, z.B.

S. 42: "An solchen Abenden musste er auf der Küchenbank schlafen. Eine bessere Form der Geburtenkontrolle kannte Hanna nicht."

Hanna arbeitet erst als junges Mädchen als Aushilfe im Blumenladen ihrer halben Schwester, dann heiratet sie jung und bekommt die ersten Kinder. Verhütung gibt es nicht, Abtreibung ist verboten (Hanna wird dennoch mehrere haben), regelmäßiger Geschlechtsverkehr wird erwartet und so folgt eine Schwangerschaft auf die nächste, auch in Zeiten von Krieg und Not, in denen nicht klar ist, wie ein weiteres Kind durchgebracht werden soll. Insgesamt wird Hanna sechs Kinder zur Welt bringen, von denen nur vier das Erwachsenenalter erreichen.

Dann im Krieg, S. 109: "Das war noch nicht alles, dachte Hanna in der Notunterkunft, da kommt noch mehr, und sie sollte recht behalten. Das war erst der Anfang."

Durch das ganze Buch und durch Hannas Leben zieht sich die Liebe zu den Blumen. Passend dazu wird jedes Kapitel mit der Vorstellung einer Blumenart eingeleitet. Zwar kann Hanna nur ganz am Anfang ihres Lebens tatsächlich als Blumenhändlerin arbeiten, doch findet sie immer wieder Wege, sich dennoch mit dem Thema zu beschäftigen und ihr Wissen dazu weiter zu kultivieren und einzubringen, etwa durch die Pflege eines Gemeinschaftsgartenstückchens nahe ihrer Wohnung im Plattenbau in der DDR. Und auch im Krieg und im Angesicht von Zerstörung, Tod und tiefstem Elend ist die Verbindung zu den Blumen das, was Hanna aufrecht hält: "Hanna existierte. Nicht mehr und nicht weniger. Sie hatte versucht, über das Menschsein nachzudenken, war aber zu keinem Ergebnis gekommen, außer dass Blumen ihr menschlicher vorkamen als ihre eigene Gattung." (S. 126)

In der DDR ergreift Hanna einen ursprünglich typischen Männerberuf, denn mit diesem kann sie mehr Geld für ihre Familie verdienen. Sie wird Kranfahrerin, hier zeigt sich der Bezug zum Titel des Buches, und wir erleben auch diesen Arbeitsalltag von ihr mit: "Die Kranbahn über ihr, die daran befestigten grünen Lampen, die Meisterbude rechts unten, die Drehmaschinen, die Werkstücke, die Gabelstapler und die Männer mit den Helmen, die zu ihr heraufwinkten. Sie war die einzige Frau, sie verteidigte bei der Prüfung ihr Geschlecht, sie war dabei, ins kalte Wasser zu springen." (S. 167)

Auch hier zeigt sich wieder eine klassische Qualität Hannas: sie ist anpackend, tüchtig und mutig, scheut nicht vor Herausforderungen zurück und ist bereit, sich beruflich in neue Gebiete vorzuwagen und sich zu entwickeln. Das sind Eigenschaften, die sie in ihrem Privat- und Berufsleben zeigt.

Sonderlich politisch ist Hanna aber nicht und lehnt sich weder gegen das NS-Regime auf noch setzt sie sich in der DDR für mehr Freiheit ein. Ambitionen, die DDR zu verlassen, hat sie auch keine. Sie ist eine, die sich auch sehr gut mit dem herrschenden System arrangieren kann und damit insgesamt eine ambivalente Persönlichkeit. Ein bei ihr kurz verstecktes jüdisches Mädchen schickt sie auf die Straße, nachdem der Blockwart sie darauf angesprochen hat. Später aber gibt sie hungernden Arbeiterinnen aus Polen und der Ukraine Brot. So zeigt sich in Summe eine Frau, wie es sie viele gegeben haben könnte, mit ihren menschlichen Stärken und Schwächen. Genau diese Authentizität macht das Buch in Summe auch aus.

Außerdem mochte ich an dem Buch, wie deutlich es die vielen politischen und ökonomischen Umbrüche aufzeigt, die Menschen dieses Geburtsjahrganges erlebt haben - das muss eine unglaubliche Anpassungsleistung erfordert haben.

Als Hanna schon eine alte Frau von fast 80 Jahren ist, kommt es zur Wende und damit zur Wiedervereinigung. Wieder ein Systemwechsel für Hanna. Ihr ganzes Leben lang hat sie geübt, sich mit den wechselnden Umständen abzufinden und sich anzupassen und so nimmt sie es auch jetzt hin, als Investoren aus dem Westen die Blockbauten mitsamt ihrer Wohnung kaufen, renovieren und die Miete erhöhen möchten und ihren liebevoll angelegten Blumengarten vernichten: "Als die Mietergärten verschwanden, wehrte sie sich nicht. Sie blieb einfach auf dem Sofa sitzen und sah sich bei ausgestelltem Ton die Showsternchen im Fernsehen an. Sie zog die Vorhänge zu, hörte aber, wie die Gartenarbeiter die Pflanzen mit der Wurzel ausrissen."

Mit jeweils wenigen Worten gelingt es der Autorin damit, ein eindringliches Bild der jeweiligen Zeit zu malen. Viele Details, aber vor allem die Atmosphäre dieses beeindruckenden Buches wirken in mir tief nach. Es sind viele harte Bilder, von Tod und Zerstörung, einem Magdeburg, das dem Erdboden gleich gemacht wurde, vielen Jahren der Entbehrung, einem langsamen Aufschwung und zaghafter Hoffnung, wirtschaftlich etwas besseren Zeiten mit wenig Freiheit und doch hin und wieder ein bisschen Raum für Individualität, wie beim Anlegen der Blumengärten. Ganz viel Sich-Abfinden mit den Umständen, Akzeptieren und das Beste aus dem machen, was möglich ist.

Es ist ein wichtiges Buch, ein besonderes Buch, das dazu beitragen kann, Verständnis und Empathie zwischen den Generationen zu fördern und uns allen noch einmal anders spürbar zu vermitteln, woher unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern kommen und was sie geprägt haben könnte, sodass sie so wurden, wie wir sie erlebt haben und sie schlussendlich uns geprägt haben. Hanna steht hier als Beispiel für ganz viele. Danke für dieses Buch!
von Eternal-Hope - 2025-04-10 17:57:00

was für ein Leben - 5 Sterne

In "Schwebende Lasten" erzählt uns die Autorin Annett Gröschner vom Leben einer starken Frau. 

Hanna Krause verliert schon mit vier Jahren ihre Mutter. Der Vater war vorher schon aus ihrem Leben verschwunden, also werden Hanna und ihre zwei Jahre ältere Schwester Liese schon sehr früh zu Vollwaisen. Außer den beiden erwachsenen Halbschwestern Margarete und Rose haben sie nun keine Familie mehr. Rose und ihr Mann Walter nehmen die Mädchen bei sich auf und lassen die beiden in den kommenden Jahren in ihrem Blumenladen mitarbeiten. Obwohl das Leben bei Rose und Walter ziemlich lieblos ist, ist Hanna zufrieden , denn sie liebt die Arbeit im Blumenladen und diese Leidenschaft für Blumen wird sie durch ihr gesamtes Leben begleiten. 

Und dieses Leben war von Anfang an nicht leicht, sie wird ziemlich herumgestoßen, lebt zwischendurch eine Weile in Berlin bei ihrer zweiten Halbschwester Margarete, kommt dann wieder zurück nach Magdeburg, lernt ihren späteren Mann Karl kennen, die beiden heiraten, bekommen mehrere Kinder, irgendwie hat man das Gefühl, Hanna ist dauerschwanger, worüber sie auch teilweise ziemlich unglücklich ist. Karl ist ihr mit den Jahren auch nicht gerade eine große Hilfe, das meiste bleibt immer an Hanna hängen. Trotz ihres beschwerlichen Lebens kann sie sich eines Tages tatsächlich ihren größten Traum vom eigenen Blumenladen erfüllen. Doch leider ist auch dieses kleine Glück nicht von Dauer, es folgt die schlimme Kriegszeit, Hunger, Sorgen, jeder Tag wird zum Kampf ums Überleben für Hanna und ihre Familie. Doch Hanna verliert sogar in den schlimmsten Zeiten nie den Mut und die Zuversicht, dass es schon irgendwie weitergeht. Sie nimmt sogar einen Job als Kranführerin an, obwohl ihr das anfangs nicht gerade leichtfällt. 
Auch nach dem Krieg wird Hannas Leben nie wirklich leicht, es warten noch sehr viele Herausforderungen auf sie und man fragt sich beim Lesen oft "wie kann ein Mensch so viele schlimme Schicksalsschläge und Entbehrungen ertragen und doch immer noch so positiv sein?"
Hanna hat mich sehr an meine Oma erinnert, die ebenfalls diese schlimmen Zeiten miterlebt hat, sie hat mir oft davon erzählt und ihr Leben war dem von Hanna schon sehr ähnlich. Vielleicht hat mich dieses Buch auch deshalb so oft zum Weinen gebracht. Hannas Kindheit, der Krieg, die vielen schlimmen Verluste , die ganze Verantwortung , die immer nur auf ihr lastete , ein langes Leben , das die meiste Zeit ein Kampf war. Und trotzdem hat sie nie aufgegeben, hat nie gejammert über ihr Schicksal, hatte für jeden Verständnis, auch, wenn man sie oft richtig lieblos behandelt hat.

Hannas Liebe zu Blumen war wie ein roter Faden, der sich durch die ganze Geschichte zog, jedes Kapitel begann auch mit der Beschreibung einer Pflanze, dadurch wurde das ganze etwas aufgelockert, es war direkt spürbar, dass diese Leidenschaft ihr Trost durch viele schwere Zeiten gab.

Ein trauriges , herzzerreißendes Buch , das mich garantiert noch sehr lange beschäftigen wird. Von mir eine klare Leseempfehlung, aber unbedingt Taschentücher bereitlegen, es ist keine leichte Kost.
von PeLi - 2025-03-31 19:43:00