Icon Kontrast wechseln

Rezensionen

Am Himmel die Flüsse
Roman

Autor: Elif Shafak

Erschienen 2024 bei Hanser, Carl;Viking
ISBN 978-3-446-28008-3
Rezension verfassen

Gesellschaftspolitisch sehr wertvoll - 5 Sterne

"Elif Shafak gehört zu einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen dieser Zeit" - das bestätige ich. Mir sind bereits einige Romane dieser Schriftstellerin bekannt, meist thematisiert sie gesellschaftspolitische Themen auf einer künstlichen Ebene. So auch hier: dieser Roman gehört definitiv mit viel Herz gelesen in das eigene Bücherregal.

Dieser Roman wird aus der Sicht von drei Protagonisten erzählt. Die Charaktere leben in verschiedenen Ländern, könnten unterschiedlicher nicht aufgewachsen sein, die Vergangenheit und Gegenwart trennt sie voneinander und doch gibt es ein zentrales Element, welches diese verbindet: Wasser ob in der Form von Regen, Flüssen und Meeren.
Das literarische Meisterwerk von Shafak ist es jedoch, zentrale Themen wie Kulturgüter, Religion, Terrorismus, Kolonialismus, usw zu thematisieren und in den Roman einzubetten.

Da ich nicht zu viel Spoilern möchte, höre ich an diesem Punkt mit der Rezension auf und kann nur sagen: dieses Buch beeindruckt mich zutiefst und ist eine klare Leseempfehlung meinerseits.
von xx - 2024-11-15 15:22:00

Ein Roman, der berührt - 5 Sterne

Elif Shafak erzählt die Geschichte dreier ganz verschiedener Menschen, deren Leben aber dennoch verwoben sind, auch, aber nicht nur durch einen Regentropfen, der bereits dem assyrischen König Assurbanipal ins Haar gefallen war.

Arthur wird 1840 zwar in bittere Armut geboren aber mit erstaunlichen Fähigkeiten. Schon früh entwickelt er ein großes Interesse für die assyrische Stadt Ninive. 2014 lebt das ezidische Mädchen Narin mit ihrer Großmutter in Hasankeyf, doch ihre Heimat soll einem Staudamm weichen. 2018 treffen wir die Hydrologin Zaleekhah, die jung ihre Eltern verloren hat und bei ihrem Onkel aufwuchs.

Elif Shafaks Roman hat mich schnell gefangengenommen, besonders Arthur und Narin wuchsen mir schnell ans Herz, während das bei Zaleekhah nicht ganz gelang. Arthur ist der einzige, dessen Leben wir von Anfang bis zum Ende miterleben, es ist einzigartig, und hat, wie wir im Anhang erfahren, sogar ein reales Vorbild. Ein Thema des Romans ist Wasser, dem oben genannten Regentropfen werden wir noch öfter begegnen, das alte Mesopotamien, das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris ist immer wieder Thema, ebenso die Themse und die vielen verborgenen Flüsse, wie es sie nicht nur in London gibt. Ein anderes Thema sind die Eziden und ihr Schicksal, das auch heute noch schlimme Auswirkungen hat. Dies alles ist so gelungen miteinander verbunden wie die Leben der drei Protagonist:innen.

Erzählt wird sehr eingängig, bildhaft und teilweise poetisch. Auch die Charaktere konnte ich mir sehr gut vorstellen, auch wenn nicht alle tiefgängig gezeichnet sind. Der Roman enthält zusätzlich ein paar Illustrationen, die vor allem die antiken Statuen und Texte betreffen. Sehr lesenswert sind auch die Anmerkungen der Autorin.

Am Ende wird man vielleicht manches anders sehen, hat einiges gelernt und ist emotional berührt.

Elif Shafak ist ein Name, den ich mir merken werden. Ihr Roman hat mich sehr berührt und wird lange nachhallen.
von PMelittaM - 2024-10-18 20:39:00

Am Himmel die Flüsse - 5 Sterne

Der neue Roman der türkisch-britischen Autorin Elif Shafak ist ein monumentales Werk, das uns auf knapp 600 Seiten in die Welt der Märchen entführt, dabei aber erschreckend genial an der Wirklichkeit vorbeizieht: „Am Himmel die Flüsse“ ist der poetische Titel des Buches, das Vergangenheit und Gegenwart verknüpft und drei Lebensstränge miteinander verbindet, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben können – oder doch? Es ist ein kleiner Wassertropfen - das uns allen so notwenige Lebenselixier -, der die Brücke schlägt zwischen den Flüssen Tigris und Themse, der an die Verfolgung der Jesiden im Jahre 2014 ebenso erinnert wie an den - an einer realen historischen Person angelehnten – Forscher namens Arthur Smyth im London des 19.Jhs. Es ist kein leichtes Unterfangen, die so umfangreiche wie spannende Erzählung mit ihren zahlreichen Wendungen, oft überraschenden Elementen und ihren – die drei Lebensstränge verbindenden - Assoziationen in wenigen Worten zu schildern, ohne zu viel zu verraten, was Narin, das jesidische Mädchen, mit dem englischen Forscher Arthur und schließlich mit der britischen Hydrologin und Wissenschaftlerin mit irakischen Wurzeln, Zaleekhah Clarke, eint. Deshalb möchte ich empfehlen, das Buch selbst in die Hand zu nehmen, um sich auf das spannende Märchen einzulassen, das Zeiten und Kontinente zusammenbringt, wobei alles mit einem Regentropfen beginnt, der als Wassermolekül ein Gedächtnis besitzt und nach seiner Verdunstung zum Himmel aufsteigt, um schließlich zu einem späteren Zeitpunkt wieder zur Erde zu fallen, um sie zu befruchten. Einer dieser Wassertropfen fällt in London im Jahre 1840 in Form einer Schneeflocke in den Mund des kleinen neugeborenen Arthur Smyth, der später der „König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere“ genannt wird. Aus ihm wird jedoch ein berühmter Forscher werden, dessen Leidenschaft die Entzifferung des bislang verschollen geglaubten Gilgamesch-Epos ist, in dem es heißt: „Der die Tiefe sah ...Einen weiten Weg legte er zurück, müde und erschöpft. All seine Mühsal ist niedergeschrieben auf einem Gedenkstein ..“. Die Gegend, in die Arthur reist, um die Ausgrabungen in Ninive zu leiten, ist die Heimat der zweiten Hauptfigur, nämlich des 14jährigen Mädchens Narin, die viele Jahre nach Arthur hier lebt und Zeugin des Massakers an den Jesiden im Jahre 2014 wird: In der muslimischen Welt gelten die Jesiden als „Teufelsanbeter“ und werden insbesondere von den IS-Kämpfern grausam verfolgt und zu Tausenden vernichtet. Auch hier ist es das Wasser, das sich erinnert, denn die vergessenen Flüsse, die aber ihrerseits „am Himmel“ das Gedächtnis über Jahrhunderte hinweg bewahren, zeigen den Menschen ihren Ursprung wie auch ihre Bestimmung: Dies scheint besonders die dritte Hauptfigur, die Wissenschaftlerin Zaleekhah, zu betreffen, denn deren Verhältnis zum Wasser – obgleich sie sich als Hydrologin dessen Untersuchung verschrieben hat – bleibt ein zwiespältiges, da ihre Eltern in den Wasserfluten ertrunken sind. Zaleekhah versucht, die Flüsse zu verstehen, auf ihre durch Menschen verschuldete Verschmutzung und Verbauung hinzuweisen.
Schauplätze des Romans sind das London des 19. Jhs. wie auch das osmanische Konstantinopel, sind die Wohnräume der verfolgten Jesiden wie die Heimat des Gilgamesch-Epos in Ninive. Außerdem kehren wir durch die Hydrologin schließlich nach London zurück – in eine Metropole, nunmehr im 21.Jh. Wie diese kurzen Hinweise auf die Lektüre verraten, ist „Am Himmel die Flüsse“ ein geeigneter Schmöker für lange Herbstabende, die bekanntlich zum Nachdenken einladen und zum Eintauchen in eine Vergangenheit, die unsere Gegenwart prägt. Was mich beim Lesen besonders beeindruckt hat, sind die spannenden geschichtlichen Hintergründe sowie die Vielschichtigkeit der Charaktere und das Zusammenfließen der Handlungsstränge in ein faszinierendes Mosaik, das einerseits der Schönheit huldigt, die jedem Leben innewohnt – versinnbildlicht durch den Wassertropfen, der die Erinnerung bewahrt – und andererseits auf die Gefahr hinweist, welche die Klimakrise für unsere Lebensressourcen wie Wasser darstellt: „Heute – so erklärt Zaleekah im Roman - gibt sie die Daten des Tigris ein. (…) Der bogenförmige Bereich zwischen Mittelmeer und Persischem Golf trocknet in rasantem Tempo aus. Das größte Feuchtgebiet des Nahen Ostens, das sich der Irak, der Iran, Syrien und die Türkei teilen, liegt mitsamt seinem Ökosystem im Sterben." Trotz dieser brennenden Themen ist das Buch kein wütendes Pamphlet, sondern lädt ein, uns der Verantwortung bewusst zu werden, die wir den Flüssen gegenüber haben; so schreibt der Archäologe Arthur, die zweite Hauptfigur: „Endlich habe ich meine Berufung gefunden: Es ist meine Pflicht, das Zerbrochene zusammenzufügen, den Menschen zu helfen, sich an das zu erinnern, was jahrhundertelang vergessen war, und das, was irgendwo auf dem Weg durch jene Zeit verloren gegangen ist, wiederzufinden.“ Schließen möchte ich mit der wunderbaren Botschaft der Autorin selbst an uns Lesende: „Wir formen aus unseren Träumen größere oder kleinere Gegenstände. Gefühle, die wir zwar haben, aber nicht akzeptieren, versuchen wir durch Dinge auszudrücken, die wir erschaffen – darauf vertrauend, dass sie uns überleben und etwas von uns durch die Schichten der Zeit transportieren, so wie Wasser den Fels durchsickert. Auf diese Art sagen wir zu den folgenden Generationen, denen wir nie begegnen werden: 'Denkt an uns!' (…) Wir schaffen Kunst, um eine Spur für die Zukunft zu hinterlassen, eine kleine Krümmung im Fluss der Geschichten, der viel zu schnell fließt und viel zu wild ist, als dass wir ihn erfassen könnten.“ – Welch schönere Aufgabe kann Literatur haben, als „am Himmel die Flüsse“ lebendig werden zu lassen?
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2024-10-16 17:33:30

Alle Wege führen übers Wasser - 4 Sterne

Arthur hat ein besonderes Talent - sein Erinnerungsvermögen ist außergewöhnlich, jeder Tag seines Lebens ist ihm geistig präsent. Geboren in Londons Armenvierteln des 19. Jahrhunderts, verschafft ihm seine Gabe im Laufe der Zeit gesellschaftlichen Aufstieg. Alles was er will, ist Ninive zu erforschen, jene Stadt Mesopotamiens, die durch steinerne und tönerne Artefakte der Nachwelt erhalten geblieben ist und dessen gefundene und geborgene Schätze die Aufmerksamkeit der interessierten englischen Bevölkerung auf sich zieht. Arthur kann sich die Keilschrift beibringen und erhält den Auftrag des British Museums hunderte Tontafeln zu enträtseln. Nach einer sensationellen Entdeckung scheint Arthur sein Ziel erreicht zu haben: er wird beauftragt, in sein umträumtes Mesopotamien zu reisen, um dort fehlende Textbausteine zu suchen.

Gut 150 Jahre später entdeckt die neunjährige Jesidin Narin auf einem alten Friedhof am Tigris den Grabstein des Engländers und fragt sich, was es mit diesem "König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere" auf sich hat. Wie ist ihr Schicksal miteinander verbunden?

Auch die Hydrologin Zaleekah scheint mit den beiden ein Band zu haben, aber das ist lange nicht ersichtlich. Sie kämpft mit der Trennung von ihrem Mann und mit den Erwartungen ihrer Familie, welche sie scheinbar nicht erfüllen kann. Was alle vereint ist ein einziger Tropfen Wasser.

Elif Shafak schafft in "Am Himmel die Flüsse" einen einfühlsamen und schönsprachigen Roman, der durch die unterschiedlichen Zeiten springt und die drei Handlungsebenen schlussendlich stimmig miteinander vereint. Alle Protagonist:innen werden zeitgenössisch portraitiert, sodass es ein Leichtes ist, sich in deren Situation hineinzuversetzen. Die Sprache Shafaks ist oft tiefgründig und philosophisch, oft regt sie zum Nachdenken an. Einer der vielen Beispiele: "Arthur kommt der Verdacht, dass wir mit dem Wort Kultur das wenige bezeichnen, das wir vor einem Verlust retten konnten, an den sich niemand erinnern will." (S. 423)

Vor allem die Geschichte um Arthur, die am ausführlichsten erzählt wird, hat mich in den Bann gezogen. Spannend ist, dass seine Figur eine reale, historische Person als Vorbild hat, auch weitere Protagonist:innen sind an historische Persönlichkeiten angelehnt, wie uns die Autorin im Nachwort ausführlich wissen lässt. Nichtsdestotrotz hat der Roman seine Längen. Besonders die Geschichte um Narin enthält viele Schilderungen, welche die Jesidische Kultur erklären. Zwar finde ich das grundsätzlich äußerst interessant, hier hat mich die Autorin aber aufgrund des Detailreichtums um den (Aber-)Glauben oft verloren, ich empfand es als irrsinnig langatmig und musste das Buch regelmäßig zur Seite legen. Oft habe ich mich gefragt, weshalb sich die Autorin dazu entschieden hat, drei Charaktere in den Fokus zu nehmen. Besonders Arthur, aber auch Zaleekah hätten einen eigenen Roman verdient, ich hätte gerne noch mehr über sie gewusst. Für dieses Buch hätte ich mir aber manchmal etwas knappere Beschreibungen gewünscht, da etliche Schilderungen für den Fortgang der zusammenhängenden Geschichte nicht unbedingt notwendig gewesen wären und für meinen Geschmack eine gewisse Langatmigkeit geliefert haben.

Die Beobachtungen der unterschiedlichen Kulturen und deren Aufeinandertreffen sind Shafak besonders geglückt und hat mich viel darüber gelehrt. Das Buch ist grundsätzlich sehr lehrreich, neben den Kulturen und der mesopotanischen Geschichte, erfahren die Lesenden auch viel über Wasser und Flüsse und wie der Mensch diese geprägt und/oder versucht hat zu unterdrücken. Im Nachwort erfahren wir, dass die Autorin umfangreich recherchiert hat und setzt das Erzählte somit auf eine fundierte Wissensbasis.

Mein Fazit: Am Himmel die Flüsse ist ein schönsprachiger und gedankenanregender Roman auf drei Erzählebenen, der die drei Schicksale der Protagonist:innen langsam aber stimmig zusammenführt. Ein Stück weit betrachtet er unterschiedliche Kulturen, ist sehr lehrreich und philosophisch, weißt aber durch ab und an auftretenden Detailreichtum auch seine Längen auf. Trotzdem: eine absolute Leseempfehlung!
von Kwinsu - 2024-09-25 14:25:00

Von den Wegen des Wassers und der Hoffnung auf das Gute - 5 Sterne

Elif Shafak schenkt uns mit ihrem Roman „Am Himmel die Flüsse“ oder wie der Titel in der englischen Originalausgabe heißt: „There are Rivers in the Sky“ eine wahrhaft wundersame Geschichte von drei unterschiedlichen Charakteren, die zutiefst berührt.
Zu Grunde liegen wahre Begebenheiten, aus unterschiedlichen Zeiten, Lebensräumen und Religionen, die sich hier aneinanderreihen. Drei Protagonisten begleiten wir in abwechselnder Reihenfolge und lesen, wie sich Ihr Schicksal mit zartem Band miteinander verknüpft.
Wir lernen viel vom Gilgamesch Epos, besuchen die mesopotamische Stadt Ninive am Ufer des Tigris im heutigen Irak, erfahren über das traurige Schicksal der Eziden, sind aber auch in London, an den Ufern der Themse, die in den vergangenen Jahrhunderten als Abwasserkanal diente und springen in das London der Neuzeit mit modernster Forschungstechnologie, ganz speziell im Hinblick auf das Wasser!
Bei all diesen Themen ist es kaum erstaunlich, dass dieses Buch viele politische Ansätze hat und mit recht! Nur der aufgeklärte Mensch kann Schlimmeres verhindern und leider ist unsere Welt voll davon. Lest also dieses Buch, das von Michaela Grabinger so hervorragend übersetzt wurde und seit offen und mutig!
von evaki - 2024-09-19 14:57:00

Der ewige Regentropfen - 5 Sterne

Vor über 600 Jahren v. Chr. beginnt die Geschichte eines Regentropfens, in Mesopotamien, einem Gebiet im Westen Asiens, zwischen Euphrat und Tigris. Dort regierte der König Assurbanipal in der Hauptstadt Ninive. Hier fällt ein Regentropfen vom Himmel, der direkt im Haar des Königs landet.
Die Autorin Elif Shafak beobachtet diesen Tropfen und erzählt davon, wie er an verschiedenen Orten in drei ganz unterschiedlichen und eigenständigen Geschichten in Vergangenheit und Gegenwart immer wieder in veränderten Formen auftaucht.
Es ist fast genial, wie es Shafak gelingt, fast von Anfang an ganz langsam und vorsichtig ein Netz zu spinnen, das die Leben der drei Hauptprotagonisten miteinander verbindet, um daraus eine einzige große Geschichte entstehen zu lassen.
Mit einer spannenden Reise in die Vergangenheit habe ich nicht nur den armen, aber wissbegierigen und ehrgeizigen Jungen Arthur, sondern auch Grundlegendes zum Gilgamesch-Epos kennengelernt.
Fast wie in der Vergangenheit fühle ich mich in der Gegenwartsgeschichte von Narin und ihrer Großmutter. Durch sie habe ich viel über den ezidischen Glauben erfahren, und von den Geschichten aus uralter Zeit und den Weisheiten der Großmutter habe ich mich gern in eine märchenhafte Welt entführen lassen. Auf der anderen Seite gab es hier aber auch eine grausame Realität, die mich wegen ihrer Aktualität erschüttert und nachdenklich macht.
Die Hydrologin Zaleekhah konnte mich begeistern mit ihrem Wissen, vor allem über verlorene Flüsse. Denke ich an ihre Freundschaft mit der wunderbaren Nen, dann staune ich, welche eigenen Wege das Schicksal manchmal geht. Auch hier wird die Gegenwart, in der die beiden leben, mit der Vergangenheit verflochten.
Ich habe dieses Buch und damit auch die Autorin mit ihrem wunderbaren und unvergleichlichen Schreibstil sofort ins Herz geschlossen und ihren Namen der Liste meiner Lieblingsautor*innen zugefügt. Gern gebe ich meine volle Leseempfehlung.

von liesmal - 2024-09-07 13:00:00

Ein Wassertropfen reist durch die Zeit und um die Welt - 4 Sterne

In Elif Shafaks neuem Buch “Am Himmel die Flüsse“ geht es um drei wichtige Personen auf verschiedenen Zeitebenen und das zentrale Element Wasser. Das 9jährige ezidische Mädchen Narin soll 2014 am Tigris in der Türkei nach traditionellen Riten im Fluss getauft werden. Die Wasserforscherin Zaleekha betreibt ihre Forschungen 2018, und ein armer Engländer namens Arthur, "König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere", lebt Mitte des 19. Jahrhunderts in äußerster Armut am Ufer der Themse. Sein Grab findet Narin in der Nähe der Grabstätte ihrer Ururgroßmutter Leila. Auch Assurbanipal, ein mächtiger, grausamer König von Mesopotamien in der Urzeit spielt eine Rolle ebenso wie das Gilgamesch-Epos, verfasst vor rund 5000 Jahren und eine der ältesten Dichtungen der Welt. Das Element, das sie alle verbinden soll, ist Wasser, genauer gesagt ein Wassertropfen, der immer wieder neue Erscheinungsformen annimmt, in dieser Geschichte fast personifiziert wirkt. Es geht um Vergangenheit und Gegenwart, um die Folgen uralter Konflikte und Geheimnisse, die noch nicht aufgedeckt wurden.
Shafaks Geschichte ist nicht leicht zu lesen. Der Roman ist sehr umfangreich, sehr detailliert, und mich stören sprachliche Manierismen. Die Wortwahl wirkt auf mich teilweise merkwürdig versponnen, die Ausdrucksweise ein wenig gestelzt. Dennoch ist das Werk schon beeindruckend und empfehlenswert, vor allem weil es Massaker zur Sprache bringt, die nicht nur in vergangenen Jahrhunderten begangen wurden, sondern zum Beispiel noch 2014 unbeachtet vor den Augen der Welt stattfanden. Die Autorin thematisiert außerdem immer wieder die Frage, welches Recht europäische Länder hatten und haben, bei Ausgrabungen entdeckte Kunstschätze außer Landes zu schaffen, in Museen auszustellen oder für große Summen an reiche Sammler zu verkaufen. Insgesamt ist "Am Himmel die Flüsse" eine lohnende Lektüre, aber man braucht ein wenig Ausdauer.
von cosmea - 2024-09-01 16:32:00

Highlight - 5 Sterne

Dieses Buch ist einfach wunderbar. Elif Shafak verknüpft sehr geschickt unterschiedliche Zeitebenen und Biographien und es gibt immer wieder verbindende Elemente wie das antike Mesopotamien und das Reich der Assyrer und die Tontafeln in Keilschrift, aber über allem steht natürlich das Thema Wasser. Deswegen fand ich das Zitat auf Seite 148 auch so bezeichnend: "Die Klimakrise ist im Grunde eine Wasserkrise". Darum begleitet uns durch das Buch auch immer wieder ein Tropfen Wasser, der alle Protagonisten "trifft".
Ich fand die Verbindung von London im 19. Jahrhundert zur Zeit der Hochindustrialisierung und der großen Verarmung sowie der immensen Umweltverschmutzung mit dem heutigen London und die Geschichte am Ufer des Tigris mit dem drohenden Dammbau sehr geschickt gemacht und ich mochte auch die immer wieder eingestreuten Zusatzinformationen sehr.
Ich habe jede einzelne Zeile dieses Buches genossen.
von Gavroche - 2024-08-27 18:09:00

Ein berührendes Buch, reich gefüllt mit Weisheiten, Fakten und Wissen - 5 Sterne

„Am Himmel die Flüsse“ ist ein sehr intensives Buch der britisch-türkischen Autorin Elif Shafak.

Das Buch umfasst drei Erzählstränge. In dem einem geht es um Arthur, der im 19. Jahrhundert in einem Elendsviertel von London aufwächst. Die anderen beiden sind im 21. Jahrhundert angesiedelt. Die neunjährige Narim wächst bei ihrer Großmutter am Ufer des Tigris auf und und Zaleekhah lebt - nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hat - in einem Hausboot am Ufer der Themse.

Zunächst war mir vollkommen unklar, wie die Autorin das Leben der drei Protagonisten - in unterschiedlichen Orten zu verschiedenen Zeiten - zusammenführen will. Das gelingt ihr mit Hilfe eines Wassertropfens, der sich auf eine jahrelange Reise macht und sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht.

Die Sprache der Autorin ist poetisch und bildhaft. Gleichzeitig bringt sie durch die Lebensgeschichten Weisheiten und Wissen mit ein, so dass man beim Lesen zum Nachdenken und Recherchieren angeregt wird. Die Themen sind nicht einfach, es geht um die Klimakrise, Völkermord, Organhandel, den Wert von Kunstschätzen und vieles mehr.

Die Handlung ist fiktiv, das Leben der Protagonisten frei erfunden, aber die Fakten, die dahinter liegen, beruhen auf Tatsachen. Man merkt beim Lesen, dass Elif Shafak ausgiebig recherchiert haben muss und ihr Nachwort bestätigt dies.

Jedes Kapitel beginnt mit dem Namen des Protagonisten, Ort, Zeit und einem O oder einem H. Diese beiden Buchstaben fügen sich am Ende gelungen zusammen. Eine Kleinigkeit, die mich begeistert hat.

Das Buch ist aber nicht nur inhaltlich grandios, sondern auch optisch. Hier stimmt jedes Detail und ich denke, dass man das Buch mehr als einmal lesen muss, um alles zu erfassen. Zwischen den Absätzen befindet sich ein Wassertropfen und vereinzelte kleine Illustrationen runden den Roman gelungen ab.

Abschießend gibt es eine Übersicht über die Reise eines Wassertropfens mit seiner Verweildauer, die so interessant und lehrreich sind wie auch das gesamte Buch.

Mich hat dieser kunstvoll erzählte Roman, in dem Fiktion und Fakten grandios miteinander verwoben wurden, berührt, gefesselt und stark beeindruckt, so dass ich ihn sicherlich noch lange im Gedächtnis behalten werde.
von Tara - 2024-08-25 20:33:00

Wasser zeigt die Verbindungen zwischen Orten und Zeiten - 5 Sterne

"Am Himmel die Flüsse", das neue Buch der britisch-türkischen, international aufgewachsenen und mit vielen Literaturpreisen ausgezeichneten Schriftstellerin Elif Shafak, ist ein ganz besonderes literarisches Werk.

Es geht um die Verbundenheit von allem und allen auf dieser Welt, metaphorisch dargestellt durch das Wasser, das in seinen vielfältigen Formen, ob als Wassertropfen, unterirdischer Fluss oder überwältigende Sturzflut, menschliche Schicksale und Zeiten miteinander verknüpft.

Beginnend mit der Geschichte des Herrschers Assurbanipal im antiken Ninive begleiten wir schließlich den hochbegabten, aber in bitterste Not hineingeborenen Arthur, den "König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere", auf seinem Lebensweg in der Zeit der Industrialisierung, genauso wie im Jahr 2014 die 9-jährige Narin auf dem Weg zu ihrer Taufe ins Lalischtal, begleitet von ihrer liebevollen, geschichtenerzählenden Großmutter, sowie eine junge Hydrologin in London im Jahr 2018... und einen Wassertropfen auf seiner Reise durch die Weltregionen und die Jahrtausende.

Was macht für mich ein literarisches Meisterwerk aus?

Erstens die ganz besonders schöne, poetische Sprache: ein Buch, das schon mit seiner Wortwahl ein besonderer Lesegenuss ist und mit treffend gewählten Sprachbildern die Fantasie anregt. Davon findet sich ganz viel in diesem Buch, hier ein paar Beispiele:

"Die Kinder entwurzelter Eltern sind in den Stamm des Erinnerns hineingeboren."

"Arthur weiß inzwischen, dass die Grenzen zwischen Klassen in Wirklichkeit die Grenzen auf einer Landkarte sind. Wenn man in einer reichen und privilegierten Familie zur Welt kommt, erbt man einen Plan, auf dem der weitere Weg vorgezeichnet ist, der Abkürzungen und Nebenwege enthält, und der die üppig grünen Täler, in denen man rasten kann, ebenso nennt wie die schwierigen Stellen, die man besser umgeht. Wer die Welt ohne eine solche Karte betrifft, dem fehlt es an guter Orientierung. Der kommt viel leichter von seinem Weg ab, weil er auf vermeintliche Haine und Gärten zugeht, um schließlich festzustellen, dass er in Sumpf und Moor gelandet ist."

"Endlich habe ich meine Berufung gefunden: Es ist meine Pflicht, das Zerbrochene zusammenzufügen, den Menschen zu helfen, sich an das zu erinnern, was jahrhundertelang vergessen war, und das, was irgendwo auf dem Weg durch jene Zeit verloren gegangen war, wiederzufinden. Ich möchte wie die Themse sein. Ich werde mich um alles Weggeworfene, Beschädigte, Vergessene kümmern."

Mit solchen Sprachbildern ist das Buch voll.

Zweitens die komplexen, gut recherchierten und miteinander verbundenen Themen:

Beim Lesen dieses Buches kann man nebenbei sehr viel lernen. Zwar sind die Figuren fiktiv, doch das, was diese erleben oder ihnen zustößt, beruht überwiegend auf sehr sorgfältig recherchierten historischen Tatsachen (wie die Autorin im Nachwort auch selbst detailliert beschreibt). Dieses Buch hat mir Wissen über so unterschiedliche Gebiete wie das alte Mesopotamien, London zur Zeit der beginnenden Industrialisierung, das Wassergedächtnis, die vergrabenen unterirdischen Flüsse von London, Paris und vielen weiteren Metropolen (auch in Wien gibt es solche), den Völkermord an den Eziden in der Geschichte des osmanischen Reiches sowie durch den IS, Organhandel, die Klimakrise auch als Wasserkrise, die Problematik des Verschleppens von Kunstschätzen in ferne Museen und vieles mehr vermittelt, einfach so nebenbei beim Lesen.

Drittens das Bewusstsein für soziale und kulturelle Unterschiede, Benachteiligungen und Privilegien und wie sie die Möglichkeiten der einzelnen Menschen und ihre Weltsicht prägen. Das Buch zeigt etwa an vielen Beispielen (siehe z.B. das mittlere Zitat oben) auf, wie die eigene soziale Schicht und der eigene kulturelle und familiäre Hintergrund Türen öffnet oder schließt, wie schwierig es sein kann, diesem Hintergrund zu entfliehen und wie wenig Bewusstsein auf Seiten der Privilegierten dafür oft besteht, sowohl historisch als auch in der heutigen Zeit. Damit bietet das Buch viel Stoff zum kritischen Reflektieren und auch für Diskussionen mit anderen und eignet sich dadurch auch besonders gut für gemeinsame Leserunden.

Viertens authentisch gezeichnete, tiefgründige und facettenreiche Figuren und eine spannend erzählte Geschichte. Dieses Buch hat mich gepackt, wie schon länger keines mehr, und als ich die liebevoll gezeichneten Figuren einmal kennen gelernt hatte, war ich sehr schnell emotional tief mit ihnen und ihrem Schicksal verbunden, habe mitgefiebert und wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Bis zum Ende, das die verschiedenen Handlungsstränge noch einmal geschickt miteinander verwebt, war das Buch absolut fesselnd.

Es handelt sich hierbei also um ein literarisches Meisterwerk, wie ich schon länger keines mehr gelesen habe. Im Klappentext findet sich die Aussage des Schriftstellers Hanif Kureishi, es handle sich bei Elif Shafak um "eine der besten Schriftstellerinnen der Welt" - dem kann ich absolut zustimmen und werde definitiv noch weitere Bücher von ihr lesen.

Empfehlen kann ich das Buch allen, die sich für wirklich gute Literatur und/oder für die angesprochenen Themen interessieren, dieses Buch ist wirklich ein besonderer Lesegenuss.

Nötig ist allerdings, sich innerlich auch für sehr schwierige Themen menschlicher Grausamkeit zu wappnen: diese hat es in der Geschichte immer wieder gegeben, es gibt sie leider bis heute, und sie kommen auch detailliert im Buch vor.

Das macht beim Lesen gerade deshalb emotional besonders betroffen, weil es aufgrund der gut recherchierten wahren Hintergründe eben nicht möglich ist, sich mit der Vorstellung, es sei nur eine Geschichte, davon zu distanzieren: schreckliche Dinge werden Menschen, Tieren und der Natur durch andere Menschen angetan, bis zum heutigen Tag, und Elif Shafak spricht das klar und mutig an.

Es ist also trotz der schönen, poetischen Sprache und der spannenden Geschichte nicht nur ein reiner Lesegenuss, sondern macht auch sehr nachdenklich und sensibilisiert für das Leid der Welt und für das, was Menschen, Tieren und Natur angetan wird, bis zum heutigen Tage. Damit kann es aber auch aufrütteln, sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten für eine bessere Welt einzusetzen.
von Eternal-Hope - 2024-08-25 07:39:00