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Rezensionen

Als wir Schwäne waren
Roman

Autor: Behzad Karim Khani

Erschienen 2024 bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
ISBN 978-3-446-28142-4
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Ein literarisch herausragendes Buch über das Leben der zweiten Generation - 5 Sterne

Mit seinen gebildeten Eltern flieht Reza mit 10 Jahren aus dem Iran nach Deutschland. Integration im Plattenbau bedeutet die Hinwendung zu Gewalt und Kriminalität. Kann Wut und Gewalt die Antwort sein auf das Gefühl der Fremdheit in einem Land, das denen, die es aufgenommen hat, die Würde nimmt?

Eine bittere, sehr persönliche Abrechnung und ein literarisch herausragendes Buch, das sprachlich und inhaltlich seinesgleichen sucht.
von Ina Cassik - 2025-03-02 08:51:53

Als wir Schwäne waren - 5 Sterne

Mit „Als wir Schwäne waren“ legt Behzad Karim Khani das „Heimatbuch eines Heimatlosen“ vor, erzählt von der Flucht seiner Eltern aus dem Iran nach Deutschland. Der Autor beschreibt die Enge der Siedlung, in der er seine Kindheit im Ruhrgebiet verbracht hat; auf den Straßen herrscht Gewalt und das Recht des Stärkeren, denn „Du bist Gast hier!“ lautet die ständige vorwurfsvolle Drohung. Doch was hat es mit den titelgebenden Schwänen auf sich? Bei einem Ausflug zum Kaspischen Meer zeigt der Vater dem Erzähler, dem Jungen Reza, Schwäne. Damals lebte die Familie noch im Iran, wo er die großen weißen Vögel nie gesehen hatte, wo man leise sein musste, um die Tiere nicht aufzuschrecken – er kannte sie nur aus den europäischen Märchen und als Porzellanfigur bei seiner Großmutter. In Deutschland aber, in Bochum, wohin Reza mit seinen Eltern geflohen war, hockten die Schwäne sorglos an einem künstlich angelegten See. Die Schwäne werden zur Metapher für eine Flucht, die zum Neuanfang hätte führen sollen – sie dienen als Parabel für das Glück, das unschuldig „weiß“ wie die Schwäne scheint, aber ebenso in seine Umkehrung kippen kann: „Was, wenn Glück schwerhörig macht, faul und flugunfähig?“, fragt der Ich-Erzähler.

Behzad Karim Khani sinniert in diesem, übrigens seinem zweiten Roman über die eigene Jugend, über die Spirale an Gewalt und Kriminalität, die sein Leben geprägt haben. Interessant finde ich den Beginn des Buches, als der Autor in einer Art Vorwort ein „Du“ anspricht, sich an den Sohn des Erzählers wendet und mit dem Wunsch nach „einer Möglichkeit von Heimat“ schließt. Doch es geht nicht um eine intellektuelle „Idee der Heimat“, denn er erklärt: „Schon gar nicht will ich dir dieses Land als Heimat nahelegen.“ Er möchte, dass der Sohn wählen könne. „Dass in dir mehr steckt als in mir. Mehr als immer dieselbe Antwort.“

Der kurzweilige Roman besteht aus drei Teilen, in denen wir dem Werdegang des Erzählers folgen: Im ersten Teil erfahren wir von seinen Erfahrungen in der Grundschule, wo er sich an den Kämpfen auf der Straße beteiligt… „Und dann versiegt unsere Kindheit“, heißt es gegen Ende. Im zweiten Teil geht er aufs Gymnasium, von dem türkischen Mädchen in seiner Stufe hält er sich fern. „Es ist einfacher, der eine Ausländer zu sein, als einer der Ausländer, glaube ich.“ Der dritte Teil erzählt einerseits seine Radikalisierung, wenn Reza erkennt, dass „Angst, Schrecken und Furcht stabilere Währungen“ seien als Liebe, Vertrauen oder Freundschaft. Andererseits geschieht hier der Schritt heraus aus dem Strudel der Gewalt, des Dealens und Betrügens. Auf dieser Stufe wird der Erzähler von einer Therapeutin unterstützt. Immer finden sich kluge Anmerkungen, die auch nach der Lektüre nachhallen, etwa wenn es an einer Stelle heißt: „Es gibt Anfänge nicht. Zusammenhänge nicht. Vor allem gibt es Ordnung nicht und Verknüpfungen machen wir immer erst hinterher, aber auf Hinterher ist kein Verlass.“

Mit feiner Ironie deutet Behzad Karim Khani auf die unterschwellige Problematik ausländischer Herkunft hin, als zwei Roma-Familien ins Viertel ziehen, die alle Regeln ignorieren. „Vater glaubt, dass die Roma der Grund sind, weshalb wir jetzt das kleinere Übel für unsere noch dagebliebenen deutschen Nachbarn darstellen, und dafür, dass sie uns jetzt hin und wieder grüßen, weshalb er die Deutschen zu verachten beginnt.“ Gerade das macht „Als wir Schwäne waren“ aus: der Blick wird von den Migranten und deren Verhalten, wie es in die Medien zu gerne an den Pranger gestellt wird, abgewendet hin zu den „Einheimischen“, zu den „Deutschen“, in dem Land, „wo man nicht aus Zucker ist. Keine Müdigkeit vorschützt, Nägel mit Köpfen macht und sich nicht zwei Mal bitten lässt. Wo man schließlich nicht blöd ist. Wo sicher sicher ist und Geiz geil. Wo »Du bist Gast hier!« eine Drohung ist. Wo ja jeder kommen kann. Wo man B sagen muss, weil man A gesagt hat, und ende es in Stalingrad.“ Khani nimmt die Sicht der „Schwäne“ ein, die beobachten, wie sich das Land, das sie aufgenommen hat, verhält: „Hier, wo von nichts nichts kommt“, „wo man keine Müdigkeit vorschützt“, in dem Land, „wo sicher sicher ist und Geiz geil“.

Was das Buch für mich so interessant und auch schmerzhaft gemacht hat, ist, wie Behzad Karim Khani aufzeigt, wie brüchig das gesuchte Glück am Ende einer Flucht vor politischer Verfolgung und Gewaltwillkür scheint, weil die Migranten nie wirklich ankommen, keine wahre Heimat finden. Obwohl einst „Schwäne“, werden sie nun zu Außenseitern der Gesellschaft. Bei allem Schmerz und den vielen Lebenstragödien bleibt der Text behutsam, ohne übertriebenen Pathos, denn der Autor bekennt: „Dass ich in Wirklichkeit eine Gerechtigkeit herstellen wollte, in der nicht ich so heile bin wie alle anderen, sondern alle anderen so kaputt wie ich.“

Der Erzähler kämpft um seine Würde, ist zunächst voll an Wut und Gewalt – erst später erkennt er, dass er einen Weg finden muss, um mit seinen Gefühlen klarzukommen und seine Vergangenheit zu akzeptieren. „Das Merkwürdigste an der Zukunft ist die Vorstellung, dass man unsere Zeit später die gute alte Zeit nennen wird.“ (John Steinbeck). „Als wir Schwäne waren“ erzählt von der „guten alten Zeit“, aber zeigt auch tröstlich die „Deiche des Mutes“ auf: „Wir müssen immerfort Deiche des Mutes bauen gegen die Flut der Furcht“, wie schon Martin Luther King schrieb. Die beginnende Weihnachtszeit erlaubt, Hoffnung zu schöpfen, „weil Trennung manchmal nur Frieden bedeutet und keiner weiteren Komplikationen bedarf“, wie der Autor am Ende des Buches sagt: „Und ich werde immer auf Deutsch schreiben. Mehr Happy End gibt es nicht.“ Ist das nicht eine tröstliche Botschaft unter dem Weihnachtsbaum?
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2024-12-11 18:14:12

Sehr eindrücklich - 5 Sterne

Behzad Karim Khani war bereits mit seinem letzten Buch in aller Munde und nun legt er nach. Auch in diesem Buch geht es wieder um Flucht und ums Ankommen, Fremdsein und Integration, Identitätssuche zwischen Hoffnung und Frust und darüber, unter widrigen Umständen erwachsen zu werden. Gemessen an der Vita des Autors fragt man sich als Leser unwillkürlich, wie viel von ihm selbst in seinem Protagonisten steckt und ob dieser Roman autobiografische Elemente enthält.

Zum Inhalt: Mit nur zehn Jahren flieht ein Junge mit seiner Familie vom Iran nach Deutschland- in eine Bochumer Plattenbausiedlung. Die Abschlüsse der Eltern werden nicht anerkannt, aber sie sind stolz, seine Mutter studiert, während sein Vater Taxi fährt. Dazwischen ein Junge, der in der Gewalt der Siedlung groß wird und seinen Platz sucht an einem Ort, an dem er eigentlich nicht sein will.

Die kurzen, sprung- und episodenhaften Kapitel waren für mich erstmal gewöhnungsbedürftig, gleichzeitig aber total eindrücklich, einfach weil sie sehr echt wirken. Hier wird nichts ausgeschmückt oder geschönt, in klaren, pointierten Worten werden die Erlebnisse und Eindrücke des Protagonisten wiedergegeben.

Neben dem Abrutschen des Protagonisten in eine Szene aus Gewalt, Drogen und halbseidenen Geschäften geht es auch viel um Freundschaft, Familie, Identität und Verlust. Das sind Themen, mit denen vermutlich jeder sich identifizieren kann und die den Protagonisten nahbar und verletzlich machen und im Gegensatz zu seiner nach außen hin getragenen Wut stehen, die zwar eine Berechtigung hat aber nicht wirklich zielgerichtet ist. Und trotzdem bereitet vermutlich genau sie ihm seinem Weg raus aus der Plattenbausiedlung.

Ich habe dieses Buch gern gelesen, es ist auf eine schroffe Art berührend, eine Verkettung unangenehmer Wahrheiten, die man gerne verdrängt. Es ist ein Buch das wach rüttelt, nachdenklich stimmt und auch nach einem Ende noch nachhallt.
von Lies_ein_Buch - 2024-11-10 09:39:00

Enttäuschung von Versprechen - 4 Sterne

Behzad Karim Khani schreibt in seinem neuen Werk über seine Erfahrungen in Deutschland. Er wirft Rückblicke in seine Kindheit und Jugend. Dabei erzählt er ungeschönt, was alles quasi schief gelaufen ist. Er teilt Kritik aus, ist aber dabei fair. Insgesamt gefällt mir, dass man auf jeden Fall bemerkt, dass er diesem Kreis durchbrechen konnte und nicht mehr in dieses Klischee passt. Ich finde es wichtig, dass man Migranten eine Stimme bietet, um diese Klischees zu durchbrechen und zu erkennen, dass es eben nur Klischees sind. Ich bin mir sicher, in zwanzig Jahren werden Syrer und Afghanen (hoffentlich) auch Stimmen bekommen und ihre Geschichten erzählen. Wir sollten alle einfach ein bisschen mehr zuhören und durch die Fehler von den früheren Migrationszügen lernen.

Er beschreibt ausführlich über sein Leben, wie er in Deutschland nie wirklich als vollwertiger Mensch akzeptiert wurde. Egal, in welcher Generation man schon hier lebt. Es wird immer der Italiener, Türke, Araber bleiben. Wenn man das nicht für immer für sich und seine Nachkommen akzeptieren will, ist klar, dass man da radikale Entscheidungen trifft, da er einfach unendlich enttäuscht worden ist. Von den Menschen, von der Regierung...

Das Buch ist ein kleines Mahnmal, was derzeit in Deutschland fatal läuft. Absolut zu empfehlen. Meiner Meinung nach hättees defintiv ein bisschen ausführlicher ausfallen können.
von Jazz - 2024-10-13 12:22:00

Ein steter Kampf um Würde und Stolz - 2 Sterne

Auf "Als wir Schwäne waren" von Behzad Karim Khani bin ich bereits vor einiger Zeit auf der Lesung zu Khanis Debüt "Hund, Wolf, Schakal" aufmerksam geworden. Hier erzählte der Autor, dass er bereits an einem neuen Roman schreibt und sich dabei sehr intensiv mit seinen Traumata auseinandersetzt. So erwartete ich mit Spannung einen eher tiefgründigen, wie sehr persönlichen Roman, der Khanis eigenen Werdegang aufgreift und etwas Nähe zulässt. Der Anfang war dann auch sehr rührend und emotional. Khani schildert einen Vater, der seinem Sohn schreibt, ein ganzes Buch, das erklärt, damit er ihre Geschichte versteht und Verbündete findet. Doch schon zu Beginn dieses Rückblicks auf das Leben des Protagonisten kippt es und es geht mehr oder minder um Gewalt, die "drei Straßenköter", die an ihrer Tür klingeln und nach Essen betteln, der Junge aus der Schule, dem er die Nase bricht, den Vater seines Freundes... "Dann ging er seinem Vater an die Gurgel. Würgte ihn für Turnschuhe. Wir saßen im Kinderzimmer, wollten C64 spielen, als es im Flur laut wurde. Der Blick des Vaters deines Freundes, wenn er von ihm vor dir geschlagen wird. Dein Blick in seinen Augen. Silvio war der Erste in unserer Siedlung mit Air Force One."
Umringt von wirklich emotionalen Szenen und Erinnerungen geht es hier in erster Linie um Gewalt und den damit wachsende Stolz des Protagonisten, während ihm der soziale Abstieg droht bzw. er sich immer mehr in so einen Teufelskreis mit Schlägern und Dealern reinmanövriert. Und ja, das erinnert dann von der Handlung her schon sehr an "Hund, Wolf, Schakal", es ist mehr so eine Kurzfassung seines Erstlings, gemischt mit einigen, kurzen Erinnerungskapiteln, sehr luftig gesetzt, sehr gewaltig.

"Noch nie hatte es an der Schule Gewalt von dieser Qualität gegeben. Der Junge kommt fünf, sechs Wochen lang täglich in einer anderen Farbe zur Schule. Violett. Grün. Blau. Gelb. Rot. Orange. Danach bin ich King. Scheiß auf Ray Cokes, Chief Ironside. Scheiß auf He-Man. Ich bin der Master of the Universe. Scheiß auf >auch<. Scheiß auf Anschluss. Scheiß auf >uns<. Scheiß auf SPD."

Und ich glaube, das ist dann auch der Knackpunkt... dieser Roman ist mehr ein überschaubares "Hund, Wolf, Schakal"-Konzentrat mit dem Fokus auf Gewalt und Abstieg, Stolz und Würde mit einigen, emotionaleren, gar wehmütigen Erinnerungen. Thematisch springt Khani sehr stark zwischen den einzelnen Kapiteln - es gibt Anekdoten über das Brot, über ihren Umgang mit der Werbung, deutsche Schuhe, die seinem Vater nicht passen, die Maiskolben, die es in Deutschland nicht zu kaufen gibt, eine Erinnerung, wie die Mutter das Radfahren lernt, wie sie gemeinsam Kornelkirschen pflücken, die die Deutschen scheinbar für giftig halten, und dann gibt es den Jungen, der "die Pusteblumen am Wegrand mit Tritten enthauptete", zur Schule geht und dessen glücklichster Moment der Jugend es war, als Dimitri sich mit einem Nazi anlegt. "Hier, Nazijunge! Hier! Wir haben euch damals gefickt. Wir werden euch auch dieses Mal ficken." und dann gibt es da eben noch diesen Erwachsenen, der dealt und abrutscht und doch ständig auf eine bessere Zukunft hofft.
Vielleicht hätte ich diesen Roman mehr gemocht, hätte der Fokus auf eben jenen Erinnerungen gelegen oder wäre alles mehr miteinander verknüpft und nicht so fragmentarisch. Auch sprachlich enthält dieses Buch einige schöne Sätze und Gedanken, aber auch sehr komische Wortkonstrukte. Und eben sehr viel Gewalt und Kraftausdrücke... "Wir sind ein Alptraum. Ich weiß nur nicht, wessen." Ich auch nicht, mir fehlte da leider sehr viel.
von herrfabel - 2024-10-03 14:18:00

Ein Buch zum Nachdenken - 4 Sterne

Wenn ich mir vorstelle, dass ich so wie der Autor des Buches im Alter von neun Jahren plötzlich in einem fremden Land leben müsste, mit Menschen verschiedener Länder und unterschiedlicher Muttersprache in einem Wohngebiet auf engem Raum, dann stelle ich fest, dass ich mir das beim besten Willen gar nicht vorstellen kann. In meinen Überlegungen werde ich immer kleiner, ziehe mich ganz weit zurück und wäre am liebsten unsichtbar.
Reza war neun Jahre alt, als er 1986 mit seinen Eltern aus dem Iran geflohen ist und im Ruhrgebiet eine neue Bleibe gefunden hat. Seine Geschichte, die in sehr kurzen Abschnitten ganz unterschiedliche Szenen seiner Kindheit und Jugend erzählt, wirkt, als hätte er Momente aus seinem Leben gesammelt, die er in diesem Buch vereint.
Es ist ein Buch voller Gegensätze. Gewalt ist häufig an der Tagesordnung. Das lässt mich nachdenken. Nicht selten habe ich das Gefühl, dass Angst und Wut bei dem Jungen ganz nah beieinander liegen. Manchmal lässt ihn so etwas wie Beschützerinstinkt gewalttätig werden. Aber es gibt auch eine ganz andere, eine leise Sprache, voller Poesie, die mich zum Träumen bringt.
Der Schreibstil ist ungewöhnlich, nicht ganz einfach durch die häufig wechselnden Themen, aber dennoch total fesselnd.
Eine von Rezas Geschichten hat mich außerordentlich berührt, und zwar ist es die über „Armut, die nicht riecht“. Bei dieser Erzählung habe ich ganz stark das Gefühl, dass in der Brust des Erzählers zwei Seelen wohnen.
von liesmal - 2024-09-19 15:31:00

Intensiv - poetisch - ehrlich - 4 Sterne

„Als wir Schwäne waren“ ist ein aufrüttelnder Roman über Ankunft und Heimat des iranischen Autors und Journalisten Behzad Karim Khani.

Reza ist zehn Jahre als er mit seinen Eltern aus dem Iran nach Deutschland flieht. Die Familie wird in einer Siedlung im Ruhrgebiet einquartiert. Die Wohnung ist marode und in der tristen Umgebung sind weitere Migranten untergebracht. Gewalt, Kriminalität und Alltagsrassismus sind alltäglich.
Rezas Eltern sind gebildet, aber da ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden, bekommen sie keine entsprechende Arbeit.
Reza ist klug, lernt schnell deutsch und kann sogar ein Gymnasium besuchen. Aber dennoch lebt er in einem Viertel, in dem Gewalt vorherrscht, in dem jeder Tag ein Überlebenskampf ist und aus dem es kein Entkommen gibt.

Der Schreibstil von Behzad Karim Khani ist einzigartig. Die Sätze sind kurz und knapp, seine Sprache sehr präzise und dennoch poetisch. Er versteht es die Wut und den Schmerz des Protagonisten spürbar zu machen. Seine Erlebnisse sind erschreckend und die Schwierigkeiten der Integration werden deutlich.
Die kulturellen Unterschiede sowie die daraus resultierenden Probleme werden gut dargestellt.
Rezas Beobachtungen sind treffend und hier sitzt wirklich jeder Satz und jedes Wort.

Obwohl das Buch gerade einmal 192 Seiten stark ist, enthält es unglaublich viel. Dabei geht es nicht nur um das Leben von Reza, sondern um Gewalt, Kriminalität, Integration, Heimat, Ankommen, Alltagsrassismus, kulturelle Unterschiede und vieles mehr.

Auch wenn ich nicht mit allem was der Autor schreibt übereinstimme, finde ich das Buch großartig, da es wichtige, aktuelle Themen aufgreift und einfach genial geschrieben ist.
von Tara - 2024-09-15 17:31:00

Buchpreiswürdig! - 5 Sterne

Das neue Werk von Behzad Karim Khani hätte auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2024 landen müssen!
In diesem Werk schildert der Autor das Aufwachsen des Protagonisten, dessen Eltern mit ihm aus dem Iran geflohen sind, im Bochum der 1990er Jahre. Zwischen dem langsamen Gewöhnen an deutsche Merkwürdigkeiten, den ersten Erfahrungen mit Rassismus aber auch dem wütenden Auflehnen dagegen und den verschiedenen Herausforderungen, die die Pubertät mit sich bringt, wird geschildert, welche Allianzen, Freundschaften und Feindschaften sich im Arbeiterviertel dieser abgehängten Stadt bilden. Die Jugendlichen bilden zunächst Banden (als Kinder) und später Gangs, sie sammeln Erfahrungen mit Gewalt, Hoffnungslosigkeit, aber auch Stolz.
All das beschreibt Behzad Karim Khani in manchmal poetischen, manchmal lakonischen Sätzen, die man oft mehrmals liest, weil sie so großartig formuliert sind. Ein tolles Buch!
von Reiseweise - 2024-09-14 20:01:00

Beeindruckend - 5 Sterne

Reza ist zehn Jahre , als er mit seinen Eltern aus dem Iran in das Ruhrgebiet geflüchtet ist. Seine Eltern sind Akademiker und legen Wert auf Bildung, aber hier kommt die Familie in einem Viertel in Bochum unter, in dem die vorherrschende Sprache Gewalt lautet. Trotz guter Voraussetzungen ist Integration ein schwieriges Thema.

In kurzen Kapitel erzählt der Autor in einer schnörkellosen Sprache über seinen Alltag.
Der Schreibstil ist sehr atmosphärisch und gefüllt mit Kontrasten aus Poesie und Gewalt.
Behzad Karim Khani beschreibt eine Zeit, die ich wiedererkenne, allerdings aus einer anderen Perspektive, aber er nimmt seine Leser mit und zeigt ihnen die andere Seite.
Dabei werden viele Emotionen spürbar, wie Wut und Hoffnungslosigkeit, aus der dann wieder Gewalt resultiert.
Es werden viele gesellschaftspolitische Themen angesprochen, die heute noch ebenso aktuell sind wie damals.
Die Probleme der Integration und die Schwächen unserer Gesellschaft werden hier in Worte gefasst und präzise aufgezeigt. Für mich ist es eines der besten Bücher, das ich bisher über das Thema gelesen habe.
von Pusteblümchen - 2024-09-13 19:14:00

Treffend - 4 Sterne

Ein Buch, was aktueller kaum sein könnte. In knappen Gedankenschnipseln, verpackt in angenehm kurzweiligen Kapiteln, nimmt uns Khani mit in eine Jugend geprägt von Problemen. Armut, (struktureller) Rassismus, traumatische Erfahrungen und die (fehlende) Chancengleichheit. Was macht es mit einem Jugendlichen, in solchen Bedingungen aufzuwachsen? Auf eine sehr persönliche Art und Weise und in poetischer Sprache erzählt Khani die Geschichte eines Heranwachsens, welches von Wut und Verzweiflung geprägt ist. Genau diese Gefühle transportiert die fantastische Sprache zum Lesenden, so dass sich teilweise eine richtiges Unwohlsein beim Lesen einschleicht. Auch wenn es sich um eine fiktionale Geschichte handelt, so würde ich vermuten, dass sich mehr als ein oder zwei autobiographische Erlebnisse in dem Buch finden oder zumindest auf die eine oder andere Art Einzug in die Geschichte gefunden haben. Sehr lesenswert!
von woolbooksandcoffee - 2024-08-31 09:27:00