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Rezensionen

Juli, August, September
Roman

Autor: Olga Grjasnowa

Erschienen 2024 bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
ISBN 978-3-446-28169-1
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Wurzelsuche - 5 Sterne

Lou ist mit einem Künstler verheiratet, der als Pianist entweder auf Konzertreisen ist oder üben muss. Deshalb wuppt sie das Alltagsleben mit ihrer gemeinsamen Tochter weitestgehend allein.
Natürlich im hipster-Berlin, wo sonst.
Sie sind eine jüdische Familie, aber nicht religiös. Als Mutter hadert Lou damit - muss sie ihrer Tochter nicht auch den Glauben näherbringen?

Das Buch ist in drei Bereiche gegliedert:
Im Juli ist Lou noch in Berlin, den August verbringt sie mit Mutter und Tochter und dem Familienclan aus Israel auf Gran Canaria, um den runden Geburtstag ihrer betagten Tante zu feiern.
Im August reist Lou dann nach Israel.

Ein Buch über die Suche nach Identität und Wurzeln und dem immer-wieder-austarieren, wo man steht.
Die sowjetische Herkunft der Familie, das entbehrungsreiche Leben von Lous Mutter in Deutschland, der Holocaust und die eigene Geschichtsschreibung der nunmehr einzigen Überlebenden machen das Buch trotz der Leichtigkeit im Schreibstil zu keiner leichten Lektüre.
Aber gerade auch wegen der ironischen, schon fast zynischen Betrachtung der Autorin sehr lesenswert!
von Marie aus E. - 2024-12-17 15:54:00

Leider etwas kurz und oberflächlich - 3 Sterne

Olga Grjasnowa ist zweifellos eine talentierte Schriftstellerin, deren Werke viele Leserinnen und Leser fesseln. Deswegen habe ich mich sehr auf ihr neues Buch gefreut, bin allerdings nicht ganz so begeistert, auch wenn es an sich kein schlechter Roman ist.

Zunächst einmal fällt auf, dass die Handlung recht kurz und knapp gehalten ist. Das Buch ist schnell gelesen, doch gerade dadurch hinterlässt es den Eindruck, als hätte es an Tiefe gemangelt. Viele Aspekte der Geschichte bleiben offen und oberflächlich, was das Gefühl verstärkt, dass hier einiges unausgesprochen bleibt. Themen werden angerissen, aber nicht weitergeführt, wodurch sie an Bedeutung verlieren und letztlich nur belanglos wirken. Das fand ich wirklich sehr schade, weil die Geschichte von Maya und Rosa an sich total spannend ist.

Auch die Charaktere konnten mich nicht mitreißen. Sie blieben blass und wenig interessant, sodass ich keine wirkliche Verbindung zu ihnen aufbauen konnte. Es fehlte an Tiefe und Substanz, um die Figuren lebendig und greifbar zu machen.

Allerdings möchte ich positiv hervorgeben, dass Olga Grjasnowa einen sehr angenehmen und ansprechenden Schreibstil hat. Ihre Art zu schreiben hat mich durchaus fasziniert und unterstreicht ihr Talent als Autorin. Die flüssige und bildhafte Sprache zieht einen in ihren Bann, was das Lesen trotz der Schwächen der Handlung angenehm macht.

Obwohl Juli, August, September mich nicht vollständig überzeugen konnte, werde ich der Autorin eine weitere Chance geben und ihre früheren Werke lesen. Vielleicht finden sich in diesen genau die Tiefe und Dichte, die ich bei diesem Buch vermisst habe.
von Micki - 2024-11-04 13:27:00

Sinnsuche - 4 Sterne

Lou lebt mit ihrem zweiten Ehemann Sergej, einem Pianisten und genau wie sie jüdischen Glaubens, und der fünfjährigen Tochter Rosa in Berlin. Als Rosa bei einer Freundin die Geschichte von Anne Frank vorgelesen bekommt, reagiert sie zutiefst verstört. Lou stellt sich und ihrem Mann daraufhin die Frage, wieso Religion in der Erziehung der Tochter bisher keine wirkliche Rolle gespielt hat. Doch Sergej lässt sich nicht auf das Thema ein und Lou insistiert nicht.
Als ihre Mutter sie auffordert, gemeinsam zum 90. Geburtstag der Großtante nach Gran Canaria zu reisen, lehnt Lou zunächst ab. Nach wiederholter Aufforderung lässt sie sich aber schließlich widerwillig zu dem großen Familientreffen überreden. Gemeinsam mit Mutter und Tochter, aber ohne Ehemann, nimmt sie an dem lebhaften, konfliktbeladenen Ereignis teil. Doch die erhofften Antworten auf ihre offenen Fragen erhält sie nicht. Deshalb reist sie alleine nach Israel, in der Hoffnung, dort Klarheit über sich und ihr Leben zu gewinnen.

Der Roman ist leicht lesbar und flüssig geschrieben, trotzdem konnte mich das Buch nicht völlig überzeugen. Die Charaktere sind fast schon ein bisschen zu plakativ gezeichnet, dadurch aber gut vorstellbar. Die Hauptprotagonistin steckt nach einem schweren Schicksalsschlag in einer Sinnkrise, die Beziehung zu ihrem Ehemann stagniert, das Verhältnis innerhalb des Großfamiliengeflechts ist auch schwierig. Für 200 Seiten sind das vielleicht einfach zu viele Themen, um sie ausreichend zu vertiefen. Ich bin zwar nicht enttäuscht, aber auch nicht begeistert. Deshalb gibt es von mir nur eine eingeschränkte Leseempfehlung.
von bedard - 2024-10-30 15:44:00

Eine Sinnsuche zwischen Familienkonflikten, dem Leben, der Einsamkeit - 4 Sterne

Ich mag es, wie Olga Grjasnowa sehr aktuelle, gesellschaftliche 'Probleme' einfängt, davon erzählt, nicht zu viel erzählt, teilweise gar etwas verwirrt und doch so tiefgründig beleuchtet. In "Juli August September" lernen wir Leser*innen Lou und ihre jüdische Familie kennen. Ihr Mann ist ein sehr bekannter Pianist, sie arbeitete in einer Galerie, befindet sich nun allerdings mehr oder weniger auf Sinnsuche. Eines Tages möchte ihre Tochter Rosa bei einer Freundin aus dem Kindergarten übernachten, um dann tränenüberströmt noch am gleichen Abend abgeholt zu werden. Zuhause erzählt sie von einem Buch, das sie bei ihrer Freundin gelesen habe. Ein Buch von Adolf Hitler, der etwas gegen Jungen hätte...oder das Bilderbuch über das Leben der Anne Frank, wie es ihre Mutter vermutete. "Rosa wusste natürlich, dass sie jüdisch war, sie wusste nur nicht, wie viele Menschen aus diesem Grund ermordet worden waren, und ich hoffte, dass es noch eine Weile lang so bleiben könnte." Doch was machen sie jetzt? Rosa war noch nie in einer Synagoge, noch kam sie bislang auch nur in den Kontakt mit jüdischen Traditionen. Wann ist der richtige Zeitpunkt um mit Kindern über so etwas in der heutigen Zeit und mit dem geschichtlichen Hintergrund zu sprechen?

" 'Ich weiß nicht, ob wir sie schon mit fünf traumatisieren sollen', sagte ich.
'Wenn das Judentum traumatisierend ist, sollten wir es vielleicht lassen.'
'Und konvertieren?'
'Gott behüte.' Er küsste mein Ohrläppchen.
Als ich meine Hand an seine Taille legte, sagte er: 'Weißt du, du achtest penibel darauf, dass sie genug Bücher hat, in denen Schwarze Kinder vorkommen. Sie weiß alles über Rosa Parks und Martin Luther King. Aber sie hat noch nie eine Synagoge von innen gesehen.'
'Das einzige Kinderbuch, das es hier über Juden gibt, ist das Anne-Frank-Buch.'
'Und das kennt sie nun', stellte er nüchtern fest.
'Sie glaubt, Hitler hat es geschrieben.'
'Meinetwegen.' Sergej ließ mich los und setzt sich an den Tisch. Auf einmal sah er müde aus. Die Ringe unter seinen Augen waren dunkel. ''Möchtest du Pasta?'"

Ist eine der sehr bezeichnenden Diskussionen zwischen ihnen. Irgendwie sind sie nicht mehr die Familie, die sie einst waren, es ist so etwas wie Erschöpfung eingekehrt. Sergej ist ständig unterwegs, spielt hier und da. Lou... nun ja. Als dann eine Einladung zum 90.Geburtstag ihrer Tante eintrifft und sie, Rosa und ihre Mutter nach Gran Canaria führt, wo sie auf den Rest der Familie, den 'ganzen ex-sowjetischen Clan aus Israel' treffen, wird dieses ganze familiäre noch einmal auf eine ganz andere Probe gestellt. Wie geht man damit um, wenn Erzählungen von früher plötzlich ganz anderes erzählt werden? Wie wenn der eigene Familienzweig in den Schatten gestellt wird? Alle ständig fragen, wann sie sich scheiden lassen? Ihr ständig sagen wie deutsch sie denn wäre. Es ist ein schmaler Grad zwischen wirklicher Wiedersehensfreude und Missgunst und doch scheint Lou gerade darin Antworten auf all ihre Fragen finden zu wollen.

"Ich weiß nicht mehr, warum wir das alles tun. Wir geben uns so viel Mühe für eine Religion, obwohl wir nicht an Gott glauben, für eine Vergangenheit, an der kaum etwas gut war, für eine Zukunft, die maximal ungewiss ist, und für eine Identität, die wir selbst nicht mehr verstehen."

Und das ist es, was ich sehr an diesem Roman von Olga Grjasnowa fasziniert hat. Sie gibt keine wirklichen Antworten auf all die vorherrschenden Fragen und Probleme und doch gewinnt man als Leser*in einen guten Eindruck von der inneren Zerrissenheit und Verzweiflung. Sehr empathisch und doch so unvorhersehbar ist dieser Roman, der nach dem Lesen leider schon wieder ein wenig verblasst und doch so viele große Themen vereint. Es ist ein kurzer Ausschnitt einer Sinnsuche zwischen all dem Leben, der Einsamkeit, der Religion und Familie. Für die ganz große Begeisterung hat mir etwas gefehlt, aber als eine Art 'Zwischendurch-Roman' fand ich ihn schon sehr groß.
von herrfabel - 2024-09-30 15:25:00

Juli August September - 5 Sterne

Lou und Sergej leben mit ihrer kleinen Tochter Rosa in Berlin. Beide sind russisch-jüdischer Abstammung. Nach dem ersten Preis beim Chopin Wettbewerb ist der Marktwert Sergejs sprunghaft angestiegen, und er befindet sich oft auf Tournee, während die Kunsthistorikerin Lou ihren Galeriejob zugunsten eines Buchprojekts ruhend gestellt hat. Aus dieser Gemengelage ergeben sich naturgemäß erhebliche Spannungen in der Beziehung, speziell nachdem Sergej immer öfter die Nerven verliert und seine Auftritte immer durchwachsener werden.
Als Lous israelische Großtante die gesamte Familie nach Gran Canaria einlädt, um ihren 90.Geburtstag zu feiern, ist dies ein willkommener Anlass für eine kleine Pause. Doch dann wird Lou mit ihrer Familiengeschichte konfrontiert, und sie beginnt, die verdrängten Wahrheiten zu erforschen. Die intensive Beschäftigung mit der Vergangenheit führt zwangsläufig auch zu einer Neubewertung der Zukunft.
Ein hervorragender Roman über Identität, Familie und Beziehungen, manchmal witzig, manchmal traurig, aber immer voll aus dem Leben!
von Florian Lechner aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2024-09-24 13:37:54

Glühend heißer Boden - 4 Sterne

Juli, August, September heißt der neue Roman der Schriftstellerin Olga Grjasnowa , die durch „Der Russe ist einer der Birken liebt“ so bekannt wurde. Das neue Buch hat vergleichbare sprachliche Qualitäten, unterscheidet sich aber durch die Protagonistin Lou, die Ende 30 ist, ein Kind hat und mit einem Konzertpianisten verheiratet ist. Sie hat russisch-Aserbaidschanische Wurzeln, definiert sich aber inzwischen als Deutsche. Auch ihre jüdische Identität beschäftigt sie. Neben der Frage der Identität ist auch eine Beschreibung des Zustands, in der sie sich im Jahr 2023 befindet. Ihre Ehe ist leicht erkaltet, ihre berufliche Situation liegt auf Eis und ihr Plan, ein Buch zu schreiben stockt ebenfalls.

Das Buch hat anfangs wenig Handlung. In der zweiten Buchhälfte wird ein historischer Kontext hinzugefügt, den ich nicht ganz so zwingend fand.
Das Buch ist aber keineswegs schwach. Dazu hat es zu viele gut Passagen.
von yellowdog - 2024-09-21 20:13:00

Identitätssuche - 4 Sterne


Lou ist mit dem Konzertpianisten Sergej verheiratet. Sie sind kommen beide aus der ehemaligen Sowjetunion und sind beide jüdisch, auch wenn sie ein säkulares Leben führen. Ihre Ehe läuft nicht besonders gut und als ihre 5-jährige Tochter Rosa mit einem Buch über Anne Frank konfrontiert wird, fragt sich Lou nicht nur, was sie ihrer Tochter über ihre jüdische Identität vermitteln möchte, sondern fängt auch an ihre Identiät, ihre Familiengeschichte und ihr Selbstverständnis zu hinterfragen. Da kommt eine Einladung nach Gran Canaria zum 90. Geburtstag ihrer Tante, die zusammen mit der restlichen Familie in Tel Aviv wohnt, gerade recht...

Olga Grjasnowas Schreibstil hat mir sehr gut gefallen, ich bin geradezu durch die kurzen Kapitel gefolgen und habe das Buch in einem Rutsch gelesen. Besonders gerne mochte ich das unterschwellig Zynische und den Humor, gerade bei den Begnungen mit der Familie musste ich oft schmunzeln und habe mich in das Haus meiner Schwiegerfamilie versetzt gefühlt.
Ihre Figuren sind gut ausgearbeitet, interessant und vielschichtig. Ich konnte sie mir bildlich vorstellen. Die Beziehungsdynamiken innerhalb der Familie sind super dargestellt.

Die Autorin lässt viele Fragen offen und regt den Leser dadurch zum Nachdenken an und lässt viel Spielraum für Interpretation. Mir war das an manchen Stellen etwas zu viel und ich hätte mir gewünscht, dass ein paar der angestupsten Themen weiter ausgeführt werden.

Das Cover finde ich super ansprechend und nach der Lektüre ist es noch passender.
von Alo - 2024-09-17 17:17:00

Eindrucksvoll - 5 Sterne



Olga Grjasnowa stammt aus Russland und kam als Kind nach Deutschland.
Der Roman Juli, August, September, ist eine Fantasiegeschichte, aus Russland stammender Juden.
Lou hat eine kleine Tochter. Ihr Mann ist Musiker und viel unterwegs.
Gemeinsam mit hier Mutter und Tochter fährt sie nach Gran Canaria. Dort feiert eine Tante ihren 90. Geburtstag.
Es kommen alle Verwandte. Die anderen kommen aus Israel. Mit ihrer Tochter
Es gibt einige Missverständnisse und Reibereien zwischen den Verwandten.
Lou will mehr von den Vorfahren erfahren. Dafür fliegt sie gleich noch nach Israel, um im Archiv zu forschen. Die Familienverhältnisse sind eindrucksvoll. Es ist eigentlich auch normal. Die Erinnerungen sind oft verschieden.
Die Autorin schreibt leicht und locker. Der jüdische Glaube wird nur nebenbei erwähnt. So wird es ein unterhaltsamer Roman, den ich gerne gelesen habe.

von begine - 2024-09-17 09:27:00

Was macht eine Familie aus? - 4 Sterne

Olga Grjasnowas neuer Roman “Juli, August, September“ ist den Monaten im Titel entsprechend in drei Abschnitte unterteilt. Im ersten berichtet Ich-Erzählerin Ludmilla genannt Lou über ihr Leben in Berlin. Sie ist in zweiter Ehe mit dem Pianisten Sergej verheiratet, der wegen der zahlreichen Konzerte nur wenig Zeit zu Hause mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter Rosa verbringt. Das Ehepaar hat jüdische Wurzeln, aber die Religion spielt in ihrem Leben keine große Rolle. In erster Ehe war sie für kurze Zeit mit David verheiratet, der sie dann plötzlich verließ, weil er die Religion für sich entdeckt und nach Israel ausgewandert war. Lous weitverzweigte Familie stammte aus der ehemaligen Sowjetunion und wanderte zum großen Teil nach Israel aus. Man kennt und versteht sich nicht sehr gut. Deshalb zögert Lou zunächst, als ihre Mutter vorschlägt, an einem großen Familientreffen auf Gran Canaria teilzunehmen. Maya, die jüngere Schwester von Lous verstorbener Großmutter Rosa, will dort ihren 90. Geburtstag feiern. Über dieses Treffen berichtet Lou im zweiten Abschnitt. Die Begegnung der Familienmitglieder verläuft alles andere als harmonisch. Maya erfindet ihre eigene Version der Vergangenheit, in der sie sich besonders vorteilhaft präsentiert. Lou ist schnell klar, dass hier viele Lügen erzählt werden. Sie will die Wahrheit wissen und stellt viele Fragen, bekommt aber längst nicht immer eine Antwort. Was genau hat Großmutter Rosa erlebt, und warum musste Urgroßvater Boris sterben? Weil ihr all das keine Ruhe lässt, fliegt Lou im dritten Teil nach Israel, fragt erneut die widerstrebende Maya aus und besucht eine Gedenkstätte. Bei ihrer Rückkehr muss sie sich um eine Annäherung an ihren Mann bemühen, der offensichtlich gerade eine Krise durchlebt.
Grjasnowas Roman liest sich gut und gefällt mir aus verschiedenen Gründen. Er gewährt einen Einblick in jüdisches Leben in Vergangenheit und Gegenwart, vor allem beschäftigt er sich mit der Frage, was Familie ausmacht und wie sich die eigene Identität definiert. Auch sprachlich hat mich das Buch überzeugt. Deshalb spreche ich eine unbedingte Empfehlung aus.
von cosmea - 2024-09-01 16:54:00

Porträt einer modernen jüdischen Familie - 4 Sterne

Die 1984 in Baku, Aserbaidschan, geborene Autorin ist eine feste Größe im deutschen Literaturbetrieb. Ihr Debut „ Der Russe ist einer, der Birken liebt“, 2012 erschienen, war ein großer Erfolg und wurde auch von der Kritik gefeiert. Mit elf Jahren, nach dem Zerfall der Sowjetunion, kam sie mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland. Zur Zeit arbeitet sie als Professorin am Institut für Sprachkunst der Universität Wien. „ Juli, August, September“ ist ihr fünfter Roman.
Lou, die Ich-Erzählerin , lebt mit ihrem zweiten Mann Sergej und ihrer fünfjährigen Tochter Rosa, benannt nach ihrer Großmutter, in Berlin. Sergej ist als gefragter Pianist sehr viel unterwegs und ist er zuhause, muss er üben und ist kaum ansprechbar. Lou fragt sich deshalb zu Recht, ob sie überhaupt noch ein Paar sind.
Beide sind russisch-stämmige Juden, aber der Glaube spielt in ihrem Alltag kaum eine Rolle. Lou überlegt, ob sie ihrer Tochter nicht mehr von ihrer jüdischen Identität vermitteln sollten. Ihr Mann winkt lachend ab: „ Juden haben keine Wurzeln, Juden haben Beine.“
Aber Lou lässt der Gedanke keine Ruhe. Deshalb ist sie auch bereit, zusammen mit Rosa und ihrer Mutter zum 90. Geburtstag von Großtante Maya nach Gran Canaria zu fliegen. Dort will die israelische Verwandtschaft gemeinsam feiern. Die weit verzweigte Familie ist aus Russland nach Israel ausgewandert. Nur Lou und ihre Mutter leben in Deutschland. Während die Familie in Israel mittlerweile ein gut situiertes Leben führen, muss Lous Mutter mit einer kleinen Rente auskommen, „ denn die Arbeitsjahre der Russlanddeutschen in der Sowjetunion wurden angerechnet, die der Juden nicht.“
Dazu ist es in Israel einfacher, seine jüdische Identität zu leben. Das Aufeinandertreffen auf der Kanarischen Insel ist deshalb nicht unbelastet.
Der größte Streitpunkt aber sind die Geschichten von Maya über ihre Kindheit und Jugend in der Sowjetunion. Denn ihre Erinnerung weicht stark ab von den Erzählungen der verstorbenen Großmutter Rosa. „ Maya war die letzte Zeugin, und sie veränderte die Geschichte vom Überleben nach ihren Bedürfnissen. …Sie manipulierte die Erinnerung und war doch zugleich die Einzige, die sich überhaupt noch erinnern konnte.“
Um herauszufinden, was wirklich passiert war, reist Lou deshalb nicht mit Mutter und Tochter nach Deutschland zurück, sondern fliegt nach Israel, um dort Antworten zu finden auf ihre Fragen.
Olga Grjasnowa lässt hier eine Frau zu Wort zu kommen, die sich über vieles im Unklaren ist. Ist ihre Ehe noch zu retten? Wann begann die Entfremdung zwischen ihr und ihrem Mann? War die Fehlgeburt, über die Lou nicht hinwegkommen kann, einer der Gründe dafür oder liegt es an Sergejs beruflicher Krise?
Neben diesen ganz privaten Problemen werden aber auch Fragen nach jüdischer Identität aufgegriffen. „ Wir geben uns so viele Mühe für eine Religion, obwohl wir nicht an Gott glauben, für eine Vergangenheit, an der kaum etwas gut war, für eine Zukunft, die maximal ungewiss ist, und für eine Identität, die wir selbst nicht mehr verstehen.“ so resümiert die Protagonistin.
Daneben erfahren wir vom Aufwachsen einer russisch-stämmigen Jüdin in Deutschland. Auf Lou lastet eine große Hypothek, denn ihr Erfolg muss all die Entbehrungen und die Arbeit ihrer Mutter rechtfertigen. „ Ihre Immigration bedeutete, dass sie ihr Leben gegen meine Zukunft eingetauscht hatte, und ich war ihr diese Zukunft schuldig….Also versuchte ich ihr zu beweisen, dass ihr Opfer nicht umsonst war, sei es durch meine Ausbildung, meine Ehe oder meine Karriere.“
Berührend ist vor allem das grausame Schicksal von Rosa und Maya, das Olga Grjasnowa in einer kurzen Binnenerzählung darstellt. Auch in der Sowjetunion gab es einen Genozid an den Juden.
Wie der Titel schon andeutet, ist der Roman in drei Teile gegliedert, wobei der erste ( Juli ) in Deutschland spielt, der zweite ( August ) auf Gran Canaria und der letzte ( September) in Israel.
Die Ich- Perspektive ermöglicht eine eindrückliche Innensicht der Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonistin und dadurch kommt man ihr sehr nahe. Glaubhaft und nachvollziehbar werden ihre Probleme und ihre Ängste beschrieben, ebenso die Fragen, die sie umtreiben.
Dazwischen gestreut finden sich hin und wieder kurze Bemerkungen zur aktuellen Situation, sowohl in Deutschland als auch in Israel.
„ Juli, August, September“ ist ein sprachlich überzeugender Roman, der viele Denkanstöße liefert und zugleich ein interessantes Porträt einer modernen jüdischen Familie.
von Ruth - 2024-08-28 08:07:00