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Rezensionen

Wackelkontakt
Roman

Autor: Wolf Haas

Erschienen 2025 bei Hanser, Carl
ISBN 978-3-446-28272-8
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Und doch ein Krimi?! - 4 Sterne

Ich mag keine Krimis und zögerte, das Buch trotz mehrerer Empfehlungen zu kaufen. Dann doch. Ein raffiniertes Buch, anfänglich. Drei Erzählstränge werden angenähert, verwoben, schließlich eng verflochten, ein hohe Spannung erzeugendes Stilmittel. Leider bleibt der Schuster bei seinem Leisten und schafft es der Autor nicht, diese Subtilität durchzuhalten. Zuletzt befindet man sich bedauerlicherweise bei einer plumpen Entführung mit Lösegeldübergabe in Italien. Schade.
von Herwig Oberlerchner - 2025-07-19 17:03:00

Wackelkontakt - 5 Sterne

Der neue Roman „Wackelkontakt“ von Wolf Haas, nominiert für den Leipziger Buchpreis 2025, ähnelt einem aufregenden Puzzle-Spiel, das ebenso unterhaltsam wie klug zusammengesetzt ist. Die beiden, zunächst scheinbar parallel verlaufenden, in Wirklichkeit aber äußerst verwobenen und am Ende ineinander überlaufenden Handlungsstränge drehen sich um Franz Escher, der auf den Elektriker wartet, da seine Steckdose einen Wackelkontakt hat. Um sich die Zeit zu vertreiben, liest er ein Buch über den italienischen Mafia-Kronzeugen Elio Russo. Elio sitzt im Gefängnis und wartet auf die Entlassung, währenddessen er ein Buch liest, das von Franz Escher handelt, der auf den Elektriker wartet, weil seine Steckdose einen Wackelkontakt hat …Der Autor selbst schreibt: „Escher ist so eine Figur, um es mit dem Titel 'Wackelkontakt' zu sagen, der hat auch Probleme, Kontakt aufzunehmen mit seinen Mitmenschen. Er ist so ein bisschen auf Kriegsfuß mit seiner Umwelt, könnte man sagen.“
Der Name Franz Escher deutet auf den niederländischen Maler und Vexierbildkünstler M. C. Escher hin, der für seine in der Wirklichkeit unmöglichen Bilder berühmt wurde; so zeichnete er einen Wasserfall, der sich selbst speist oder skizziert die Lithographie einer Treppe, die zu sich selber führt und so nicht endet. Besonders interessant ist das Bild seiner zeichnenden Hände: eine linke Hand zeichnet eine rechte Hand, die eine linke Hand zeichnet; genauso ist auch der Roman von Wolf Haas konzipiert und derart raffiniert gemacht, dass wir Lesende sofort in den Bann gezogen werden, da das Spiel virtuos bis in die Sprache, die der Autor dafür findet, fortgesetzt wird. Franz Escher ist von Beruf Trauerredner – Tod und Leben liegen nahe beieinander, so wie das Innen und Außen im Roman – Literatur und Wirklichkeit lassen sich ebenfalls kaum trennen. „Wackelkontakt“ ist eine wunderbare Parodie auf das realistische Erzählen, denn die Grenzen verschwinden und alles wird zum genialen Puzzle, strukturiert wie eine Matroschka-Puppe – mit ineinander verschachtelten und doch für sich eigenständigen und wunderbaren Teilstücken.
Ein weiteres interessantes Detail ist in der Tat die Puzzle-Versessenheit der Hauptfigur, die erklärt: „Mir gefällt das als Bild, wie man sich die Welt anzueignen versucht mit untauglichen Mitteln. Diese blöde Puzzlestruktur, die quasi völlig unabhängig von dem, was abgebildet ist, so ein neues, zweites Ordnungssystem aufdrängt. Das erinnert mich ein wenig an unsere allgemeine Unfähigkeit, gute Methoden zu haben, die Welt zu erkennen.“ Trotz dieses Hobbys vertreibt sich Escher die Wartezeit auf den Elektriker nicht mit dem Zusammensetzen eines Puzzles, sondern mit einem Buch: „Er las schon lange nur noch eine Art von Büchern, diese aber mit einer Leidenschaft, die fast mit seiner Puzzle-Sucht mithalten konnte. Bücher über die Mafia. ’Ndrangheta, Cosa Nostra, Camorra, er fraß die Bücher regelrecht. Sachbücher, Romane, historische Studien, was ihm aus diesem Feld unterkam, verschlang er mehr oder weniger kritiklos.“
Wolf Haas erklärt uns, weshalb das Lesen des Buches so viel Spaß macht; es hat nämlich dem Autor selbst beim Schreiben so viel Freude bereitet: „Dieses Buch hat mir beim Schreiben am meisten Spaß gemacht, weil ich eigentlich von vornherein davon ausgegangen bin, dass es nicht funktionieren wird. Und dann war ich immer so beglückt, dass ich doch weitergekommen bin. Es war mir sogar schon verdächtig, dass mir das Schreiben so einen Spaß gemacht hat. Denn wenn mir Kolleginnen oder Kollegen sagen, ich schreibe einfach so gern, dann ist mir das immer total verdächtig", sagt Haas. Doch Vorsicht: der „Wackelkontakt“ ist ansteckend, weshalb der Autor warnt: „Bei diesem Buch war es schon manchmal so, dass ich mir Sorgen um meine geistige Gesundheit gemacht habe. Aber es war so unterhaltsam, dass ich dachte, ich lasse es drauf ankommen.“
Die Lektüre ist – trotz dieser, vom Autoren selbst ausgesprochenen „Trigger“-Warnung – empfehlenswert in vielerlei Hinsicht: Wir erfahren viel über Namen, das Wechselspiel der Identitäten, das Verweben von Geschichten und Biographien, von Wirklichkeiten, die wir erleben oder lesend erfahren – während der Lektüre wechseln wir zwischen den Ebenen hin und her, befinden uns einmal bei Escher, der ein Buch über Russo (alias Steiner) liest, einmal bei Steiner, der ein Buch über Escher liest. Wolf Haas zeigt auch, was passiert, wenn wir versuchen, die Welt nach eigenen Maßstäben wie ein Puzzle selbst zusammenzusetzen: das Leben selbst ist unverfügbar und das Rätsel, das uns das Leben aufgibt, ist nur in der Literatur zu lösen – in der Wirklichkeit gibt es oft keine Erklärung und wir müssen Wackelkontakte, das Auf- und Ab des Lebens, hinnehmen, was oft mühsam ist …Doch dieser literarische „Wackelkontakt“ ist jedenfalls ein großes Lese-Vergnügen!
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2025-04-24 09:23:54

Haas-genial - 5 Sterne

Während Franz Escher auf den Elektriker wartet, der seine Steckdose mit Wackelkontakt reparieren soll, vertreibt er sich die Zeit mit einem Buch über den Mafioso Elio Russo. Dieser sitzt im Gefängnis und soll ins Zeugenschutzprogramm, da er zahlreiche seiner Mafiakollegen verraten hat. Während er auf sein neues Leben wartet, schmökert er in einem Buch über einen Begräbnisredner namens Franz Escher - uns so beginnt die Geschichte zweier Männer, die sich lesend kennenlernen.

Wolf Haas beweist mit "Wackelkontakt" aufs neue seine schriftstellerische Genialität. Als ich von der Story hörte, dachte ich mir: wie soll das funktionieren? Geht dieser Kreisel auf? Ja, er tut es, sowas von! Die Übergänge von dem einen Charakter auf den anderen funktionieren fließend, ohne dass man den Anschluss verliert. Bis zum Schluss weiß man nicht, ob die beiden Männer sich jemals treffen werden und wie alles zusammenhängt, die Spannung bleibt durchgehend hoch.

Haas' Sprache ist wie gewohnt pointiert und schwarzhumorig, seine Figuren haben allesamt einen liebevollen Hau, man muss sie einfach mögen, so schrullig sie auch sind. Zu keinem Zeitpunkt ist mir langweilig geworden, ich wollte einfach weiterlesen und weiterlesen, nicht mehr ausbrechen aus dieser Dauerschleife - stets mit einem Lächeln auf den Lippen. Dem ersten Anschein nach sind Haas' Wackelkontakt-Figuren gar nicht tiefgründig, aber das täuscht - mit seiner besonderen Beobachtungsgabe skizziert er schräge Charaktere, die so Nahe an der Realität liegen, dass man sich sicher ist, sie würden existieren. Und vielmehr sollte man auch gar nicht sagen. Sondern "Wackelkontakt" einfach lesen. Es ist ein absurder Genuss!
von Kwinsu - 2025-04-07 19:37:00

Puzzle, Elektriker und Mafia - 4 Sterne

In diesem Roman wimmelt es von Charakteren mit ungewöhnlichen Verhaltensweisen und Hintergrundgeschichten. Da ist zum einen Franz Escher, der (obgleich wenig einfühlsam) als Trauerredner arbeitet und obsessiv Puzzle legt. Als er auf den Elektriker wartet, liest er ein Buch über einen Mafia-Kronzeugen, der ein Buch liest über einen Mann, der auf den Elektriker wartet… Mehr über die Charaktere lässt sich nicht verraten ohne Spoiler.

Der Übergang zwischen den beiden Geschichten, die in dem Roman gelesen werden, geschieht oft ohne Einleitungen und ist gerade dadurch sehr geschickt gemacht. Die Geschichten werden immer weiter miteinander verwoben bis zu dem Punkt, wo es die Charaktere selber bemerken. Die sich so entwickelte Doppelgeschichte ist inhaltlich längst nicht so innovativ wie die Erzählweise - trotz einiger überraschender Wendungen - und am Ende wird einiges nicht aufgelöst, was man gerne aufgelöst gesehen hätte.
von Reiseweise - 2025-04-07 07:38:00

Drawing Hands - 5 Sterne

Wolf Haas ist bekannt für seine Ironie und Originalität seiner Bücher und das gilt für Wackelkontakt im ganz besonderen.
Das Buch hat Leichtigkeit und eine anspruchsvolle Konstruktion gleichzeitig. Es ist sehr gut lesbar und überrascht den Leser vielfach.

Es gibt zwei gleichwertige Hauptfiguren, die im Plot des Romans eng miteinander verbunden sind.
Franz Escher ist Trauerredner und begeisterter Puzzler sowie Leser von Mafia-Bücher.
In einem seiner Bücher kommt jemand vor, der im Zeugenschutz ist, da er gegen die Mafia aussagte.
Dieser Mann wiederum liest ein Buch, in dem ein Franz Escher wegen einem Wackelkontakt auf einen Elektriker wartet.
Der Roman hat zwei Teile, betitelt ON und OFF.
Beide Handlungsebenen werden stark miteinander verquickt und nähern sich immer näher aneinander an. Die Spannung steigt.
Die Romankonstruktion erinnert an M.C.Eschers bekanntes Werk Drawing hands, indem zwei Hände sich gegenseitig zeichnen. Ein solcher ausgeklügelter, raffinierter Plot ist selten.
Ein grandioses Lesevergnügen.
von yellowdog - 2025-03-23 15:25:00

Das Buch im Buch - 3 Sterne

Zum Buch:

Franz Escher wartet auf den Elektriker, der einen Wackelkontakt beheben soll. Er vertreibt sich die Wartezeit mit seinem Zweitligisten Hobby, dem Lesen eines Mafiaromans. In diesem Roman liest ein Häftling im Gefängnis ein Buch, in dem Franz Escher in seiner Wohnung auf einen Elektriker wartet.


Meine Meinung:

Das Cover ist furchtbar, da hat man das Gefühl, die Druckerpresse seit betrunken gewesen. Der Klappentext macht allerdings neugierig, den das zweite Menschen ein Buch lesen , das von dem jeweiligen Leben des anderen handelt, ist schon sehr ungewöhnlich.
Allerdings brauchte ich tatsächlich fast die Hälfte des Buches, bis es mich dann endlich so gepackt hatte, dass ich es auch wirklich zuende lesen wollte, ich wollte schon abbrechen.
Denn der ständige Wechsel des Buches, also mal die Story von Escher mal die Story von Steiner, was schon anstrengend, Hinzu kommt dass das Buch nur zwei Kapitel hat, wenn man diese zwei Teile überhaupt Kapitel nennen kann. Die Geschichte wechselte auch ohne jeden Absatz oder sonstiges Erkennen. Es dauerte, bis ich richtig drin war. Aber auch dann blieb es recht durchschnittlich und das es immer wieder so random österreichische Begriffe darin gab, was ich in Bücher gar nicht mag, machte es nicht besser. So blieben es am Ende gutgemeinte 2,5 Sterne.
von Lesemama - 2025-03-14 11:15:00

Wackelkontakt - 5 Sterne

Beim Lesen des neuen Romans von Wolf Haas' "Wackelkontakt", findet man sich, obwohl es kein Krimi ist und nicht mit den Worten "Jetzt ist schon wieder was passiert" beginnt, sofort in einem "echten" Wolf Haas. Eine wirklich skurrile Geschichte, gespickt mit typischem Wolf Haas Humor. Ala(rmanlage). Was damit gemeint ist, wird, sobald man das Buch liest, schlüssig.

Es handelt sich in der Geschichte um eigentlich zwei Geschichten, welche sich gegenseitig hochschaukeln. Hauptfiguren sind der begeisterte Puzzlebauer Escher, der auf den Elektriker wartet, und der ehemalige Mafiakiller Elio Russo.

Im ersten Teil "Off" beschreibt Haas, wie Escher ein Buch über den Mafiakiller Emil Rossi liest, der in einer Zelle in Italien im Rahmen eines Zeugenschutzprogrammes auf seine Überstellung nach Deutschland wartet. Dieser liest wiederum ein Buch über den Trauerredner Escher. Im zweiten Teil "On" werden die Geschichten miteinander verwoben und es klärt sich einiges auf, doch eines sei verraten: Es bleibt spannend bis zur letzten Seite.
von Gabriele Geissl - 2025-03-13 17:54:37

Haas - gehört gelesen - 5 Sterne



Bei dieser Geschichte lohnt es sich ganz besonders, sie öfter als einmal zu lesen. Und das nicht nur, weil sie so raffiniert gewunden und verdreht ist wie die berühmten Escher-Bilder. Es handelt sich um eine Geschichte in der Geschichte — und doch nicht.
Im zweiten Teil vermischen sich die Erzählungen zunehmend — vorher sind sie immerhin durch neue Absätze getrennt. Besonders spannend ist das, wenn man sie vom Autor bei einer Lesung hört.
Wolf Haas vergnügt mit gewohnt genialen Wortschöpfungen wie dem Ursprung des Namens „Ala“. Er ist ein sehr genauer Beobachter und beschreibt höchst anschaulich, als Beispiel: Dialekt, wie nach einer Zahnoperation mit betäubtem Mund. Als neuen „Schmäh“, nach der berühmten Haas-Sprache in den Brenner-Krimis, gibt es hier unterbrochene Wörter, die erst nach einigen Zeilen vervollständigt werden. Und die Idee mit dem Klingelton von Georg Danzer!
Haas hat offensichtlich auch ein unglaubliches Wissen über Puzzles, vor allem mit Motiven bekannter Kunstwerke, und beachtliche mathematische Fähigkeiten.
Die Handlung entwickelt einen starken Sog und zieht am Ende stark an. Die Wechsel zwischen den beiden Handlungssträngen erfolgen immer rascher, bis zum unglaublichen Finale. Unbedingt lesen!
von reimon - 2025-03-12 18:08:00

Der Elektriker - 5 Sterne

Die Steckdose hat einen Wackelkontakt und Franz Escher wartet auf den Elektriker. Und während er wartet liest er ein Buch. In dem Buch wartet Franz Escher auf einen Elektriker.


Das Cover ist definitiv ein Hingucker. Mit dem Anfang tat ich mich aber ein bisschen schwer, der Schreibstil ist für mich ein wenig gewöhnungsbedürftig gewesen, mir waren die Erklärungen teilweise zu ausschweifend, ich bin aber auch kein typischer ThrillerLeser, ich mag es normal etwas gemütlicher.
Die Idee aber fand ich schon toll, und es hat mich auch in den Bann ziehen können, auch wenn es ein wenig gedauert hat.
Die Entwicklung und das verstricken der losen Fäden ist dem Autor jedenfalls sehr gelungen, auch wenn mit Escher vor der Lektüre nichts gesagt hat, ich musste erst googeln. Franz Escher war ein eigenwilliger Charakter, an den ich mich erst gewöhnen musste, es ist schon ein.wenig schrullig, aber alles in allem fand ich es spannend und vor allem sehr unterhaltsam.
von _ich.lese_ - 2025-03-09 19:52:00

Ausgeklügeltes erzählerisches Arrangement - 4 Sterne

Während Franz Escher auf den Elektriker wartet, lernen wir ihn als Leser besser kennen. Er ist ein ausgefallener Mensch, mit kuriosen Gedankengängen. U.a. erfahren wir, dass er gern puzzelt. Er erinnert sich an eine Begebenheit auf seinem 19. Geburtstag, als er lieber ein Puzzle löste als eine Frau abzuschleppen. Um die Zeit des Wartens zu überbrücken, liest Escher ein Mafia-Roman. Darin geht es um einen Kronzeugen, der 27 Mafiabosse verriet und in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird. Sein neuer Name lautet Marko Steiner und er liest ebenfalls ein Buch, um sich die Zeit zu vertreiben. Es handelt von Franz Escher, der auf den Elektriker wartet…


Beide Handlungen werden im Folgenden miteinander verwoben und entwickeln sich jeweils weiter. V.a. in der Handlung um Escher ereignen sich viele skurrile Szenen, die oft humorvoll-grotesk wirken. Er wirkt oft vollkommen deplatziert, agiert hilflos und teils situationsunangemessen. Immer wenn er ein Buch in die Hand nimmt, erfahren wir etwas aus dem Leben des Kronzeugen. Mich hat v.a. interessiert, worauf das Ganze hinausläuft. Diese Frage hat mich in erster Linie weiterlesen lassen.



V.a. in erzähltheoretischer Hinsicht ist der Roman von Wolf Haas interessant gestaltet. Fraglich ist z.B., ob die beiden Geschichten gleichberechtigt sind oder ob die Geschichte um Marko Steiner nicht eingebettet ist. Darüber könnte man trefflich streiten. In meinen Augen nimmt die Handlung um Escher mehr Raum ein und dominiert das Geschehen. Noch dazu hat sie auf mich auch viel mehr Faszination und Sogwirkung entfaltet. Deshalb würde ich nicht von gleichberechtigten Geschichten sprechen. Aber man möge mir gern widersprechen. Auch fällt auf, dass beide Ebenen zu Beginn noch nicht stark aufeinander Bezug nehmen, erst ab einem gewissen Punkt, der durch die Kapitelüberschrift „On“ gekennzeichnet wird, nimmt der Grad an Verknüpfung zwischen den Handlungsebenen zu. Auf einmal tauchen inhaltliche Elemente der einen Geschichte in der anderen auf. Das ist schon ausgeklügelt arrangiert worden. Und die Parallelen und Kontraste, die man findet, sind gar nicht mal so offensichtlich und erfordern einen scharfen analytischen Blick. Ziemlich herausfordernd, diese Suche nach Verbindungen. Der Aspekt der erzählten Zeit und der Erzählzeit ist ebenfalls eine genauere Betrachtung wert: Während es in der Geschichte um Marko Steiner z.B. große Zeitsprünge gibt (mehrere Jahre), wird in der Geschichte um Escher auf so etwas verzichtet. Das, was zu Steiner erzählt wird, verläuft von der Vergangenheit in die Gegenwart und noch dazu nähern sich erzählte Zeit und Erzählzeit einander an, Eschers Geschehen hingegen ist die ganze Zeit auf einer gegenwärtigen Ebene verankert und umfasst wenige Tage. Teilweise wird zum Ende hin eher zeitdeckend erzählt, was v.a. an der Dialoghaftigkeit liegt. Und noch etwas: Beide Handlungsstränge laufen am Ende des Buchs aufeinander zu. Kurzum: Haas hat sich in erzähltechnischer Hinsicht ordentlich ins Zeug gelegt und sich viele Gedanken zum Arrangement gemacht (hat mich übrigens an die Kurzgeschichte "Die Klavierstunde" von Wohmann erinnert). Es ließen sich noch weitere Beobachtungen anführen. Kritiker mögen aber bemängeln, dass das Buch künstlerisch überformt ist. Auch hierüber kann man trefflich diskutieren…



Die Handlung des Buchs selbst fand ich selbst nicht sonderlich ereignisreich, aufregend und spannend. Auf mich hat v.a. das erzählerische Arrangement Faszination ausgeübt. Wie beschrieben, lässt sich in erzähltheoretischer Hinsicht einiges aus dem Buch herausholen. Ich wollte v.a. das von Wolf Haas erdachte Konstrukt gedanklich durchdringen, ähnlich wie Escher sein Puzzle löst. Zudem fand ich die Figur des Franz Escher kurios gestaltet. Auch diese hat mich interessiert. Das, was um Marko Steiner herum passiert, hat mich (leider) nicht stark mitgerissen. Was mich auch etwas im Lesefluss gestört hat und Konzentration erforderte, war der Umstand, dass die beiden Geschichten einander sehr abrupt abwechseln. Leider gab es kein Stopp- oder Übergangssignal (z.B. in Form eines Absatzes). Schade!
von Tobias Kallfell - 2025-03-05 12:51:00