Rezensionen
Onigiri
Autor: Yuko Kuhn
Erschienen 2025 bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
ISBN 978-3-446-28311-4
Verlorenheit - 5 Sterne
Im Mittelpunkt von Yuko Kuhns Debütroman steht die Ich-Erzählerin Aki, die mit ihrer 70jährigen dementen Mutter Keiko noch einmal gemeinsam in deren Geburtsort Kobe in Japan reist. Keikos hochbetagte Mutter ist vor einiger Zeit gestorben und Aki hofft, dass die bekannten Orte und der bewusste Abschied Erinnerungen bei Keiko wecken und sie selbst mehr über ihre japanischen Wurzeln herausfindet.
Das Unterfangen ist mutig, denn die Beziehung zwischen Aki und Keiko ist weder eng noch frei von Belastungen. Kindheit und Jugend haben Spuren bei Aki und ihrem Bruder Kento bis in deren Erwachsenenleben hinterlassen:
Aki wächst in mehrfacher Hinsicht zwischen zwei Kulturen auf. Sie lebt in Deutschland bei ihrer japanischen Mutter, hat aber einen deutschen Vater, der die Familie bereits sehr früh verlassen hat. Beide Eltern sind psychisch belastet, der Vater hat nach einem Suizidversuch einen längeren Psychiatrieaufenthalt hinter sich. Während Keiko den Kindern materiell wenig bieten kann, sind Akis deutsche Großeltern sehr wohlhabend. Die Kinder werden bei ihren Besuchen mit Geschenken überhäuft. Die emotionale Wärme, nach der Aki sich sehnt, bekommt sie in keiner dieser Welten in ausreichendem Maße.
Der fragmentarische Erzählstil und die Vielzahl der behandelten Themen erfordern gerade zu Beginn etwas Konzentration. Müsste man einen Oberbegriff für das Hauptthema wählen, dann wäre es wohl die Verlorenheit.
Keiko kommt in der freiwillig gewählten deutschen Heimat nicht an. Aber auch in Japan fühlt sie sich mit den starren Regeln nach der zunächst erfahrenen Freiheit in Deutschland nicht mehr heimisch. Sie schätzt die Direktheit der Deutschen, ist aber selbst nicht in der Lage, über ihre Gefühle und Bedürfnisse offen zu sprechen. Aki erinnert sich, dass sie ihre Mutter niemals hat weinen sehen.
Auch nach vielen Jahren in Deutschland hat Keiko keine Freunde, weder japanische noch deutsche. Die Esskultur in ihrem Haushalt bleibt strikt japanisch, die Titel gebenden Onigiri stehen symbolisch für weitaus mehr als nur ein Nahrungsmittel. In diesem Fall ist die Bezeichnung Soulfood absolut zutreffend.
Die spätere beginnende Demenz und die damit verbundenen Momente der Orientierungslosigkeit sowie die schwindenden Erinnerungen sind wieder eine andere Form der Verlorenheit. Das betrifft nicht nur Keiko selbst, sondern auch die Hilflosigkeit und Überforderung, die Aki empfindet, wenn sie die Veränderungen bei ihrer Mutter wahrnimmt.
Auch in Akis Lebensgeschichte spielt die Verlorenheit eine zentrale Rolle. Sie bewegt sich in Deutschland in mehrerer Hinsicht in sehr unterschiedlichen Welten, ist aber nirgendwo richtig Zuhause. Als Jugendliche wünscht sie sich eine „normale“ Mutter, die so ist wie die Mütter ihrer Freundinnen. Gleichzeitig gibt es ein umgekehrtes Mutter-Tochter-Verhältnis, wenn Aki Sorgeaufgaben für ihre Mutter übernimmt, weil diese in Düsternis versinkt.
Zuhause lebt Aki auch in guten Phasen der Mutter in der japanischen Kultur, außerhalb aber in der deutschen. Sie möchte dazu gehören, erfährt aber rassistische Ausgrenzung.
Die Reise mit ihrer Mutter nach Kobe ist für Aki auch deshalb wichtig, weil sie mehr über ihre eigene Familiengeschichte und ihre japanischen Wurzeln erfahren muss.
Am Ende ist zwar nicht alles gut, aber der Blick auf Vergangenheit und Gegenwart ist ein bisschen versöhnlicher geworden.
Ein sehr lesenswerter Roman!
Das Unterfangen ist mutig, denn die Beziehung zwischen Aki und Keiko ist weder eng noch frei von Belastungen. Kindheit und Jugend haben Spuren bei Aki und ihrem Bruder Kento bis in deren Erwachsenenleben hinterlassen:
Aki wächst in mehrfacher Hinsicht zwischen zwei Kulturen auf. Sie lebt in Deutschland bei ihrer japanischen Mutter, hat aber einen deutschen Vater, der die Familie bereits sehr früh verlassen hat. Beide Eltern sind psychisch belastet, der Vater hat nach einem Suizidversuch einen längeren Psychiatrieaufenthalt hinter sich. Während Keiko den Kindern materiell wenig bieten kann, sind Akis deutsche Großeltern sehr wohlhabend. Die Kinder werden bei ihren Besuchen mit Geschenken überhäuft. Die emotionale Wärme, nach der Aki sich sehnt, bekommt sie in keiner dieser Welten in ausreichendem Maße.
Der fragmentarische Erzählstil und die Vielzahl der behandelten Themen erfordern gerade zu Beginn etwas Konzentration. Müsste man einen Oberbegriff für das Hauptthema wählen, dann wäre es wohl die Verlorenheit.
Keiko kommt in der freiwillig gewählten deutschen Heimat nicht an. Aber auch in Japan fühlt sie sich mit den starren Regeln nach der zunächst erfahrenen Freiheit in Deutschland nicht mehr heimisch. Sie schätzt die Direktheit der Deutschen, ist aber selbst nicht in der Lage, über ihre Gefühle und Bedürfnisse offen zu sprechen. Aki erinnert sich, dass sie ihre Mutter niemals hat weinen sehen.
Auch nach vielen Jahren in Deutschland hat Keiko keine Freunde, weder japanische noch deutsche. Die Esskultur in ihrem Haushalt bleibt strikt japanisch, die Titel gebenden Onigiri stehen symbolisch für weitaus mehr als nur ein Nahrungsmittel. In diesem Fall ist die Bezeichnung Soulfood absolut zutreffend.
Die spätere beginnende Demenz und die damit verbundenen Momente der Orientierungslosigkeit sowie die schwindenden Erinnerungen sind wieder eine andere Form der Verlorenheit. Das betrifft nicht nur Keiko selbst, sondern auch die Hilflosigkeit und Überforderung, die Aki empfindet, wenn sie die Veränderungen bei ihrer Mutter wahrnimmt.
Auch in Akis Lebensgeschichte spielt die Verlorenheit eine zentrale Rolle. Sie bewegt sich in Deutschland in mehrerer Hinsicht in sehr unterschiedlichen Welten, ist aber nirgendwo richtig Zuhause. Als Jugendliche wünscht sie sich eine „normale“ Mutter, die so ist wie die Mütter ihrer Freundinnen. Gleichzeitig gibt es ein umgekehrtes Mutter-Tochter-Verhältnis, wenn Aki Sorgeaufgaben für ihre Mutter übernimmt, weil diese in Düsternis versinkt.
Zuhause lebt Aki auch in guten Phasen der Mutter in der japanischen Kultur, außerhalb aber in der deutschen. Sie möchte dazu gehören, erfährt aber rassistische Ausgrenzung.
Die Reise mit ihrer Mutter nach Kobe ist für Aki auch deshalb wichtig, weil sie mehr über ihre eigene Familiengeschichte und ihre japanischen Wurzeln erfahren muss.
Am Ende ist zwar nicht alles gut, aber der Blick auf Vergangenheit und Gegenwart ist ein bisschen versöhnlicher geworden.
Ein sehr lesenswerter Roman!
von bedard - 2025-10-21 19:09:00
Berührend - 4 Sterne
Als ihre Großmutter in Japan stirbt, macht sich Aki mit ihrer demenzkranken Mutter auf den Weg in deren Geburtsland.
Der Roman erzählt keine fortlaufende Handlung sondern ist zusammengesetzt aus vielen Erinnerungsstücken. Diese werden nicht chronologisch erzählt, und betrachten sowohl die Großmutter Yasuko, die Mutter Keiko, als auch die Tochter Aki selbst, die in Ich-Form erzählt, sowie auch ihren Vater Karl und die Familie väterlicherseits. Nach und nach setzt sich so das Bild einer Familie zusammen.
Aki und ihr Bruder waren in den Ferien oft bei den reichen Eltern ihres Vaters zu Besuch, die ihre Mutter nie ganz akzeptieren konnten, sie haben aber auch ihre japanischen Verwandten näher kennengelernt. Ihre Eltern hatten sich früh getrennt, so war ihr Leben immer ein Wechsel nicht nur zwischen den Kulturen, sondern auch verschiedenen Lebensituationen. Durch den japanischen Teil der Familie erfährt man viel über dieses Land, seine Kultur, vor allem auch die Esskultur, und seine Menschen. Am Ende des Buches gibt es ein Glossar, das sehr nützlich ist, denn der Roman enthält viele japanische Wörter.
Die gemeinsame Reise führt auch dazu, dass Aki ihre Mutter mit anderen Augen sehen kann, denn sie findet im Zimmer ihrer verstorbenen Großmutter Briefe und Fotos, und kann so erkennen, wie mutig und selbstbewusst ihre Mutter gewesen sein muss, ihre Heimat zu verlassen und sich auf ein ganz anderes Leben einzulassen, das sicher nicht immer ihren Wünschen entsprochen hat.
Die Erzählweise macht das Lesen nicht immer einfach, jedoch ist der Roman relativ kurz, so dass man die einzelnen Erinnerungen gut in Verbindung setzen kann, und sich am Ende ein Bild ergibt. Mich hat der Roman berührt.
Der Roman erzählt keine fortlaufende Handlung sondern ist zusammengesetzt aus vielen Erinnerungsstücken. Diese werden nicht chronologisch erzählt, und betrachten sowohl die Großmutter Yasuko, die Mutter Keiko, als auch die Tochter Aki selbst, die in Ich-Form erzählt, sowie auch ihren Vater Karl und die Familie väterlicherseits. Nach und nach setzt sich so das Bild einer Familie zusammen.
Aki und ihr Bruder waren in den Ferien oft bei den reichen Eltern ihres Vaters zu Besuch, die ihre Mutter nie ganz akzeptieren konnten, sie haben aber auch ihre japanischen Verwandten näher kennengelernt. Ihre Eltern hatten sich früh getrennt, so war ihr Leben immer ein Wechsel nicht nur zwischen den Kulturen, sondern auch verschiedenen Lebensituationen. Durch den japanischen Teil der Familie erfährt man viel über dieses Land, seine Kultur, vor allem auch die Esskultur, und seine Menschen. Am Ende des Buches gibt es ein Glossar, das sehr nützlich ist, denn der Roman enthält viele japanische Wörter.
Die gemeinsame Reise führt auch dazu, dass Aki ihre Mutter mit anderen Augen sehen kann, denn sie findet im Zimmer ihrer verstorbenen Großmutter Briefe und Fotos, und kann so erkennen, wie mutig und selbstbewusst ihre Mutter gewesen sein muss, ihre Heimat zu verlassen und sich auf ein ganz anderes Leben einzulassen, das sicher nicht immer ihren Wünschen entsprochen hat.
Die Erzählweise macht das Lesen nicht immer einfach, jedoch ist der Roman relativ kurz, so dass man die einzelnen Erinnerungen gut in Verbindung setzen kann, und sich am Ende ein Bild ergibt. Mich hat der Roman berührt.
von PMelittaM - 2025-10-17 20:44:00
Zwischen zwei Kulturen - 3 Sterne
In Yuko Kuhns autofiktionalem Roman "Onigiri" geht es um Aki, die nach dem Tod ihrer Großmutter beschließt mit ihrer Mutter Keiko nochmal nach Japan zu ihrer Familie zu reisen. Doch birgt diese Reise Gefahren mit sich, da Keiko mittlerweile dement ist. Anders als erwartet erscheint dieser Trip in Keiko wieder lebendig zu machen und sie beginnt wieder zu sprechen.
So erfährt man fragmentarisch Kapitel für Kapitel etwas über die Familiengeschichte, über die Verbindung des Essens und der Erinnerungen.
Kuhn schafft es die Lesenden in die Kultur Japans eintauchen zu lassen und in diesem Hinblick auch welche Freuden und Hürden ein Mensch durchlebt, der seine Heimat für die Liebe zurücklässt. Liebevoll fand ich die Einteilung der Kapitel in verschiedene Gerichte und einer kurzen Erklärung zu ihnen. Der fragmentarische Erzählstil war anfangs etwas anstrengend, aber ich konnte mich einigermaßen daran gewöhnen.
Alles in Allem hat mir das Buch ganz gut für zwischendurch gefallen. Für Menschen, die gerne autofiktionale Romane lesen und/oder sich für die Kultur Japans interessieren kann ich es empfehlen.
So erfährt man fragmentarisch Kapitel für Kapitel etwas über die Familiengeschichte, über die Verbindung des Essens und der Erinnerungen.
Kuhn schafft es die Lesenden in die Kultur Japans eintauchen zu lassen und in diesem Hinblick auch welche Freuden und Hürden ein Mensch durchlebt, der seine Heimat für die Liebe zurücklässt. Liebevoll fand ich die Einteilung der Kapitel in verschiedene Gerichte und einer kurzen Erklärung zu ihnen. Der fragmentarische Erzählstil war anfangs etwas anstrengend, aber ich konnte mich einigermaßen daran gewöhnen.
Alles in Allem hat mir das Buch ganz gut für zwischendurch gefallen. Für Menschen, die gerne autofiktionale Romane lesen und/oder sich für die Kultur Japans interessieren kann ich es empfehlen.
von rosetheline - 2025-10-06 22:24:00
Zwischen zwei Welten - 3 Sterne
3.5 | In »Onigiri« erzählt Yuko Kuhn die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Deutschland und Japan.
Akis Mutter Keiko beschließt als junge Frau Japan den Rücken zu kehren und nach Deutschland auszuwandern. In ihrer neuen Wahlheimat heiratet sie, bekommt zwei Kinder und lässt sich schließlich wieder scheiden.
Im Alter erkrankt sie an Demenz und aus der einst so selbstbestimmten und lebensfrohen Frau bleibt nicht mehr viel übrig.
Als Akis Großmutter stirbt, nimmt sie dies zum Anlass ein letztes Mal zusammen mit Keiko nach Japan zu reisen.
Erzählt wird die Geschichte zwischen zwei Kulturen aus der Perspektive von Aki in einem ruhigen, beinahe sachlichen Ton auf zwei Zeitebenen. Trotz der Schwere der Themen kommen keine großen Emotionen auf und die Erzählerin bleibt stets auf einer gewissen Distanz zum Geschehen.
Die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung legt einen Schatten auf die sonst so friedlich erscheinende Familiengeschichte.
Während die Lektüre anfangs noch von Leichtigkeit geprägt ist, entfaltet sich nach und nach ein Gefühl der Melancholie und Wehmut.
Die Themen Demenz und Depression sind allgegenwärtig und lassen die Lesenden trotz der distanzierten, teilweise verzweifelten und von Unverständnis geprägten Haltung zu Keiko ein tiefes Mitgefühl für sie entwickeln.
Während Aki zu ergründen versucht, was ihre Mutter zu der gebrochenen Frau gemacht hat, die sie heute ist, setzt sich für die Lesenden nach und nach ein Bild zusammen, welches zeigt, wie schwer die Japanerin es in Deutschland hatte und wie einsam sie sich gefühlt haben muss.
Gerade zu Beginn des Romans wirkt der Text eher wie eine Ansammlung von zusammenhanglosen aneinandergereihten Anekdoten, was den Lesefluss leicht beeinträchtigen kann.
Bei einigen Themen hätte ich mir zudem etwas mehr Reflexion und Tiefgang gewünscht. Der Groll Akis der Mutter gegenüber war für die Leser:innen oft nicht greifbar und hier hätte ich mir ein paar emotionalere Einblicke in die Beziehung der beiden erhofft.
Grundsätzlich kann ich das Buch allen empfehlen, die sich für die japanische Kultur interessieren. Hier bekommt man wirklich spannende Einblicke geboten. Insbesondere im Vergleich zur deutschen Kultur werden ganz deutlich Unterschiede in Mentalität und Lebensweise dargestellt.
Akis Mutter Keiko beschließt als junge Frau Japan den Rücken zu kehren und nach Deutschland auszuwandern. In ihrer neuen Wahlheimat heiratet sie, bekommt zwei Kinder und lässt sich schließlich wieder scheiden.
Im Alter erkrankt sie an Demenz und aus der einst so selbstbestimmten und lebensfrohen Frau bleibt nicht mehr viel übrig.
Als Akis Großmutter stirbt, nimmt sie dies zum Anlass ein letztes Mal zusammen mit Keiko nach Japan zu reisen.
Erzählt wird die Geschichte zwischen zwei Kulturen aus der Perspektive von Aki in einem ruhigen, beinahe sachlichen Ton auf zwei Zeitebenen. Trotz der Schwere der Themen kommen keine großen Emotionen auf und die Erzählerin bleibt stets auf einer gewissen Distanz zum Geschehen.
Die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung legt einen Schatten auf die sonst so friedlich erscheinende Familiengeschichte.
Während die Lektüre anfangs noch von Leichtigkeit geprägt ist, entfaltet sich nach und nach ein Gefühl der Melancholie und Wehmut.
Die Themen Demenz und Depression sind allgegenwärtig und lassen die Lesenden trotz der distanzierten, teilweise verzweifelten und von Unverständnis geprägten Haltung zu Keiko ein tiefes Mitgefühl für sie entwickeln.
Während Aki zu ergründen versucht, was ihre Mutter zu der gebrochenen Frau gemacht hat, die sie heute ist, setzt sich für die Lesenden nach und nach ein Bild zusammen, welches zeigt, wie schwer die Japanerin es in Deutschland hatte und wie einsam sie sich gefühlt haben muss.
Gerade zu Beginn des Romans wirkt der Text eher wie eine Ansammlung von zusammenhanglosen aneinandergereihten Anekdoten, was den Lesefluss leicht beeinträchtigen kann.
Bei einigen Themen hätte ich mir zudem etwas mehr Reflexion und Tiefgang gewünscht. Der Groll Akis der Mutter gegenüber war für die Leser:innen oft nicht greifbar und hier hätte ich mir ein paar emotionalere Einblicke in die Beziehung der beiden erhofft.
Grundsätzlich kann ich das Buch allen empfehlen, die sich für die japanische Kultur interessieren. Hier bekommt man wirklich spannende Einblicke geboten. Insbesondere im Vergleich zur deutschen Kultur werden ganz deutlich Unterschiede in Mentalität und Lebensweise dargestellt.
von Sina - 2025-10-04 11:51:00
Symbol für familiäre Zuneigung - 4 Sterne
Bevor ihre Mutter von der Demenz gänzlich eingeschränkt ist, fährt ihre Tochter Aki mit ihr nach Japan. Anlass ist auch der Tod ihrer dortigen Großmutter. In Rückblenden wird das Leben einer Familie zwischen zwei Welten, Japan und Deutschland, dargestellt. Es sind große Gegensätze, zwischen denen Aki und ihr Bruder Kenta während ihrer Kindheit und Jugend in Europa lavieren, um nur ja keine Fehler zu machen. Die Demenzkranke, eine Japanerin, hat in Deutschland studiert, einen Deutschen geheiratet und hat mit ihm zwei Kinder. Von ihrer Schwiegerfamilie nie richtig angenommen, hat die Frau ihr Leben dennoch auf bewundernswerte Weise gemeistert.
Jedes der zwölf Kapitel ist mit einem Begriff betitelt, der für einen bestimmten Themenbereich steht. Im Glossar wird erläutert, was mit den japanischen Wörtern gemeint ist. Sowohl der Buchtitel als auch das Cover geben anfangs vermutlich vielen Lesern ein Rätsel auf. Bei Google ist zu erfahren: „Onigiri (Reisbällchen) ist ein beliebter japanischer Snack aus gepresstem Reis, der oft mit Nori-Algen umhüllt und mit einer Füllung wie Lachs oder Umeboshi versehen ist… Onigiri ist ein Symbol für familiäre Zuneigung, ein praktischer Proviant für Ausflüge und ein Ausdruck japanischer Esskultur, der Einfachheit und Kreativität vereint.“ Das sind also mundgerechte Reishäppchen mit getrockneten Algen.
Es geht im Roman auch um die Unterschiede zwischen den Generationen, zwischen Ost und West, erst recht um die Stolpersteine, die eine Demenzerkrankung mit sich bringt.
Sehr nahegehend, aber auch teils unterkühlt-distanziert, gleichzeitig mit menschlicher Größe wird der Text von der Tochter erzählt, in oft fremdartigen Bildern, und für sich selbst kann man als Lesende viel daraus lernen. Die Zeitsprünge können verwirrend sein, man muss sehr aufmerksam lesen, und auch der kleine Druck war für mich anstrengend. Das umfassende Glossar ergänzt das winzige Wissen, das ich von der japanischen Kultur bisher hatte. Ein Buch, das es wert ist, aufmerksam gelesen zu werden. Ein immenses Bravo für dieses Debüt!
Jedes der zwölf Kapitel ist mit einem Begriff betitelt, der für einen bestimmten Themenbereich steht. Im Glossar wird erläutert, was mit den japanischen Wörtern gemeint ist. Sowohl der Buchtitel als auch das Cover geben anfangs vermutlich vielen Lesern ein Rätsel auf. Bei Google ist zu erfahren: „Onigiri (Reisbällchen) ist ein beliebter japanischer Snack aus gepresstem Reis, der oft mit Nori-Algen umhüllt und mit einer Füllung wie Lachs oder Umeboshi versehen ist… Onigiri ist ein Symbol für familiäre Zuneigung, ein praktischer Proviant für Ausflüge und ein Ausdruck japanischer Esskultur, der Einfachheit und Kreativität vereint.“ Das sind also mundgerechte Reishäppchen mit getrockneten Algen.
Es geht im Roman auch um die Unterschiede zwischen den Generationen, zwischen Ost und West, erst recht um die Stolpersteine, die eine Demenzerkrankung mit sich bringt.
Sehr nahegehend, aber auch teils unterkühlt-distanziert, gleichzeitig mit menschlicher Größe wird der Text von der Tochter erzählt, in oft fremdartigen Bildern, und für sich selbst kann man als Lesende viel daraus lernen. Die Zeitsprünge können verwirrend sein, man muss sehr aufmerksam lesen, und auch der kleine Druck war für mich anstrengend. Das umfassende Glossar ergänzt das winzige Wissen, das ich von der japanischen Kultur bisher hatte. Ein Buch, das es wert ist, aufmerksam gelesen zu werden. Ein immenses Bravo für dieses Debüt!
von Emmmbeee - 2025-09-21 15:20:00
Das fragmentarische, sensible Porträt eines Lebens zwischen den Welten - 5 Sterne
Während ich mit japanischer Literatur bislang eher nicht komplett gematcht habe, gab es aus dem deutsch-japanischen Autor*innenfeld schon das ein oder andere Highlight. „Onigiri“ reiht sich für mich im positiven Sinne ein.
Yuko Kuhn hat einen leisen Roman geschrieben, der sich doch gleichermaßen eindringlich mit einem Leben zwischen zwei Welten befasst. In ihm reist Protagonistin Aki mit ihrer dementen Mutter Keiko ein letztes Mal nach Japan und reflektiert parallel dazu nicht nur über den Werdegang ebenjener, sondern auch über ihre eigenen Kindheitserinnerungen und Schlüsselmomente.
Besonders geschickt finde ich die Struktur der Erzählung. Denn obwohl sie auch zu einer gewissen Kompliziertheit beiträgt, spiegelt sie in sich die innere Zerrissenheit Akis wider. Jedes Kapitel teilt sich in den Gegenwartsstrang, also den Besuch in Japan, und einen Erinnerungsteil. Letzterer ist dabei immer stark familienbezogen, dahingehend aber sehr divers gehalten. Mal geht es um die Großeltern, mal den Vater und dann wieder um Akis Bruder. Die beiden Teile sind strukturell nur sehr dezent voneinander getrennt und ich verstehe, dass dies das Leseverständnis hemmen kann. Ich konnte mich nach einer kurzen Gewöhnungsphase glücklicherweise sehr gut drauf einlassen und denke auch, dass es bei diesem Werk genau darauf ankommt.
Die vermittelten Gefühle sind unheimlich vielschichtig, manchmal richtiggehend widersprüchlich. Besonders die Mutter-Tochter-Beziehung steht logischerweise im Zentrum der Geschichte und wird begleitet von nahen wie distanzierten Momenten. Kuhn schafft es eindrücklich, einen dichten Text zu schreiben, ohne ins Abwertende oder Pathetische abzuschweifen. Vielleicht trägt ihre eigene Biografie dazu bei, in jedem Fall finde ich die Selbstreflexion von Protagonistin und Autorin bemerkenswert.
Ganz nebenbei thematisiert Kuhn alltäglichen Rassismus, der trotz ihrer nüchternen Schreibweise unter die Haut geht. Auch kulturelle Unterschiede werden am Beispiel ihrer deutschen bzw. japanischen Familie messerscharf verhandelt. So sammelt dieser Roman eine schiere Fülle an Erfahrungen und fügt sie zu einem Mosaik zusammen.
Demenz ist in der Literatur nun wirklich nicht selten Thema, aber die sensible, leise und gleichzeitig aufwühlende Schilderung der Autorin ist eine ganz besondere. Teilweise genügte ein Satz, eine Frage der Mutter, um in mir alles zum Stocken zu bringen. Aki gilt für ihren Umgang mit dieser furchtbaren Erkrankung meine absolute Bewunderung, gleichzeitig war aber auch ihre Trauer für mich deutlich spürbar.
Die Autorin baut auf sehr viele japanische Begriffe und Wendungen, was ich ja immer ambivalent bewerte. Sehr authentisch und passend auf der einen Seite, störend für meinen Lesefluss auf der anderen. Das Glossar ist ganz toll, lässt sich im eBook aber nur unpraktisch nutzen. Abgesehen davon kann ich aber wirklich maximal nur an der ein oder anderen langatmigeren Stelle mäkeln.
Ein Buch für alle, die sich für kulturelle Unterschiede sowie Identitätssuche interessieren und die sich von leisen, fragmentarisch erzählten Romanen mit einigen Zeitsprüngen nicht abschrecken lassen.
4,5 Sterne
Yuko Kuhn hat einen leisen Roman geschrieben, der sich doch gleichermaßen eindringlich mit einem Leben zwischen zwei Welten befasst. In ihm reist Protagonistin Aki mit ihrer dementen Mutter Keiko ein letztes Mal nach Japan und reflektiert parallel dazu nicht nur über den Werdegang ebenjener, sondern auch über ihre eigenen Kindheitserinnerungen und Schlüsselmomente.
Besonders geschickt finde ich die Struktur der Erzählung. Denn obwohl sie auch zu einer gewissen Kompliziertheit beiträgt, spiegelt sie in sich die innere Zerrissenheit Akis wider. Jedes Kapitel teilt sich in den Gegenwartsstrang, also den Besuch in Japan, und einen Erinnerungsteil. Letzterer ist dabei immer stark familienbezogen, dahingehend aber sehr divers gehalten. Mal geht es um die Großeltern, mal den Vater und dann wieder um Akis Bruder. Die beiden Teile sind strukturell nur sehr dezent voneinander getrennt und ich verstehe, dass dies das Leseverständnis hemmen kann. Ich konnte mich nach einer kurzen Gewöhnungsphase glücklicherweise sehr gut drauf einlassen und denke auch, dass es bei diesem Werk genau darauf ankommt.
Die vermittelten Gefühle sind unheimlich vielschichtig, manchmal richtiggehend widersprüchlich. Besonders die Mutter-Tochter-Beziehung steht logischerweise im Zentrum der Geschichte und wird begleitet von nahen wie distanzierten Momenten. Kuhn schafft es eindrücklich, einen dichten Text zu schreiben, ohne ins Abwertende oder Pathetische abzuschweifen. Vielleicht trägt ihre eigene Biografie dazu bei, in jedem Fall finde ich die Selbstreflexion von Protagonistin und Autorin bemerkenswert.
Ganz nebenbei thematisiert Kuhn alltäglichen Rassismus, der trotz ihrer nüchternen Schreibweise unter die Haut geht. Auch kulturelle Unterschiede werden am Beispiel ihrer deutschen bzw. japanischen Familie messerscharf verhandelt. So sammelt dieser Roman eine schiere Fülle an Erfahrungen und fügt sie zu einem Mosaik zusammen.
Demenz ist in der Literatur nun wirklich nicht selten Thema, aber die sensible, leise und gleichzeitig aufwühlende Schilderung der Autorin ist eine ganz besondere. Teilweise genügte ein Satz, eine Frage der Mutter, um in mir alles zum Stocken zu bringen. Aki gilt für ihren Umgang mit dieser furchtbaren Erkrankung meine absolute Bewunderung, gleichzeitig war aber auch ihre Trauer für mich deutlich spürbar.
Die Autorin baut auf sehr viele japanische Begriffe und Wendungen, was ich ja immer ambivalent bewerte. Sehr authentisch und passend auf der einen Seite, störend für meinen Lesefluss auf der anderen. Das Glossar ist ganz toll, lässt sich im eBook aber nur unpraktisch nutzen. Abgesehen davon kann ich aber wirklich maximal nur an der ein oder anderen langatmigeren Stelle mäkeln.
Ein Buch für alle, die sich für kulturelle Unterschiede sowie Identitätssuche interessieren und die sich von leisen, fragmentarisch erzählten Romanen mit einigen Zeitsprüngen nicht abschrecken lassen.
4,5 Sterne
von nessabo - 2025-09-17 19:21:00
Berührende Familiengeschichte - 5 Sterne
Emotionale Erzählungen aus der Geschichte einer deutsch-japanischen Familie. Durch die Erzählerin Aki erfahren die Leserinnen und Leser nicht nur vieles über ihre eigene Biografie, sondern auch über die ihrer Mutter Keiko, die als junge Frau nach Deutschland auswanderte, und ihre Großmutter Yasuko. Die Geschichten aller drei Frauen haben mich auf ihre eigene Art berührt.
Besonders schön fand ich die Beschreibung der Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter Keiko. Zusammen mit ihr macht sich Aki nach dem Tod ihrer Großmutter Yasuko auf den Weg in ihre Heimat Japan und zur Familie ihrer Mutter. Eine Art Abschiedsbesuch, denn allen ist klar, dass es Keikos letzte Reise nach Japan sein wird.
Neben Keikos Demenz sind unter anderem auch die Beziehung von Aki zu ihren Eltern, das Aufwachsen in Deutschland als Halbjapanerin und die psychischen Probleme von Keiko, ihrem Exmann und ihren Kindern Aki und Kenta Themen des Buches.
Immer wieder gibt es Zeitsprünge und Einschübe mit kleinen Geschichten, was ich persönlich sehr mochte. Den Schreibstil fand ich toll, so konnte ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, als ich es einmal angefangen hatte.
Besonders schön fand ich die Beschreibung der Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter Keiko. Zusammen mit ihr macht sich Aki nach dem Tod ihrer Großmutter Yasuko auf den Weg in ihre Heimat Japan und zur Familie ihrer Mutter. Eine Art Abschiedsbesuch, denn allen ist klar, dass es Keikos letzte Reise nach Japan sein wird.
Neben Keikos Demenz sind unter anderem auch die Beziehung von Aki zu ihren Eltern, das Aufwachsen in Deutschland als Halbjapanerin und die psychischen Probleme von Keiko, ihrem Exmann und ihren Kindern Aki und Kenta Themen des Buches.
Immer wieder gibt es Zeitsprünge und Einschübe mit kleinen Geschichten, was ich persönlich sehr mochte. Den Schreibstil fand ich toll, so konnte ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, als ich es einmal angefangen hatte.
von Kat - 2025-09-14 22:52:00
Familie mit Problemen - 5 Sterne
Aki ist die Tochter einer Japanerin und eines Deutschen, geboren und aufgewachsen in Süddeutschland. Damit befindet sie sich bereits zwischen zwei verschiedenen Welten. Ihre Mutter Keiko hat als junge Frau auf einer Busreise durch Europa die Freiheiten der westlichen Kultur genossen und beschlossen, deutsch und englisch zu lernen und nach Deutschland auszuwandern. Hier traf sie auf Karl, deutlich jünger als sie selbst und, wie sich später herausstellte, deutlich reicher als sie. Die Ehe hielt nicht lange und Keiko kümmerte sich alleine um die beiden Kinder.
Aus der Sicht von Aki erleben wir mit, wie Keiko immer mehr in die Demenz verfällt, immer mehr vergisst. Sie beschließt, mit ihrer Mutter ein letztes Mal in deren alte Heimat zu Familie und Freunden zu reisen. Doch ist das mit dieser Krankheit überhaupt sinnvoll?
In episodenhaften Rückblenden wird Akis Leben geschildert, einerseits bei ihrer Mutter, andererseits in der herrschaftlichen Villa ihrer väterlichen Großeltern mit einer völlig anderen Kultur und Lebensart.
Auf wenigen Seiten werden hier ganz unterschiedliche Welten aufgezeigt, intensiv und emotional geschrieben. Eine Familie mit Problemen, aber wer hat die nicht.
Aus der Sicht von Aki erleben wir mit, wie Keiko immer mehr in die Demenz verfällt, immer mehr vergisst. Sie beschließt, mit ihrer Mutter ein letztes Mal in deren alte Heimat zu Familie und Freunden zu reisen. Doch ist das mit dieser Krankheit überhaupt sinnvoll?
In episodenhaften Rückblenden wird Akis Leben geschildert, einerseits bei ihrer Mutter, andererseits in der herrschaftlichen Villa ihrer väterlichen Großeltern mit einer völlig anderen Kultur und Lebensart.
Auf wenigen Seiten werden hier ganz unterschiedliche Welten aufgezeigt, intensiv und emotional geschrieben. Eine Familie mit Problemen, aber wer hat die nicht.
von Ulla - 2025-09-10 16:27:00
Sehr langsamer und tiefer Roman - 4 Sterne
uko Kuhns Onigiri ist ein leiser, feinfühliger Roman, der die Komplexität familiärer Beziehungen und kultureller Identität auf eindringliche Weise beleuchtet. Die Geschichte von Aki, die zwischen zwei Kulturen – Japan und Deutschland – und zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendelt, entfaltet sich in behutsamen Episoden. Dabei begleitet man Aki auf ihrer emotionalen Reise, während sie versucht, einen Zugang zu ihrer demenzkranken Mutter Keiko zu finden und gleichzeitig die eigene Identität zu begreifen.
Die Stärke des Buches liegt in seiner klaren, unaufdringlichen Sprache, die Raum für Nachdenken und Nachspüren lässt. Die Erinnerungen, die Aki dabei durchlebt, sind oft zart und berührend, manchmal schmerzhaft, aber immer menschlich. Besonders beeindruckend ist die liebevolle und zugleich ehrliche Darstellung der Mutter-Tochter-Beziehung: Keikos Eigenarten und ihre Demenz werden mit einer Wärme und Toleranz beschrieben, die tief bewegt. Gleichzeitig spart die Autorin nicht aus, dass das Leben mit Keiko nicht immer leicht war – sei es durch kulturelle Unterschiede, familiäre Konflikte oder die Herausforderungen, die das Leben zwischen zwei Welten mit sich bringt.
Allerdings erfordert Onigiri Geduld. Die Erzählweise ist ruhig und langsam, ohne große Dramatik oder schnelle Wendungen. Die Handlung entwickelt sich in kleinen, oft fragmentarischen Episoden, die nicht immer vollständig auserzählt werden. Dies passt zwar zur bruchstückhaften Erinnerung der Figuren, kann aber für Leserinnen und Leser, die ein schnelleres Tempo gewohnt sind, herausfordernd sein. Es ist ein Buch, das Zeit und Aufmerksamkeit verlangt – aber genau darin liegt auch sein Reiz. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer tief bewegenden Geschichte belohnt, die lange nachklingt.
Onigiri ist ein nachdenklich stimmender Roman über Identität, Familie und kulturelle Wurzeln. Yuko Kuhn verbindet deutsche und japanische Perspektiven zu einer berührenden Erzählung, die uns nicht nur die Eigenheiten Japans näherbringt, sondern auch zeigt, was es bedeutet, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen. Ein Buch für alle, die sich auf eine leise, aber eindringliche Geschichte einlassen möchten
Die Stärke des Buches liegt in seiner klaren, unaufdringlichen Sprache, die Raum für Nachdenken und Nachspüren lässt. Die Erinnerungen, die Aki dabei durchlebt, sind oft zart und berührend, manchmal schmerzhaft, aber immer menschlich. Besonders beeindruckend ist die liebevolle und zugleich ehrliche Darstellung der Mutter-Tochter-Beziehung: Keikos Eigenarten und ihre Demenz werden mit einer Wärme und Toleranz beschrieben, die tief bewegt. Gleichzeitig spart die Autorin nicht aus, dass das Leben mit Keiko nicht immer leicht war – sei es durch kulturelle Unterschiede, familiäre Konflikte oder die Herausforderungen, die das Leben zwischen zwei Welten mit sich bringt.
Allerdings erfordert Onigiri Geduld. Die Erzählweise ist ruhig und langsam, ohne große Dramatik oder schnelle Wendungen. Die Handlung entwickelt sich in kleinen, oft fragmentarischen Episoden, die nicht immer vollständig auserzählt werden. Dies passt zwar zur bruchstückhaften Erinnerung der Figuren, kann aber für Leserinnen und Leser, die ein schnelleres Tempo gewohnt sind, herausfordernd sein. Es ist ein Buch, das Zeit und Aufmerksamkeit verlangt – aber genau darin liegt auch sein Reiz. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer tief bewegenden Geschichte belohnt, die lange nachklingt.
Onigiri ist ein nachdenklich stimmender Roman über Identität, Familie und kulturelle Wurzeln. Yuko Kuhn verbindet deutsche und japanische Perspektiven zu einer berührenden Erzählung, die uns nicht nur die Eigenheiten Japans näherbringt, sondern auch zeigt, was es bedeutet, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen. Ein Buch für alle, die sich auf eine leise, aber eindringliche Geschichte einlassen möchten
von xx - 2025-08-30 19:46:00
Zwischen den Welten - 4 Sterne
Die Autorin Yuko Kuhn, 1983 geboren, hat sich für ihren Debutroman von ihrer eigenen Familiengeschichte inspirieren lassen. Wie ihre Ich-Erzählerin Aki ist sie als Tochter einer japanischen Mutter und eines deutschen Vaters in München aufgewachsen.
Die Großmutter ist im fernen Japan im hohen Alter gestorben , doch es dauert Monate, bis ihre Tochter Keiko in Deutschland davon erfährt. Aber die Nachricht dringt kaum mehr ins Innerste der Tochter, denn diese ist dement. Aki beschließt eine letzte gemeinsame Reise mit ihrer Mutter in deren frühere Heimat. Wohl wissend, dass dieses Unterfangen auch scheitern kann. Aber sie hofft, dass die Rückkehr ins Elternhaus, die Muttersprache, das Essen und die vertraute Umgebung in ihrer Mutter etwas wachrufen.
Dieser neuntägige Besuch bei der japanischen Familie ist die Rahmenhandlung des Romans, immer wieder unterbrochen von Erinnerungen an die Vergangenheit.
Als junge Frau ist Aki nach Deutschland ausgewandert, so sehr hat sie eine zuvor unternommene Europareise beeindruckt. Sie lernt die Sprache, verdient sich ihren Unterhalt mit Aushilfsjobs und begegnet ihrem zukünftigen Mann. Karl ist einige Jahre jünger als sie und stammt aus einer wohlhabenden großbürgerlichen Familie. Doch er hat massive psychische Probleme. Das Paar bekommt zwei Kinder. Aber die Ehe zerbricht und die Geschwister wachsen bei der Mutter auf.
Es ist eine Kindheit zwischen den Welten. Besonders groß ist der Kontrast zwischen der bescheidenen Lebensweise daheim bei der Mutter und dem pompösen Lebensstil der Großeltern, die sich auch nach der Trennung um ihre Enkel kümmern. Sie sind großzügig mit Geschenken, aber die Atmosphäre im Haus ist kühl. Keiko fühlt sich nie richtig akzeptiert und Aki hat deshalb auch stets Vorbehalte gegen ihre Großeltern.
Die Mutter versinkt immer mehr in einer Depression, fühlt sich ständig müde und oftmals außerstande, für ihre Kinder da zu sein. Ausdruck dafür ist eine ständig wiederkehrende Geste: Die Mutter sitzt da, die Hände vor dem Gesicht, so, als wolle sie die Außenwelt ausblenden.
Die einzige Freude scheint sie noch im Singen zu finden. Jahrzehntelang ist Keiko Mitglied in einem Chor.
Ansonsten ist sie nie wirklich angekommen in der neuen Heimat. Aki hat lange ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Mutter. Als Kind ist ihr das Anderssein peinlich, hätte lieber eine Mutter, die nicht auffällt, sondern so ist, wie die ihrer Freundinnen. Als Erwachsene kümmert sie sich zwar fürsorglich um die zunehmend verwirrter werdende Frau, hat aber nicht immer die Geduld dazu. Bei dieser letzten gemeinsamen Reise lernt Aki ganz neue Seiten an ihrer Mutter kennen. Sie entdeckt, wie sie war als junge Frau, klug und voller Neugierde auf das Leben. Und sie stellt sich die Frage, „… warum meine Mutter geworden ist, wie sie ist, ob ihr Unglück schon in ihr war, bevor sie nach Deutschland gekommen ist.“ Oder war es die gescheiterte Ehe oder der Alltag in der Fremde?
Auffallend ist der fragmentarische Erzählstil, der es dem Lesenden nicht leicht macht. In unendlich vielen kurzen Einzelszenen, die keiner Chronologie entsprechen, erzählt die Autorin ihre Geschichte. Erst nach und nach ergibt sich daraus ein Gesamtbild. Nicht alles wird restlos geklärt, wie im richtigen Leben. Auch dort muss man mit Leerstellen auskommen.
Der Erzählstil ist nüchtern, auch und gerade wenn es um emotional berührende Themen geht.
Anfänglich hatte ich meine Schwierigkeiten mit den Figuren. Nicht immer hatte ich Verständnis für ihr Verhalten, fand sie zu ich- bezogen und ungerecht. Doch im Grunde ist es positiv, dass die Ich-Erzählerin die Situation so ehrlich und ungeschönt darstellt, niemanden schont, auch nicht sich selbst. Denn das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie ist belastend, ebenso wie der Alltag mit einem erst depressiven, dann dementen Menschen. Das alles wird nachvollziehbar dargestellt.
Die titelgebenden „Onigiri“, Reisbällchen, sind nicht nur das Lieblingsessen von Aki. Sie tauchen an verschiedenen Stellen im Roman auf und stehen sinnbildlich für Liebe und Zuwendung. An ihnen lässt sich das veränderte Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ablesen. Ist Aki bei der Geburt ihres ersten Kindes noch enttäuscht, dass ihre Mutter zu müde war, um ihr die gewünschte Leibspeise zuzubereiten, so macht Aki in Japan für ihre Mutter zum ersten Mal selbst Onigiri.
Die Reise nach Japan war für Aki nicht nur die Möglichkeit, eine andere Seite ihrer Mutter zu entdecken, sondern auch eine Reise zu ihren eigenen Wurzeln.
„ Onigiri“ ist ein berührender Roman über eine komplizierte Mutter-Tochter- Beziehung, über das Leben zwischen den Kulturen und nicht zuletzt über Demenz. Eine zum Teil für mich fordernde und schmerzhafte Lektüre.
Die Großmutter ist im fernen Japan im hohen Alter gestorben , doch es dauert Monate, bis ihre Tochter Keiko in Deutschland davon erfährt. Aber die Nachricht dringt kaum mehr ins Innerste der Tochter, denn diese ist dement. Aki beschließt eine letzte gemeinsame Reise mit ihrer Mutter in deren frühere Heimat. Wohl wissend, dass dieses Unterfangen auch scheitern kann. Aber sie hofft, dass die Rückkehr ins Elternhaus, die Muttersprache, das Essen und die vertraute Umgebung in ihrer Mutter etwas wachrufen.
Dieser neuntägige Besuch bei der japanischen Familie ist die Rahmenhandlung des Romans, immer wieder unterbrochen von Erinnerungen an die Vergangenheit.
Als junge Frau ist Aki nach Deutschland ausgewandert, so sehr hat sie eine zuvor unternommene Europareise beeindruckt. Sie lernt die Sprache, verdient sich ihren Unterhalt mit Aushilfsjobs und begegnet ihrem zukünftigen Mann. Karl ist einige Jahre jünger als sie und stammt aus einer wohlhabenden großbürgerlichen Familie. Doch er hat massive psychische Probleme. Das Paar bekommt zwei Kinder. Aber die Ehe zerbricht und die Geschwister wachsen bei der Mutter auf.
Es ist eine Kindheit zwischen den Welten. Besonders groß ist der Kontrast zwischen der bescheidenen Lebensweise daheim bei der Mutter und dem pompösen Lebensstil der Großeltern, die sich auch nach der Trennung um ihre Enkel kümmern. Sie sind großzügig mit Geschenken, aber die Atmosphäre im Haus ist kühl. Keiko fühlt sich nie richtig akzeptiert und Aki hat deshalb auch stets Vorbehalte gegen ihre Großeltern.
Die Mutter versinkt immer mehr in einer Depression, fühlt sich ständig müde und oftmals außerstande, für ihre Kinder da zu sein. Ausdruck dafür ist eine ständig wiederkehrende Geste: Die Mutter sitzt da, die Hände vor dem Gesicht, so, als wolle sie die Außenwelt ausblenden.
Die einzige Freude scheint sie noch im Singen zu finden. Jahrzehntelang ist Keiko Mitglied in einem Chor.
Ansonsten ist sie nie wirklich angekommen in der neuen Heimat. Aki hat lange ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Mutter. Als Kind ist ihr das Anderssein peinlich, hätte lieber eine Mutter, die nicht auffällt, sondern so ist, wie die ihrer Freundinnen. Als Erwachsene kümmert sie sich zwar fürsorglich um die zunehmend verwirrter werdende Frau, hat aber nicht immer die Geduld dazu. Bei dieser letzten gemeinsamen Reise lernt Aki ganz neue Seiten an ihrer Mutter kennen. Sie entdeckt, wie sie war als junge Frau, klug und voller Neugierde auf das Leben. Und sie stellt sich die Frage, „… warum meine Mutter geworden ist, wie sie ist, ob ihr Unglück schon in ihr war, bevor sie nach Deutschland gekommen ist.“ Oder war es die gescheiterte Ehe oder der Alltag in der Fremde?
Auffallend ist der fragmentarische Erzählstil, der es dem Lesenden nicht leicht macht. In unendlich vielen kurzen Einzelszenen, die keiner Chronologie entsprechen, erzählt die Autorin ihre Geschichte. Erst nach und nach ergibt sich daraus ein Gesamtbild. Nicht alles wird restlos geklärt, wie im richtigen Leben. Auch dort muss man mit Leerstellen auskommen.
Der Erzählstil ist nüchtern, auch und gerade wenn es um emotional berührende Themen geht.
Anfänglich hatte ich meine Schwierigkeiten mit den Figuren. Nicht immer hatte ich Verständnis für ihr Verhalten, fand sie zu ich- bezogen und ungerecht. Doch im Grunde ist es positiv, dass die Ich-Erzählerin die Situation so ehrlich und ungeschönt darstellt, niemanden schont, auch nicht sich selbst. Denn das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie ist belastend, ebenso wie der Alltag mit einem erst depressiven, dann dementen Menschen. Das alles wird nachvollziehbar dargestellt.
Die titelgebenden „Onigiri“, Reisbällchen, sind nicht nur das Lieblingsessen von Aki. Sie tauchen an verschiedenen Stellen im Roman auf und stehen sinnbildlich für Liebe und Zuwendung. An ihnen lässt sich das veränderte Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ablesen. Ist Aki bei der Geburt ihres ersten Kindes noch enttäuscht, dass ihre Mutter zu müde war, um ihr die gewünschte Leibspeise zuzubereiten, so macht Aki in Japan für ihre Mutter zum ersten Mal selbst Onigiri.
Die Reise nach Japan war für Aki nicht nur die Möglichkeit, eine andere Seite ihrer Mutter zu entdecken, sondern auch eine Reise zu ihren eigenen Wurzeln.
„ Onigiri“ ist ein berührender Roman über eine komplizierte Mutter-Tochter- Beziehung, über das Leben zwischen den Kulturen und nicht zuletzt über Demenz. Eine zum Teil für mich fordernde und schmerzhafte Lektüre.
von Ruth - 2025-08-26 09:12:00


