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Rezensionen

Der Fluss der Zeit

Autor: Pascal Mercier

Erschienen 2026 bei Hanser, Carl
ISBN 978-3-446-28577-4
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Fünf beeindruckende Kurzgeschichten - 5 Sterne

Pascal Mercier taucht in den fünf bisher unveröffentlichten, aus seinem Nachlass stammenden Kurzgeschichten, die in diesem Band vertreten sind, tief in die Psyche von Menschen ein. Die Gedanken und Handlungen der Protagonist:innen konnte ich durchgehend nachvollziehen.

Vier der Geschichten werden von einem Ich-Erzähler erzählt, wobei manchmal auch die Gedanken und Emotionen eines anderen Charakters miteinbezogen werden, so dass man das Geschehen aus beiden Blickwinkeln erfährt. So zum Beispiel in „Die Übergabe“, hier trifft man auf einen alten Mann, der sein Haus, das 99 Jahre im Besitz seiner Familie war, an die neuen Besitzer übergibt, bevor er sein neues Leben in einem Seniorenheim beginnt. Man kann sich vorstellen, wie schwer das für ihn ist. Der Ich-Erzähler ist dabei der neue Besitzer: In „Die Wohnung“ geht es um ein wertvolles Geschenk, das sowohl den Schenkenden als auch den Beschenkten letztlich belastet.

Wie im Grunde alle anderen Geschichten ist „Der Befund“ sehr eindringlich, es ist außerdem die einzige Geschichte, die in der dritten Person erzählt wird. Jan Winter muss einige Tage auf das Ergebnis einer Gewebeprobenuntersuchung, die vielleicht eine tödliche Krankheit aufdeckt, warten. Als Leser:in begleitet man ihn durch diese Zeit. Sehr gut hat mir auch „Noch einmal die Mansarde“ gefallen, wo ein älterer Mann einen Kongress schwänzt, um noch einmal den Ort zu besuchen, an dem er als Student gewohnt hat. Leider ist das Erlebnis nicht so wie erhofft.

In „Tödlicher Lärm“ schließlich ergründen wir zusammen mit dem Ich-Erzähler einen Freitod. Diese Geschichte empfand ich als am schwierigsten nachzuvollziehen, dennoch ist auch sie lesenswert.

Kurzgeschichten haben eine ganz andere Dimension als Romane, auf wenigen Seiten eine Geschichte zu erzählen, die fesseln und lesenswert ist, ist eine besondere Kunst. Pascal Mercier ist das in diesen fünf Geschichten beeindruckend gelungen, und ich habe nun Lust, einen seiner Romane zu lesen, die ich bisher leider alle noch nicht kenne.
von PMelittaM - 2026-03-27 16:50:00

Der Fluss der Zeit - 5 Sterne

Mit dem Erzählband „Der Fluss der Zeit“ kehrt Pascal Mercier noch einmal zurück – leise, konzentriert und ganz bei seinen großen Themen: Freiheit, Zeit, Erinnerung und der Frage, wie sehr wir unserem eigenen Leben angehören. Der Band versammelt fünf bislang unveröffentlichte Erzählungen aus dem Nachlass des Autors, der als Philosoph unter seinem bürgerlichen Namen Peter Bieri bekannt wurde. Wer seinen Erfolgsroman „Nachtzug nach Lissabon“ gelesen hat, wird die gedankliche Tiefenschärfe und das existentielle Vibrieren sofort wiedererkennen – nun jedoch in verdichteter, kürzerer Form.
Mercier war stets ein Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur. Während Bieri in seinem philosophischen Werk „Handwerk der Freiheit“ analytisch darlegte, was Freiheit bedeutet, zeigt Mercier, wie sich Freiheit – oder ihr Verlust – anfühlt. Genau darin liegt die besondere Qualität dieser Erzählungen: Sie sind Gedankenexperimente in erzählerischer Gestalt.
In der ersten Geschichte „Die Übergabe“ begleiten wir einen alten Mann, der sein Haus verkauft, um ins Pflegeheim zu ziehen. Die Szene der Schlüsselübergabe wird zum symbolischen Zentrum der Geschichte. Die penible Ordnung der Schlüssel, das abrupte Zusammenschieben, das anschließende erneute Sortieren – all das verdichtet sich zu einem stillen Drama zwischen Vernunft und Gefühl. Rational hat sich der Mann entschieden; emotional ist er noch untrennbar mit seinem Haus verbunden. Freiheit erscheint hier nicht als heroischer Akt, sondern als mühsames Ringen mit sich selbst. Die Entscheidung ist getroffen – doch folgt das Innere?
Noch deutlicher wird dieses Spannungsfeld in der Erzählung „Die Wohnung“: Ein wohlhabendes Paar schenkt einem Pianisten seine Wohnung, um ihm Sicherheit zu geben. Was als Akt der Großzügigkeit gedacht ist, wird zur subtilen Fessel. Der Künstler spürt, dass äußere Freiheit – Besitz, Schutz vor Kündigung – nicht mit innerer Freiheit identisch ist. Dankbarkeit verwandelt sich in Abhängigkeit. Dem Autor Paul Mercier gelingt es hier eindrucksvoll, eine philosophische Unterscheidung literarisch erfahrbar zu machen: Freiheit von außen garantiert noch keine Freiheit von innen.
Auch „Warten auf den Befund“ kreist um ein existenzielles Thema: die Zeiterfahrung. Ein Mann wartet auf das Ergebnis einer medizinischen Untersuchung. Obwohl der Arzt Entwarnung signalisiert, wird das Warten selbst zur Qual. Die Zeit verliert ihre Offenheit und schrumpft zum bloßen Vorraum einer möglichen Katastrophe. Mercier beschreibt präzise, wie Angst die Gegenwart besetzt und dem Menschen seine innere Beweglichkeit raubt.
Radikal zugespitzt wird das Motiv in „Tödlicher Lärm“. Ein Mann empfindet alltägliche Geräusche zunehmend als Angriff auf seine Person. Der Lärm wird zum Symbol einer Welt, die sich seiner Kontrolle entzieht. In einem letzten Akt vermeintlicher Selbstbestimmung wählt er den Tod. Hier zeigt sich Mercier kompromisslos: Freiheit kann auch in ihrer zerstörerischen Verdrehung erscheinen.
Die abschließende Erzählung „Noch einmal die Mansarde“ erinnert am stärksten an den Roman „Nachtzug nach Lissabon“. Ein Mann kehrt in die Stadt seiner Studienjahre zurück, betritt sein damaliges Zimmer, liest ein Buch von Raymond Chandler – und muss erkennen, dass der Zauber von einst verflogen ist. Nicht der Ort hat sich verändert, sondern er selbst. Die Zeit ist unwiderruflich vergangen. Freiheit erweist sich hier als strikt gegenwärtige Erfahrung: Man kann nicht noch einmal der Mensch sein, der man einmal war.
Begeistert hat mich bei der Lektüre besonders der philosophische Unterbau einer jeden Geschichte, die uns zum Nach- und Weiterdenken einlädt. So verhilft der „Fluss der Zeit“ dazu, ein Gleichgewicht zu finden, ohne vom Strom fortgerissen zu werden – und ist das nicht die bleibende Aufgabe unserer Existenz? Die Besonderheit und Eigenart dieses Bandes „Der Fluss der Zeit“ liegt für mich darin, dass uns der Autor kein spektakuläres Spätwerk präsentiert, sondern eine stille, nachdenkliche Sammlung literarischer Miniaturen darbietet. Sie ersetzen keine 400 Seiten Philosophie, aber sie verdichten sie zu Momentaufnahmen existenzieller Erfahrung. Paul Mercier zeigt nicht, was Freiheit ist – er zeigt, wie es sich anfühlt, wenn sie brüchig wird.
So bleibt dieser Band ein würdiger Nachklang eines Schriftstellers, der Literatur stets als Denkraum verstanden hat. Kein lauter Abschied, sondern ein leises Weiterdenken. Eine unbedingte Lese-Empfehlung für den erwachenden Frühling!
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2026-02-16 10:06:27

Tiefgründige philosophische Kurzgeschichten - 5 Sterne

Der Schweizer Philosoph, Autor und langjährige Universitätsprofessor Peter Bieri hat unter dem Künstlernamen Pascal Mercier umfangreiche und tiefgründige Romane wie "Nachtzug nach Lissabon", "Perlmanns Schweigen" oder "Das Gewicht der Worte" veröffentlicht. Nach seinem Tod im Jahr 2023 wurden in seinem Nachlass noch einige unveröffentliche Kurzgeschichten gefunden, die der Hanser Verlag nun in diesem Sammelband herausgegeben hat.

Die Geschichten sind jeweils aus der Sicht verschiedener, nicht mehr ganz junger Männer, geschrieben und es geht um Themen wie Erinnerung, Vergänglichkeit, Rückschau auf das eigene Leben, Freundschaften auf Augenhöhe, Abschied nehmen und Wandel.

Sehr berührend wird zum Beispiel geschildert, wie ein Mann nach vielen Jahren von einem Haus, das ein Jahrhundert im Familienbesitz war, Abschied nehmen muss, als er es an ein jüngeres Paar verkauft hat, und wie das Paar genau spürt, wie schwer ihm das fällt:

"Er berührte jeden Schlüssel kurz mit dem Zeigefinger, dabei verrutschte einer, und er schob ihn sachte zurück. "Liebevoll", sagte Anna später darüber, "es lag seine ganze Liebe zu dem Haus in der Bewegung, ich musste schlucken". Prager sah unsere Blicke. "Es sind halt meine Schlüssel", sagte er. "Oder waren es". (S. 10)

In einer weiteren Geschichte geht es um ungleiche Freundschaften und darum, was es mit uns macht, wenn ein Freund dem anderen ein großes Geschenk macht - eine komplette Eigentumswohnung - für das sich der andere nicht in gleichem Ausmaß revanchieren kann. Hier sehen wir, wie an vielen weiteren Stellen, wie der Autor komplexe philosophische und psychologische Gedankengänge geschickt und allgemeinverständlich in seine Geschichten eingebaut hat:

"Er machte eine Pause und wir spürten, dass nun etwas kam, ein Gedanke, den er sich langsam und mühsam erobert hatte: "In der ersten Zeit dachte ich und wachte mit dem Gefühl auf: Das ist die Freiheit. Ich ging in der Wohnung herum und pfiff. Doch in den letzten Wochen habe ich verstanden: Es ist nicht die richtige Art von Freiheit. Ich lege es mir so zurecht: Es gibt die Freiheit von außen: Die Wohnung gehört mir, niemand kann mich verjagen. Und es gibt die Freiheit von innen: Ich muss niemandem dankbar sein. Ich will die eigene Freiheit zurück." (S. 32)

Dann gibt es in einer weiteren Erzählung einen älteren Mann, der auf den entscheidenden Befund wartet, der ihm mitteilen wird, ob er an einer schweren Krankheit leidet oder doch gesund ist. Einen weiteren Mann, der sehr lärmempfindlich ist, mit seinem Stiefsohn einen unerbitterlichen Machtkampf austrägt und es am Ende nicht mehr aushält. Und schließlich ein Mann, der nach 40 Jahre in die Gegend seiner Studentenzeit zurückkehrt und in Erinnerungen schwelgt.

Im Vordergrund stehen also ältere Männer und ihre Lebensthemen. Diese werden vom Autor psychologisch äußerst treffend und sensibel dargestellt, sodass man tief in die Seele der Charaktere hineinblicken kann, sich verbunden fühlt und selbst beginnt, über tiefsinnige Themen des eigenen Lebens nachzudenken.

Dramaturgisch sind die Erzählungen ebenfalls von hoher Qualität, ziehen die Leserinnen und Leser sofort in ihren Bann und sind spannend und berührend erzählt, ohne ein überzähliges Wort.

Dieser Erzählband beweist, dass es sich beim Autor um einen herausragenden Schriftsteller handelt. Ich empfehle ihn, neben allen bisherigen Fans seiner Bücher, auch allen, die noch nichts von diesem Autor gelesen haben: das kleine, kurze Büchlein ist ein sehr guter Einstieg in sein Werk, um beurteilen zu können, ob man mehr von ihm lesen möchte. Ich werde das jedenfalls tun.
von Eternal-Hope - 2026-02-14 06:43:00

Der Fluss der Zeit - 5 Sterne

Fünf Erzählungen aus dem Nachlass Pascal Merciers. Eigentlich bin ich sonst keine Freundin von Erzählungen, die sind mir zu unfertig, nicht tiefgehend genug. Aber hier ist es etwas anderes: In jeder dieser Erzählungen lässt Mercier eine ganze Welt entstehen. Alles, was er beschreibt (und auch das, was er nicht beschreibt, sondern was man für sich weiterdenkt), ergibt eine große Geschichte, ein großes Thema. Mit seinen leisen Tönen und genauen Beobachtungen lässt er uns eintauchen in ganz existentielle Themen, auch wenn es manchmal scheinbar nur ganz kleine Fragen sind. Nach jeder Geschichte hatte ich das Gefühl, die Hauptfigur(en) und das, was sie antreibt, zumindest ein Stück weit zu kennen. Wie ein Maler, der mit wenigen Pinselstrichen ein Bild so skizziert, dass man das Ganze erkennen kann.
von Lucia Kirchner-Krämer - 2026-01-14 12:34:38

5 Erzählungen aus dem Nachlaß - 5 Sterne

Diese 5 Erzählungen aus dem Nachlaß von Pascal Mercier sind wirklich ein Geschenk. Es sind sorgsam erstellte Erzählungen, sehr sensibel gemacht. Es gibt Einblicke in die Gefühlslage von Menschen in besonderen Situatinen, sei es ein alter Mann, der aus seinem Haus ausziehen muss, wo er sein Leben lang gewohnt hat, oder die Sorge eines Mannes, der auf den Befund einer möglicherweise schweren Erkrankungen wartet.
Auch die Geschichte um den Pianisten, der von seinen Freunden eine Wohnung geschenkt bekommt, ist sehr fein ausgearbeitet. Es ist ein Glück für ihn, aber jetzt gibt es auch das Problem der Verpflichtung zur Dankbarkeit, die die Beziehung zu den Freunden belastet.
Entscheidend ist oft auch die Erzählperspektive, die immer gut und geschickt gewählt ist.
Die Erzählungen passen zueinander. Man hat das Gefühl, sie wären aus einem Guß.
von yellowdog - 2026-01-08 12:25:00