Rezensionen
Die späten Tage
Über das Altwerden und eine späte große Liebe
Autor: Natascha Wodin
Erschienen 2025 bei Rowohlt
ISBN 978-3-498-00334-0
Die späten Tage - 5 Sterne
Mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ wurde die Schriftstellerin Natascha Wodin erst spät zu einer der wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ihr neues Werk „Die späten Tage“ widmet sich nun einem Thema, über das zwar viel geschrieben wird, das aber selten so ehrlich dargestellt wird: dem Alter.
Dieses Buch ist keine leichte Lektüre – und gerade deshalb so bemerkenswert. Die Autorin beschreibt das Altern mit großer Klarheit und ohne jede Beschönigung; so schreibt sie über Schmerzen, körperliche Einschränkungen, Einsamkeit und die allmähliche Annäherung an den Tod. Gleichzeitig entfaltet sich in ihrem Text eine erstaunliche poetische Kraft, denn ihre Sprache ist nüchtern, präzise und frei von Selbstmitleid – und meines Erachtens gerade dadurch besonders eindringlich.
Im Zentrum steht eine Ich-Erzählerin, die deutlich autobiografische Züge trägt: Sie ist fast achtzig Jahre alt und erlebt, wie der Körper zunehmend Grenzen setzt: Bewegungen werden mühsamer, Schmerzen gehören zum Alltag, und auch die Gedanken kreisen immer häufiger um Vergänglichkeit. Natascha Wodin widerspricht damit bewusst den oft beschwichtigenden Darstellungen eines „gelassenen“ Alters. Statt Trostformeln bietet sie eine schonungslose, aber zugleich sehr menschliche Bestandsaufnahme dieser Lebensphase.
Besonders berührend ist die Liebesgeschichte, die das Buch trägt. Die Erzählerin lebt mit ihrem Partner Friedrich zusammen, einer späten Liebe, die sie erst im hohen Alter gefunden hat. Beide sind gesundheitlich angeschlagen, beide spüren die Zerbrechlichkeit ihrer verbleibenden Zeit. Doch gerade diese gemeinsame Verletzlichkeit schafft eine besondere Nähe. Doch wird die Beziehung dabei nicht romantisiert: Wodin beschreibt ebenso die Zärtlichkeit wie die Schwierigkeiten, das Nebeneinander von Nähe und Fremdheit, das jede Partnerschaft begleiten kann.
Diese Liebe wirkt auf mich deshalb so glaubwürdig, weil sie nicht idealisiert wird. Sie zeigt, dass Beziehungen auch im Alter Arbeit bedeuten – und gleichzeitig eine Quelle von Halt sein können. Für die Erzählerin wird die Verantwortung füreinander zu einem entscheidenden Grund, weiterzumachen.
Formal folgt das Buch keiner klassischen Handlung; vielmehr setzt es sich aus kurzen, oft tagebuchartigen Abschnitten zusammen. So wechseln sich Alltagsszenen mit Erinnerungen und Reflexionen ab. Dabei blickt die Erzählerin immer wieder auf ihr eigenes Leben zurück: auf frühere Beziehungen, Freundschaften und ihren Weg zur Schriftstellerin. Auch ihre schwierige Kindheit spielt eine bedeutende Rolle: Wodins Mutter, eine ukrainische Zwangsarbeiterin, nahm sich das Leben, als die Autorin noch ein Kind war – eine Geschichte, die sie bereits in „Sie kam aus Mariupol“ eindrucksvoll aufgearbeitet hat.
Die Gegenwart bleibt jedoch stets präsent und macht die Lektüre aktuell: Besonders der Krieg in der Ukraine berührt Natascha Wodin tief, da ihre Mutter aus der heute stark zerstörten Stadt Mariupol stammte. Dadurch verbindet sich in diesem Buch persönliche Erinnerung mit der großen politischen Wirklichkeit unserer Zeit.
Ein zentraler Zufluchtsort bleibt für die Erzählerin das Schreiben und trotz körperlicher Schmerzen ist der Schreibtisch der Ort, an dem sie ihre Gedanken ordnen und ihre Angst vor dem Ende für einen Moment vergessen kann. Das Schreiben wird somit zur Form des Widerstands gegen das Verstummen.
Außerdem öffnet die Autorin immer wieder öffnet den Blick auf die Natur rund um den See, an dem sie lebt. Die Beschreibungen von Licht, Wasser und Vögeln schaffen kleine Inseln der Ruhe in einem Alltag, der von Krankheit und Vergänglichkeit geprägt ist. Diese Passagen zeigen, wie viel Schönheit selbst in den „späten Tagen“ noch liegen kann.
Ich empfehle dieses Buch allen, die Literatur schätzen, die ehrlich und mutig ist. „Die späten Tage“ stellt große Fragen nach Lebenssinn, Würde und Selbstbestimmung – ohne einfache Antworten zu geben. – Und gerade darin liegt seine Stärke.
Es ist ein stilles, intensives und lange nachwirkendes Buch über das Altern, über Liebe und über das Weiterleben im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit: Ein Buch, das nachdenklich macht – und gerade deshalb so wertvoll ist.
Dieses Buch ist keine leichte Lektüre – und gerade deshalb so bemerkenswert. Die Autorin beschreibt das Altern mit großer Klarheit und ohne jede Beschönigung; so schreibt sie über Schmerzen, körperliche Einschränkungen, Einsamkeit und die allmähliche Annäherung an den Tod. Gleichzeitig entfaltet sich in ihrem Text eine erstaunliche poetische Kraft, denn ihre Sprache ist nüchtern, präzise und frei von Selbstmitleid – und meines Erachtens gerade dadurch besonders eindringlich.
Im Zentrum steht eine Ich-Erzählerin, die deutlich autobiografische Züge trägt: Sie ist fast achtzig Jahre alt und erlebt, wie der Körper zunehmend Grenzen setzt: Bewegungen werden mühsamer, Schmerzen gehören zum Alltag, und auch die Gedanken kreisen immer häufiger um Vergänglichkeit. Natascha Wodin widerspricht damit bewusst den oft beschwichtigenden Darstellungen eines „gelassenen“ Alters. Statt Trostformeln bietet sie eine schonungslose, aber zugleich sehr menschliche Bestandsaufnahme dieser Lebensphase.
Besonders berührend ist die Liebesgeschichte, die das Buch trägt. Die Erzählerin lebt mit ihrem Partner Friedrich zusammen, einer späten Liebe, die sie erst im hohen Alter gefunden hat. Beide sind gesundheitlich angeschlagen, beide spüren die Zerbrechlichkeit ihrer verbleibenden Zeit. Doch gerade diese gemeinsame Verletzlichkeit schafft eine besondere Nähe. Doch wird die Beziehung dabei nicht romantisiert: Wodin beschreibt ebenso die Zärtlichkeit wie die Schwierigkeiten, das Nebeneinander von Nähe und Fremdheit, das jede Partnerschaft begleiten kann.
Diese Liebe wirkt auf mich deshalb so glaubwürdig, weil sie nicht idealisiert wird. Sie zeigt, dass Beziehungen auch im Alter Arbeit bedeuten – und gleichzeitig eine Quelle von Halt sein können. Für die Erzählerin wird die Verantwortung füreinander zu einem entscheidenden Grund, weiterzumachen.
Formal folgt das Buch keiner klassischen Handlung; vielmehr setzt es sich aus kurzen, oft tagebuchartigen Abschnitten zusammen. So wechseln sich Alltagsszenen mit Erinnerungen und Reflexionen ab. Dabei blickt die Erzählerin immer wieder auf ihr eigenes Leben zurück: auf frühere Beziehungen, Freundschaften und ihren Weg zur Schriftstellerin. Auch ihre schwierige Kindheit spielt eine bedeutende Rolle: Wodins Mutter, eine ukrainische Zwangsarbeiterin, nahm sich das Leben, als die Autorin noch ein Kind war – eine Geschichte, die sie bereits in „Sie kam aus Mariupol“ eindrucksvoll aufgearbeitet hat.
Die Gegenwart bleibt jedoch stets präsent und macht die Lektüre aktuell: Besonders der Krieg in der Ukraine berührt Natascha Wodin tief, da ihre Mutter aus der heute stark zerstörten Stadt Mariupol stammte. Dadurch verbindet sich in diesem Buch persönliche Erinnerung mit der großen politischen Wirklichkeit unserer Zeit.
Ein zentraler Zufluchtsort bleibt für die Erzählerin das Schreiben und trotz körperlicher Schmerzen ist der Schreibtisch der Ort, an dem sie ihre Gedanken ordnen und ihre Angst vor dem Ende für einen Moment vergessen kann. Das Schreiben wird somit zur Form des Widerstands gegen das Verstummen.
Außerdem öffnet die Autorin immer wieder öffnet den Blick auf die Natur rund um den See, an dem sie lebt. Die Beschreibungen von Licht, Wasser und Vögeln schaffen kleine Inseln der Ruhe in einem Alltag, der von Krankheit und Vergänglichkeit geprägt ist. Diese Passagen zeigen, wie viel Schönheit selbst in den „späten Tagen“ noch liegen kann.
Ich empfehle dieses Buch allen, die Literatur schätzen, die ehrlich und mutig ist. „Die späten Tage“ stellt große Fragen nach Lebenssinn, Würde und Selbstbestimmung – ohne einfache Antworten zu geben. – Und gerade darin liegt seine Stärke.
Es ist ein stilles, intensives und lange nachwirkendes Buch über das Altern, über Liebe und über das Weiterleben im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit: Ein Buch, das nachdenklich macht – und gerade deshalb so wertvoll ist.
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2026-03-25 16:36:54
Ein unglaublich berührendes, unter die Haut gehendes Buch über das hohe Alter - 5 Sterne
Natascha Wodin beschreibt ihr Leben als hochbetagte 80-jährige Frau. Mit Friedrich findet sie ihre späte Liebe, obwohl trotz des reifen Alters der beiden das Zusammenleben nicht immer einfach ist. Die Jahre haben Prägungen hinterlassen, die nicht mehr zu ändern sind.
Natascha Wodin beschreibt ihr hohes Alter, von außen betrachtet, wie man es sich wünschen würde: sie ist gesund, fit im Kopf, führt eine Partnerschaft, kann noch schreiben, Autofahren und sich selbst versorgen. Welcher Kraftaufwand jedoch dahintersteckt, den Alltag zu bewältigen, wie viel Überwindung das Leben und welchen Stress es kostet, wenn abseits der täglichen Routinen Aufgaben zu bewältigen sind, wird hier sehr sensibel und berührend beschrieben: Der Schlaf ist nicht mehr tief, zum Spazierengehen benötigt man Stöcke (eventuell bald einen Rollator), die Angst vorm Sterben ist präsent, wie soll man da längerfristige Pläne schmieden. Immer steht die Frage im Raum, wird sie Friedrich heute zum letzten Mal umarmen, wird er oder sie morgen noch leben?
Der Tod begleitet ständig ihre Gedanken und es ist unerträglich für sie, dem Tod so nahe zu sein. Und trotzdem hofft sie, dass der Tod sie nicht heimsuchen wird, obwohl bis jetzt alle Menschen, die geboren wurde, auch gestorben sind. Sie schreibt vom großen Irrtum, dass man im Alter keine Angst mehr vom Tod hat oder dass man bereit und einverstanden wäre zu sterben.
Ein unglaublich berührendes, unter die Haut gehendes Buch über das hohe Alter. Natascha Wodin gelingt es zu zeigen, wie schwer es ist alt zu sein, trotz guter Gesundheit, Und was es heißt, sich mit der Endlichkeit auseinanderzusetzen.
Uneingeschränkte Empfehlung
Natascha Wodin beschreibt ihr hohes Alter, von außen betrachtet, wie man es sich wünschen würde: sie ist gesund, fit im Kopf, führt eine Partnerschaft, kann noch schreiben, Autofahren und sich selbst versorgen. Welcher Kraftaufwand jedoch dahintersteckt, den Alltag zu bewältigen, wie viel Überwindung das Leben und welchen Stress es kostet, wenn abseits der täglichen Routinen Aufgaben zu bewältigen sind, wird hier sehr sensibel und berührend beschrieben: Der Schlaf ist nicht mehr tief, zum Spazierengehen benötigt man Stöcke (eventuell bald einen Rollator), die Angst vorm Sterben ist präsent, wie soll man da längerfristige Pläne schmieden. Immer steht die Frage im Raum, wird sie Friedrich heute zum letzten Mal umarmen, wird er oder sie morgen noch leben?
Der Tod begleitet ständig ihre Gedanken und es ist unerträglich für sie, dem Tod so nahe zu sein. Und trotzdem hofft sie, dass der Tod sie nicht heimsuchen wird, obwohl bis jetzt alle Menschen, die geboren wurde, auch gestorben sind. Sie schreibt vom großen Irrtum, dass man im Alter keine Angst mehr vom Tod hat oder dass man bereit und einverstanden wäre zu sterben.
Ein unglaublich berührendes, unter die Haut gehendes Buch über das hohe Alter. Natascha Wodin gelingt es zu zeigen, wie schwer es ist alt zu sein, trotz guter Gesundheit, Und was es heißt, sich mit der Endlichkeit auseinanderzusetzen.
Uneingeschränkte Empfehlung
von Nicole Koppandi - 2026-02-25 22:15:00
Was für ein feines Buch! Über die Liebe, über das Alter - über die Liebe im Alter! - 5 Sterne
von Irmgard Preißler - 2025-11-21 13:20:05


