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Rezensionen

Malina
Roman | Bachmanns radikales Meisterwerk in einer schön gebundenen Sonderausgabe zum 100. Geburtstag der internationalen Ikone

Autor: Ingeborg Bachmann

Erschienen 2026 bei Suhrkamp
ISBN 978-3-518-47526-3
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Malina - 5 Sterne

Pünktlich zum diesjährigen 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann, der in wenigen Tagen (am 25. Juni 2026) gefeiert wird, hat der Suhrkamp Verlag eine neue Ausgabe des berühmten Romans „Malina“ herausgegeben und so scheint – hundert Jahre nach ihrer Geburt – Ingeborg Bachmanns Stimme noch immer durch die Literatur zu wandern – leise, verletzlich, unbeirrbar und von einer Eindringlichkeit, die kaum an Aktualität verloren hat. Wer heute ihren Roman „Malina“ liest, begegnet nicht nur einem Werk der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, sondern einer Autorin, die ihr Schreiben als Suche nach Wahrheit verstand, selbst dort, wo diese schmerzt, denn – so lautet ein bekannter Ausspruch von ihr: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Anlässlich ihres 100. Geburtstags wirkt Malina deshalb nicht wie ein literarisches Denkmal vergangener Zeiten, sondern wie ein lebendiger Dialog mit der Gegenwart.

Meine erste Begegnung mit diesem Roman war von Verwunderung geprägt, denn ich suchte eine Geschichte und fand stattdessen einen Bewusstseinsstrom, ein Gewebe aus Erinnerungen, Träumen, Sehnsüchten und Sprachfragmenten. Je weiter ich las, desto deutlicher wurde mir, dass „Malina“ nicht gelesen werden will wie ein gewöhnlicher Roman. Er verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich in Unsicherheiten zu begeben. So führt die Autorin ihre Leser nicht an der Hand; sie fordert sie heraus, sich in den Zwischenräumen ihrer Sprache zu bewegen, was mich tief beeindruckt hat ...

Im Mittelpunkt steht die namenlose Ich-Erzählerin, die zwischen zwei Männern lebt: Ivan, dem Geliebten, dessen Nähe sie wie die Luft zum Atmen braucht, und Malina, dem nüchternen Begleiter, der Ordnung und Vernunft verkörpert. Doch schon bald entsteht der Eindruck, dass diese beiden Männer weniger reale Personen als vielmehr Spiegelungen einer zerrissenen Persönlichkeit sind. Ivan erscheint wie die Verheißung von Liebe und Glück, Malina wie die kalte Instanz der Realität; zwischen ihnen sucht die Erzählerin nach einem Ort, an dem sie sein darf – und findet ihn nicht.

Was mich an „Malina“ besonders berührt hat, ist die Radikalität, mit der Ingeborg Bachmann die Einsamkeit des liebenden Menschen beschreibt. Die Erzählerin wartet auf Anrufe, auf Zeichen, auf Aufmerksamkeit und kreist um Ivan wie ein Planet um seine Sonne und verliert dabei nach und nach ihre eigene Umlaufbahn. Diese Sehnsucht wirkt nie sentimental, sondern existenziell; so wird jede und jeder, der jemals geliebt, gehofft oder verloren hat, in diesen Seiten etwas von sich selbst wiederfinden.

Gleichzeitig ist „Malina“ ein Roman über die Verletzungen, die Menschen einander zufügen – bewusst oder unbewusst. Dabei sind besonders die Traumsequenzen des zweiten Kapitels erschütternd, denn in ihnen verdichten sich persönliche Ängste und historische Traumata zu albtraumhaften Bildern. Die Vaterfigur erscheint als Sinnbild von Gewalt und Unterdrückung, als Verkörperung jener zerstörerischen Kräfte, welche die Klagenfurter Autorin nicht nur im Privaten, sondern auch in der Geschichte Europas erkannte. Hier wird sichtbar, wie sehr die Erfahrungen von Krieg, Faschismus und patriarchalen Machtstrukturen ihr Denken geprägt haben.

Dabei bewundere ich vor allem ihre Sprache: Ingeborg Bachmann schreibt nicht über Schmerz – sie macht ihn hörbar, denn ihre Sätze besitzen eine poetische Dichte, die manchmal wie Musik klingt und dann wieder wie ein Aufschrei. Oft hatte ich das Gefühl, weniger einen Roman zu lesen als einer menschlichen Stimme zuzuhören, die gegen das Verstummen ankämpft. – Und gerade darin liegt für mich die Größe dieses Werkes, das unbedingt wieder zur Hand genommen werden sollte!

Das Ende von „Malina“ gehört zu den eindrucksvollsten Schlüssen der deutschsprachigen Literatur. Mit dem Satz „Es war Mord“ bleibt eine Leerstelle zurück, die sich nicht schließen lässt, denn die Erzählerin verschwindet, doch ihre Stimme bleibt. Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft des Romans: Dass die Wahrheit eines Lebens nicht ausgelöscht werden kann, selbst wenn der Mensch daran zerbricht.

Hundert Jahre nach ihrer Geburt erscheint Ingeborg Bachmann nicht nur als große Schriftstellerin, sondern auch als eine außergewöhnlich mutige Denkerin. Sie glaubte an die Kraft der Literatur, den verborgenen Wunden einer Gesellschaft nachzuspüren. So durchzieht ihr berühmter Satz „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ auch „Malina“ wie ein unsichtbarer Leitfaden.

Für mich ist dieser Roman kein Buch, das man einmal liest und dann ins Regal stellt, sondern ein Werk, zu dem man zurückkehrt, weil es sich jeder endgültigen Deutung entzieht. Mit jeder Lektüre öffnen sich neue Perspektiven, neue Fragen, neue Abgründe. Und gerade deshalb hat Malina die Zeit überdauert; so spricht dieser Roman hundert Jahre nach der Geburt seiner Autorin noch immer mit einer Klarheit und Dringlichkeit zu uns, die erstaunt und bewegt: In einer Welt voller lauter Stimmen bleibt Ingeborg Bachmann eine jener seltenen Autorinnen, deren leises Sprechen noch lange nachhallt. In Erinnerung an sie finden übrigens – schon seit 1977 – jährlich in den letzten Juni-Tagen in Klagenfurt die berühmten „Tage der deutschsprachigen Literatur“ statt, die traditionell in Kooperation von ORF und 3sat ausgestrahlt werden: Der in einer mehrtägigen Live-Veranstaltung verliehene Ingeborg-Bachmann-Preis zählt zu den bedeutendsten Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum.
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2026-06-24 09:18:58