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Rezensionen

Das Geschenk
Roman

Autor: Gaea Schoeters

Erschienen 2025 bei Zsolnay, Paul;Querido
ISBN 978-3-552-07574-0
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Das Geschenk - 5 Sterne

Gaea Schoeters’ neuer Roman, der auf den Erfolg ihres Vorgängers „Trophäe“ aufbaut, entführt die LeserInnen erneut in eine Welt, in der Politik, Satire und gesellschaftliche Fragen auf ebenso absurde wie brillante Weise verknüpft werden. Diesmal steht eine „Elefantenflut“ im Mittelpunkt: 20.000 Elefanten landen ausgerechnet in Berlin, nicht etwa, weil sie aus einem Zoo entkommen sind, sondern als „Geschenk“ des Präsidenten von Botswana. Der Hintergrund ist bitterkomisch: Deutschland hat ein Einfuhrverbot für Jagdtrophäen verhängt, was die wirtschaftliche Basis armer Regionen in Botswana gefährdet. Schoeters nutzt diese groteske Ausgangssituation, um komplexe globale Zusammenhänge aus europäischer Perspektive zu beleuchten – und das mit scharfem Witz, politischem Gespür und einer gehörigen Portion Fantasie.
Die Rezeption des Romans zeigt, wie vielseitig das Werk interpretiert werden kann. So weist Manuela Reichart von Deutschlandfunk Kultur darauf hin, dass die Elefanten durchaus auch als symbolische Repräsentanten geflüchteter Menschen gelesen werden könnten. Die politischen Reaktionen in Berlin, von der hastigen Bildung eines „Elefantenministeriums“ bis hin zur Darstellung der KanzlerInnen, verdeutlichen den Spannungsbogen zwischen politischem Aktionismus und menschlicher Hilflosigkeit. Schoeters gelingt es, ernste Themen wie globale Verantwortung und die Folgen europäischer Politik zu thematisieren, ohne den Humor zu verlieren. Reichart lobt insbesondere die Balance zwischen Amüsement und politischer Klarsicht, die den Roman zu einem unterhaltsamen, aber gleichzeitig nachdenklich stimmenden Leseerlebnis macht.
Schoeters schafft es, ein absurderweise einfaches Szenario zu einem rasant erzählten, reichlich verschachtelten Plot auszuweiten. Elefantenbabys, politische Ränkespiele zwischen Kanzler Hans Christian Winkler und seinem rechten Widersacher Holger Fuchs sowie die Nutzung der Ausscheidungen der Tiere als Düngemittel sind Beispiele für die satirische Raffinesse, mit der Schoeters gesellschaftliche und politische Mechanismen entlarvt. Hier zeigt sich besonders die Stärke der Autorin, komplexe Themen auf spielerische, aber dennoch pointierte Weise darzustellen.
Besonders beeindruckt hat mich das Vergnügen am Fabulieren, das den Roman prägt: Schoeters bewegt sich zwischen Satire, dystopischen Momenten und humorvoller Übertreibung. Das Chaos, das die Elefanten in Berlin anrichten, wird geschickt genutzt, um politische und gesellschaftliche Strukturen auf die Probe zu stellen. Gleichzeitig enthält der Roman erstaunlich viel „zoologisches Kollateralwissen“, was das Leseerlebnis zusätzlich bereichert.
Der Roman ist unterhaltsam und regt durch seine pointierten Übertreibungen zum Nachdenken über globale Verantwortung, europäische Politik und die Wechselwirkungen zwischen lokalen Entscheidungen und internationalen Konsequenzen an.
Insgesamt überzeugt Schoeters’ neuer Roman durch seine Mischung aus politischer Satire, absurdem Humor und tiefem gesellschaftlichem Anliegen. Die Elefanten werden dabei zu einem Mittel, das Spannungsfeld zwischen Verantwortung, Handlungsmacht und menschlicher Hybris zu illustrieren. Wer literarische Gesellschaftskritik mit einem Augenzwinkern schätzt, findet in diesem Werk ein ebenso unterhaltsames wie klug konzipiertes Lesevergnügen.
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2026-02-17 10:18:29

Erschreckend realistische Politsatire - 5 Sterne

Nach dem großen Erfolg ihres Romans Trophäe hat Gaea Schroeter mit ihrem neuen, nur 138 Seiten umfassenden Buch eine Politsatire veröffentlicht, die angelehnt ist an eine wahre Begebenheit:

Als Reaktion auf die europäische Kritik an Botswanas Regulierung der Elefantenbestände durch Abschuss forderte der damalige Präsident Mokgweetsi Masisi im Jahr 2024 die Bundesregierung auf, 20.000 afrikanische Elefanten aufzunehmen. Zugleich wehrte er sich gegen die neokoloniale Bevormundung.

Im Roman tauchen eines Morgens aus heiterem Himmel Elefanten vor dem Bundeskanzleramt in Berlin auf. Erst nur einzelne, dann werden immer mehr gesichtet. Zunächst weiß niemand, woher sie kommen. Der fiktive Bundeskanzler Winkler erfährt aber bald, dass es sich um ein Geschenk der botswanischen Regierung handelt. Sollten Tiere getötet werden, wird sofort Ersatz geliefert. Zunächst fallen die Reaktionen der Bevölkerung eher positiv aus. Doch bald kommt es zu ersten Konflikten und Unfällen, die Elefanten fressen nicht nur viel, sie scheiden auch entsprechend viel aus.
Das Problem beschäftigt schließlich das gesamte Bundeskabinett, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten werden hin- und hergeschoben. Alles vor dem Hintergrund, dass sich die rechte Opposition das Versagen der Regierung zu Nutze macht. Schließlich wird eine Elefantenbeauftragte eingesetzt, die das Problem entweder lösen soll oder im Falle des Scheiterns die Verantwortung tragen muss.

Die erste Hälfte dieses Romans unterhält mit vielen Seitenhieben auf den Politikbetrieb und auf unschwer zu identifizierende Bundesländer und deren Regierende, die Sonderrechte für sich beanspruchen, wenn es um die Verteilung von Lasten geht. Sehr nah an der Realität ist auch der Umgang mit Frauen und deren Rolle im politischen Machtzentrum.
In der zweiten Hälfte sind die Auswirkungen politischer Entscheidungen deutlicher spürbar. Entscheidungen, die wider besseren Wissens getroffen werden und nur auf kurzfristige nationale Lösungen ohne Rücksicht auf Nachbarn oder globale Konsequenzen zielen. Am Ende steht der fiktive Kanzler vor der Entscheidung, ob er die moralisch richtige Entscheidung trifft, dafür aber seine Wiederwahl gefährdet.

Stilistisch und inhaltlich hat mir der Roman sehr gefallen. Die treffenden Beobachtungen zum Regierungshandeln und die fundierten Kenntnisse über afrikanische Elefanten sind beeindruckend.

Klare Leseempfehlung!
von bedard - 2025-10-21 12:32:00

Treffende Satire, unterhaltsam erzählt - 5 Sterne

Der botswanische Präsident schenkt Deutschland 20.000 Elefanten, die plötzlich in Berlin auftauchen, seine Replik auf das gerade beschlossene Elfenbeingesetz. Der Bundeskanzler muss sich zudem verpflichten, dass die Elefanten sich frei bewegen können und ausreichend Platz bekommen.

Das ist tatsächlich eine spannende Prämisse, die die Autorin auf interessante Weise ausbaut. Mir hat gut gefallen, wie versucht wird, die Elefanten zu integrieren, was auch gar nicht so schlecht funktioniert hätte, wäre da nicht auch immer die politische Abwägung.

Man kann sehr gut erkennen, dass die Geschichte in einem aktuellen Setting spielt, natürlich werden Namen verändert, aber es gibt so manche Anspielung, und auch aktuelle Probleme werden angesprochen, wie zum Beispiel der immer mehr ausartende Populismus und die Klimakrise. Der Roman ist voller Seitenhiebe auf die aktuelle Politik

Sehr gelungen ist auch die satirische Überzeichnung. Schon am Anfang, als der botswanische Präsident auf die Frage, wie er es geschafft habe, so viele Elefanten unentdeckt nach Deutschland zu bringen, mit „Magic“ antwortet, ist klar, dass man nicht alles allzu ernst nehmen darf. Es wird aber auch schnell klar, dass man manches auf jeden Fall ernst nehmen sollte, denn die aktuelle Politik wird zwar satirisch gespiegelt, aber dennoch gespiegelt.

Dazu ist der kurze Roman mit weniger als 150 Seiten, trotz des eigentlich eher ernsten Themas, sehr unterhaltsam geschrieben, schon der Start in den Roman ist sehr bildhaft und mitreißend. Und ich bin sehr neugierig geworden auf das vorherige Werk der Autorin.

Treffende Satire, unterhaltsam zu lesen, ich empfehle, den Roman unbedingt zu lesen.
von PMelittaM - 2025-10-19 18:55:00

Unglaublich effizient geschriebene Gesellschaftssatire - 5 Sterne

An den Anfang meiner Rezension stellen möchte ich meine absolute Genervtheit angesichts des Covers. KI-generierte Cover sind meiner Meinung nach ein Albtraum für die Literaturlandschaft, künstliche Intelligenz hat in diesem Feld mal so gar nichts verloren - auch nicht bei der künstlerischen Gestaltung eines Buches. Das k*tzt mich also sowieso schon an, in Kontrast zum gesellschaftskritischen Ton des Textes ist die Wahl des deutschen Verlags aber noch einmal besonders absurd. Einen halben Stern ziehe ich dafür ab.

Nun aber zum Buch: Es war mein erstes von Gaea Schoeters und sicher nicht das letzte! Die Autorin hat mich enorm begeistert mit ihrer präzisen Sprache, die doch gleichzeitig so viel Raum für Doppeldeutigkeiten lässt.

Ich möchte eigentlich gar nicht so viel zum Inhalt sagen, denn mit seinen 140 Seiten ist das Werk meines Erachtens eines, bei dem mensch nicht wirklich etwas falsch machen kann. Wir befinden uns stets an der Seite von Bundeskanzler Winkler und damit mitten in einem Machtzentrum. Entsprechende Dynamiken sowie Diplomatie finde ich sehr authentisch und zugleich unkompliziert herausgearbeitet. Ich hing einfach an Schoeters Worten, anders kann ich es nicht sagen.

Die Doppeldeutigkeiten nehmen auch kein Ende. Klar, es geht hier um 20.000 Elefanten, mit denen Deutschland nun zu leben lernen muss. Ich sehe hier sehr viel Spielraum für eigene Interpretationen und sicher ist das von der Autorin auch so gewollt. Ich habe z. B. einige Parallelen zum Umgang mit Geflüchteten gesehen. Das Ganze lässt sich aber problemlos auch übertragen auf einen allgemeinen Umgang sogenannter westlicher Staaten mit globalen Krisen: immer schön wegreden und symptomatisch bekämpfen. Welche Tragweite eine kleine Entscheidung heute in der Zukunft haben kann, wird hier mehr als deutlich.

Ich bin begeistert von Schoeters intelligentem Schreiben, ihrem Gespür für Komplexität und der gleichzeitigen Gabe, diese Dinge verständlich zu formulieren. Die Antagonistin unseres Protagonisten ist eine wirklich toll geschriebene Person, die mich beeindruckt und ermutigt hat.

„Das Geschenk“ ist inhaltlich kein Buch, das ich als leicht bezeichnen würde. Es ist ein Paukenschlag, der jedoch mit einem guten Maß an Humor und einer enormen Sogkraft daherkommt. Der Roman lässt sich zwar super leicht weglesen, hallt aber definitiv nach und zwingt uns dazu, uns mit unserer globalen Verantwortung auseinanderzusetzen. Eine Satire, die alles andere als platt ist und deren Lektüre ich allen dringend ans Herz lege.

4,5 Sterne
von nessabo - 2025-10-16 21:58:00

Das Geschenk - 5 Sterne

Schuld ist das Elfenbeingesetz.
Es ist zwar kein Komplettverbot für die Einfuhr von Elfenbein, aber eine drastische Verschärfung der bestehenden Einfuhrregelungen, mit der sich Deutschland den Ärger von Botswana zugezogen hat. Denn dort sind die vielen – die zu vielen! – freilebenden Elefanten mittlerweile zum Problem und zu einer Bedrohung für die Bevölkerung geworden, und so beschließt Botswanas Präsident, den Deutschen ein Geschenk zu machen.

Wie aus dem Nichts sind sie plötzlich da, die grauen Dickhäuter, und zunächst sind es auch nur einige wenige, die in Deutschlands Hauptstadt Berlin gesichtet werden und für Staunen sorgen. Doch schnell werden es immer mehr; die Elefanten baden in der Spree, trampeln durch den Tiergarten, über den Ku’damm und durch die Vorgärten – bald ist das Chaos perfekt.
Blechschäden und komplett abgeweidete Felder sind nur der Anfang, gesperrte Straßen und blockierte Autobahnen, durch die der sogenannte „Elefantenkorridor“ verläuft, bald an der Tagesordnung.
Deutschlands Politiker haben alle Hände voll zu tun – wohin mit den Tieren, insgesamt 20000 Stück? Wohin mit den Tonnen von Dung, die sie jeden Tag produzieren? Wie soll man diese Masse an Tieren ernähren? Eine Herde dieser Größenordnung braucht eine Fläche in der Größe Brandenburgs, um sich zu ernähren. Oder besser doch Mecklenburg-Vorpommern, „denn da wohnt kein Schwein.“
Abschießen ist natürlich keine Option, denn genau daran hat sich der deutsch-afrikanische Streit ja entzündet.
„Wahrnehmungsveränderung“ heißt das Motto; die Elefanten müssen so schnell wie möglich zum Maskottchen werden, denn es braucht wohl mehr als zwanzigtausend Elefanten, um Deutschland ins Wanken zu bringen, man hat doch schon so vieles überwunden, so dass man auch das hinbekommen wird. „Wir schaffen das.“

Wer hätte gedacht, dass Elefanten einmal die Hauptrolle in einem Roman spielen, der eigentlich von Politik, Macht und menschlicher Absurdität handelt?
Das, was im Frühjahr 2024 wie ein verspäteter Aprilscherz klang – der Präsident von Botswana, verärgert darüber, dass Deutschland ein EU-Gesetz zur Einführung von Jagdtrophäen verschärfen will, bietet Deutschland 20000 wilde Elefanten als Geschenk an – greift Gaea Schoeters in ihrem schmalen Roman auf und macht daraus eine Polit-Satire, die es in sich hat.
Kann man die Erhaltung gefährdeter Tierarten wirklich ganz alleine dem armen Süden überlassen und sich selbst entspannt zurücklehnen? Wie scheinheilig ist die Empörung über die Jagd auf Elefanten, die tatsächlich unglaubliche Zerstörungen anrichten können, wenn man sich vor Augen führt, wie in Deutschland und in Österreich auf das Auftauchen von Bären und Wölfen reagiert wird.
Wenn man dann noch, wie es natürlich naheliegend ist, jedes Mal das Wort „Elefant“ durch „Flüchtling“ ersetzt, bleibt einem das Lachen im Halse stecken.
Gaea Schoeters hat mich bereits mit ihrem Roman „Trophäe“ begeistert. Da wie dort ist ihr Schreibstil bissig, scharf, pointiert.
Schoeters führt uns mit ihren Romanen ganz schön vor und legt den Finger dahin, wo es wehtun sollte!
von Maxie Bantleon aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2025-10-06 00:01:18

Überraschend - 5 Sterne

Ein Elefant in Berlin wäre schon ungewöhnlich genug – Gaea Schoeters lässt gleich 20 000 von ihnen durch die Hauptstadt marschieren. Mit dieser Ausgangsidee erzählt sie eine bissige und zugleich sehr unterhaltsame Satire über globale Abhängigkeiten, Verantwortung und Machtgefälle. Das „Geschenk“, das aus Botswana als Reaktion auf ein neues Einfuhrverbot von Elfenbein geschickt wird, konfrontiert die deutsche Regierung direkt mit den Folgen ihrer Entscheidungen: Wer anderen vorschreibt, wie sie zu leben haben, muss sich vielleicht selbst einmal diesen Bedingungen stellen.

Mir hat das schmale Büchlein ausgezeichnet gefallen. Ich habe beim Lesen nicht nur viel über Elefanten, ihre Lebensräume und die komplexen sozialen wie ökologischen Fragen rund um Reservate gelernt, sondern war auch überrascht, wie scharf und pointiert Schoeters den Berliner Politikbetrieb kommentiert. Sie zeigt, wie sehr Politainment, Inszenierung und Populismus heute den Diskurs prägen – und das auf leicht zu lesende, amüsante Weise.„Das Geschenk“ ist damit eine kluge, witzige und aktuell relevante Lektüre, die ich gerne weiterempfehle!
von LeserinLu - 2025-10-04 08:59:00

Gut gemachte Satire - 4 Sterne

Eines Morgens sind in Berlin Elefanten unterwegs. Nicht nur einer, sondern ganze Herden. Und sie sind nicht aus dem Berliner Zoo ausgebrochen - sondern ein Geschenk des Präsidenten von Botswana. Er erklärt dem deutschen Bundeskanzler gut gelaunt am Telefon, dass er 20.000 der großen Tiere nach Deutschland schaffen ließ, da in seinem Land kein Platz mehr sei und der globale Norden auch seinen Teil zum Artenschutz beitragen solle.

Aus dieser ungewöhnlichen Ausgangslage entsteht eine kurzweilige (und tatsächlich nicht allzu lange), unterhaltsame und teils herrlich spitze Satire, die aufzeigt, wie die Bundesregierung nun mit diesem unverhofften Artenreichtum umgeht. Die politischen Ränkespiele, die strategischen Entscheidungen, der Versuch den Elefantendung ökonomisch zu nutzen, die PR-Coups, die Verkehrsunfälle und die Weigerung einzelner Bundesländer, ihren Teil der Elefanten aufzunehmen, sind so überzeugend dargestellt. Auch viele Parteien und Politiker:innen lassen sich sehr eindeutig erkennen… Und am Ende ist es so, wie man es erwartet, wenn einzelne Akteur:innen das richtige tun wollen, aber sich nicht trauen. Parallelen zum Umgang mit Geflüchteten, der Klimakrise und ähnlichen Herausforderungen sind ebenso offensichtlich. Lohnenswert!
von Reiseweise - 2025-10-01 20:22:00

Vergiftetes Präsent - 4 Sterne

Dies ist mein erster Roman der flämischen Autorin. Sie lässt diesen nicht in ihrer Heimat, sondern in Berlin spielen. Die Handlung beginnt damit, dass der Präsident von Botswana 20000 Elefanten nach Deutschland, speziell in den Großraum Berlin, schickt. Das erklärt auch die Covergestaltung. Er erklärt sein Geschenk damit, dass Deutschland ein Einfuhrverbot für Jungstrophäen beschlossen hat und damit einem Teil seiner Bevölkerung die Lebensgrundlage durch Einnahmen aus dem Tourismus entzogen wurde, während obendrauf die Elefanten immer mehr werden und Ernten vernichten. Der deutsche Bundeskanzler steht nun vor einem enormen Problem, da die Elefanten in der Großstadt schnell Schaden anrichten, was die Bevölkerung gegen die Regierung aufbringt, während zugleich radikalere Parteien einfache Lösungen für das Problem versprechen.

Somit wirkt die Geschichte auch etwas wie ein Gleichnis bezogen auf die Flüchtlingsthematik. Die Autorin bringt viele interessante Gedankengänge und auch eine ordentliche Portion Satire ein, ohne zu sehr ins klamaukhafte abzugleiten. Somit wird man einerseits gut unterhalten, andererseits aber auch zum Nachdenken darüber angeregt, wie unsere eigenen Verhaltensweisen, aktuell und auch schon weit in der Vergangenheit dazu beitragen, dass es Menschen anderswo schlecht geht. Auch, was unsere Reaktionen auf Problemsituationen angeht, wird uns als Leser:in und auch der Politik so oft ein Spiegel vorgehalten. Der Schreibstil war dabei gut lesbar und anschaulich und auch die Sprecherin des Hörbuches empfand ich als passend gewählt. Man konnte ihr sehr gut folgen. Teilweise hätte ich mir aber noch etwas genauere Hintergründe gewünscht, insbesondere dazu, wie 20000 Elefanten überhaupt nach Deutschland gekommen sein sollen, aber auch zu weiteren konkreten Problemsituationen, die durch ihre Anwesenheit in der Großstadt entstanden sind.
von Island - 2025-09-29 09:16:00

Wie 20.000 Elefanten im Porzellanladen - 3 Sterne

Die Leute staunen nicht schlecht, als sie nach und nach Elefanten in der Hauptstadt entdecken, die badend, fressend und trompetend durch Seen und Straßen ziehen. Bald wird klar: sie sind ein besonderes Geschenk, das der botswanische Präsident Deutschland gemacht hat, nachdem es ein Einfuhrverbot von Jagdtrophäen beschlossen hat. Die Anzahl von 20.000 Stück stellt das ganze Land vor eine riesige Herausforderung...

Gaea Schoeters gelingt mit "Das Geschenk" eine humorige und kurzweilige Satire, die der deutschen Politik und Gesellschaft gekonnt den Spiegel vorhält. Auf nur rund 140 Seiten begleiten wir 435 Tage des Ausnahmezustands und der zunehmenden Handlungsunfähigkeit von Politiker*innen und Expert*innen. Die Autorin thematisiert unterschiedlichste Schieflagen, von der europäischen Überheblichkeit gegenüber Afrika, über den fehlenden Mut von Politiker*innen, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, aus Angst bei der nächsten Wahl zu scheitern, bis hin zu der Frage ob ein Elefantenleben mehr wiegt als ein menschliches. Besonders im ersten Teil hat sie die Geschichte perfekt durchdacht, sie stellt Fragen, wie sich die Landschaft durch die Anwesenheit so vieler lebensraumfremder Tiere verändert, sei es durch deren Nahrungsbedürfnissen, deren Kot oder deren Beeinflussung der menschlichen Ansiedelungen.

Erheiternd sind hierbei die Anspielungen auf tatsächliche Personen, wie die ehemalige Kanzlerin, die als Ratgeberin des Protagonisten und derzeitigen Kanzler Winkler dient und meint "Wir schaffen das". Traurig stimmt die Erkenntnis des Patriarchats, das die kluge Hartmann, die zur Elefantenministerin auserkoren wird und als einzige wagt konstruktive Lösungen vorzuschlagen, gegen die Wand fahren lässt. Überhaupt sind die Anspielungen auf die Realpolitik gekonnt und deswegen auch ernüchternd.

So hundertprozentig konnte mich "Das Geschenk" aber nicht überzeugen. Besonders die erste Hälfte ist kurzweilig, utopisch, mutig und satirisch, ab der zweiten Hälfte jedoch überlagert die ausweglose Realpolitik alles. Da geht es nur mehr um Machterhalt und Wählerstimmen und die Handelnden weigern sich, mutige Schritte zu setzen aus Angst, ihre eigene Position zu verlieren. Wir erhalten hier nähere Einblicke in das persönliche Leben des Kanzlers, ohne dass ich herausfinden konnte, weshalb dies nun für den Fortgang der Geschichte notwendig ist. An etlichen Stellen habe ich mich gelangweilt und habe es bedauert, dass die Autorin ihre begonnenen Utopien nicht mutig fortführt. Beginnt "Das Geschenk" als lustiges Spiel, das 20.000 Elefanten im Porzellanladen veranstalten, hinterlässt es uns im zweiten Teil mit dem traurigen Trümmerhaufen der zerbrochenen Realität.

Mein Fazit: "Das Geschenk" beginnt als humorig satirisches Büchlein, das einen viel zum Schmunzeln animiert und eine eigentlich tragische Geschichte augenzwinkernd betrachtet. Die zweite Hälfte wird überschattet von einer trostlosen Politik, die einen viel zu oft an die Realität erinnert. Schade, dass die Autorin nicht mehr Mut zur Utopie hatte. Nichtsdestotrotz ist das Buch eine kurzweilige Geschichte, die zum Nachdenken anregt.
von Kwinsu - 2025-09-21 15:09:00

Kluges und witziges Gedankenspiel - 5 Sterne

Die flämische Autorin hat letztes Jahr mit ihrem Erfolgsroman „Trophäe“ einen Bestseller gelandet. Auch für mich zählte er zu den eindrücklichsten Leseerlebnissen. Deshalb bin ich mit großen Erwartungen an ihr neuestes Buch herangegangen und wurde nicht enttäuscht.
Vom Umfang her weicht es vom Vorgänger ab. „Das Geschenk“ ist ein schmales Buch, mehr Novelle als Roman. Thematisch allerdings bleibt sich die Autorin treu. War es dort ein Nashorn, so sind es hier Elefanten, die Probleme schaffen. Es steht mal wieder Tierwohl gegen menschliche Bedürfnisse. Auch postkoloniale Denkweisen und Strukturen werden verhandelt. Ebenso konfrontiert uns die Autorin mit ethischen und moralischen Fragen.
Schauplatz im neuen Roman ist aber nicht der afrikanische Kontinent, sondern Deutschland.
Die Geschichte beginnt mit einer filmreifen Szene: Am frühen Morgen nimmt ein Elefant ein Bad in der Spree, ein zweiter gesellt sich hinzu und weitere werden in der Stadt gesichtet. Damit hat Hans Christian Winkler, der amtierende Bundeskanzler, ein Problem. Ein Anruf des Präsidenten von Botswana klärt die Sachlage. Die Tiere sind nicht Teil eines Terrorangriffs oder einer Spionageaktion, sondern ein Geschenk aus Afrika: 20.000 Elefanten als Antwort auf eine Verschärfung des deutschen Importgesetzes von Elfenbein. ( Tatsächlich machte 2024 der botswanische Präsident Deutschland dieses Angebot. Die Pressemitteilung dazu war der Auslöser für dieses Gedankenexperiment von Gaea Schoeters.) Dank strikter Einfuhrregeln bleiben die Trophäenjäger aus und in Botswana wächst die Population von Elefanten. Die Hälfte des Landes ist Naturschutzgebiet und die dortige Bevölkerung sind die Opfer. „ Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht solltet ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen.“ so der afrikanische Präsident.
Was tun also? Ein Krisenstab wird gebildet. Abschießen ist keine Lösung. Tierschutzverbände würden dagegen Sturm laufen, denn die Tiere stehen unter Artenschutz. Doch die Dickhäuter sind eine Riesenherausforderung für das Land. Ein Elefant braucht täglich Unmengen an Futter und was passiert mit seinen riesigen Hinterlassenschaften? Lässt sich das als biologischer Dünger nutzen? Bald geht eine Schneise der Verwüstung durch Berlin und dessen Umland. Die rechtspopulistische Partei nützt das Szenario, um Stimmung im Land zu machen. Winkler sucht Rat bei seiner Vorgängerin im Amt. Die hat folgenden Vorschlag: „ Eine andere Person muss die Kastanien für dich aus dem Feuer holen. Wenn es klappt, kannst du den Ruhm einstreichen, wenn es schiefgeht, hast du einen Sündenbock, den du opfern kannst, wenn das Volk Köpfe rollen sehen will. Nicht gerade anständig, aber effizient.“ Folgerichtig fällt seine Wahl auf eine Frau. Denn nach der „Glass-Cliff-Theorie“ werden „ Frauen …nur in Krisenzeiten solche Spitzenjobs angeboten. Wenn das Risiko zu scheitern groß ist.“
Aber Hannelore Hartmann, die neue Ministerin für Elefantenangelegenheiten, geht ihre eigenen Wege.
Von Tag 1 bis Tag 435 verfolgt der Lesende die Entwicklung und der Autorin gelingt dabei eine großartige Politsatire. Gaea Schoeters kennt die Mechanismen des Politbetriebs, ist sie doch in einem Politikerhaushalt aufgewachsen. Sie beschreibt politisches Taktieren aus Machtkalkül heraus, immer im Blick auf die nächsten Wahlen. Dabei zeigt sie die Hilflosigkeit der demokratischen Parteien, die getrieben sind von ihrer Angst vor dem erstarkenden Rechtspopulismus. Nicht umsonst hat die Autorin ein fiktives Zitat von Hans Christian Winkler dem Text vorangestellt: „ Zur Rettung des Rechtsstaats bin ich bereit, alles zu opfern, sogar den Rechtsstaat.“ Doch der muss sich die Frage gefallen lassen: „Was bringt es dir, die Rechten zu bekämpfen, wenn du selbst genauso rechts wirst?“
Aber auch die zwiespältige Haltung der Bevölkerung wird offensichtlich. Einerseits verfolgt sie gerührt die medienwirksam inszenierte Geburt eines Elefantenbabys ( großartig beschrieben), andererseits weigern sich einige Bundesländer Elefanten aufzunehmen. Das Volk fordert vehement eine schnelle Lösung des Problems, doch einfache Lösungen gibt es auch hier nicht.
Der Elefant ist eine klug gewählte Metapher. Er steht nicht nur für den sprichwörtlichen „ Elefanten im Raum“, sondern meint natürlich auch die großen Herausforderungen unserer Zeit. Die Analogie zur Flüchtlingskrise drängt sich geradezu auf, werden doch ähnliche Lösungsvorschläge diskutiert. Welche Antwort haben demokratische Parteien auf unrealistische populistische Forderungen. Aber auch der Klimawandel, die größte Herausforderung unserer Zeit, ist Thema des Romans. „ Das Klima interessiert sich nicht für den Menschen. Man kann mit ihm nicht verhandeln….Es ist wichtiger als alles andere, weil ihm alles andere vollkommen egal ist.“ Deshalb sind die Politiker gefordert, nicht in Amtszeiten von vier Jahren zu denken, sondern Verantwortung für kommende Generationen zu übernehmen.
„ Das Geschenk“ ist ein ein kluges, bissiges und witziges Gedankenspiel, das trotz surrealer Elementen sehr realistisch wirkt. Es liest sich leicht und süffig und regt dabei zum Nachdenken an. Diskussionsstoff, der über den Roman hinausgeht, bietet er jede Menge und steht so dem erfolgreichen Vorgänger in nichts nach.
von Ruth - 2025-09-08 20:52:00