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Rezensionen

Schwarzer September
Roman

Autor: Sandro Veronesi

Erschienen 2026 bei Zsolnay, Paul;La nave di Teseo
ISBN 978-3-552-07575-7
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Rückblick auf einen ereignisreichen Sommer mit Brüchen - 4 Sterne

Sandro Veronesis neuestes Werk ist ein Coming-of-Age-Roman, der die Geschichte des zwölfjährigen Gigio erzählt, der den Sommer 1972 mit seiner Familie an der ligurischen Küste verbringt. Sportbegeisterung, die aufregenden Gefühle der beginnenden Pubertät, erste Verliebtheit – das sind die Themen, die Gigio beschäftigen, bevor dramatische private und politische Ereignisse alles verändern.

Veronesi zeichnet ein lebendiges Bild der 1970er-Jahre und eines Sommers, der geprägt ist von Strandtagen, Musik von Cat Stevens und David Bowie sowie der Bedeutung sportlicher Großereignisse wie den Olympischen Spielen in München 1972. Gerade Leser, die diese Zeit selbst erlebt haben, sich für Sport interessieren oder sich in die Gedankenwelt eines Jungen dieses Alters hineinversetzen können, dürften sich hier wiederfinden. Denn Gigios Perspektive ist detailreich und konsequent aus seiner Lebenswelt heraus erzählt – mit vielen Beobachtungen, Interessen und Gedankengängen, die stark an eine klassische „Jungenperspektive“ gebunden sind.

Gigios Hobbys, seine intensive Beschäftigung mit Sport und seine oft sehr spezifischen Gedankengänge waren für mich jedoch schwer nachzuvollziehen, sodass eine echte emotionale Nähe nur selten entstand.

Hinzu kommt, dass sich der Roman viel Zeit für Details und Abschweifungen nimmt, während die dramatischen Ereignisse vergleichsweise knapp behandelt werden. Gerade im Hinblick auf das titelgebende Attentat während der Olympischen Spiele hatte ich mir mehr erhofft. Dieses historische Ereignis bleibt eher ein Randgeschehen, obwohl es großes erzählerisches Potenzial bietet und der Geschichte zusätzliche Intensität hätte verleihen können.

So bleibt „Schwarzer September“ ein atmosphärisch dichter, handwerklich überzeugender Roman, der vor allem durch seine Zeitzeichnung und die konsequente Perspektive punktet. Gleichzeitig ist er aber auch ein Buch, das stark von der Identifikation mit seinem Protagonisten lebt – und genau das hat für mich nur eingeschränkt funktioniert. Dafür gibt es einen Punkt Abzug in der Gesamtbewertung.
von bedard - 2026-05-13 15:18:00

Vom Ende der Kindheit - 5 Sterne

Sandro Veronesi ist einer der angesehensten Schriftsteller Italiens, dessen Werk mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet wurde.
Auch in seinem neuesten Roman „Schwarzer September“ beweist er sein Können.
Wir sind im Sommer 1972 im toskanischen Badeort Fiumetto. Hier verbringt der zwölfjährige Gigio mit seiner Familie wie jedes Jahr die Sommerferien. Sein Vater, ein angesehener Strafverteidiger, kann wegen beruflicher Verpflichtungen nur an den Wochenenden zu Frau und Kinder kommen. Dann aber verbringt er mit seinem Sohn viele Stunden auf dem Meer, denn er ist ein leidenschaftlicher Segler. Die Woche über ist Gigio mit seiner jüngeren Schwester Gilda und seiner schönen Mutter am Strand. Die ist Irin und zieht mit ihren roten Haaren die Blicke der Männer auf sich.
Das beschauliche Einerlei von Gigios Alltag verändert sich durch die Ankunft von Astel , die mit ihrer Mutter die benachbarte Strandkabine bezieht. Eigentlich kennt er das Mädchen schon von früher, doch dieses Jahr sieht er sie mit anderen Augen. Und er verliebt sich in sie. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander, sie hören Musik und Gigio übersetzt für Astel die englischen Songtexte.
Dann aber geschieht etwas Furchtbares, was auf einen Schlag die sommerliche Idylle zerstört. Astels Vater, ein reicher Mann aus Fiumetto, wird ermordet und unter dringendem Tatverdacht steht seine Ehefrau, eine schöne elegante Äthiopierin.
Ich-Erzähler der Geschichte ist Gigio; der Autor wählt aber nicht die kindliche Perspektive. Stattdessen erinnert sich der 60jährige Gigio an jenen Sommer, in dem seine Kindheit so jäh endete. Und er holt weit aus, um die Vergangenheit heraufzubeschwören, beschreibt genau, was für ein Kind er damals war. Ein Kind, das sich behütet und beschützt gefühlt hat von seinen Eltern, ein Junge, der sich für Sport interessierte, sich auf die Olympischen Spiele freute und seltsame Gewohnheiten pflegte. Und er schildert, wie sehr ihn die Begegnung mit der reiferen Astel veränderte.
Veronesi beschreibt in vielen Szenen detailreich jene Wochen, schwelgt im Geruch des Sommers, lässt die Musik der Siebziger erklingen und bekannte Sportler der Zeit aufleben.
Diese Erzählung wird aber immer wieder unterbrochen von düsteren Vorausdeutungen, die die Spannung steigern.
Der Sommer 1972 endete aber auch für die Welt mit einer Tragödie, darauf verweist schon der doppeldeutige Titel des Romans „Schwarzer September“. So nannte sich die palästinensische Terrororganisation, die bei den Olympischen Spielen in München ein Attentat verübten, das 17 Menschenleben kostete.
Veronesi verknüpft hier ein traumatisches historisches Ereignis mit einem privaten. Danach ist die Unbeschwertheit der Kindheit ebenso Vergangenheit wie die Illusion von den „heiteren Spielen“.
Man sollte keinen plotgetriebenen Roman erwarten und sich stattdessen auf den ruhigen und melancholischen Erzählstil einlassen. Veronesi gelingt es, die Atmosphäre der 1970er Jahre einzufangen und seine Figuren nuancenreich zu zeichnen. Jede einzelne bekommt Tiefe, sogar Nebenfiguren wie Onkel Giotti bleiben dem Lesenden im Gedächtnis.
Immer wieder finden sich Sätze, die zum Nachdenken einladen, so z.B. „Wir wissen genau, wann wir etwas zum ersten Mal tun, haben aber keinen blassen Schimmer, wann es das letzte Mal ist.“
Mit einer wunderschönen parabelhaften Geschichte über einen Olivenhain endet der Roman.
von Ruth - 2026-03-03 23:32:00

Das Ende einer glücklichen Kindheit - 4 Sterne

Im Sommer 1972 ist Giogio Bellandi 12 Jahre alt. Sein Vater ist ein erfolgreicher, gutaussehender Rechtsanwalt, seine Mutter Betty eine gebürtige Irin. Er hat eine fünf Jahre jüngere Schwester namens Gilda. Wie immer verbringt die Familie den Sommer in Fiumetto an der ligurischen Küste. Der Vater kommt am Wochenende dazu und verbringt viel Zeit auf dem Wasser mit seinem geliebten Segelboot Tivatú. Er nimmt Giogio mit auf diese Fahrten und führt mit ihm teilweise sehr riskante Manöver durch. In diesem Sommer verliebt sich der pubertierende Giogio in Astel, die dreizehnjährige bildhübsche Tochter einer Äthiopierin, die mit dem sehr reichen Geschäftsmann Lucido Raimondi verheiratet ist. Die Raimondis halten sich in der benachbarten Strandkabine auf, und ihre Häuser befinden sich auch in Sichtweite voneinander. Astel bitte Giogio um Hilfe beim Erlernen der englischen Sprache, und die beiden Jugendlichen übersetzen zusammen Songtexte von David Bowie und Cat Stevens. Sie kommen einander näher und verbringen so viel Zeit wie möglich miteinander, hören ihre Lieblingsmusik und tanzen dazu. Giogio interessiert sich auch für alle Sportarten und das Schachspiel und verfolgt aufmerksam die Olympischen Spiele in München. Doch dann passieren zwei schreckliche Dinge, und von einem Tag zum anderen ist nichts mehr, wie es war.
Etwa fünfzig Jahre später schreibt Giogio seine Geschichte auf. Er hat nichts vergessen, vor allem seine erste Liebe nicht. Der Autor lässt sich viel Zeit, wenn er die Ereignisse dieses Sommers nachzeichnet, und es passiert insgesamt nicht viel. Es gibt immer wieder Vorausdeutungen, die auf die unaufhaltsam nahenden Katastrophen hinweisen, wodurch die Spannung erhöht wird. Allerdings verringert die Tatsache, dass der Klappentext viel zu viel verrät, die Wirkung dieser Erzähltechnik erheblich. Mir hat der Roman gut gefallen, nachdem ich mich an die detaillierte Darstellung gewöhnt hatte, denn es geht ja auch um Sommer am Meer mit wunderbarem italienischem Ambiente.
von cosmea - 2026-03-02 18:39:00

Momentaufnahmen eines Sommers - 4 Sterne

Schwarzer September ist vermutlich ein Opfer seines doch eher misslungenen Klappentextes: Dort wird zwar von dem Sommerurlaub des zwölfjährigen Gigio und seiner Strandfreundin Astel berichtet, aber gleichzeitig auch schon verraten, dass später ein Mord passieren wird.
Meine Erwartungen waren dementsprechend, dass wir vielleicht eine kurze Einführung bekommen, es danach schnell an den Strand geht und kurz darauf der Mord geschieht, der dann im Zentrum der Handlung steht - dem war jedoch nicht so, stattdessen wird es zwar immer wieder angedeutet, um Spannung aufzubauen, allerdings ja auch wiederum schon im Klappentext verraten.

Man muss daher mit anderen Erwartungen in dieses Buch starten: 50 Jahre später erzählt Gigio von seiner Kindheit und diesem Sommer, der Schreibstil ist daher zwischendurch erwachsen, aber der Sicht eines Jungen nachempfunden.
Auch berichtet er von sich selbst, dass er autistische Züge hat, was in Kombination mit seinem Alter zu vielen Endlossätzen führt, die quasi wie aufgeschriebene, sprunghafte Gedanken wirken und dabei auf alle möglichen Details fixiert sind.

Dieser Schreibstil ist wirklich Geschmackssache, einerseits wird die damalige Zeit und Italien durch die unzähligen Details sehr zum Leben erweckt und man kann sich alles super vorstellen, andererseits führt es doch auch manchmal zu einigen Längen. Für das Kind war es vermutlich extrem spannend, wer welchen Sportwettkampf gewonnen hat, für den heutigen (jüngeren) Leser ist es jedoch eher oft uninteressant. Nichtsdestotrotz hatte dieser Stil auch seinen ganz eigenen Charme, der mir doch überwiegend gut gefallen hat.
Wer eine spannende Erzählung über einen Kriminalfall erwartet, sollte vermutlich eher zu einem anderen Buch greifen. Für alle, die einfach ein wenig in das damalige Italien eintauchen und einem Jungen beim langsam erwachsen werden zuschauen möchten, ist dieses Buch aber durchaus zu empfehlen.
von Ryria - 2026-03-02 18:00:00

Ende ohne Anfang oder Anfang ohne Ende - 3 Sterne

Ein 12jähriger, frühreifer Junge verbringt wie gewöhnlich seine Ferien am Meer. Doch dieses Mal wird der Urlaub anders verlaufen, als gedacht. Da ist die frische Liebe zu einem hübschen Mädchen nur der Auftakt.
Nun, wie bezeichnet man dieses Buch? Familiengeschichte? Oder eine dieser Coming-of-age Erzählungen. Irgendwie von allem etwas. Ganz nebenbei wird auch das Jahr 1972 reflektiert, Musik, die gehört wurde, Sportler, die berühmt waren und natürlich die dramatische Olympiade in München. All das erzählt der Autor aus Sicht des Jungen, der versucht, mit all dem klar zu kommen. Mir persönlich wirkte der Junge mit gerade einmal 12 Jahren zu erwachsen. Was mir auch erschwert hat, die Dramatik in der Geschichte ernst zu nehmen. Denn während der ersten Kapitel reizt der Autor immer wieder zum Weiterlesen, indem er ein schreckliches, alles veränderndes Ereignis vorhersagt. Selbstverständlich ist das, was dann passiert für ein Kind dramatisch. Aber irgendwie auch nicht so, dass ich nach Luft schnappend und mit zittrigen Händen das Buch weiterlesen musste. Der Stil ist gut, es macht Spaß in Erinnerungen an die alte Zeit, die tolle Musik zu schwelgen. Trotzdem wirkte das Buch auf mich irgendwie zu offen, ohne mir wirklich eine Erklärung zu liefern, warum ich jetzt die 280 Seiten gelesen habe. Für mich persönlich irgendwie nicht Halbes und nichts Ganzes.

Dies ist eine Privatrezension, ohne KI erstellt. Kopie, auch in Auszügen, unterliegt dem Urheberrecht.
von Murksy - 2026-03-02 16:45:00

Beeindruckend - 5 Sterne

Das Jahr ist noch nicht so weit fortgeschritten und ich habe schon wieder so ein beeindruckendes Buch gelesen.
Mir hat der Schreibstil ganz besonders gut gefallen, auch wenn ich mich ein wenig "einlesen" musste, aber so war ich immer direkt "mit dabei" in diesem Sommer 1972.
Gigio ist 13 Jahre alt, hat einen leichten Asperger Autismus und ist noch sehr kindlich. Auf der anderen Seite die ein Jahr ältere Astel, die schon so richtig eine Jugendliche ist.
Und doch kommen sie sich näher, während ihre Familien sich die Eröffnungsfeier der Olympiade in München anschauen.
Aber hier geht es um das ganz persönliche Drama und die schrecklichen Ereignisse in München spielen für Gigio nicht so eine große Rolle, aber sie werden in diesem Buch dennoch thematisiert.
Ein eindrucksvolles Buch, bei dem ich das Gefühl hatte, dabei zu sein und diesen ganz persönlichen schwarzen September mit zu erleben.
von lectrice - 2026-03-01 18:46:00

nicht überzeugend - 2 Sterne

nicht überzeugend

"Schwarzer September" von Sandro Veronesi konnte mich leider nicht überzeugen - auf Grund der Inhaltsangabe hatte ich eine komplett andere Erwartungshaltung an das Buch.

Sommer 1972 in Fiumetto an der ligurischen Küste. Der zwölfjährige Gigio interessiert sich vor allem für Spielzüge, Sport und die ersten Regungen des Erwachsenwerdens. Mit dem Einzug der dreizehnjährigen Astel in die benachbarte Strandkabine verschiebt sich Gigios Welt.

Das Buch wird vom Ich-Erzähler Gigio erzählt.

Die sportlichen Ereignisse der 1970er (Olypmische Spiele in München, Tour de France, Segel Wettkämpfe) nehmen einen leider viel zu großen Teil des Buches ein - wer interessiert sich für diese vielen Details heute noch? Ich zumindest nicht, aber das war auch vor meiner Zeit. Die eigentliche Geschichte, die ich mir erwartet hätte, hatte viel zu wenig Platz im Buch.
Auch sind mir die Protagonisten nicht wirklich sympathisch geworden.

Von mir gibt es daher keine Empfehlung - ich bin nicht überzeugt.
von div - 2026-02-24 20:21:00

Reizlos - 3 Sterne

Gigio erzählt die Geschichte des Sommers, als er zwölf Jahre alt war, und an dessen Ende seine Familie für immer zerstört wurde. Er ist ein Einzelgänger, der sich für Sport interessiert und sich mit allen möglichen Disziplinen gut auskennt. Selber betreibt er aber keinen Sport. Er begeistert sich für die Olympischen Spiele 1972 und für Sammelbildchen, und er verliebt sich zum ersten Mal.
Der Stil ist flüssig und gut zu lesen. Das braucht es auch, denn die Geschichte selbst ist reizlos. Obwohl gesagt wird, dass noch etwas Schlimmes kommt, wird in keiner Weise Spannung aufgebaut. Es ist ein ganz normaler Sommer, das Geschehen plätschert vor sich hin. Die Geschichte funktioniert auch nicht als Coming-of-Age-Story, denn der Protagonist erlebt keine Entwicklung, höchstens eine leichte Irritation, die ein Entwicklung roch sich ziehen könnte. Er ist ein ganz normaler Junge kurz vor der Pubertät, dem bis zur Katastrophe nichts Ungewöhnliches widerfährt.
Auch als diese endlich da ist, kommt die Geschichte immer noch nicht in Gang. Im Gegenteil: Sie endet. Das ist etwas enttäuschend.
von Krani - 2026-02-17 19:35:00

Von Italien nach England - 4 Sterne



Schwarzer September,ist der dritte Roman, den ich von dem italienischen Schriftsteller Sandro Veronesi gelesen habe. Es ist wieder ein gelungenes Werk.
Er lässt uns in die Gedankenwelt und Erlebnisse des zwölfjährige Gigio. Seine Eltern und seine Er lebt mit Schwester leben im Sommer an der Ligurischen Küste.
Seine Mutter ist Engländerin und er kann fließend englisch reden.
Gigio beobachtet seinen Körper, die Freunde sind schon weiter entwickelt.
Um viel von der Familie und Allem zu erfahren, belauchscht er seine Eltern. Er bekommt mehr mit, als die denken.
Die Mutter seiner dreizehnjährigen Freundin stammt aus Äthiopien. Als der Vater ermordet wird, ist die Mutter gleich verdächtig. Am Strand wird gleich vier getratscht.
Die Ehe von Gigios Eltern scheitert und die Mutter entführt die Kinder zu ihrer Familie in England.
Jetzt erzählt der Autor aus seinem Erwachsenen Leben, von seinen Kinder und von seiner Schwester.
Der Schreibstil fesselt und ich empfehle den Roman gerne weiter.
von begine - 2026-02-17 12:10:00