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Rezensionen

Ich, die ich Männer nicht kannte
Roman

Autor: Jacqueline Harpman

Erschienen 2026 bei Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-96670-1
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Das Streben nach Wissen und Antworten - 5 Sterne

In einem unterirdischen Bunker sind 39 Frauen und ein Kind seit über zehn Jahren in einem Käfig gefangen, bewacht von wenigen Männern, die ihnen Essen bringen, aber ansonsten nicht mit ihnen interagieren. Durch einen Zufall können sie fliehen, aber wartet draußen wirklich die Freiheit oder nur ein neuer Käfig?
Diese kürzlich wieder bekannt gewordene Geschichte ist so ziemlich das Gegenteil eines Wohlfühlbuchs. Es ist alles sehr bedrückend, trostlos und deprimierend, nur unterbrochen von kleinen Lichtmomenten. Und trotzdem liest man weiter, genau wie die Charaktere immer auf der Suche nach Antworten und Erklärungen: Wer hat sie eingesperrt, sind sie noch auf der Erde, was ist passiert - und vor allem das große Warum?

Es soll vorweg gesagt sein: Es ist viel Platz für Spekulationen und Theorien, aber sichere Erklärungen wird man nicht bekommen, was durchaus frustrierend sein kann. Vor der persönlichen Geschichte der Autorin macht dies aber doch durchaus irgendwie Sinn. Harpman musste als Kind im zweiten Weltkrieg nach Marokko fliehen, ein großer Teil ihrer Familie wurde in Auschwitz ermordet. Wer könnte besser aus der Sicht eines Kindes schreiben, das in einer fremden Welt erwachsen wird, umgeben von Menschen, die ihr altes Leben vermissen, und dem allgegenwärtigen, sinnlosen Tod?
So betrachtet liest sich das Buch sehr persönlich, funktioniert aber auch unabhängig davon.
Die Nebencharaktere bleiben größtenteils eher blass, dafür taucht man tief in die Gedankenwelt der namenlosen Erzählerin ein.
Sie erkundet nicht nur die fremde Welt, sondern auch die Konzepte der Menschlichkeit und ihr neue Gefühle, immer begleitet von einem Durst nach Wissen.
Eine Geschichte, die unter die Haut geht und mir vermutlich noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
von Ryria - 2026-06-14 20:05:00

Eine Welt voller Rätsel und Fragen - 3 Sterne

Der in Frankreich bereits 1995 erstmals veröffentlichte Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman gehört mittlerweile zu den modernen Klassikern und gilt als wichtiges Werk der feministischen Literatur.

Die namenlose Hauptfigur ist zusammen mit 39 weiteren Frauen in einem Käfig unter der Erde eingesperrt. Kontakt zur Außenwelt besteht keiner und die einzigen anderen Menschen, die sie zu Gesicht bekommen sind einige Wachmänner, die aufpassen, dass die Frauen keinen Fluchtversuch unternehmen, sich etwas antun oder Körperkontakt miteinander aufnehmen.
Eines Tages passiert etwas völlig Unerwartetes, woraufhin die Männer fliehen. Nach einer Art Schockstarre trauen sich die Frauen irgendwann aus ihrem Käfig, doch die Welt da draußen ist gänzlich anders als sie erwartetet hatten. In der Hoffnung Zivilisation oder sonst irgendetwas zu finden, ziehen sie fortan ziellos umher.

Anfangs noch recht gefesselt von der sonderbaren Ausgangssituation und den Fragen und Gedanken, mit denen sich die Hauptfigur befasst, verlor ich leider recht schnell das Interesse an der Geschichte. Die Handlung wurde nach Befreiung der Frauen aus dem Käfig repetitiv und Spannungskurven gab es bis zum Schluss keine mehr.
Die Gedanken und Gefühle der Protagonistin sind realistisch und nachvollziehbar und werfen viele spannende Fragen und Gedanken auf. Die anderen Frauen hingegen wirkten für mein Empfinden gleichermaßen eindimensional, als auch authentisch. Sie definierten sich zum Großteil durch ihre Beziehungen (zu Männern), welche sie vor der Gefangenschaft führten. Was ist der Mensch ohne ihn prägende Gesellschaft, Geschlechterrollen oder Kultur?
Letztlich bleibt man als Leser:in mit mehr Fragen als Antworten zurück.

Für mich wird der Roman dem Hype leider nicht gerecht. Ich sehe hier wenig bis keinen feministischen Ansatz und hätte mir mehr Antworten gewünscht.
von Sina - 2026-06-14 18:34:00

atmosphärische Dystopie; nichts für Leser, die abgeschlossene Geschichten mögen - 4 Sterne

3,5 Sterne

Die ich-Erzählerin ist eine junge, namenlose Frau, die etwas sarkastisch über ihr Leben berichtet.
Sie kennt nichts anderes als den Käfig, denn sie ist mit 39 anderen Frauen eingesperrt, ohne Tageslicht. Bewacht von Männern, die nicht mit ihnen sprechen.
Bis eines Tages ein Alarm losgeht und die Männer verschwinden. Da die Käfigtür nicht verschlossen ist, wagen es die Frauen, rauszugehen. Doch draußen ist alles ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatten bzw. aus ihrer Erinnerung kannten.

Die Geschichte ist einzigartig. Einerseits hat es mich ganz verrückt gemacht, dass man nichts erfährt! Und mir gingen beim Hören soo viele warum-Fragen durch den Kopf! Warum und seit wann sind die Frauen eingesperrt; warum genau 40; warum nur 1 ganz junges Mädchen, während alle anderen schon erwachsen waren, als sie eingesperrt wurden; warum werden sie ständig von Wärtern bewacht; warum sprechen diese Wärter nichts; warum dürfen sich die Frauen nicht anfassen, und WARUM gibt man ihnen nichts zu tun? Es erscheint somit ganz logisch, dass die sich selbst umbringen wollen - die müssen ja eingehen vor Langeweile! Ein bisschen kochen, Zöpfe flechten, Kleidung flicken. Und reden, aber da auch nicht zu viel. Nicht einmal Bewegung ist möglich, denn der Käfig muss ja extrem klein sein, wenn die Peitsche der Wärter überall hin kommt. SCHRECKLICH dieser Gedanke. Also WARUM werden die Frauen unter diese unmenschlichen Bedingungen am Leben erhalten?
Andererseits ist genau DAS das Stilmittel der Geschichte - man weiß nur genauso viel (oder eher wenig) wie die Frauen selbst. Echt gut gemacht!

Trotzdem finde ich einige Dinge unglaubwürdig: warum haben die älteren Frauen dem jungen Mädchen keinen Namen gegeben? Bzw. warum hat es sich nicht selbst einen ausgesucht. Wenn alle einen Namen haben, wähle ich doch für mich selbst auch einen, wenn es schon die anderen nicht machen. Und warum erklären sie dem Mädchen nicht die Dinge von draußen? Immerhin reden sie selbst miteinander ja ständig über ihr Leben von früher.

Die dystopische, beklemmende Atmosphäre ist sehr bedrückend und deprimierend. Die eingesperrten Frauen tun einem sehr leid; sie haben ja NICHTS. Sie bekommen zwar Lebensmittel, um zu kochen, aber für geistige und körperliche Beschäftigung und emotionale ... ist nicht gesorgt. Sie haben kaum Platz, nichts zu lesen, zu schreiben; ja nicht einmal einen Spiegel.
Die Charaktere der Frauen kommen eigentlich erst so richtig raus, als sie "in Freiheit" sind, zuvor war es für mich so ein Einheitsbrei. Nur die ich-Erzählerin lernt man genauer kennen. Sie ist sehr abgestumpft und emotionslos, erst später entwickelt sie Neugierde.

Es gibt leider einige unlogische Stellen, zB dass sie sich selbst anhand der gefundenen Bücher lesen beibringt (obwohl sie zuvor nur vor vielen Jahren mal Buchstaben im Staub gezeigt bekommen hat). Auch, dass nach all den Jahre (etwa 50) überall noch Strom vorhanden ist und die Nahrungsmittel (Fleisch und Gemüse) noch nicht verdorben sind. Und auch, wenn die Frauen nicht wissen, wo sie sind und herumspekulieren - warum gibt es Pflanzen, aber keine Tiere?
Und noch mehr Fragen über die Käfige, den Grund für das Eingesperrtsein, das Desinteresse der Wärter und vieles mehr.
Man bleibt - ebenso wie die Erzählerin - bis zum Schluss im Ungewissen, was mich normalerweise fertig macht, hier aber als Stilmittel gut passt, weil es eben genau dem entspricht, wie es die Protagonistin wahr nimmt. Dass man am Schluss jedoch keine einzige Antwort erhält, ist dann aber doch deprimierend.

Die Sprecherin Vera Teltz kenne ich bereits von Filmsynchronisationen und ich finde, sie hat einen tollen Job gemacht. Man glaubt wirklich, die Protagonistin erzählt ihre Geschichte, denn ihre Stimme ist genau eintönig und emotionslos, wie man vom Verhalten der ich-Erzählerin erwartet.


Fazit:
Eine wirklich interessante, dystopische, atmosphärische und bedrückende Geschichte. Man fiebert mit, aber erhält leider keine einzige Antwort auf die vielen, vielen Fragen.
von Petra Sch. - 2026-06-13 15:56:00

Blieb deutlich hinter meinen Erwartungen zurück - 3 Sterne

Ich schließe mich der Einschätzung an, dass dieser Roman sicher Menschen begeistern kann, die „Die Wand“ bereits mochten. Denn es gibt sehr deutliche Parallelen in Bezug auf die isolierte Position der Hauptfigur und genau die trifft einfach nicht meinen Geschmack. Aufgrund der so guten Besprechungen war ich dennoch neugierig, aber leider konnten meine Erwartungen nicht erfüllt werden.

Dystopien stehe ich recht neutral gegenüber - gut geschrieben können sie mich durchaus begeistern. Was aber wirklich nicht mein Fall ist, sind isolierte Settings. Entsprechend wundert es mich nicht, dass die Handlung zunehmend anstrengend für mich wurde, ich habe jedoch weiter auf die versprochenen feministischen Aspekte der Geschichte gehofft.

Den Anfang im Käfig fand ich noch vielversprechend. Die namenlose Protagonistin macht sich spannende Gedanken zu den ihr unbekannten Männern, ihrem Begehren und der richtigen Welt. Doch nach dem Ereignis, in dessen Folge die gefangenen Frauen freikommen, wurde es für mich zunehmend zäh und verlor sein innovatives Potenzial. Wie die Frauen sich in der fremden Außenwelt zurechtfinden und autonom eine kleine neue Gemeinschaft aufbauen, ist zwar nicht uninteressant, aber die sie umgebende Hoffnungslosigkeit hat mir zunehmend Energie geraubt.

Das Isolationsgefühl verstärkte sich zudem immer mehr und damit auch meine Distanzierung von der Handlung. Alle Figuren blieben mir sowieso emotional komplett fremd, aber da auch zwischen den Charakteren so wenig passiert, fehlte mir einiges an der Geschichte. Der Reiz isolierter Menschen entsteht für mich gerade im Miteinander, aber dem wurde durch die Zentrierung der nüchternen Protagonistin kaum Raum gegeben.

Mich überrascht dabei nicht, dass mir das Setting nicht gefallen hat - ich kenne ja meine Präferenzen. Aber abgesehen von ein paar interessanten Gedanken finde ich auch keine feministische Kraft in diesem Werk. Ich habe mir aufgrund des Titels deutlich mehr Reflexion über eine Welt bzw. das Aufwachsen ohne Männer erhofft. Ja, es gab da einige Momente, etwa in Bezug auf Aussehen und Schamgefühl, aber in meinen Augen blieb der Großteil des Potenzials ungenutzt, weshalb ich mich den begeisterten Rezensionen leider nicht anschließen kann.

Am Ende bleibt auch alles sehr offen und zumindest ein bisschen mehr Klarheit hätte es für mich doch sein dürfen. Als Hörbuch fand ich es insgesamt okay, gelesen hätte ich wahrscheinlich noch größere Probleme gehabt.

2,5 Sterne
von nessabo - 2026-06-11 19:07:00

nachdenken über den Sinn des Lebens - 5 Sterne

In einem Keller in einem Käfig eingesperrt leben 40 Frauen, die von männlichen Wärter bewacht werden und bestraft, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Man hat zu essen und zu schlafen wenn es angeordnet wird, jeglicher Körperkontakt wird nicht gestattet. Unter diesen Frauen ist versehentlich auch ein Mädchen, die zu der Zeit als sie in dieses Gefängnis kam noch so klein war, das sie sich an eine Zeit davor nicht erinnern kann. Anders die anderen Frauen, die ihre Männer und Kinder vermissen, an ihre Freiheit, an ein normales Leben, an Kleinigkeiten, die das Leben schön machten. Viele Jahre sind vergangen als plötzlich, gerade als ein Wärter den Käfig zur Essensausgabe öffnete, ein Alarm ertönte und alle Wärter verschwanden. Die Frauen waren frei, sie konnten heraus, doch wo waren sie, auf der Erde konnten sie nicht sein, es gab keine Jahreszeiten. Weitere Jahre verbrachten sie auf der Suche nach anderen Menschen, doch sie fanden immer nur weitere, verschlossene, Käfige, mit Toten. Am Ende blieb nur noch die Kleine, wie sie mangels Namen von den Frauen genannt wurde. Sie berichtet uns von ihren Erlebnissen, von der Gemeinschaft der Frauen, die Hilfe, die sie einander gaben, was sie selbst von ihnen lernte um zu überleben. Wie viel Überlebenswille in ihnen steckte und wer aufgeben wollte. Die Kleine wollte immer mehr, verstehen, wo sie war, warum sie an einem fremden Ort eingesperrt war, was der Sinn des Lebens ist. Auf ihrer Reise werden wir sehr emotional mitgenommen und können uns in sie hinein fühlen.
Ein Roman, der zum Nachdenken einlädt und auch nach Beendigung des Roman nicht loslässt.
von Ulla - 2026-06-11 15:46:00

Gute Dystopie, aber nicht feministisch - 4 Sterne

Meine Erwartungen an dieses Buch waren hoch, da es laut Werbung so feministisch wie Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ sein sollte. Es ist eine gute Dystopie, aber der Vergleich hinkt meiner Meinung nach.

Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive einer Person geschrieben, über die wir nicht viel wissen, denn sie weiß selbst nicht viel von sich. Als Kleinkind kam sie mit 39 anderen Frauen in ein unterirdisches Gefängnis und kann sich deshalb als Einzige weder an ihren Namen noch ihre Vergangenheit oder an ein Leben in Freiheit erinnern. Umso irritierender ist es für sie, als sie diese zusammen mit den anderen unter seltsamen Umständen wiedererlangt. Ich fand die Entwicklung und Handlungen der Protagonistin zwar nicht immer logisch, aber ein interessantes Gedankenexperiment.

Feminismus konnte ich nicht wirklich entdecken, eher das Gegenteil. Die Frauen leben zwar ohne Männer, aber das ist ja keine bewusste und freiwillige Entscheidung. Sie wirkten, als würden sie Männer vermissen und als wäre ihr Leben ohne diese sinnlos. Die namenlose Protagonistin ist aktiver in ihrem Verhalten, wohingegen die anderen Frauen eher passiv sind. Das könnte man natürlich als Auswirkung vom Aufwachsen und Leben im Patriarchat interpretieren, aber so richtig überzeugt mich das nicht.

Ansonsten ist das Buch sehr zeitlos, man merkt beim Lesen nicht, dass die Autorin es schon 1995 geschrieben hat. Vieles wird der Interpretation des Lesers überlassen und nicht aufgeklärt. Mit seinen philosophischen Ansätzen regt es auf jeden Fall zum Nachdenken und zum Austausch darüber an. Das ist meiner Meinung nach das Spannendste an dem Buch: nicht die Geschichte an sich, sondern das, was mit einem während und nach dem Lesen passiert.

Ich würde es auf jeden Fall weiterempfehlen, solange man keine feministische Geschichte erwartet.
von Anonym - 2026-06-11 09:36:00

Für Fans von Herland - 4 Sterne

Ich, die ich Männer nicht kannte ist eine Dystopie aus dem Jahr 1995, die nach nunmehr 30 Jahren noch genauso aktuell ist, wie damals.
40 Frauen werden von Männern in einem Bunker gefangen gehalten. Keiner weiß wo, keiner weiß warum. Wer hofft, am Ende eine Antwort darauf zu bekommen, wird leider enttäuscht werden. Doch auch wenn die Frauen untereinander rätseln, so ist es doch für die Geschichte völlig irrelevant, ob sie sich noch auf der Erde oder einem Alien-Planeten befinden.
Viel wichtiger sind die Erkenntnisse, die die Frauen durch das jüngste Mitglied ihrer Truppe erhalten. Sie, die niemals Männer kannte, wirft einen völlig unverstellten Blick auf das alte Leben der Frauen. So stellt sie zB die Frage, ob sich Frauen nur für Männer schön gemacht hatten. Eine Frage, die sich heute immer noch gestellt wird.
Durch die junge Frau erhalten die anderen aber auch Stück für Stück ihre Autonomie zurück. Erst durch die Erfindung der Zeit im Bunker, dann durch die Flucht daraus.
Sie, die niemals Männer kannte, ist teils selbst eine Art Alien. Sie hinterfragt alles und wirft damit Fragen über die Liebe und das alte und neue Leben im Allgemeinen auf. Teilweise werden diese beantwortet, teilweise auch nicht. Doch immer weiter hinterfragen sich auch die anderen Frauen. Und vielleicht am Ende auch wir.
von 19cici95 - 2026-06-10 17:22:00

Ich, die ich Männer nicht kannte - 5 Sterne

Es gibt Bücher, die wirken nicht wie Geschichten, sondern wie ein Nachhall in einem leeren Raum, denn sie bleiben nicht im Kopf wie Handlung, sondern wie ein Gefühl von Kälte, das sich nicht genau verorten lässt. „Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist so ein Buch, das mich tief berührt hat.
Schon der Anfang ist wie ein Abstieg – nicht in eine Welt, sondern aus der Welt heraus, denn wir treffen auf neununddreißig Frauen, auf ein Mädchen und auf einen unterirdischen Käfig, aber auf kein Licht der Erinnerung, auf keinen Faden in die Vergangenheit. Es gibt nur Körper im Raum, Zeit ohne Uhr, Leben ohne Erklärung. Und darüber: Männer in Uniform, die sprechen, ohne zu sprechen, die berühren, ohne Nähe zuzulassen – eine Ordnung also, die nicht erklärt werden will, weil sie sich selbst genügt.
Und dann geschieht das Unwahrscheinliche: Stille. Leere. Die Tür steht offen! Doch was wie eine Befreiung klingt, ist in Wahrheit der Beginn einer zweiten Gefangenschaft.
Beim Lesen hat mich weniger das Szenario getroffen als die Konsequenz, mit der Jacqueline Harpman jede Erklärung verweigert, denn es gibt keine Ursache, kein „Warum“, keinen Trost der Logik. Stattdessen wurde ich mit einem Erzählen konfrontiert, das sich anfühlt wie ein tastendes Gehen durch Nebel. Aber schließlich habe ich verstanden, dass genau darin eine radikale Ehrlichkeit liegt, die mich überzeugt: Diese Welt ist nicht gebaut, um verstanden zu werden – sondern um erlebt zu werden.
Die namenlose Erzählerin ist dabei kein klassischer Blick auf die Apokalypse, sondern fast ihr Gegenpol: ein Bewusstsein, das erst entstehen muss, weil ihm alles fehlt. Sie hat keine Kindheit im üblichen Sinn erlebt, sie kennt keine Sprache der Erinnerung, keine Vergleichswerte. Und gerade dadurch wirkt jeder kleine Erkenntnisschritt wie ein inneres Beben, da nichts davon – weder Zeit noch Schmerz, noch Körper oder Gemeinschaft – selbstverständlich ist …
Ich musste beim Lesen immer wieder an die Frage denken, die sich durch das ganze Buch zieht, ohne je ausgesprochen zu werden: Was bleibt vom Menschen, wenn ihm die Welt genommen wird, die ihn erklärt?
Draußen, nach der Flucht, wartet keine Erlösung – und das war beängstigend, denn keine klare Luft der Freiheit, kein Aufatmen der Geschichte stattfindet, sondern wir stattdessen eine Landschaft finden, die fast leerer wirkt als das Gefängnis selbst, denn sie ist einfach eine Weite ohne Bedeutung, eine Natur ohne Antwort. Wir treffen auf eine Gruppe von Frauen, die lernen muss, dass „frei sein“ kein Zustand ist, sondern eine weitere Form des Überlebens.
Jacqueline Harpman entzieht mit einer stillen Hartnäckigkeit jeder Deutung oder Interpretation, denn ihr Text will nicht warnen, nicht erklären, nicht anklagen im klassischen Sinn; ihre Erzählung beobachtet bloß, wie Menschen sich in einer extremen Leere neu zusammensetzen – oder daran zerbrechen. Was mich dabei besonders beschäftigt hat, ist die Nüchternheit der Sprache, denn trotz des dramatischen Szenarios des Überlebens gibt es kein Pathos, keine dramatische Überhöhung – und so wird meines Erachtens das Ungeheuerliche noch schwerer auszuhalten: Wenn etwas Schreckliches ohne Erstaunen erzählt wird, beginnt es, real zu wirken, und genau dort entsteht diese eigentümliche Verstörung, die viele Leserinnen und Leser beschreiben: das Gefühl, dass etwas im Text über das Ende der Geschichte hinaus weiterarbeitet. Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieses Romans: Nicht die Dystopie selbst, sondern das Nachdenken darüber, wie wenig wir brauchen, um Mensch zu bleiben – und wie schnell selbst dieses Wenige fragil wird.
Ich habe das Buch nicht „durchgelesen“ im üblichen Sinn, sondern die Passagen als Etappen verstanden, die wie eine Erinnerung nachwirken, da sie sich beim Erzählen verändert. Doch einzelne Szenen bleiben hängen: das Zählen der Zeit am eigenen Herzschlag, das vorsichtige Organisieren einer Gemeinschaft ohne Regeln, das tastende Lernen von Nähe, wo zuvor nur Isolation war … Und immer wieder dieses Schweigen der Welt!
Dass der Roman durch einen TikTok-Hype wiederentdeckt wurde, wirkt fast ironisch – als würde eine so stille, reduzierte Sprache plötzlich in einer überlauten Gegenwart auftauchen und genau dadurch treffen: vielleicht, so dachte ich, weil er nichts liefert außer Fragen und weil er sich weigert, abgeschlossen zu sein. Denn am Ende blieb in mir kein Schlussgefühl, sondern etwas Offenes, Unruhiges, so als hätte man nicht eine Geschichte gelesen, sondern eine mögliche Version von Menschsein gestreift – eine, in der alles wegfällt, was uns normalerweise Halt gibt, und nur das bleibt, was sich nicht entfernen lässt: Bewusstsein, Körper, die Suche nach Bedeutung; und genau deshalb bleibt dieses Buch für mich nicht als Antwort, sondern als leise, anhaltende Frage im Hintergrund des eigenen Denkens, wie es Rose Ausländer in ihrem Gedicht „Mit euch allen“ so treffend formulierte: „Schweben / mit dem Vogel / mit der Sonne / leuchten / rollen mit der / Erde // Mit euch allen / feiern / das unverlässliche / Leben //.“

von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2026-06-09 09:13:08

sprachlos - 4 Sterne

Das Buch „Ich, die ich Männer nicht kannte“von Jacqueline Harpmann ist ein mehr als eindrückliches Leseerlebnis das einen teilweise sprachlos, aber auf jeden Fall nachdenklich zurücklässt.

Ein Raum in einem dunklen Keller, der eingesperrt 39 Frauen und ein junges Mädchen, bewacht von drei Wärtern, die jegliche Kommunikation, jegliche Berührungen oder Kontaktaufnahmen verbieten und mit Strafen sanktioniert.
Gerade das junge Mädchen leidet sehr darunter, da sie nicht ,wie ihre älteren Mitgefangenen, Erfahrungen aus der Vergangenheit hat. Als die Eingesperrten frei kommen wird klar, dass sie diese Freiheit nicht sinnvoll nutzen können.

Puh, das Lesen dieses Buches macht etwas mit dem Leser. Es wird klar, dass wir die Summe unserer Erfahrungen sind und wenn wir diese Sozialisation nicht erfahren, unserer Identität beraubt sind.
Die Atmosphäre dieses Buches ist düster bis beklemmend, der Schreibstil prägnant und die Figuren gut getroffen.

Ein Buch das mir sicherlich in Erinnerung bleibt.
von Klassikfan - 2026-06-07 21:33:00

Fragenkarussell - 3 Sterne

Jacqueline Harpmans "Ich, die ich Männer nicht kannte" ist schon seit einiger Zeit immer wieder auf englischsprachigen Booktube Kanälen aufgetaucht und hat vor allem vor Kurzem einen regelrechten Hype ausgelöst und das, obwohl es vor über 30 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht worden ist.

In Harpmans Buch geht es um eine namenlose Protagonistin, die zusammen mit 39 anderen Frauen eingesperrt in einer Art Keller lebt. Sie ist die jüngste von allen und hat schon immer in Gefangenschaft gelebt und kennt kein Leben außerhalb. Jeder Tag sieht gleich aus, die Wachtmänner sind streng und reden nicht mit den Gefangenen, Widerstand ist zwecklos. Eines Tages durchströmt eine Sirene den Keller, alle Wachtmänner laufen weg. Die Frauen schaffen es an einen Schlüssel zu kommen und somit ihr Verlies zu verlassen...

Als Lesende hatte ich zu Anfang der Geschichte eine Theorie, was es mit den Frauen, den Wachtmännern und dem Keller auf sich hat, die allerdings nach einiger Zeit nicht mehr stimmig war. Dann hatte ich eine weitere Theorie, dann noch eine, doch nie hat sich irgendeine davon bewahrheitet, weil es keine Lösung in diesem Buch gibt. Es ist, als würde man die Hoffnungslosigkeit am eigenen Leib spüren, weil die unbeantworteten Fragen einen regelrecht überschwemmen. Das Leben der Frauen scheint dabei so trist, auch, wenn es für sie besser ist als im Verlies.

Ich kann den Hype an dem Buch nicht ganz nachvollziehen. Es ist bestimmt ein gutes Buch für einen Buchclub, weil so viele existenzielle Fragen gestellt und besprochen werden können. Mir persönlich waren es allerdings zu viele unbeantwortete Fragen und daher kann ich dem Buch nur 2,5 Sterne geben.
von rosetheline - 2026-06-01 13:42:00