Rezensionen
Das Lied des Propheten
Roman | Booker Prize 2023
Autor: Paul Lynch
Erschienen 2024 bei Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-98822-2
Das Lied des Propheten - 5 Sterne
Paul Lynch ist mit „Das Lied des Propheten“ ein eindrücklicher Roman gelungen, der zurecht den renommierten „Booker Prize“ gewonnen hat und den man nicht mehr so schnell vergisst. Zunächst beginnt alles ganz idyllisch: an einem dunklen, regennassen Abend in Dublin bringt die Wissenschaftlerin und vierfache Mutter Eilish Stack ihre Kinder ins Bett, doch dann klingelt es unerwartet an der Haustür: Zwei Beamte der neu gegründeten irischen Geheimpolizei sind gekommen, um ihren Mann Larry, einen bekannten Gewerkschafter, zu verhören. Kurz nach dieser Begegnung mit der Polizei verschwindet Larry, und sehr schnell beginnen die Dinge in Eilishs Welt aus dem Ruder zu laufen. Irland befindet sich in der Gewalt einer Regierung, die auf dem Weg in die Tyrannei ist. Eilish ist gewillt, alles zu tun, um ihre Familie zu schützen …. „Das Lied des Propheten“ wird zum atemlosen Portrait einer Familie am Rande der Katastrophe und gleichzeitig zum Appell, die entstehenden autoritären Regime der Gegenwart zu bekämpfen. Der „Telegraph“ schreibt: „Paul Lynch ist einer der meistgefeierten irischen Schriftsteller seiner Generation und ›Das Lied des Propheten‹ ist Irlands ›1984‹.“ Auch der Literaturkritiker Martin Ebel schreibt im Tages-Anzeiger: „›Das Lied des Propheten‹ ist ein beklemmendes Leseerlebnis, das einen lange verfolgt. Ein politischer Warnruf, dass auch in unseren Breiten Dinge möglich sind, die wir uns nicht vorstellen mögen. Und ein literarisches Meisterwerk, das mit Recht den Booker-Preis 2023 gewonnen hat.“ Die Kraft des Buches besteht darin, durch Fiktion eine tiefere Ebene zu öffnen, eine Wahrheit, die eine noch tiefere Wahrheit zum Licht bringt: Eben das ist auch die Kraft, die echte Literatur besitzt. Sie zeigt anhand von Fiktion das authentische Gesicht der Gegenwart. „Das Ende der Welt ist immer ein lokales Ereignis“, liest man. „Es kommt in dein Land und besucht deine Stadt und klopft an die Tür deines Hauses und wird für andere nur eine ferne Warnung, ein kurzer Bericht in den Nachrichten, ein Echo von Ereignissen, das in die Folklore eingegangen ist.“ Was geschieht, wenn Sicherheit, Anspruch auf Rechtsschutz und Meinungsfreiheit genommen werden? Wie gefährdet sind unsere westlichen Demokratien tatsächlich? Der Schritt zur Diktatur ist sehr nahe – wohl näher, als wir uns eingestehen wollen. Wenn das Wohlergehen der Bürger nicht gehört wird, sondern Macht und Terror überhandnehmen, sind wir einer konkreten Bedrohung ausgesetzt – ein Weckruf in einer Zeit, in welcher immer mehr Autokraten an die Macht drängen und die AfD bei Landtagswahlen mehr als 30 Prozent erreicht … Wie kann man dem Schweigen begegnen? Durch „das Lied des Propheten“ – wenn wir es leise singen, ist es ein Wundermittel gegen das Verdrängen unangenehmer Wahrheiten, gegen das Wegsehen und Überhören der Warnungen. Es ist – wie Sebastian Fasthuber im Falter schreibt, als ein „Schlüsseltext über die Gefahr des allerorts erstarkenden Faschismus zu lesen.“
Besonders beeindruckt hat mich die schon beinahe klaustrophobische Atmosphäre, die dem Roman innewohnt: alles scheint unglaublich und doch so nahe zu sein. Obwohl das Buch in der Zukunft spielt und als Dystopie gelesen werden kann, scheint die Gegenwart präsent. Niemals kann man als Lesende vergessen, dass dies alles auch uns passieren kann. Wie leicht ist es, in eine brutale, autokratische Herrschaft abzurutschen? Wie aus dem Nichts gerät die vierfache Mutter Eilish in einen Strudel aus Gewalt. Für sie stellt sich nun die Frage, ob sie bleiben oder aus Irland fliehen soll. Diese Gedanken, die nicht nur Eilish umtreiben, kommen der Leserin aus der Historie bekannt vor. Und wie hätte man sich selbst entschieden? „(…)die kriegen uns nicht weg, falls nötig, leben wir unter der Erde, ich grab ein Loch in meinen Scheißgarten, wenn man sein ganzes Leben an einem Ort gelebt hat, ist die Vorstellung, woanders zu leben, unmöglich(…)“ Sigrid Löffler, die renommierte Literaturkritikerin, schreibt: „Ein Warnruf ist dieses Buch, stellt Löffler klar, die Leser sollen verstehen, dass Faschismus kein Problem der Anderen ist, sondern eine Gefahr, die uns alle betrifft, so Löffler, die sich aus ihrer "Komfortzone" aufgeschreckt fühlt.“ Paul Lynch führt uns vor Augen, wie wir Europäer das Unglück der Welt zu betrachten pflegen. Was geschieht, wenn es bei uns genauso zugeht, wie in den Ländern, die von Tyrannei und Krieg heimgesucht werden? Die Welt protestiert, aber es passiert zunächst einmal nichts:„(…)wenn du den Besitz der Institutionen ändern kannst, dann kannst du auch den Besitz der Tatsachen ändern, du kannst die Struktur des Glaubens ändern, das worin man einig ist(…)wenn du sagst, eine Sache ist eine andere, und du sagst es oft genug, dann ist es auch so, und wenn du es immer und immer wieder sagst, dann akzeptieren dir Leute es als wahr.“
Der Titel, der biblische Klänge andeuten möchte, erklärt sich aus dem Szenario der Bedrohung, denn „(…)der Prophet singt nicht vom Ende der Welt, sondern davon, was getan worden ist und was getan werden wird und was manchen angetan wird, aber nicht anderen.“
Im Roman heißt es: „Geschichte ist ein stilles Verzeichnis von Menschen, die nicht wussten, wann es an der Zeit ist, wegzugehen.“ Wir alle sollten auf das „Lied des Propheten“ hören und uns fragen: Würde ich selbst den richtigen Zeitpunkt fürs Weggehen erkennen? Und wir sollten uns die Zeilen von Hilde Domin in ihrem Gedicht „Bitte“ in Erinnerung rufen: Nicht die Bitte, „verschont zu bleiben“ taugt, sondern die Hoffnung, dass aus dem Leid etwas Schönes erwächst: „Der Wunsch nach der Landschaft / diesseits der Tränengrenze / taugt nicht / der Wunsch den Blütenfrühling zu halten / der Wunsch verschont zu bleiben / taugt nicht // Es taugt die Bitte, / daß bei Sonnenaufgang die Taube / den Zweig vom Ölbaum bringe / Daß die Frucht so bunt wie die Blume sei / daß noch die Blätter der Rose am Boden / eine leuchtende Krone bilden.“
Besonders beeindruckt hat mich die schon beinahe klaustrophobische Atmosphäre, die dem Roman innewohnt: alles scheint unglaublich und doch so nahe zu sein. Obwohl das Buch in der Zukunft spielt und als Dystopie gelesen werden kann, scheint die Gegenwart präsent. Niemals kann man als Lesende vergessen, dass dies alles auch uns passieren kann. Wie leicht ist es, in eine brutale, autokratische Herrschaft abzurutschen? Wie aus dem Nichts gerät die vierfache Mutter Eilish in einen Strudel aus Gewalt. Für sie stellt sich nun die Frage, ob sie bleiben oder aus Irland fliehen soll. Diese Gedanken, die nicht nur Eilish umtreiben, kommen der Leserin aus der Historie bekannt vor. Und wie hätte man sich selbst entschieden? „(…)die kriegen uns nicht weg, falls nötig, leben wir unter der Erde, ich grab ein Loch in meinen Scheißgarten, wenn man sein ganzes Leben an einem Ort gelebt hat, ist die Vorstellung, woanders zu leben, unmöglich(…)“ Sigrid Löffler, die renommierte Literaturkritikerin, schreibt: „Ein Warnruf ist dieses Buch, stellt Löffler klar, die Leser sollen verstehen, dass Faschismus kein Problem der Anderen ist, sondern eine Gefahr, die uns alle betrifft, so Löffler, die sich aus ihrer "Komfortzone" aufgeschreckt fühlt.“ Paul Lynch führt uns vor Augen, wie wir Europäer das Unglück der Welt zu betrachten pflegen. Was geschieht, wenn es bei uns genauso zugeht, wie in den Ländern, die von Tyrannei und Krieg heimgesucht werden? Die Welt protestiert, aber es passiert zunächst einmal nichts:„(…)wenn du den Besitz der Institutionen ändern kannst, dann kannst du auch den Besitz der Tatsachen ändern, du kannst die Struktur des Glaubens ändern, das worin man einig ist(…)wenn du sagst, eine Sache ist eine andere, und du sagst es oft genug, dann ist es auch so, und wenn du es immer und immer wieder sagst, dann akzeptieren dir Leute es als wahr.“
Der Titel, der biblische Klänge andeuten möchte, erklärt sich aus dem Szenario der Bedrohung, denn „(…)der Prophet singt nicht vom Ende der Welt, sondern davon, was getan worden ist und was getan werden wird und was manchen angetan wird, aber nicht anderen.“
Im Roman heißt es: „Geschichte ist ein stilles Verzeichnis von Menschen, die nicht wussten, wann es an der Zeit ist, wegzugehen.“ Wir alle sollten auf das „Lied des Propheten“ hören und uns fragen: Würde ich selbst den richtigen Zeitpunkt fürs Weggehen erkennen? Und wir sollten uns die Zeilen von Hilde Domin in ihrem Gedicht „Bitte“ in Erinnerung rufen: Nicht die Bitte, „verschont zu bleiben“ taugt, sondern die Hoffnung, dass aus dem Leid etwas Schönes erwächst: „Der Wunsch nach der Landschaft / diesseits der Tränengrenze / taugt nicht / der Wunsch den Blütenfrühling zu halten / der Wunsch verschont zu bleiben / taugt nicht // Es taugt die Bitte, / daß bei Sonnenaufgang die Taube / den Zweig vom Ölbaum bringe / Daß die Frucht so bunt wie die Blume sei / daß noch die Blätter der Rose am Boden / eine leuchtende Krone bilden.“
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2025-09-22 10:06:39
Alte Zeiten - 2 Sterne
Eilish Stack muss mitansehen, wie die neu gegründete irische Geheimpolizei ihren Mann Larry mit zum Verhör nimmt. Nur wenige Zeit später verschwindet ihr Mann spurlos. Zurück bleiben Eilish und die vier gemeinsamen Kinder. Wie soll Eilish sein Verschwinden erklären und wie kann sie ihre Kinder vor einem ähnlichen Schicksal schützen?
Das Lied des Propheten erzählt die Geschichte von Eilish und ihrer Familie. Neben ihrem Mann und ihren vier Kindern, spielt auch ihr dementer Vater eine Rolle. Sie alle erleben das neue Irland, das ihnen Angst und Schrecken einjagt.
Paul Lynch erschafft eine Atmosphäre, die die Zerrissenheit Eilish und das düstere ihrer Situation sehr gut transportiert, vor allem die Angst um die eigenen Kinder und die Welt, in der sie groß werden. Die Situation der Familie, auch mit Blick auf den dementen Vater, was das mit einem Macht, welche Gefühle aufkommen und welche Gedanken einen tragen oder zerreißen. Das sind Dinge, die interessant sind und doch irgendwie nicht vollkommen neu.
Denn Das Lied des Propheten war für mich nur durch den Vergleich mit Deutschland, zur Zeit der NSDAP, greifbar. Die Situation, die erschaffen wurde, hat sich für mich leider gar nicht erschlossen. Nur durch den Transfer auf die damalige Zeit, konnte mich das Leid der Familie erreichen, aber eigentlich sollte der Inhalt für sich stehen und nicht erst durch einen solchen Transfer greifbar werden.
Auch der poetische Schreibstil hat sich an manchen Stellen mit dem Inhalt gebissen, sodass die ‚schöne Sprache‘ den eigentlich erschreckenden Inhalt nicht transportieren konnte und diesem daher keinen Gefallen getan hat.
Das Lied des Propheten erzählt die Geschichte von Eilish und ihrer Familie. Neben ihrem Mann und ihren vier Kindern, spielt auch ihr dementer Vater eine Rolle. Sie alle erleben das neue Irland, das ihnen Angst und Schrecken einjagt.
Paul Lynch erschafft eine Atmosphäre, die die Zerrissenheit Eilish und das düstere ihrer Situation sehr gut transportiert, vor allem die Angst um die eigenen Kinder und die Welt, in der sie groß werden. Die Situation der Familie, auch mit Blick auf den dementen Vater, was das mit einem Macht, welche Gefühle aufkommen und welche Gedanken einen tragen oder zerreißen. Das sind Dinge, die interessant sind und doch irgendwie nicht vollkommen neu.
Denn Das Lied des Propheten war für mich nur durch den Vergleich mit Deutschland, zur Zeit der NSDAP, greifbar. Die Situation, die erschaffen wurde, hat sich für mich leider gar nicht erschlossen. Nur durch den Transfer auf die damalige Zeit, konnte mich das Leid der Familie erreichen, aber eigentlich sollte der Inhalt für sich stehen und nicht erst durch einen solchen Transfer greifbar werden.
Auch der poetische Schreibstil hat sich an manchen Stellen mit dem Inhalt gebissen, sodass die ‚schöne Sprache‘ den eigentlich erschreckenden Inhalt nicht transportieren konnte und diesem daher keinen Gefallen getan hat.
von Anndlich - 2024-10-08 13:41:00
Beklemmend, aktuell und wichtig - 5 Sterne
Beklemmend ab der ersten Seite und wirklich geschrieben, um hin- und hergerissen zu sein. Immer wieder musste ich das Buch pausieren und mich fragen, wie ich an Eilishs Stelle gehandelt hätte. Wäre ich früher gegangen? Was hätte ich an dieser Stelle getan, was hätte ich gefühlt, wie wäre ich damit umgegangen?
Die Atmosphäre ist wirklich unheimlich gut eingefangen und geht unter die Haut. Beklemmung ist die treffende Beschreibung für das Gefühl, das ich das ganze Buch über hatte. Und Hoffnung, auch wenn diese mit zunehmendem Fortschritt der Handlung weniger wurde.
In einem Beitrag fiel das Wort "klaustrophobisch" und das passt wirklich gut zum Buch. Man ist gefangen zwischen den Seiten, merkt eine Bedrohung von überall und kann doch nicht aufhören, Eilish zu folgen.
Doch ab und an stolperte ich über sehr merkwürdige Formulierungen und Sätze, die einfach sehr unpassend wirkten und mich aus dieser beklemmenden Atmosphäre rissen. Ein Lächeln, das aus dem Kiefer auf den Boden rutscht zum Beispiel. Zum einen spannend, weil ich über solche sehr beschreibenden Formulierungen manchmal nachdachte und sie mir bildlich vorstellen wollte, zum anderen aber auch sehr ablenkend von einer Handlung, die diese Ablenkung nicht gebrauchen kann.
Gerade im ersten Drittel fand ich es dann doch eher störend, weil ich das Hörbuch pausierte, um nachzudenken und so wirklich ein paar Anläufe brauchte, um der Geschichte ohne Ablenkungen folgen zu können. Im letzten Drittel war dies gar kein Problem mehr, da fesselte mich die Handlung komplett an das Hörbuch.
Und so furchtbar die Handlung auch ist, irgendwie sind dann doch auch viele tröstende Stellen im Buch. Ganz klein, im großen Bild eigentlich kaum wahrnehmbar und ohne große Kommentare. Aber Eilish stößt mitunter schon auf Menschen, die helfen, auf Zusammenhalt. Auch wenn diese positiven Dinge im Schrecken einfach untergehen.
Was mich aber wirklich sehr gestört hat ist das Fehlen jeglicher Stellungnahme des Autors im Werk. Ich hoffe, dass ich es entweder überhört habe oder einfach nur in der Audioversion fehlt, die mir zur Verfügung gestellt wurde. Aber letztlich ist dieses Werk unteranderem deswegen so erfolgreich, weil es so aktuell und auf die reale Welt so leicht zu übertragen ist.
Dass dann mit keinem Wort das Leid, die Qual und Angst, die Not und das Überleben von Flüchtlingen anerkannt und geframet wird, ist mir echt sauer aufgestoßen. Ich möchte auf keinen Fall damit sagen, dass ich nicht glaube, dass der Autor dies nicht gemacht hat. Es fehlt aber einfach in diesem Buch, das mit einer möglichen Flucht über das Meer endet.
Ich bin der Meinung, dass Autor:innen über alles schreiben können und sollen, eben auch über Dinge, die sie (zum Glück) nicht selber erfahren mussten. Und natürlich sind Geschichten hilfreich, um einzelne Schicksale besser nachvollziehen zu können, die in einer Masse häufig untergehen.
Aber letztlich wird hier Profit aus einer Geschichte geschlagen, die für so viele Menschen Realität ist.
Für mich steht das Buch außerhalb eines Bewertungsrahmens. Da ich Punkte/Sterne vergeben muss, sit die volle Anzahl nur angemessen. Generell ist dies jedoch ein Buch, über das sich jede:r eine eigene Meinung machen sollte.
Die Atmosphäre ist wirklich unheimlich gut eingefangen und geht unter die Haut. Beklemmung ist die treffende Beschreibung für das Gefühl, das ich das ganze Buch über hatte. Und Hoffnung, auch wenn diese mit zunehmendem Fortschritt der Handlung weniger wurde.
In einem Beitrag fiel das Wort "klaustrophobisch" und das passt wirklich gut zum Buch. Man ist gefangen zwischen den Seiten, merkt eine Bedrohung von überall und kann doch nicht aufhören, Eilish zu folgen.
Doch ab und an stolperte ich über sehr merkwürdige Formulierungen und Sätze, die einfach sehr unpassend wirkten und mich aus dieser beklemmenden Atmosphäre rissen. Ein Lächeln, das aus dem Kiefer auf den Boden rutscht zum Beispiel. Zum einen spannend, weil ich über solche sehr beschreibenden Formulierungen manchmal nachdachte und sie mir bildlich vorstellen wollte, zum anderen aber auch sehr ablenkend von einer Handlung, die diese Ablenkung nicht gebrauchen kann.
Gerade im ersten Drittel fand ich es dann doch eher störend, weil ich das Hörbuch pausierte, um nachzudenken und so wirklich ein paar Anläufe brauchte, um der Geschichte ohne Ablenkungen folgen zu können. Im letzten Drittel war dies gar kein Problem mehr, da fesselte mich die Handlung komplett an das Hörbuch.
Und so furchtbar die Handlung auch ist, irgendwie sind dann doch auch viele tröstende Stellen im Buch. Ganz klein, im großen Bild eigentlich kaum wahrnehmbar und ohne große Kommentare. Aber Eilish stößt mitunter schon auf Menschen, die helfen, auf Zusammenhalt. Auch wenn diese positiven Dinge im Schrecken einfach untergehen.
Was mich aber wirklich sehr gestört hat ist das Fehlen jeglicher Stellungnahme des Autors im Werk. Ich hoffe, dass ich es entweder überhört habe oder einfach nur in der Audioversion fehlt, die mir zur Verfügung gestellt wurde. Aber letztlich ist dieses Werk unteranderem deswegen so erfolgreich, weil es so aktuell und auf die reale Welt so leicht zu übertragen ist.
Dass dann mit keinem Wort das Leid, die Qual und Angst, die Not und das Überleben von Flüchtlingen anerkannt und geframet wird, ist mir echt sauer aufgestoßen. Ich möchte auf keinen Fall damit sagen, dass ich nicht glaube, dass der Autor dies nicht gemacht hat. Es fehlt aber einfach in diesem Buch, das mit einer möglichen Flucht über das Meer endet.
Ich bin der Meinung, dass Autor:innen über alles schreiben können und sollen, eben auch über Dinge, die sie (zum Glück) nicht selber erfahren mussten. Und natürlich sind Geschichten hilfreich, um einzelne Schicksale besser nachvollziehen zu können, die in einer Masse häufig untergehen.
Aber letztlich wird hier Profit aus einer Geschichte geschlagen, die für so viele Menschen Realität ist.
Für mich steht das Buch außerhalb eines Bewertungsrahmens. Da ich Punkte/Sterne vergeben muss, sit die volle Anzahl nur angemessen. Generell ist dies jedoch ein Buch, über das sich jede:r eine eigene Meinung machen sollte.
von C.P. - 2024-10-05 12:25:00
schrecklich spannend! - 4 Sterne
Nach dem Verschwinden ihres Mannes, direkt nach dem Verhör durch die Geheimpolizei versucht die Hauoptprotagonistin, Eilish, verzweifelt ihre Familie vor der Regierung zu schützen.
Was mir vor allem Am Anfang aufgefallen ist, war die poetische Schreibweise. Normalerweise finde ich das sehr gut, hier jedoch kam es etwas erzwungen rüber. Dies änderte sich jedoch im weiteren laufe des Romans und wirkte dann etwas natürlicher.
Die wörtliche Rede wurde im Roman nicht gekennzeichnet- dies finde ich immer etwas mühsam im Lesefluss, jedoch passte es auch zur Geschichte selbst. Ebenso fand ich den Blocksatz mit den wenigen Lücken und Absätzen etwas unangenehm zu lesen. Wobei genau dieses Lesegefühl die Stimmung im Buch unterstrich.
Auch wenn es ein paar stilistische Kleinigkeiten gab, die ich zu kritisieren habe, finde ich das Buch absolut lesenswert und spannend!
Was mir vor allem Am Anfang aufgefallen ist, war die poetische Schreibweise. Normalerweise finde ich das sehr gut, hier jedoch kam es etwas erzwungen rüber. Dies änderte sich jedoch im weiteren laufe des Romans und wirkte dann etwas natürlicher.
Die wörtliche Rede wurde im Roman nicht gekennzeichnet- dies finde ich immer etwas mühsam im Lesefluss, jedoch passte es auch zur Geschichte selbst. Ebenso fand ich den Blocksatz mit den wenigen Lücken und Absätzen etwas unangenehm zu lesen. Wobei genau dieses Lesegefühl die Stimmung im Buch unterstrich.
Auch wenn es ein paar stilistische Kleinigkeiten gab, die ich zu kritisieren habe, finde ich das Buch absolut lesenswert und spannend!
von Carmen19994 - 2024-09-18 09:51:00
Ein Weckruf - 5 Sterne
Das Unheil kommt in Gestalt zweier Männer. Sie stehen eines Abends vor der Tür des Hauses der Familie Stark in Dublin. Die beiden sind Zivilbeamte der neu gegründeten Geheimpolizei und sie wollen Larry Stark sprechen. Der ist als stellvertretender Generalsekretär der Lehrergewerkschaft ins Visier der neuen Regierung geraten. Doch Larry will sich nicht einschüchtern lassen und bereitet mit anderen Mitstreitern eine Großkundgebung gegen die neuesten Restriktionen der Regierung vor. Von dieser Demonstration wird Larry nie mehr heimkommen. Er wird wie Tausende mit ihm verhaftet und verschleppt. Sein weiteres Schicksal bleibt im Dunkeln.
Und Eilish, seine Frau, wird mit den vier Kindern, zwischen 16 und einem halben Jahr alt, alleine zurechtkommen müssen.
Wir sind in Irland, das sich innerhalb kürzester Zeit in eine Diktatur verwandelt hat. Eine nationalistische Partei, die National Alliance Party
( NAP) hat die Wahl gewonnen. Sie regiert mit Notverordnungen, verfolgt Andersdenkende und besetzt Schaltstellen der Macht mit ihren eigenen Leuten. Bürgerrechte werden außer Kraft gesetzt. Das bewährte Instrumentarium aller Diktaturen wird aufgefahren.
Wie es dazu kommen konnte, welche Ziele die neue Regierung verfolgt, wird nicht näher erläutert. Darum geht es dem Autor offensichtlich nicht.
Nein, er setzt in dieses Szenarium eine ganz gewöhnliche Frau, jemanden wie Du und ich, und zeigt ganz konkret, wie deren Leben unter den veränderten Bedingungen weitergeht.
Eilish mag anfangs nicht glauben, dass ihr Mann verhaftet wurde. Sie hält es für einen Irrtum, pocht auf ihre Rechte, bis sie begreift, dass das alte Recht nicht mehr gilt. Sie kämpft auf der einen Seite für die Freilassung ihres Mannes und versucht gleichzeitig die Familie zusammenzuhalten. Um die Kinder nicht zu beunruhigen, greift sie zu Lügen und Ausflüchten. Doch lange lässt sich der Schein der Normalität nicht aufrechterhalten. Die Lage spitzt sich dramatisch zu. Die Familie wird schikaniert und steht unter Beobachtung. Eilish verliert ihren Job. Die Schulen werden geschlossen, Lebensmittel werden rationiert. Der älteste Sohn Mark soll zur Armee eingezogen werden. Doch der geht in den Untergrund und schließt sich den Rebellen an.
Eilishs Schwester in Kanada dringt schon früh auf eine Ausreise. „ …die Geschichte ist eine stumme Liste derer, die nicht wussten, wann sie gehen müssen.“ Doch Eilish kann nicht einfach weggehen. Zu viele Verpflichtungen halten sie zurück. Die Kinder brauchen ihre gewohnte Umgebung, außerdem trägt sie die Verantwortung für ihren zusehends dementer werden Vater, den sie nicht allein lassen kann. Und dann ist ist da immer noch die Hoffnung auf die Rückkehr ihres Mannes.
Als Leser leidet man mit Eilish, aus deren Perspektive wir die Entwicklung verfolgen. Wir hadern mit ihrem Zögern und ihren Entscheidungen und fragen uns gleichzeitig, wie wir in einer vergleichbaren Situation handeln würden.
Es muss noch einiges passieren, bis Eilish sich durchringen kann, das Land zu verlassen. Doch auf legalem Weg ist das nicht mehr möglich, die Grenzen sind dicht. Der Roman endet am Meer, dort, wo aktuell so viele aufbrechen in eine bessere Zukunft.
Dass der Autor das Geschehen ganz konkret in Irland verortet, nicht in einem weit entfernten Land oder in einer fernen Zukunft, macht die Geschichte so beklemmend. Damit macht Lynch deutlich, dass so eine Entwicklung jederzeit und überall passieren kann. Und wie wichtig es ist, die Zeichen der Zeit frühzeitig zu erkennen und richtig zu deuten. Im Grunde beschreibt Lynch nichts Neues. Beispiele aus der Geschichte und der Gegenwart gibt es zu Genüge. Aber es ist notwendig, sich das immer wieder in Erinnerung zu rufen. Demokratie ist nicht selbstverständlich und für sie muss beständig eingetreten werden. Ein Weckruf an uns alle, damit wir uns nicht denselben Vorwurf machen müssen wie Eilish: „ Dein ganzes Leben lang hast du geschlafen, wir alle haben geschlafen, und jetzt beginnt das große Erwachen.“
Das Buch ist keine leichte Lektüre. Es erfordert die volle Konzentration und sein Stil und die verengte Perspektive erlauben keine Distanz. Lynch unterteilt es zwar in einzelne Kapitel, doch dazwischen gibt es keine Absätze. Die starke Rhythmisierung der Sätze und das durchgehende Präsens ergeben eine Dringlichkeit, der man sich als Leser nicht entziehen kann. Dialoge werden nicht durch Anführungszeichen kenntlich gemacht; wer spricht, oder ob es sich um Gedanken oder Gespräche handelt, wird oft nur durch den Kontext deutlich.
Was den Roman neben seiner Thematik aber so besonders macht, ist seine lyrische Sprache. Lynch findet ausdrucksstarke Bilder, die das Grauen fühlbar machen. Die Bedrohung rückt so dem Leser ganz nahe. Dabei arbeitet er mit Leitmotiven und einer starken Symbolik.
Gegen Ende lässt der Autor den titelgebenden biblischen Propheten zu Wort kommen: „ …und der Prophet singt nicht vom Ende der Welt, sondern davon,…, dass die Welt immer wieder aufs Neue an einem Ort endet, aber nicht an einem anderen, und dass das Ende der Welt immer ein lokales Ereignis ist, es kommt in dein Land und besucht deine Stadt und klopft an die Tür deines Hauses, und wird für andere nur eine ferne Warnung, ein kurzer Bericht in den Nachrichten, ein Echo von Ereignissen, das in die Folklore eingegangen ist,…“
Der irische Autor wurde 2023 für diesen Roman mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Völlig zu Recht, wie ich finde. „ Das Lied des Propheten“ ist ein schmerzhaftes Buch, aber ein wichtiges, ein notwendiges; ein Buch, das nicht nur thematisch überzeugt, sondern v.a. durch seine literarische Umsetzung.
von Ruth - 2024-08-14 08:13:00
Freiheit gesucht - 5 Sterne
Eilish Stack, Wissenschaftlerin, Mutter von vier Kindern und verheiratet mit Larry wohnt in einem nicht weit entfernten Irland.
Larry wird bei einer Demo von der Polizei inhaftiert und verschwindet im Dschungel der Gerichtsbarkeit. Notstandsgesetze werden einberufen und immer stringenter angewendet. Die Schwester von Eilish, vor Jahren nach Kanada verzogen, bittet diese sich ins Ausland abzusetzen, aber die verzweifelte Frau will weder Heimat noch Ehemann verlassen. Der ältere Sohn geht in den Widerstand, ihr dementer Vater wird nach Kanada überführt, das Eigenheim liegt alsbald in einer Kriegszone und wird teilweise zerstört. Immer noch hält Eilish daran fest zu bleiben, da geschieht das nächste Unglück.
Paul Lynch schreibt von einer Zukunft, die schon eingetreten ist. Kriege in Syrien, aktuell in der Ukraine und Israel bedrohen die Menschen. Per Gesetz werden demokratische Werte abgeschwächt wie zuletzt in Amerika und Ungarn. Somit ist die Geschichte keine Utopie sondern eine Wahrheit und sie zeigt, dass der Mensch sich selbst der größte Feind ist.
Der Autor beschreibt in aufwendiger Bildsprache die Geschehnisse - "Du kannst den Wind nicht aufhalten, .. und der Wind wird durch das ganze Land wehen, .." S. 134 oder " .. das ist ein schwarzes Loch, das sich vor uns auftut, .. und selbst wenn das Regime gestürzt wird, das schwarze Loch wird weiter wachsen und dieses Land auf Jahre verzehren .." S. 155.
Ich habe einige Seiten gebraucht, um mich in die Sprache des Autors einzulesen, je weiter das Geschehen fortschreitet, desto schwieriger wird es die Gedanken von Eilish von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Man ist erschüttert zu lesen wie schnell Bürgerrechte zu leeren Worthülsen verkommen und Menschen zu Dingen werden.
In der Geschichte die völlig aus der Sicht von Eilish erzählt wird, war mir ihr dementer Vater die liebste Figur. Der Mann ist so realistisch dargestellt, so als würde er neben einem stehen. Ich habe mich gefreut als klar wurde, dass er nicht verschollen sondern in Kanada gelandet ist.
Für alle, die über die gegenwärtige Weltlage, ihre Kriege etc. literarisch aufbereitet lesen wollen. Alles Leid, dass ein Krieg mit sich bringt wird geschildert und man hofft, dass dies einen selbst nicht betreffen wird - aber schnell kann. Ein weiteres Buch zum Thema kann ich noch empfehlen - John Lanchester: Die Mauer.
Larry wird bei einer Demo von der Polizei inhaftiert und verschwindet im Dschungel der Gerichtsbarkeit. Notstandsgesetze werden einberufen und immer stringenter angewendet. Die Schwester von Eilish, vor Jahren nach Kanada verzogen, bittet diese sich ins Ausland abzusetzen, aber die verzweifelte Frau will weder Heimat noch Ehemann verlassen. Der ältere Sohn geht in den Widerstand, ihr dementer Vater wird nach Kanada überführt, das Eigenheim liegt alsbald in einer Kriegszone und wird teilweise zerstört. Immer noch hält Eilish daran fest zu bleiben, da geschieht das nächste Unglück.
Paul Lynch schreibt von einer Zukunft, die schon eingetreten ist. Kriege in Syrien, aktuell in der Ukraine und Israel bedrohen die Menschen. Per Gesetz werden demokratische Werte abgeschwächt wie zuletzt in Amerika und Ungarn. Somit ist die Geschichte keine Utopie sondern eine Wahrheit und sie zeigt, dass der Mensch sich selbst der größte Feind ist.
Der Autor beschreibt in aufwendiger Bildsprache die Geschehnisse - "Du kannst den Wind nicht aufhalten, .. und der Wind wird durch das ganze Land wehen, .." S. 134 oder " .. das ist ein schwarzes Loch, das sich vor uns auftut, .. und selbst wenn das Regime gestürzt wird, das schwarze Loch wird weiter wachsen und dieses Land auf Jahre verzehren .." S. 155.
Ich habe einige Seiten gebraucht, um mich in die Sprache des Autors einzulesen, je weiter das Geschehen fortschreitet, desto schwieriger wird es die Gedanken von Eilish von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Man ist erschüttert zu lesen wie schnell Bürgerrechte zu leeren Worthülsen verkommen und Menschen zu Dingen werden.
In der Geschichte die völlig aus der Sicht von Eilish erzählt wird, war mir ihr dementer Vater die liebste Figur. Der Mann ist so realistisch dargestellt, so als würde er neben einem stehen. Ich habe mich gefreut als klar wurde, dass er nicht verschollen sondern in Kanada gelandet ist.
Für alle, die über die gegenwärtige Weltlage, ihre Kriege etc. literarisch aufbereitet lesen wollen. Alles Leid, dass ein Krieg mit sich bringt wird geschildert und man hofft, dass dies einen selbst nicht betreffen wird - aber schnell kann. Ein weiteres Buch zum Thema kann ich noch empfehlen - John Lanchester: Die Mauer.
von robertp - 2024-08-05 13:04:00
Großartige Dystopie - 5 Sterne
[Diktatur,Mord,Gewalt]
"Ich schlaf eben nicht so viel, sagt sie, jede Nacht träume ich von diesem tiefen Schlaf, aber das ist jetzt unmöglich. [...] ich habe allmählich erkannt, was die mit uns gemacht haben, wie genial sie das machen, die nehmen dir was weg und ersetzen es durch Stille. [...] weißt du die lassen die Möglichkeit offen, dass dir das, was du willst, eines Tages zurückgegeben wird, und so bleibst du klein, gelähmt, stumpf wie ein altes Messer,und die Stille endet nicht, denn die Stille ist die Quelle ihrer Macht, das ist ihre heimliche Bedeutung." S. 166f
Paul Lynch der mich schon in seinem Roman "Grace"sprachlich total überzeugte hat hier ein Buch geschrieben das mich, sehr kafkaesk anmutend, an 1984 oder Brave New World erinnert.
Was passiert wenn einem die Freiheit und alles was einem lieb ist genommen wird, was passiert wenn man ohne Grund unter Anklage gestellt wird, was wenn die Interessen des Staates über alles gestellt werden? Und wie kann man sich dagegen wehren, was kann man dagegen tun? Wie kann man sich und seine Familie vor einem zunehmend tyrannischer agierenden Regierunsaparat schützen?Auf all diese Fragen sucht die Protagonistin Eilish Antworten.
"Eilish[...] sieht, dass aus Terror Mitleid entsteht und aus Mitleid Liebe, und mit Liebe kann die Welt wieder errettet werden, und wie kann sehen, daß die Welt doch nicht endet, dass die Vorstellung, die Welt Ende durch ein plötzliches Ereignie zu ihren Lebzeiten, nur selbstgefällig ist,daß das eigene Leben endet und nur das, dass das, was die Propheten singen, nur das Lied ist, das in allen Zeiten gesungen wird, die Zukunft des Schwerts, die Welt von Feuer verzehrt, die Sonne um Mittag in die Erde gesunken und die Welt in Dunkelheit gehüllt, der Zornneines Gottes im Mund des Propheten inkarniert, der gegen die Gottlosigkeit wettert, die vertrieben werden wird, und der Prophet singt nicht vom Ende der Welt, sondern davon, was getan worden ist und was getan werden wird. (S 306)
Ein Buch das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, mit seinen großartig eingesetzten Metaphern und seiner Sprachgewalt eine Gänsehaut verursacht ob der realitätsnahen Schilderungen diktatorischer Regime, einen so schnell nicht mehr loslässt und die Frage aufwirft: "Was würde ich tun?" Sehr gelungen.
"Ich schlaf eben nicht so viel, sagt sie, jede Nacht träume ich von diesem tiefen Schlaf, aber das ist jetzt unmöglich. [...] ich habe allmählich erkannt, was die mit uns gemacht haben, wie genial sie das machen, die nehmen dir was weg und ersetzen es durch Stille. [...] weißt du die lassen die Möglichkeit offen, dass dir das, was du willst, eines Tages zurückgegeben wird, und so bleibst du klein, gelähmt, stumpf wie ein altes Messer,und die Stille endet nicht, denn die Stille ist die Quelle ihrer Macht, das ist ihre heimliche Bedeutung." S. 166f
Paul Lynch der mich schon in seinem Roman "Grace"sprachlich total überzeugte hat hier ein Buch geschrieben das mich, sehr kafkaesk anmutend, an 1984 oder Brave New World erinnert.
Was passiert wenn einem die Freiheit und alles was einem lieb ist genommen wird, was passiert wenn man ohne Grund unter Anklage gestellt wird, was wenn die Interessen des Staates über alles gestellt werden? Und wie kann man sich dagegen wehren, was kann man dagegen tun? Wie kann man sich und seine Familie vor einem zunehmend tyrannischer agierenden Regierunsaparat schützen?Auf all diese Fragen sucht die Protagonistin Eilish Antworten.
"Eilish[...] sieht, dass aus Terror Mitleid entsteht und aus Mitleid Liebe, und mit Liebe kann die Welt wieder errettet werden, und wie kann sehen, daß die Welt doch nicht endet, dass die Vorstellung, die Welt Ende durch ein plötzliches Ereignie zu ihren Lebzeiten, nur selbstgefällig ist,daß das eigene Leben endet und nur das, dass das, was die Propheten singen, nur das Lied ist, das in allen Zeiten gesungen wird, die Zukunft des Schwerts, die Welt von Feuer verzehrt, die Sonne um Mittag in die Erde gesunken und die Welt in Dunkelheit gehüllt, der Zornneines Gottes im Mund des Propheten inkarniert, der gegen die Gottlosigkeit wettert, die vertrieben werden wird, und der Prophet singt nicht vom Ende der Welt, sondern davon, was getan worden ist und was getan werden wird. (S 306)
Ein Buch das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, mit seinen großartig eingesetzten Metaphern und seiner Sprachgewalt eine Gänsehaut verursacht ob der realitätsnahen Schilderungen diktatorischer Regime, einen so schnell nicht mehr loslässt und die Frage aufwirft: "Was würde ich tun?" Sehr gelungen.
von Katharina Grassmugg - 2024-07-27 11:34:00
Dramatisch - 5 Sterne
Paul Lynch schreibt mit seinem Roman,
Das Licht des Propheten, ein beeindruckendes Werk, das in der Welt ziemlich real ist. Damit hat er den Booker Preis bekommen.
Er hat diese Geschichte zwar in Irland angesiedelt,, aber es ist eine realistische Geschichte vieler Emigranten.
Er erzählt aus dem Leben von Eilish. Sie ist Wissenschaftlerin und Mutter von vier Kindern.
Erst wird ihr Mann eingesperrt. Dann geht ihr ältester Sohn zu den Rebellen und wird nicht wieder gesehen.
Was sie dann alles mitmacht um die andren Kinder zu ernähren und zu schützen ist dramatisch.
Ich bin von dem Schreibstil des Autors begeistert. Obwohl es eine tragische Geschichte ist , konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen.
Der Autor zeigt wie die Personen erst von den Regime gedemütigt werden.
Dann ist die Flucht, mit den skrupellosen Fluchthelfern ein gängiges Thema.
Das Buch ist eine gute Lektüre.
von begine - 2024-07-15 17:39:00
Beunruhigend & eindringlich - 5 Sterne
„Das Lied des Propheten“ ist ein eindrucksvolles Werk des irischen Autors Paul Lynch.
Handlungsort ist Irland und eine neue Regierung ist an die Macht gekommen.
Eilish Stack ist Wissenschaftlerin und Mutter von vier Kindern – drei Teenager und ein Baby. Zusätzlich kümmert sie sich um ihrem zunehmend dementer werdenden Vater. Ihr Mann Larry ist aktives Mitglied in der Lehrergewerkschaft. Nachdem die neu gegründete irische Geheimpolizei, die Garda National Services Bureau - kurz GNSB - ihn vorgeladen hat, verschwindet er. Für Eilish ändert sich alles und ihr Leben gerät vollkommen außer Kontrolle.
Der Schreibstil von Paul Lynch ist sehr dicht und atmosphärisch. Schon von Beginn an erfahren wir viele Details wodurch die Bedrohung, die von den Veränderungen der GNSB ausgehen direkt greifbar werden. Durch fehlende Anführungszeichen und den dicht gedrängten Text – Absätze sind kaum zu finden – fühlte ich mich schon beim Lesen bedrängt.
Das hier aufgezeichnete Szenario ist so glaubwürdig beschrieben, dass ich fast das Gefühl hatte, dass mir die Luft wegbleibt. Das liegt zu einem großen Teil auch daran, dass vieles im Hintergrund bleibt und der Leser nur wenig über die neue autoritäre Partei erfährt, aber die Eingriffe in die Freiheit der einzelnen Menschen sind massiv und werden deutlich spürbar. Es ist Eilish Sicht, durch die wir hier alles erfahren, ihre Angst um ihre Familie, die wir spüren und die Machtlosigkeit, die mich fassungslos macht.
Die Ereignisse sind absolut erschreckend. Auch wenn es sich hier um eine Fiktion des Autors handelt, mir kam alles so greifbar und nah vor, da wir uns in Zeiten politischer Unruhen befinden. Es zeigt wieder einmal wie schnell es gehen kann, wenn die falschen Menschen Macht in die Hände bekommen, diese für sich (aus)nutzen und wie sehr wir unsere Demokratie schätzen sollten und uns diese bewahren müssen.
Mir wird dieses Buch mit Sicherheit noch lange im Gedächtnis bleiben und ich kann es nur empfehlen.
Handlungsort ist Irland und eine neue Regierung ist an die Macht gekommen.
Eilish Stack ist Wissenschaftlerin und Mutter von vier Kindern – drei Teenager und ein Baby. Zusätzlich kümmert sie sich um ihrem zunehmend dementer werdenden Vater. Ihr Mann Larry ist aktives Mitglied in der Lehrergewerkschaft. Nachdem die neu gegründete irische Geheimpolizei, die Garda National Services Bureau - kurz GNSB - ihn vorgeladen hat, verschwindet er. Für Eilish ändert sich alles und ihr Leben gerät vollkommen außer Kontrolle.
Der Schreibstil von Paul Lynch ist sehr dicht und atmosphärisch. Schon von Beginn an erfahren wir viele Details wodurch die Bedrohung, die von den Veränderungen der GNSB ausgehen direkt greifbar werden. Durch fehlende Anführungszeichen und den dicht gedrängten Text – Absätze sind kaum zu finden – fühlte ich mich schon beim Lesen bedrängt.
Das hier aufgezeichnete Szenario ist so glaubwürdig beschrieben, dass ich fast das Gefühl hatte, dass mir die Luft wegbleibt. Das liegt zu einem großen Teil auch daran, dass vieles im Hintergrund bleibt und der Leser nur wenig über die neue autoritäre Partei erfährt, aber die Eingriffe in die Freiheit der einzelnen Menschen sind massiv und werden deutlich spürbar. Es ist Eilish Sicht, durch die wir hier alles erfahren, ihre Angst um ihre Familie, die wir spüren und die Machtlosigkeit, die mich fassungslos macht.
Die Ereignisse sind absolut erschreckend. Auch wenn es sich hier um eine Fiktion des Autors handelt, mir kam alles so greifbar und nah vor, da wir uns in Zeiten politischer Unruhen befinden. Es zeigt wieder einmal wie schnell es gehen kann, wenn die falschen Menschen Macht in die Hände bekommen, diese für sich (aus)nutzen und wie sehr wir unsere Demokratie schätzen sollten und uns diese bewahren müssen.
Mir wird dieses Buch mit Sicherheit noch lange im Gedächtnis bleiben und ich kann es nur empfehlen.
von Tara - 2024-07-14 17:46:00


