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Rezensionen

Der Fall Miriam Behrmann

Autor: Lydia Lewitsch

Erschienen 2024 bei Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN 978-3-627-00317-3
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Der Fall Miriam Behrmann - 4 Sterne

Miriam Behrmann, Professorin an der Universität Wien, wird wegen angeblichen psychischen Missbrauchs ihrer Doktorandin Selina Aksoy angeklagt. Der Fall erregt großes Aufsehen. Der Roman beleuchtet Miriams Gedanken zu den Vorwürfen und verbindet Universitätsdramen, Miriams Karriere, und ihre Kindheitserinnerungen in Polen. Das Buch thematisiert Generationenkonflikte und kulturelle Unterschiede, während es die Frage offenlässt, wer im Recht ist – die ehrgeizige Professorin oder die politisch aktive Doktorandin?

Der Roman setzt sich mit den Themen Macht, Ambitionen und Generationenkonflikten auseinander. Allerdings gibt es Punkte, die ?? erzeugten. Wesentliche Details sowohl über die spezifischen Vorwürfe als auch zum Machtmissbrauch werden ausgespart, was für mich die Geschichte etwas schwächte. Es gibt weder ein klares Bild von Selinas Beschwerden noch von Miriams detaillierten Antworten. Phasenweise hatte ich das Gefühl, die Wahrnehmung von Miriam ist die alleinige Wahrheit und ich wollte ihr zustimmen. Ich habe mich durchwegs gefragt: an welcher Stelle sind wir hier denn (schon) in den neun Phasen einer Konflikteskalation?
Miriams Reflexion zu den Vorwürfen bleibt irgendwie oberflächlich. Sie geht kaum auf die Wahrnehmungen und Gefühle von Selina ein. Selina hingegen strebt nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance, stellt gesellschaftliche wie politische Engagements in den Vordergrund. Dieser Gegensatz verdeutlicht die unterschiedlichen Erwartungen und Wertvorstellungen der beiden Generationen. Ich konnte Selinas Wunsch nachvollziehen, jedoch fehlte mir auch ein mögliches Verständnis für die Generation der Miriam. Auch schien es mir, als nehme Selina ihre wissenschaftliche Arbeit nicht ernst genug, was mich dazu brachte, Miriams Standpunkt zu verstehen und mehr in ihre Richtung zu tendieren.

Die Beschwerde, die nur in kleinen Häppchen zur Sprache kommt, bleibt weitgehend im Dunkeln und erschwerte mir eine differenzierte Sicht auf die Konfliktsituation. Der fehlende Fokus auf die emotionalen und psychologischen Dimensionen des Konflikts macht es schwierig, die volle Tragweite der intergenerationellen Spannungen und des Machtmissbrauchs zu erfassen.

Der Roman hebt solide thematische Aspekte hervor und stellt die Erlebnisse und Erfahrungen der beiden Protagonistinnen dar. Lewitsch zeigt, wie unterschiedlich die Herangehensweise zum Thema Arbeit, Einsatz und Leistung steht und die Ambivalenz, die da in mir entstand: ein kluger Schachzug!

Zusammengefasst ist das Buch ein wertvoller Beitrag zur Debatte über Machtstrukturen und Generationenkonflikte, bei dem ich mir mehr Tiefe bei den Figuren, ihren Vorwürfen & Handlungen gewunschen hätte. Aber das ist sicherlich auch Geschmackssache.
von mari_liest - 2024-06-17 16:56:00

Großartiges Uni-Setting - 5 Sterne

Die aus Polen stammende Miriam Behrmann, Professorin an der Uni Wien, hat hart dafür gearbeitet, damit sie dort hinkommt, wo sie heute ist – zuerst Princeton und nun Wien. Sie hat richtig Karriere gemacht mit ihrem neuen Institut in Wien.

Ihre Doktorandin Selina Aksoy hat aus Miriams Sicht eine ganz andere Einstellung. Mit den Aufgaben, die Selina von Miriam erhält, fühlt sie sich schnell überfordert und sogar psychisch missbraucht: sie kann nicht zeitgerecht abgeben und liefern – und beißt sich schon gar nicht richtig durch. Miriam möchte Selina fördern, diese fühlt sich jedoch überfordert und kann damit nichts anfangen.

Plötzlich wird Miriam des psychischen Missbrauchs beschuldigt, der ihre Entlassung zur Folge haben soll.

Der Roman setzt dort ein, wo Miriam zu einem Gespräch mit der Universitätsleitung einbestellt wird. In Rückblenden wird Miriams Leben und Karriereweg erzählt. Es geht hier um ihre Kindheit in Polen, der Weg nach Princeton, ihre Ehe mit dem amerikanischen Professor und wie sie ein großartiges Projekt initiierte und sie so den Ruf nach Wien erhielt.

Ich finde, es wird auf eine sehr kluge Weise gezeigt, wie zwei unterschiedliche Generationen mit Arbeit und Leistung umgehen. Beim Lesen hat man das Gefühl, Miriam wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie zu viel verlangt und dafür eventuell auch mit Konsequenzen rechnen muss. Viel eher stellt sich Miriam die Frage, ob Selina eine geeignete Doktorandin ist, wenn sie nicht in hohem Maße leistungsbereit ist.

Ein beeindruckender Roman, der vielschichtig unterschiedliche Sichtweisen aufzeigt und man als Leser*in das Gefühl hat, jede Position hat was für sich – großartig.
von Nicole Koppandi - 2024-05-02 18:49:00