Icon Kontrast wechseln

Rezensionen

Der Krabbenfischer
Roman | Longlist The Booker Prize 2025 | »Kraftvoll, ergreifend und poetisch. Eine dringende Empfehlung!« BENJAMIN MYERS

Autor: Benjamin Wood

Erschienen 2025 bei DuMont Buchverlag;Viking, 2025
ISBN 978-3-7558-0061-3
Rezension verfassen

Muss es wie im Gestern bleiben? - 3 Sterne

Zwei Tage lang sind Lesende mit Thomas Flett auf Krabbenfang unterwegs. Er lebt wie in einer Traumwelt, zuckelt mit Pferd und Karren so dahin und achtet lediglich auf die gefährlichen Sandlöcher. Das alles ohne langes Nachdenken, kritisches Hinterfragen oder höhere Wünsche, in sich zurückgezogen, zufrieden und bescheiden. Von seiner Mutter lässt er sich herumscheuchen, um des Hausfriedens willen. Erst ein angereister Regisseur, der sich wegen seiner Filme für Toms Arbeit interessiert, öffnet ihm das Fenster in eine andere Welt. Wie wäre es dort draußen? Was für Möglichkeiten gäbe es dort für ihn? Muss denn wirklich alles so bleiben wie zur Zeit von Grandpa?
Ein nahegehender Roman, verfasst in schöner stimmungsvoller Sprache. Ich kann die widerstreitenden Gedanken des jungen Mannes sehr gut nachvollziehen, und die Geschichte ist so gut erzählt, dass ich mich mittendrin befand.
Dreimal begleiten wir Thomas in den sandigen Meeresstrand hinaus, und jedes Mal ist das entsprechende Kapitel mit Erstes Niedrigwasser, Zweites und dann nochmals Erstes Niedrigwasser überschrieben: eine Besonderheit.
Der Autor verzichtet auf Drive, der hätte hier nur gestört. Er lässt dem Handlungsfluß seinen Lauf, ähnlich der sanften Brandung des Meeres gegen die flache Sandküste. Vergleichbar auch der Gangart des angeschirrten Pferdes. Dass der Roman in der Gegenwart geschrieben wurde, verstärkt noch den Eindruck der Entschleunigung.
Die Story lässt dem Leser ein Open End, und das ist gut so, denn auf diese Art bleibt Raum für eigene Gedanken und selbstständiges Weiterführen eines möglichen weiteren Weges. Was aber etwas mühsam war: Über viele Strecken liest es sich etwas zäh, zudem wird mit optischen Auflockerungen sehr sparsam umgegangen.
Das Cover wirkt so, wie die Atmosphäre geschildert ist, dämmrig, verregnet, nass und kalt. Ich habe beim Lesen gefröstelt. Meine Empfehlung deshalb: Bei einer heißen großen Tasse Tee lesen! Das Werk als einen literarisch-poetischen Spaziergang betrachten, mit Pausen lesen, vielleicht abwechselnd mit einem spannenden Roman?
von Emmmbeee - 2025-09-14 15:55:00

Niedrigwasser - 5 Sterne

Der Krabbenfischer ist ein stimmungsvoller Roman, der in den sechziger Jahren in England verortet ist und mit Thomas einen jungen Mann zeigt, der einerseits von seiner Arbeit als Krabbenfischer lebt, aber weiß, dass das eventuell nicht von Dauer ist. Er ist ein Mann, der im Einklang mit dem Meer und dem Strand lebt, aber auch geheime, versteckte Hoffnungen auf ein anderes Leben hat.
Thomas lebt mit seiner Mutter, die ein starker Charakter ist.
Dann kommt ein Mann, der im Filmgeschäft ist und bietet Thomas eine Chance als Experte für die Gegend.
Es geht auch um Hoffnungen und Träume, aber auch um Realität.
Benjamin Wood ist gut in den Beschreibungen und stark bei den Dialogen.

Der Roman ist auf der Longlist des Booker Awards, was bei der Kürze des Buches eigentlich eine Überraschung ist. Aber vielleicht nutzt das Buch seine Außenseiterchance und kommt in die Shortlist.
von yellowdog - 2025-08-10 11:52:00

Der Krabbenfischer - 5 Sterne

Thomas Flett ist Anfang zwanzig und lebt mit seiner Mutter in einem ärmlichen Cottage am Meer. Seit er 13 ist, fährt er mit einem alten Fuhrwerk, das von einem namenlosen Pferd gezogen wird, an den nahegelegenen Strand, um Krabben zu fangen, so wie es ihn sein Großvater gelehrt hat. Er ist der letzte, der noch die traditionellen Methoden beherrscht, und so wird ein amerikanischer Filmregisseur auf ihn aufmerksam, der ihm ein verlockendes Angebot macht. Thomas, der heimlich Gitarre spielt und Songs schreibt, hätte für diesen Abend eigentlich andere Pläne, doch die Summe, die er geboten bekommt, kann er nicht ausschlagen. Eine, wie sich herausstellt, folgenreiche Begegnung, die sein Leben gründlich auf den Kopf stellen wird...
Benjamin Woods neuer Roman, der auch auf der Booker Longlist steht, zeichnet sich durch faszinierende Naturpoesie und subtile Psychogramme aus. Ein schönes, stilles Buch, das lange nachhallt!
von Florian Lechner aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2025-08-06 11:10:24

Vom Träumen, dem harten Alltag und dem rauen Meer - 4 Sterne

„Das Meer ist so weit draußen, dass es nicht mehr als ein Versprechen ist, auf das nur Verrückte vertrauen. Das alte Versprechen von Ebbe und Flut…“

In Benjamin Woods Roman „Der Krabbenfischer“ [Ü: Werner Löcher-Lawrence] tauchen wir ein den Alltag des titelgebenden Protagonisten. Jeden Tag fährt Thomas Flett hinaus, dorthin wohin sich das Meer zurückzieht. Während alle anderen bereits auf Motorschlepper setzen, ist er der letzte, der noch mit Pferd und Kutsche hinaus fährt um bei Niedrigwasser Krabben zu fangen um damit den Lebensunterhalt für sich und seine Mutter zu bestreiten. Mehr können sie sich momentan eh nicht leisten. Die beiden leben in eher ärmlichen Verhältnissen, kämpfen sich von Schulden zu Schulden und wohnen in einem kleinen, reparaturbedürftigen Haus etwas abgeschieden in Longferry. Der gerade mal zwanzigjährige hat seinen Vater nie kennengelernt. Die Schule musste er abbrechen um seinen Großvater bei seiner Arbeit zu unterstützen. Von ihm lernte er alles über das Meer, die Gezeiten und Senklöcher, die Krabben und das Handwerk - das ist auch das einzige, was ihm geblieben ist.

Und das wäre vermutlich auch alles so weitergegangen, hätte der amerikanische Regisseur Edgar Acheson auf der Suche nach einer passenden Kulisse für eine Buchverfilmung, ihn nicht am Strand gesehen. Er heuert Thomas an ihn zu begleiten und ihm das Meer bei Nebel zu zeigen. Die Bezahlung ist mehr als gut und lässt Thomas für einen kurzen Moment atmen. Schon am Abend fahren sie hinaus.

„Er hat das Gefühl, etwas an seinem Schicksal könnte sich zum Besseren wenden. All die trostlosen Schichten am Meer, die unbelohnt geblieben sind. Die unermüdlichen Gebete seiner Ma vorm Schlafengehen. Nun, endlich fällt etwas für sie ab, ein paar Glücksreste, von denen sie das Fleisch abnagen können. Es ist ewig her, dass er ohne ein grummelndes Grauen im Magen diesen Weg entlanggefahren ist und sich auf den Abend und die Nacht gefreut hat.“

Doch ganz so einfach, wie gedacht wird es nicht. Edgar möchte immer weiter hinaus, das Meer aus der Nähe sehen, die dortige Atmosphäre einfangen. Der Nebel wird immer dichter; die Anspannung auch.

„At first light we wake/ to gulls in the shallows/ tack up our horses/ pack up the cart
The pier is bright/ with lamps still burning/ once weve arrived/ were so nearly departed
Lord, give me life enough to do this again/ to rise with the tide in the morning at Longferry/ Let me go home with the whiskets full of the shrimp/ bury me here in these waters/ so I can be a seascraper/ a seascraper forever“

Dieser Roman hat so eine ganz besondere Atmosphäre. Man taucht sehr schnell in die ‚ländlichen’ Sechzigerjahre ein, spürt förmlich das raue, herbe Wetter an der See, die Kraftanstrengungen, das Überwasserhalten. Woods erzählt in seinem Roman vom Leben eines einfachen Krabbenfischers, dem das Schicksal bislang nie etwas Gutes wollte… bis zu eben jenem Treffen, das für ihn alles verändern soll und ihm ein Stück weit die Welt öffnet; ihn erneut träumen lässt. (Lebens-)Träume wäre vielleicht das übergeordnete Motiv dieses Romans. Während den Regisseur die bestmögliche Verfilmung eines Buches antreibt, für das er alles hergeben würde, so ist es bei Thomas etwas, das ihm durch seinen Alltag viel zu sehr entgleitet - die Liebe zur Musik und Joan, der Schwester eines Freundes. Beim Lesen musste ich häufig an Myers „offene See“ denken, das ähnlich ruhig und besonnen von einer sich entwickelnden Freundschaft und die sich damit öffnende Welt erzählt… auch zwischen Thomas und Edgar erspinnt sich trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe ein Band und eine Verbindung, die vielleicht sogar weit über diesen Roman hinausgeht. Gern wäre ich den beiden noch weiter gefolgt und wünsche mir nun einen zweiten Teil, sowie ein bisschen Hoffnung und Mut für die beiden.
von herrfabel - 2025-07-29 13:15:00

Ein kraftvoller und bildgewaltiger Roman über Träume, Hoffnung und das Leben, das auf uns wartet! - 5 Sterne

von Monika Hörner - 2025-07-18 14:48:10

Guter Stil - 4 Sterne



Der Krabbenfischer ist der erste Roman des Schriftstellers
Benjamin Wood, der auf deutsch erschienen ist.
Der Autor hat diese Geschichte toll gemacht.
Thomas Flett ist Anfang zwanzig. Er arbeitet als Krabbenfischer. Ich kannte das bis jetzt nur mit dem Kutter.
Aber Thomas fährt mit Pferd und Wagen in die Nordsee und fischt die Krabben per Hand. Er und seine Mutter leben von seinem Verdienst.
Eines Tages kommt ein Filmemacher und bietet ihn, einen besseren Verdienst, wenn er ihn mit seinen Kenntnissen mit Wasser, untiefen und Untiefen berät. Die Beiden fahren ins Meer und der Filmemacher schießt Fotos.
Leider ist den nächsten Tag alles ganz anders, aber Thomas ist trotzdem zufrieden.
Der Autor schreibt poetisch.
Dieser Roman konnte mich begeistern.
Vielleicht gibt es noch ein paar übersetzte Roman des Autors. Würde mich freuen.
von begine - 2025-07-15 09:48:00

Ein anderes Leben ist möglich - 5 Sterne

In den 60er Jahren lebt der 20jährige Thomas Flett mit seiner Mutter in Longferry an der englischen Küste. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Seine Mutter wurde als 15jährige von ihrem Lehrer geschwängert, und er wurde von Pop, seinem Großvater aufgezogen. Von ihm hat er gelernt, was ein Krabbenfischer wissen muss. Er musste die Schule abbrechen, um für ihren kargen Lebensunterhalt zu arbeiten. Täglich fährt er mit dem Pferd und der Kutsche los und nutzt die wenigen Stunden Niedrigwasser für den Krabbenfang. Es ist eine sehr harte und wegen der Senklöcher auch gefährliche Arbeit, die schon viele Fischer das Leben gekostet hat. Im Nachbarort arbeiten die Fischer schon mit Motorbooten und riesigen Schleppnetzen und erwirtschaften einen wesentlich höheren Ertrag, aber diese Ausrüstung können sich Thomas und seine Mutter nicht leisten. Eines Tages kommt Edgar Acheson, ein amerikanischer Regisseur, zu ihnen und engagiert Thomas, weil er an genau diesem Strand seinen nächsten Film drehen will. Ihre Begegnung dauert nur einen Tag, aber sie freunden sich an, und Thomas begreift, dass es auch für ihn ein anderes Leben geben könnte, zum Beispiel als Musiker. Doch ist nichts so, wie es scheint, und aus den Plänen wird zunächst nichts. Dennoch hat sich für Thomas alles verändert. Er sieht wieder eine Perspektive für sein Leben und unmittelbar auch die Möglichkeit, der von ihm verehrten Joan, der Schwester seines Freundes Harry, seine Gefühle zu gestehen.
In einer wunderbar poetischen Sprache bringt uns der Autor das Meer und die Gezeiten nahe, und wir erleben, wie ein junger Mann wieder hoffen darf, seiner tristen Existenz zu entkommen und seinem Leben einen Sinn zu geben. Ein sehr empfehlenswerter Roman eines mir bislang unbekannten Autors.
von cosmea - 2025-07-11 17:14:00

Highlight - 5 Sterne

Mit seinen gerade mal 222 Seiten ist "Der Krabbenfischer" nur ein kurzer Roman, aber einer, der es in sich hat und so unglaublich intensiv ist. Bereits der fünfte Roman des Autors, aber sein erster, der nun in deutscher Übersetzung erscheint. Hoffentlich gibt es bald auch Übersetzunger seiner anderen Romane - ich werde mir aber wohl die englischen Originale besorgen, weil mir die Sprache so gut gefallen hat. Dabei auch ein großes Lob an die Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence.
Der Zwanzigjährige Thomas Flett lebt mit seiner Mutter zusammen und arbeitet als Krabbenfischer. Die Geschichte spielt in den 1960er Jahren an der englischen Küste in Longferry. Die Arbeit ist hart und es reicht gerade so zum Leben für die beiden. Aber schon zu der Zeit zeigen sich Veränderungen für die Umwelt. Aber nicht nur das macht dem Protagonisten zu schaffen, denn eigentlich möchte er Musiker werden. Und da ist auch noch ein Mädchen.... Aber dann kommt ein Filmregisseur und das ist der Moment, in dem sich das Leben von Thomas Flett ändert...
Eine eindringliche Sprache, eine unglaubliche Geschichte voller Intensität und Melancholie, eine Geschichte von der Kraft des Meeres.
von lectrice - 2025-07-09 17:06:00