Icon Kontrast wechseln

Rezensionen

Statt aus dem Fenster zu schauen
| Umwerfend schöner Roman über Aufbruch, Freiheit und das Glück, sich selbst zu finden

Autor: Anna Katharina Scheidemantel

Erschienen 2026 bei pola
ISBN 978-3-7596-0055-4
Rezension verfassen

Mutige Entscheidungen - 3 Sterne

Die 25jährige Studentin Sophie war schon immer eine, „aus der mal was wird“. Während sie aber in ihrem Praktikum vor Exceltabellen dahindümpelt, trifft sie eine ziemlich spontane und unüberlegte Entscheidung – sie kauft auf ebay-Kleinanzeigen ein verfallenes Haus in der ostdeutschen Pampa. Und um die Sache noch schlimmer zu machen, bricht sie alle Brücken hinter sich ab, kündigt ihr WG-Zimmer und macht sich nur mit einem Rucksack und ihrem Fahrrad mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg. Im Laufe der Geschichte begleiten wir Sophie nicht nur beim Streichen von Wänden, Schleifen von Dielen, Anlegen eines Kartoffelackers und dem Verpflegen von Hühnern, sondern auch bei ihrem inneren Wachstum. Dieses zu verfolgen, hat mir großes Vergnügen bereitet. Ich habe Sophies Mut bewundert, ihr Durchhaltevermögen, ihr Angst-Besiegen. Sie erkennt, dass sie was mit den Händen machen will und ihren eigenen Intentionen vertrauen muss, weil die sie schon auf den richtigen Weg führen werden.
Mir hat an dem Buch fast alles gefallen (den Nazi-Part hätte man sich schenken können) - der direkte, witzige, unbeschwerte Schreibstil, mit vielen leisen Tönen, die Charaktere – allen voran Sophie, mit der ich wirklich mitfühlen konnte -, die Landschaft, die Geschichte! Nichts wird beschönigt: Das Aussteigen ist hier nicht Vanlife pur mit Lichterketten und Traumfängern am Strand bei Sonnenuntergang, sondern die Angst, die Unsicherheit, der Dreck und die harte Arbeit werden genau als das benannt, was sie sind.
Nur, dass Sophie ihre Eltern so außen vorlässt, schmerzt mich als Mutter 2er fast erwachsener Kinder sehr, zumal sie selbst sagt, dass ihre Eltern sie mit Sicherheit unterstützt hätten. Ich wünsche mir sehr, dass meine Kinder mehr Vertrauen zu mir haben werden, wenn es mal so weit sein sollte.
Am Ende steht die Erkenntnis:
„Ich muss gar nichts, außer zu leben.“ Seite 340
Für diesen wirklich außergewöhnlichen Debütroman vergebe ich gern 5 Sterne und eine große Leseempfehlung!
von Kat - 2026-05-07 12:43:00

Wilde Hühner Romantik - 5 Sterne

Die Ausgangssituation im Buch ist eigentlich absurd. Ein Haus für 3000 Euro gekauft, ohne es gesehen zu haben, ohne Notar, ohne Heizung. Man fragt sich unweigerlich, ob das mutig oder einfach nur völlig überfordert ist. Wahrscheinlich beides. In „Statt aus dem Fenster zu schauen“ geht es aber eigentlich weniger um das Haus, als um das, was Sophie dorthin treibt. Dieses Gefühl festzustecken: Studium, Praktika, Erwartungen, dieses diffuse „Da muss doch noch mehr sein“.

Die Geschichte nimmt sich Zeit. Sophie kommt langsam an, räumt aus, renoviert, denkt nach. Und genauso langsam liest sich das Buch auch. Ohne Tempo, ohne Druck, wir gehen leise mit. Für mich war das genau richtig. Es ist ein Buch, das man nicht schnell wegliest, sondern genießt. Dabei hat es etwas von dieser „Wilde Hühner“-Romantik. Dieses Gefühl von Aufbruch, von sich selbst irgendwie neu sortieren, ohne genau zu wissen wie. Gleichzeitig ist es sehr nah an unserer Realität. Gerade wir Millennials erkennen uns in diesen Gedankenspiralen wieder. Diese Unsicherheit, diese ständigen Vergleiche, dieses Gefühl, irgendwie nicht ganz da zu sein, wo man sein sollte.

Für mich war das ein sehr persönliches Buch. Kein großes Drama, keine spektakuläre Handlung. Aber viele kleine, ehrliche Momente, in denen man sich selbst erkennt.
von NT - 2026-04-20 20:17:00

Freiheit mit Dachschaden - 5 Sterne

Dieses Buch war ein Experiment für mich. Normalerweise bevorzuge ich Romane, in denen ich mich in die Protagonist/innen hineinversetzen kann. Die mir von der Denkweise entweder ähnlich sind oder deren Entscheidungen ich zumindest nachvollziehen kann. In diesem Roman kauft die Studentin Sophie spontan ein Haus zu einem Spottpreis, über eine Online-Anzeige und am anderen Ende der Republik, mitten im Nirgendwo. Etwas, was ich nie gemacht hätte, da bin ich ehrlich. Da bin ich doch eher der auf-Nummer-sicher-gehen-Typ. Andererseits liebe ich es, andere Länder und Kulturen über Bücher kennen zu lernen. Also warum nicht mal eine Person mit völlig anderem Denk- und Handlungsmuster? Challenge accepted.
Ja, der Anfang war dann auch erstmal eine Herausforderung, wenn auch im positiven Sinne. Sophies Kann-man-mal-so-machen-Abenteuer hat mich zwar zunächst gefühlt auf jeder Seite denken lassen, das ist völlig schräg und unbedarft. Und dennoch auf gewisse Weise mutig. Mit der Zeit fand ich es sogar immer interessanter, sie bei ihren Erlebnissen und Gedanken zu begleiten. Was ich als äusserst positiv betonen möchte: Es gibt kein Mimimi, kein Ertrinken in Selbstmitleid oder Selbstvorwürfen. Vielmehr verbirgt sich in Sophie eine bodenständige Person, die eine gewisse Freude daran findet, selbst anzupacken, dazuzulernen und ihre kleinen Erfolge zu genießen. Und der Hintergrund, warum sie das Ganze überhaupt gemacht hat, wird mit der Zeit immer überzeugender: Der Wunsch nach Freiheit, nach einem Sprung aus dem Hamsterrad der viereckigen Häuser und Bildschirme.
Ein wirklich gelungenes Buch über den Gedanken, mal auszubrechen. Und wenn man sich das nicht selbst zutraut, kann man zumindest Sophie bei diesem Schritt begleiten. Lohnt sich, hätte ich nicht gedacht.
von C. P. - 2026-04-19 15:41:00

Mutige Selbstfindung im Nirgendwo - 5 Sterne

Was für ein erfrischender Roman der sofort Lust darauf macht, es der sympathischen Protagonistin gleich zu tun!!
Ich liebe alte Häuser und diese wieder Aufzuhübschen bzw. aus etwas Zerfallendem wieder etwas Bewohnbares zu machen mit möglichst wenig Material- und Geldaufwand ist eine besondere Herausforderung. Diese wird hier auf amüsante Art und Weise detailliert bis in die kleinsten, auch gruseligsten, Ecken geschildert, ohne etwas zu beschönigen. Dabei begleitet man die Studentin Sophie, die aus einer Laune heraus von ihren letzten Ersparnissen ein Haus für 3 Tsd. Euro in einer abgelegenen Gegend Mecklenburg-Vorpommerns gekauft hat, ohne es je vorher gesehen zu haben. Die Trümmer des Hauses spiegeln auch andere Trümmer in ihrem Leben wider und verändern Sophie, als sie merkt, dass dies wohl nicht nur eine kurze Auszeit wird.
Tiefe Grundbedürfnisse werden geweckt und etwas Ursprüngliches erwacht.
Ihre Heimat München sowie ihr Jura-Studium rücken in weite Ferne. Stellenwerte werden gerückt, Gedanken gewälzt, einzelne Schritte führen zu neuen Entwicklungen und verändern Betrachtungsweisen.

Locker geschrieben ohne gezwungen zu wirken, mit einem ganz eigenen Erzählsog, flott und voller Leichtigkeit ... so führt die Autorin uns durch die Seiten.
Mit klugem Witz lässt die Autorin den stillen Charme verlassener Häuser in naturnahen Gegenden aufleben. Feinfühlig leuchtet sie dunkle Ecken in Sophies stromlosem Haus aus und vertreibt motiviert Geister einsamer Nächte.
Das Haus, die Gegend, die Menschen dort, all das ist lebendig beschrieben sodass man das Gefühl hat mit Sophie durch die Straßen zu laufen, den Geruch der frisch geschliffenen Holzdielen zu riechen, aber auch die Einsamkeit zwischen den Büschen zu spüren.

Es sollten viel mehr Menschen ein solches Projekt starten an dem man nur wachsen kann!

Den Namen der Autorin habe ich auf meine Lieblingsliste gesetzt und freue mich auf weitere Bücher von ihr!
von marcialoup - 2026-04-14 09:50:00

Die strikteste Grenze ist die eigene Vernunft - 3 Sterne

Nachdem ich schon sehr viel Gutes über dieses Buch gehört hatte, war ich umso gespannter es selbst zu lesen. Die Thematik klingt auf dem Klappentext vielversprechend.
Tatsächlich hatte ich dann auf dem ersten Drittel meine Probleme mit dem Buch. So richtig wollte mir der Einstieg in die Story nicht gelingen, ich fand die Story zäh und die langwierigen inneren Gedankenketten von Protagonistin Sophie wenig mitnehmend. Glücklicherweise habe ich dem Buch eine Chance gegeben und weitergelesen. Denn im Verlauf konnte ich immer weiter und besser in die ostdeutsche Provinz, Sophies Leben im baufälligen Haus und den Schwierigkeiten der Lebensgestaltung eintauchen. Die letzten zwei Drittel habe ich in einem Rutsch durchgelesen, so sehr hatte mich die Story im Bann.
Auch wenn die Auseinandersetzung mit den angestoßenen Themen teils oberflächlich blieb und ich mich nur bedingt mit dem Ende arrangieren konnte, habe ich das Buch mit einem guten Gefühl beendet.
Sophie ist eine spannende Protagonistin, die sich bewusst von den ihr engsten Personen abgrenzt. Ihren Eltern verschweigt sie den Hauskauf, auch wenn sie immer wieder eine gute Beziehungen zu ihnen proklamiert. Diese Beziehung zwischen Sophie und den Eltern wirkte wenig greifbar und passte irgendwie nicht ganz ins Bild, ohne dass ich genau benennen könnte, was mich daran stört. Allgemein blieben die Nebencharaktere eher blass, der Fokus der Erzählung liegt klar auf Sophies innerem Erleben.
Eine Stärke dieses Buches liegt in der Sprache und der Ruhe. Es passiert selten, dass ich Sätze mehrfach lese, weil sie mir so gefallen - hier gleich mehrfach. Immer wieder kommen kluge Reflexionen, die etwas in der restlichen Handlung untergehen oder nicht weiter verfolgt werden. Dennoch stößt dies auch bei der lesenden Person eine innere Reflexion zur Lebensgestaltung an.
Insgesamt habe ich "Statt aus dem Fenster zu schauen" gern gelesen, auch wenn ich meine Startschwierigkeiten mit dem Buch hatte. Trotz einiger unrunden Aspekte sind Atmosphäre und Grundgedanke lesenswert!
von CanYouSeeMe - 2026-04-13 20:38:00

Auszeit im Nirgendwo - 5 Sterne

„Das Leben ist kurz. Und ich muss gar nichts, außer zu leben.“ Das sind die beiden letzten Sätze in dem Roman und verdeutlichen, wie die Hauptperson in einer relativ kurzen Zeit (etwa drei Monate im Frühling und Sommer) über sich hinausgewachsen ist.

Dieses Buch hat mich geradezu fasziniert. Die Geschichte einer jungen Frau, die sich holterdipolter eine Auszeit von Praktikum und Studium nimmt und kurzentschlossen über Kleinanzeigen eine Bruchbude in der nordostdeutschen Provinz kauft, füllt tatsächlich in spannender Art und Weise die 340 Seiten. Fast ihre gesamten Ersparnisse gehen drauf bei ihrem Spontankauf. Sie bricht alle Zelte hinter sich ab und zieht allein los ins Nirgendwo mit einem Fahrrad und Riesenrucksack.
Warum soll Sophie die Erwartungen anderer erfüllen? Das fragte sie sich immer wieder. In dem teilweise verfallenen Haus findet sie dort langsam zu sich selbst, zu Erkenntnissen, wozu sie in der Lage ist, was sie wirklich alles kann, wenn sie nur auf sich gestellt ist.
Anna Katharina Scheidemantel schreibt sehr anschaulich, fokussiert sich auf ihre Hauptperson. Der Roman ist in vier Abschnitte gegliedert und trägt die Überschriften Konfusion, Koexistenz, Konstruktion, Konklusion. Der Text fließt ohne Unterbrechungen, nur ab und zu ein Absatz. Das Verwunderliche ist, es wurde mir nie langweilig. Ich wollte wissen, wie die 25jährige sich weiter zurechtfindet. Es ist wirklich nicht einfach. Doch sie zeigt große charakterliche Stärke, Durchsetzungsfähigkeit, Erfindergeist, Mut und aktive Gestaltung ihres neugewählten Lebens.
Obwohl mich von Sophies Alter rund 50 Jahre trennen, konnte ich sie bestens verstehen und ich wünschte mir sehr, dass sie ihren Ausstieg nicht bereut und fieberte bei ihren einzelnen Aktionen richtig mit. Wie die Geschichte endet finde ich real und lässt vieles offen. Ich bin mir sicher, aus Sophie wird wirklich was, wie einige behaupten...Sie hat die richtige Richtung ihres Weges gefunden!

Ich vergebe die Höchstbewertung und meine unbedingte Lese- und Kaufempfehlung für alle Altersklassen!



von Hennie - 2026-04-13 15:04:00

Umweg zum Ich - 5 Sterne

Hauptfigur im Debutroman der jungen Autorin Anna Katharina Scheidemantel ist die 25jährige Studentin Sophie. Frustriert und gelangweilt von ihrem eintönigen Praktikum, schaut sie sich im Internet auf der Seite „Kleinanzeigen“ um. Ein Klick nur und sie hat für den Schnäppchenpreis von 3100 Euro ein Haus gekauft. Na ja, es handelt sich dabei wohl mehr um eine Bruchbude, noch dazu in der ostdeutschen Provinz. Und obwohl sie das selbst für eine völlig verrückte Idee hält, gibt sie ihr Zimmer in einer Münchner WG auf und reist mit ein paar Habseligkeiten per Zug in ein Nest zwischen Berlin und Rostock gelegen.
Das Haus ist völlig heruntergekommen, Heizung und Strom funktionieren nicht und im hinteren Bereich fehlt das Dach, stattdessen liegt dort ein Baumstamm.
Aber Sophie lässt sich davon nicht entmutigen. Sie kämpft mit dem Dreck und den Spinnweben, rückt der braunen Wand mit weißer Farbe zu Leibe und dem festen Gartenboden mit dem Spaten.
Schlimm ist nicht der tägliche Kraftakt mit Putzen, Streichen, Abschleifen usw., schlimm ist auch nicht der schmerzende Körper am Abend, nein, schlimm sind die Gedanken, die sie nachts bedrängen. Fragen über Fragen. Warum hat sie das getan? Ist es noch normal, fast die gesamten Ersparnisse für eine Ruine auszugeben; ohne jegliche Erfahrung, ohne Hilfe von außen, ein marodes Haus renovieren zu wollen ? Was macht sie hier in dieser Einöde?
Antworten auf diese Fragen weiß sie zunächst nicht. Sie weiß nur, dass ihr früheres Leben nicht das richtige war.
Dabei war sie lange auf der Überholspur. „Wenn Sophie etwas macht, dann macht sie es gleich richtig.“ Das war die Meinung aller um sie herum und es bezog sich auf die Geigenstunden, das Einser-Abitur, das Studium inklusive Auslandssemester, das Praktikum. „Die Sophie, aus der wird was. Was, das war eigentlich egal. Hauptsache, es war was.“
Alle waren überzeugt, dass sie es einmal weit bringen wird. Doch was will sie eigentlich selbst?
Überlegt Sophie anfangs noch jeden Tag, ob sie nicht ganz schnell zurückkehren, diese schwachsinnige Idee aufgeben soll, so fühlt sie sich mit der Zeit immer lebendiger. Es tut gut, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen, das Ergebnis abends mit Stolz zu betrachten. Natürlich bleiben Misserfolge nicht aus. Aber ist nicht das ganze Leben Learning-by-doing?
Die ersten Wochen ist Sophie völlig allein, die einzigen Gesprächspartner sind die Verkäufer im Baumarkt und die Bedienung im „Kuchenhimmel“, wo sie regelmäßig einen Milchkaffee trinkt und ihr Handy auflädt. Ihre Eltern, ihre Freunde wissen nichts von ihrem neuen Aufenthaltsort, von ihrem Projekt.

Ich muss zugeben, dass ich den Roman anfangs unterschätzt habe. Liest er sich zunächst als witziger Selbstfindungstrip einer Mitzwanzigerin, so gewinnt die Geschichte zusehends an Tiefe.
Sophie lernt in diesen paar Monaten, sich zu lösen von den Erwartungen von außen. Auf sich selbst zurückgeworfen entwickelt sie ein neues Selbstbewusstsein, gestärkt durch die Erfahrungen, die sie gemacht hat. Wie ihr zukünftiger Lebensweg aussehen soll, möchte sie selbst entscheiden, nicht einfach dem vorgegebenen Weg folgen. „Nur, weil die Straße geradeaus führt, heißt das nicht, dass ich nicht einen Umweg über einen Feldweg nehmen kann, einfach nur, weil ich es will.“
Der Roman weckt auch Verständnis für die Nöte und Schwierigkeiten junger Menschen von heute. Sie erben Privilegien, werden aufgefangen von einem Netz aus Sicherheiten, aber das verpflichtet sie auch dazu, ihren Beitrag in dieser Welt leisten zu müssen. „Aber wie soll man denn Neues schaffen und etwas aufbauen in einer Welt, in der es eigentlich schon zu viel von allem gibt?“
Sophie lernt auch einiges über sich und die Welt, weil sie sich auf einmal außerhalb ihrer Blase bewegt. Die Menschen, die sie in dieser Gegend kennenlernt, sind so ganz anders als ihre Freunde von früher, ihre Studienkollegen.
Allein wegen all dieser Erfahrungen, die Sophie durch ihre verrückte Idee machen durfte, hat sich ihr „Umweg“ gelohnt.
Anna Katharina Scheidemantel hat hier ein erfrischendes Debut vorgelegt, voller Leichtigkeit, Humor und Sprachwitz, voller kluger Gedanken. Auch wenn äußerlich wenig passiert, so macht die Protagonistin doch eine entscheidende Entwicklung durch.
Man darf gespannt sein auf weitere Bücher der Autorin.
von Ruth - 2026-03-29 18:53:00

Selbstfindung in der ostdeutschen Provinz - 5 Sterne

Aus einem Impuls heraus kauft Sophie ein verfallenes Haus in der ostdeutschen Provinz. Das Do-it-Yourself-Projekt stellt sie vor Herausforderungen, gibt ihr aber auch Zeit, herauszufinden, was ihr wirklich wichtig ist - allein und ohne Fremdeinfluss.

Mit der Botschaft, dass man nicht alles auf einmal entscheiden muss und sich oft auch erstmal ausprobieren kann, erzählt die Autorin Anna Katharina Scheidemantel eine Coming-of-Age-Story einer jungen Frau, die auf der Suche nach Klarheit, Heilung und Sinnhaftigkeit ist.
Sophie macht als Selbstversorgerin alles selbst, ob Garten, Nutztiere oder Renovierung, und lernt viel über die Natur, das Landleben und sich selbst. Anna Katharina Scheidemantel erzählt vom wachsendem Selbstbewusstsein, aber auch von Misserfolgen, Pech und Selbstzweifeln. Sophies Freunde und Bekannte bieten immer wieder einen Ausbruch aus diesem Prozess und zeigen ihr andere Blickwinkel auf. Man kann sich gut in Sophie hineinversetzten und vieles, mit dem sie sich auseinander setzt, war mir vertraut. Das Gefühl der Freiheit, das weit mehr ist als nur eine Auszeit, und die Frage, wie es weitergehen soll. Ihre Gedanken, Gefühle und Erkenntnisse, gepaart mit einem ironischen Ton und einem locker-flockige Schreibstil, haben mir gut gefallen.
Mit dem Ende war ich sehr zufrieden und blicke auf ein tiefgreifendes Leseerlebnis zurück, was mich runtergeholt und Sophie näher gebracht hat. Es werden interessante Fragen aufgeworfen, die zur Selbstreflexion einladen, wenn man möchte. Es ist aber auch ein einfühlsam geschriebenes Buch, das sich in seiner Gesamtheit sehr stimmig, klar positioniert und sorgfältig ausgearbeitet anfühlt. Deshalb und aufgrund der relevanten gesellschaftlichen Themen würde ich es uneingeschränkt weiterempfehlen.
von La Calavera Catrina - 2026-03-24 14:20:00

Mal was anderes - 3 Sterne

Statt aus dem Fenster zu schauen und darüber nachzudenken was wäre wenn, einfach mal machen. So handhabt es Sophie, sie kauft auf Kleinanzeigen einfach mal ein Haus in der ostdeutschen Provinz für ihre ersparten dreitausend Euro. Vorher war sie berechenbar, eine Einser Schülerin, fokussiert im Studium, fleißig usw. nun von heute auf morgen hat sie ihr Praktikum hin geschmissen und zieht aufs Land.
Sophie ist ein gutes Beispiel für eine junge Frau die die in sie gesetzen Erwartungen erfüllt. Die ihrer Umwelt aber auch ihre eigenen. Aber ist es auch das Leben das sie haben will. Ist sie glücklich, ist es das was sie sich für ihre Zukunft vorstellt. Einfach mal eine Auszeit nehmen, Luft holen, etwas anderes Sehen und Erleben, mal pausieren, entschleunigen, andere Sichtweisen kennenlernen. Dazu gehört Mut und Selbstbewusstsein, aushalten können, wenn andere sagen wie kannst du nur.
Das alles findet sich auf diesen Seiten, wenig Aufregendes, nicht unbedingt spannend, trotzdem dieser auf einmal gegensätzliche Lebensentwurf macht nachdenklich. Wie war es bei einem selber. Bin ich den Erwartungen gefolgt oder ist mein Leben bisher so abgelaufen wie ich es mir erträumt und gewünscht habe. Das Buch stellt automatisch diese Frage, fordert den Vergleich, für mich passt es, hoffentlich auch für andere Leser und wenn nicht das Leben ist zu kurz um nicht doch noch etwas zu ändern.

von Petra - 2026-03-18 19:48:00