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Rezensionen

Der Argentinier
Novelle

Autor: Klaus Merz

Erschienen 2009 bei Haymon Verlag
ISBN 978-3-85218-580-4
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Der Argentinier - 5 Sterne

Klaus Merz’ Novelle „Der Argentinier“ ist ein schmales Buch, das sich anfühlt wie ein leiser Windzug aus einer anderen Zeit – kaum greifbar und doch lange nachklingend. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, dass diese Geschichte weniger erzählt als vielmehr angedeutet wird, als würde sie sich zwischen den Zeilen abspielen, in den Pausen, im Ungesagten. Genau darin liegt ihre eigentümliche Schönheit: in der Kunst, das Große im Kleinen schimmern zu lassen.
Im Zentrum steht Lenas Großvater Johann Zeiter, ein Schweizer, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg das Enge hinter sich lässt und nach Buenos Aires aufbricht. Schon dieser Aufbruch wirkt wie eine innere Bewegung: weg aus einer „auf Grund gelaufenen Welt“, hinein in die vermeintliche Weite der Pampa, in ein Leben als Gaucho, in eine Freiheit, die eher Idee als Wirklichkeit ist. Doch das Abenteuer, das er sucht, bleibt nicht stabil. Ein hartnäckiger Heuschnupfen – fast absurd in seiner Alltäglichkeit – zwingt ihn zurück in die Städte, zurück aus dem Mythos der Weite. Und so beginnt etwas, das vielleicht noch eigentümlicher ist als jedes Abenteuer: das Leben im Dazwischen.
Klaus Merz erzählt diese Lebenslinie nicht linear, sondern wie durch ein geflochtenes Erinnerungsgewebe, denn erst nach dem Tod des Großvaters setzt sich seine Geschichte zusammen – erzählt von der Enkelin Lena, die wiederum einem ehemaligen Klassenkameraden berichtet. Diese doppelte Brechung der Perspektive verleiht der Novelle etwas Schwebendes, als sei alles bereits Erinnerung, bevor es überhaupt vollständig Gegenwart werden konnte: Nichts ist fest, alles ist erzählt – und genau darin liegt eine leise, aber beständige Reflexion über das Erzählen selbst.
Was mich besonders berührt hat, ist die Art, wie Merz das scheinbar Unspektakuläre ernst nimmt; so werden die großen Begriffe – Freiheit, Sehnsucht, Liebe, Heimat – nicht ausgerufen, sondern in kleinen Gesten sichtbar, etwa in einem eingewickelten Messer, das aus Argentinien zurück in eine Schweizer Küchenschublade wandert; in einem Mann, der nach seiner Rückkehr nie wieder tanzt – bis zu jenem einen Moment, in dem die Vergangenheit ihn einholt und sein Körper plötzlich weiß, was er einst gelernt hat: den Tango.
Diese Szene wirkt wie ein stilles Zentrum der gesamten Novelle, denn der alte Mann übertrifft beim Tanz nicht nur den Bräutigam seiner Enkelin, sondern auch die Erwartungen der Gegenwart. Und es ist, als würde sich in diesem Moment die Zeit selbst kurz aufheben; Vergangenheit und Gegenwart fallen ineinander, und für einen Augenblick wird sichtbar, dass das Leben nicht aus klar getrennten Kapiteln besteht, sondern aus Überlagerungen, aus Bewegungen, die nie ganz verschwinden.
Besonders eindrücklich ist auch die stille Ironie, mit der Merz seine Figuren begleitet: Er urteilt nicht, er kommentiert nicht laut – und doch liegt in der Distanz eine feine, fast zärtliche Melancholie. Der Argentinier bleibt immer auch der Zurückgekehrte, der Heimkehrende, der Nicht-ganz-Dazugehörige – und vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit dieser Figur: dass Identität nicht im Ankommen liegt, sondern im Pendeln zwischen Orten, Sprachen, Erinnerungen.
Beim Lesen hatte ich oft den Eindruck, dass diese Novelle weniger eine Geschichte erzählt als einen Zustand beschreibt. Einen Zustand zwischen Fernweh und Heimweh, zwischen gelebtem und verpasstem Leben. Und vielleicht ist es genau diese Schwebe, die den Text so anziehend macht: nichts wird endgültig erklärt, nichts vollständig aufgelöst. Selbst das Geheimnis des Großvaters bleibt letztlich ein leiser Nachhall, kein dramatischer Höhepunkt.
Was bleibt, ist eine Sprache, die sich weigert, laut zu werden, also eine Sprache, die lieber andeutet als behauptet. Und vielleicht ist das die größte Stärke dieser kleinen Novelle: dass sie Vertrauen in das Ungesagte legt. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, blieb ein seltsames Gefühl zurück – nicht Traurigkeit, nicht Freude, sondern etwas im Dazwischen – und vielleicht genau das, was Klaus Merz erzählt: dass das Leben sich nicht in großen Gesten erschöpft, sondern in den feinen Übergängen, also in einem Blick, einem Tanzschritt, einer Erinnerung, die erst spät ihren Namen findet. Eine wunderbar leicht beschwingliche Pfingstlektüre!
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2026-05-22 08:48:15