Rezensionen
Der Horizont der Nacht
Autor: Gianrico Carofiglio
Erschienen 2026 bei Folio;Einaudi
ISBN 978-3-85256-926-0
Der Horizont der Nacht - 5 Sterne
Der neue Roman des italienischen Schriftstellers „Der Horizont der Nacht“ changiert gekonnt zwischen Recht, Erinnerung und dem leisen Flirren der Wahrheit. Gerade das hat mich beim Lesen fasziniert, denn es gibt ja Kriminalromane, die man wie ein Puzzle zusammensetzt, Stein für Stein, Indiz für Indiz, und es gibt solche, die sich eher wie ein nächtlicher Spaziergang anfühlen – nicht zielgerichtet, sondern tastend, begleitet vom eigenen Atem und dem Echo der Gedanken. Gianrico Carofiglios „Der Horizont der Nacht“ gehört eindeutig zur zweiten Sorte, ist er doch weniger ein klassischer Krimi als vielmehr eine langsame, tief atmende Meditation über Schuld, Wahrnehmung und die brüchigen Erzählungen, aus denen wir unser Selbst bauen.
Im Zentrum steht der Anwalt Avvocato Guerrieri, der einen Fall übernimmt, der auf den ersten Blick beinahe banal wirkt: Elvira Castell hat den Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester erschossen, was einen klaren Tatbestand darstellt – wäre da nicht dieses Zittern unter der Oberfläche, diese Risse im vermeintlich glatten Stein der Fakten. War es Mord? War es Notwehr? Oder etwas Drittes, Unaussprechliches, das sich juristisch nicht fassen lässt?
Während die Akten sich füllen und die Zeugenaussagen sich widersprechen, beginnt der Fall zu atmen – und mit ihm auch Guerrieri selbst, denn Carofiglio erzählt nicht nur einen Prozess, sondern auch einen inneren Verfall von Gewissheiten. Der Anwalt, der einst an die Struktur der Gerechtigkeit glaubte, bewegt sich zunehmend wie ein Schlafwandler durch seine eigene Existenz.
Besonders eindrücklich ist, wie sich der Roman in zwei Stränge aufspaltet: die juristische Verteidigung einer Frau, die möglicherweise eine Täterin ist – und die psychologische Selbstbefragung eines Mannes, der seine eigene Rolle in der Welt nicht mehr versteht. Guerrieri sucht einen Psychoanalytiker auf, geprägt von den Ideen C. G. Jungs, und beginnt, in seinen Träumen und Erinnerungen nach Mustern zu suchen, die sich seiner Kontrolle entziehen.
Diese Passagen haben etwas eigentümlich Zartes, das mich tief fasziniert hat, so als würde der Roman an manchen Stellen seine kriminalistische Haut abstreifen und darunter ein philosophisches Wesen zeigen: Gedanken über Erinnerung, über die Selbsttäuschung des Bewusstseins, über die Geschichten, die wir uns im Nachhinein über unser Handeln erzählen, wirken wie leise Stiche in eine fest geglaubte Ordnung.
Manchmal ertappte ich mich dabei, weniger dem Plot zu folgen als dem Ton, denn dieser Ton ist melancholisch, nie pathetisch, eher wie ein gedämpftes Licht in einem Zimmer, das man nicht ganz verlassen möchte. Selbst die Gespräche im Gerichtssaal haben etwas Intimes, fast Zärtliches in ihrer Genauigkeit: Wahrheit erscheint hier nicht als Ziel, sondern als etwas, das sich im Sprechen selbst immer wieder entzieht.
Auch die Stadt Bari wirkt nicht wie bloße Kulisse, sondern wie ein stiller Mitspieler: In ihren nächtlichen Gassen scheint Guerrieri seine Zweifel zu verlieren und zugleich neu zu erfinden, denn die Stadt trägt etwas Verschattetes in sich, als hätte sie selbst schon zu viele Geschichten gehört, um noch an eindeutige Wahrheiten zu glauben.
Was mich besonders beschäftigt hat, ist die Art, wie der Roman mit der Idee von Schuld umgeht. Elvira Castell wirkt nicht wie eine klassische Täterfigur, sondern wie jemand, der in eine Handlung hineingedrängt wurde, bis der Moment des Ausbruchs als einzige verbleibende Möglichkeit erschien. Und doch bleibt die Frage: rechtfertigt Schmerz eine Tat? Oder ist jede Tat letztlich nur eine weitere Erzählung, die wir uns selbst über uns erzählen?
Die Stärke des Romans liegt genau in dieser Unsicherheit, da Carofiglio uns die moralische Komfortzone verweigert: So wirkt das Gerichtsurteil selbs nicht wie ein Abschluss, sondern eher wie ein Komma in einem Satz, der weitergeschrieben wird – von den Beteiligten, von den Lesenden, vielleicht sogar von der Zeit selbst.
Interessant ist auch, wie der Roman den klassischen Kriminalroman unterläuft, denn durch die psychologische Tiefenbohrung zwischen den Zeilen wird klar, dass der Fall zwar wichtig ist, jedoch nicht das Zentrum darstellt, denn das Zentrum ist das Bewusstsein, das ihn betrachtet und dabei langsam ins Wanken gerät.
Am Ende bleibt weniger die Frage nach dem „Wer war es?“, sondern eher ein leiser Nachhall: Wie sicher sind wir eigentlich in unseren eigenen Deutungen? Und wie viel Wahrheit steckt in dem, was wir Erinnerung nennen? All diese Überlegungen haben meine Lektüre begleitet, die mich begeistert hat, denn „Der Horizont der Nacht“ ist kein lauter Roman und er drängt sich nicht auf. Aber er bleibt – wie ein Gedanke, der sich erst Stunden später vollständig entfaltet, wenn man längst nicht mehr liest. Eine wunderbare Sommerlektüre aus Italien!
Im Zentrum steht der Anwalt Avvocato Guerrieri, der einen Fall übernimmt, der auf den ersten Blick beinahe banal wirkt: Elvira Castell hat den Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester erschossen, was einen klaren Tatbestand darstellt – wäre da nicht dieses Zittern unter der Oberfläche, diese Risse im vermeintlich glatten Stein der Fakten. War es Mord? War es Notwehr? Oder etwas Drittes, Unaussprechliches, das sich juristisch nicht fassen lässt?
Während die Akten sich füllen und die Zeugenaussagen sich widersprechen, beginnt der Fall zu atmen – und mit ihm auch Guerrieri selbst, denn Carofiglio erzählt nicht nur einen Prozess, sondern auch einen inneren Verfall von Gewissheiten. Der Anwalt, der einst an die Struktur der Gerechtigkeit glaubte, bewegt sich zunehmend wie ein Schlafwandler durch seine eigene Existenz.
Besonders eindrücklich ist, wie sich der Roman in zwei Stränge aufspaltet: die juristische Verteidigung einer Frau, die möglicherweise eine Täterin ist – und die psychologische Selbstbefragung eines Mannes, der seine eigene Rolle in der Welt nicht mehr versteht. Guerrieri sucht einen Psychoanalytiker auf, geprägt von den Ideen C. G. Jungs, und beginnt, in seinen Träumen und Erinnerungen nach Mustern zu suchen, die sich seiner Kontrolle entziehen.
Diese Passagen haben etwas eigentümlich Zartes, das mich tief fasziniert hat, so als würde der Roman an manchen Stellen seine kriminalistische Haut abstreifen und darunter ein philosophisches Wesen zeigen: Gedanken über Erinnerung, über die Selbsttäuschung des Bewusstseins, über die Geschichten, die wir uns im Nachhinein über unser Handeln erzählen, wirken wie leise Stiche in eine fest geglaubte Ordnung.
Manchmal ertappte ich mich dabei, weniger dem Plot zu folgen als dem Ton, denn dieser Ton ist melancholisch, nie pathetisch, eher wie ein gedämpftes Licht in einem Zimmer, das man nicht ganz verlassen möchte. Selbst die Gespräche im Gerichtssaal haben etwas Intimes, fast Zärtliches in ihrer Genauigkeit: Wahrheit erscheint hier nicht als Ziel, sondern als etwas, das sich im Sprechen selbst immer wieder entzieht.
Auch die Stadt Bari wirkt nicht wie bloße Kulisse, sondern wie ein stiller Mitspieler: In ihren nächtlichen Gassen scheint Guerrieri seine Zweifel zu verlieren und zugleich neu zu erfinden, denn die Stadt trägt etwas Verschattetes in sich, als hätte sie selbst schon zu viele Geschichten gehört, um noch an eindeutige Wahrheiten zu glauben.
Was mich besonders beschäftigt hat, ist die Art, wie der Roman mit der Idee von Schuld umgeht. Elvira Castell wirkt nicht wie eine klassische Täterfigur, sondern wie jemand, der in eine Handlung hineingedrängt wurde, bis der Moment des Ausbruchs als einzige verbleibende Möglichkeit erschien. Und doch bleibt die Frage: rechtfertigt Schmerz eine Tat? Oder ist jede Tat letztlich nur eine weitere Erzählung, die wir uns selbst über uns erzählen?
Die Stärke des Romans liegt genau in dieser Unsicherheit, da Carofiglio uns die moralische Komfortzone verweigert: So wirkt das Gerichtsurteil selbs nicht wie ein Abschluss, sondern eher wie ein Komma in einem Satz, der weitergeschrieben wird – von den Beteiligten, von den Lesenden, vielleicht sogar von der Zeit selbst.
Interessant ist auch, wie der Roman den klassischen Kriminalroman unterläuft, denn durch die psychologische Tiefenbohrung zwischen den Zeilen wird klar, dass der Fall zwar wichtig ist, jedoch nicht das Zentrum darstellt, denn das Zentrum ist das Bewusstsein, das ihn betrachtet und dabei langsam ins Wanken gerät.
Am Ende bleibt weniger die Frage nach dem „Wer war es?“, sondern eher ein leiser Nachhall: Wie sicher sind wir eigentlich in unseren eigenen Deutungen? Und wie viel Wahrheit steckt in dem, was wir Erinnerung nennen? All diese Überlegungen haben meine Lektüre begleitet, die mich begeistert hat, denn „Der Horizont der Nacht“ ist kein lauter Roman und er drängt sich nicht auf. Aber er bleibt – wie ein Gedanke, der sich erst Stunden später vollständig entfaltet, wenn man längst nicht mehr liest. Eine wunderbare Sommerlektüre aus Italien!
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2026-06-09 09:12:12
Gerichtsdrama - 4 Sterne
Der Horizont der Nacht von Gianrico Carofiglio ist aus meiner Sicht wirklich ein guter Roman. Es ist ein fast klassisches Anwalts- und Gerichtsdrama.
Eine Frau hat den gewalttätigen Freund ihrer Schwester erschossen und muss sich jetzt vor Gericht verantworten. Icherzähler und Hauptfigur ist ihr Anwalt Avvocato Guerrier. Er ist 57 Jahre alt und gewissermaßen in einer Lebenskrise. Er sucht häufig einen Psychologen auf und diese Gespräche nehmen einen wichtigen Teil im Buch ein und das psychologische Moment wertet den Roman auf. Gianrico Carofiglios intelligenter Schreibstil ist zugänglich und eindringlich zugleich.
Höhepunkt des Buches ist dann das lange Gerichtsverfahren, das auf mich fast filmisch wirkte.
Eine Frau hat den gewalttätigen Freund ihrer Schwester erschossen und muss sich jetzt vor Gericht verantworten. Icherzähler und Hauptfigur ist ihr Anwalt Avvocato Guerrier. Er ist 57 Jahre alt und gewissermaßen in einer Lebenskrise. Er sucht häufig einen Psychologen auf und diese Gespräche nehmen einen wichtigen Teil im Buch ein und das psychologische Moment wertet den Roman auf. Gianrico Carofiglios intelligenter Schreibstil ist zugänglich und eindringlich zugleich.
Höhepunkt des Buches ist dann das lange Gerichtsverfahren, das auf mich fast filmisch wirkte.
von yellowdog - 2026-02-20 17:11:00


