Icon Kontrast wechseln

Rezensionen

Diamantnächte
Roman | Der norwegische Bestseller: eine bewegende Geschichte über die (Selbst-)Täuschung einer Frau

Autor: Rød-Larsen Hilde

Erschienen 2023 bei park x ullstein
ISBN 978-3-9881600-1-0
Rezension verfassen

Geschichte ohne Anfang - 4 Sterne

Das Cover von „Diamantnächte“ von Hilde Rød-Larsen mit seinem irisierenden Farbspiel hat mich persönlich sofort angezogen, und der Inhalt hat mich auch neugierig gemacht.
Es geht um Agnete, die sich – ganz für sich – ihrer Vergangenheit und erlebten schwierigen Beziehungen stellt, indem sie sich zwingt, sich zurückzuerinnern. Anfangs ist sie noch ambivalent und vermeidet die Erinnerung – dieser Teil las sich entsprechend zwar schön geschrieben, aber eben oberflächlich und bisweilen etwas langatmig. Doch dann nutzt Agnete (und Rød-Larsen) einen Kunstgriff, der auch als Psychotherapietechnik genutzt wird: sie geht auf Abstand, ändert die Namen – und plötzlich sprudelt die Erzählung und nimmt an Fahrt auf, und wir begleiten sie durch die Erinnerungen an eine aufregende, aber auch schmerzvolle Zeit ihres Lebens. Diese Erzähltechnik fand ich kurz verwirrend, dann aber sehr elegant und stimmig. Über diese Brücke schafft Agnete auch wieder, den Bogen zu sich zu schließen, und erzählt dann mit neuer Tiefe von sich selbst weiter, bis sie im Hier und Jetzt ankommt.
Am Ende des Buchs bleiben jedoch Fragezeichen bei mir zurück. Denn Agnete stellt sich zwar einer schweren Erinnerung und ihrem eigenen Verhalten, verfolgt auch dessen Vorläufer bis in ihre Kindheit – es bleibt jedoch offen, wieso sie schon früh bestimmte Eigenarten entwickelt hat. So endete die Selbsterfahrungsreise, ohne ganz ans Ende (bzgl. den Anfang) zu gelangen.
Ansonsten fand ich das Buch stimmig und stimmungsvoll und gebe eine Leseempfehlung für alle Menschen, die psychologisch interessiert sind und für solche, die ein Vorbild brauchen, wie man an der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber wachsen kann.
von Chrystally - 2024-01-15 22:00:00

Ein Blick in die Vergangenheit, literarisch ansprechend umgesetzt - 3 Sterne

Haarausfall kann körperliche Ursachen, aber auch psychische Ursachen haben und tritt auch nach größeren hormonellen Veränderungen auf, wie z.b. nach einer Geburt.
Agnete, einer Frau Ende 40, fallen plötzlich die Haare aus, und sie vermutet eine körperliche Reaktion auf verdrängte und vergrabene Erinnerungen. Sie geht in ihren Erinnerungen zurück in die Vergangenheit und auf die Suche nach den Ursachen.
Rød-Larson lässt ihre Ich-Erzählerin episodenhaft aus ihrem Leben und aus ihrer Vergangenheit erzählen. Gibt es etwas in ihrem Leben, dass sich in der Retroperspektive vielleicht anderes darstellt, als es tatsächlich passiert ist?
Die Erzählerin merkt, dass sie den Kern ihres Traumas nur umkreist, aber nicht wirklich fassen kann.
Ihre Selbstwahrnehmung und die Frau, die sie seit vielen Jahren zu seien glaubt, stehen ihr im Weg.

Sie muss sich erst erst als Beobachterin von außen betrachten um die wahren Ursachen ihrer Verdrängung zu erkennen.

Dieser Aufbau gefällt mir gut, auch wenn die sprunghafte Erzählweise der ersten Hälfte des Romans meinen Lesefluss öfter unterbricht. Mit der distanzierten Schreibweise und der kontrollierten Art der Erzählerin werde ich stellenweise nicht recht warm und es geht mir nicht nahe.
Literarisch zeichnet sich Rød-Larsens Text stellenweise immer wieder durch wunderbare Passagen aus, die nachklingen.
Inhaltlich werden viele aktuelle und für mich interessante Themen aufgegriffen, die ich allerdings in anderen Romanen schon in konzentrierterer und fesselnderer Art gelesen habe.

Zweifellos ist Rød-Larsen mit „Diamantnächte“ ein anspruchsvoller, tiefgründiger Roman gelungen, den ich gerne gelesen habe, mir aber vermutlich auf Grund seiner emotionalen Distanz und der immensen Vielfalt an angerissenen Themen nicht lange im Gedächtnis bleiben wird.
von @lust_auf_literatur - 2023-10-29 18:53:00

Muss im richtigen Moment gelesen werden - 4 Sterne

"Diamantnächte" ist einer dieser Romane, bei der die Inhaltsbeschreibung gar nicht so einfach ist. Es dreht sich um die Protagonistin Agnete, die auf den ersten Blick ihr Leben wirklich im Griff hat. Sie hat sich eine Routine und Struktur geschaffen und jeder Tag folgt genau diesem Ablauf. Doch dann kommt es zum Moment, an dem Agnetes Struktur gestört wird. An einem Tag fallen ihr plötzlich die Haare aus, kurz danach teilt ihr Mann ihr mit, dass er für längere Zeit ins Ausland fährt und erst an Weihnachten zurückkommen wird. Agnete nutzt die neugewonne Freiheit und Ruhe, um über sich selbst und ihr Leben nachzudenken und eine Erklärung für ihren Haarausfall zu finden. Dabei reist sie zurück in ihre Vergangenheit und untersucht, welche Entscheidungen der Vergangenheit ihr eher geschadet haben. 

"Diamantnächte" ist eine anspruchsvolle und schwere Lektüre. Ich habe es bei der ersten Lektüre nach wenigen Seiten abgebrochen, da ich einfach zu dem Zeitpunkt nicht in der richtigen Verfassung für so ein anspruchsvolles Werk war. Ich bin jedoch sehr froh, dass ich dem Werk noch eine zweite Chance gegeben habe - im richtigen Moment hat es mich definitiv nicht enttäuscht. Man begleitet Agnete auf ihrem emotionalen Weg und ihrer emotionalen Suche nach sich und das hat mich das ein oder andere Mal sehr berührt. Man fängt selbst an über sich, seine Vergangenheit und seine Mitmenschen nachzudenken und meine Gedanken sind das ein oder andere Mal vom Buch hin zu meinem Privatleben abgeschweift. Es ist definitiv ein Buch, welches zum Nachdenken anregt und man sollte sich vor der Lektüre bewusst sein, dass es sich um ein eher bedrückendes Thema dreht. Doch geht man mit diesen Kenntnissen in das Werk, kann man sehr viel aus der Lektüre mitnehmen. 
von Karo - 2023-10-27 20:33:00

Highlight - 5 Sterne

Highlight
Bei Büchern wie diesem, finde ich es superschwer, zu beschreiben, worum es eigentlich geht. Oberflächlich geht es um eine Frau, die ihr Leben reflektiert, aber wenn man tiefer blickt, geht es um das, was wir selbst über uns glauben wollen, und was passiert, wenn man die Geschichte des eigenen Lebens umschreiben will.
Das Cover hat meine Aufmerksamkeit sofort auf sich gezogen, der Klappentext hat mich neugierig gemacht und die Geschichte hat mich begeistert.
Ich liebe Bücher, deren wahre Genialität im Subtext steht und bei denen der geschriebene Text erst der Anfang ist. Diamantnächte besticht zwar durch wunderbare Sprache, aber letztendlich ist das, was nicht angesprochen werden will, der Kernpunkt der Geschichte.
Das Buch ist wahrscheinlich nicht massentauglich und ich bin mir sicher, dass es polarisieren wird und viele Leser:innen nichts damit anfangen können. Wenn man sich aber auf die Geschichte der Protagonistin einlässt und offen für Ungewöhnliches ist, kann es ein echtes Highlight werden.
Da es ein eher dünnes Buch ist, kann man es auch gut an einem Tag lesen, wenn man mit harten Themen umgehen kann. Aus psychologischer Sicht ist das Buch wirklich sehr feinfühlig und sensibel erzählt worden.
Ich habe mich beim Lesen oft nachdenklich, wütend und hilflos gefühlt und das Buch hat mich sehr berührt.
von Novalie - 2023-10-19 18:01:00

Sprachlos hadern - 3 Sterne

"Und dann hob ich ab und trieb sanft im Zimmer umher, ganz von allein." (S. 237)

Genauso wie eben angeführtes Zitat treibt die Geschichte der Protagonistin - einmal heißt sie Agnete, einmal Marianne - umher, zwar nicht immer sanft, aber ganz von allein. Wobei, ich bin mir unschlüssig ob es tatsächlich eine Geschichte ist. Vielmehr sind es Gedanken, die wir in "Diamantnächte" mitverfolgen können. Zwar gibt es eine Rahmengeschichte, diese erscheint aber zweitranging. Dabei hadert die Erzählerin ständig - mit sich, mit dem Gesehen Werden, mit einer angeblichen Inkompetenz mit Menschen umzugehen, mit Beziehungen, mit Träumen und Selbstverletzungen. Den roten Faden bildet dabei eine Beziehung zu einem wesentlich älteren Mann - der Vater einer Freundin - die sie Jahrzehnte aufrecht erhält, auch wenn sie immer nur eine flüchtige Begegnung darstellt. Es ist nicht klar: geht es um Sex, um Nähe, sieht sie der Mann, wie sie ist, weil er glaubt, dass er es kann? Was zieht sie immer und immer wieder zu ihm? Was ist so speziell an dieser Beziehung, dass sie deren Geschichte niederschreiben muss? Was ist es, das Agnete, oder Marianne, antreibt und wo will sie überhaupt hin? Mühelos könnte ich noch zahlreiche Fragen formulieren, eine Antwort bekomme ich in diesem Buch aber nicht.

Interessant ist der Aufbau des Buches: es umfasst drei Abschnitte. Im ersten versucht sie sich einer Geschichte anzunähern, wird aber immer wieder von ihren Gedanken unterbrochen. Sie erkennt, dass sie so nicht zum Ziel kommt (welchem???). Bis hierhin ist aus der Ich-Perspektive erzählt. Im nächsten Kapitel plötzlich wechselt die Erzählweise auf eine Erzählung in der Dritten Person. Nun heißen die Protagonist*innen anders, aus Agnete wird plötzlich Marianne und es wird geschildert, wie sie den Mann - hier heißt er nun Alexander und nicht mehr Christoph - kennenlernt. Er ist der Vater ihrer Freundin Jenny, die hier nun aber Sarah heißt. Nachdem sie und Alexander die ersten Intimitäten ausgetauscht haben, endet scheinbar völlig natürlich die Freundschaft zwischen Agnete und Jenny. Im dritten Abschnitt kehrt die Ich-Erzählform wieder zurück, der Mann wird nun schlicht C benamt. Hier tauchen wir mehr und mehr in die Gegenwart der Protagonistin ein - vermutlich versucht sie zu schildern, warum alles so geworden ist, wie es ist. Angenehm ist im Buch, dass die Unterkapitel nur sehr kurz sind, teilweise nur zwei Zeilen und ein neues beginnt immer in der Mitte der Seite - das Buch kann also schnell hinter sich gebracht werden.

"Diamantnächte" macht mich sprachlos und ich hadere. Sprachlos, weil mir nicht eingeht, was das Buch eigentlich erzählen will. Ich verstehe es schlicht nicht. Nichts scheint von Bedeutung zu sein, aber alles ist pathetisch wichtig. Ich hadere, weil der Erzählstrang, die Geschichte wirklich gut sein könnte, würde sie auserzählt werden, würde sie tiefer gehen, würden wenigstens Ansätze von Erklärungen vorhanden sein. Trotzdem ich daran wirklich kaum etwas verstehe, ich mich zwischendurch ob der fehlenden Tiefe und Nachvollziehbarkeit geärgert habe, habe ich das Buch nichtsdestotrotz irgendwie doch gern gelesen.
von Kwinsu - 2023-10-18 00:46:00

Die Dunkelheit fernhalten - 4 Sterne

"Was wir alles tun, wir alle, um die Dunkelheit fernzuhalten, die Unruhe."

Welche Dunkelheit lauert in Agnetes Vergangenheit, dass ihr Körper plötzlich mit Haarausfall reagiert? Sie ist fast fünfzig, Mutter einer Tochter, zum zweiten Mal verheiratet, ihre Gegenwart scheint in Ordnung. In Gedanken kehrt die Norwegerin in ihre Studentenzeit in London zurück, als sie Mitstudentin Jenny kennenlernte und auch deren Vater...

Die Autorin erzählt episodenhaft, in kurzen Kapiteln, die manchmal nur noch einzelne Absätze sind, und weicht sich selbst ein ums andere Mal aus. Mittendrin springt sie sogar zurück, um die Ich-Perspektive zu verlassen und den handelnden Personen, sogar sich selbst, andere Namen zu geben. Das wirkt fast experimentell und so kaleidoskopartig wie das schöne Umschlagbild. Der Mittelteil hat mich allerdings ebenso auf Abstand gehalten wie Agnete sich selbst nicht begegnen will. Ansonsten hat mich der scharfe Blick der Autorin beeindruckt und berührt. Nach meinem Geschmack hätte sie durchaus noch mehr in die Tiefen der Protagonisten hinabsteigen können. Manches bleibt absichtlich im Ungefähren, selbst die Ursache für Agnetes Haarausfall.
von Sago - 2023-10-15 17:33:00

Lesenswert - 4 Sterne

Auf sehr anspruchsvolle und sachliche Art wird hier über das Leben von Agnete erzählt. Ihr Mann fährt weg und sie hat Zeit über ihr Leben nachzudenken. Sie wirkt sehr angepasst, will nicht auffallen und hat gelernt ihre Gefühle zu unterdrücken. Eine Meisterin des Selbstbetruges. Agnete musste in ihrem Leben auch negative Erfahrungen machen und hat nie gelernt damit umzugehen. Sie erzählt uns in diesem Buch von ihrer Jugend, Freundschaft und einer toxischen Beziehung.
Ich empfand die Sprünge in die verschiedenen Zeiten als anstrengend und musste immer kurz überlegen wo wir denn jetzt gerade sind. Dadurch hab ich auch eine Weile gebraucht um in die Geschichte reinzukommen. Die Kapitel sind auch alle kurz bis sehr kurz gehalten. Wenn man sich aber erstmal daran gewöhnt hat liest es sich gut. Es ist ein spannendes Thema aber für mich sind noch einige Fragen offen geblieben.
von Anja S - 2023-10-07 23:01:00