Icon Kontrast wechseln

Rezensionen

Neben Fremden

Autor: Eva Schmidt

Erschienen 2025 bei Jung u. Jung
ISBN 978-3-99027-426-2
Rezension verfassen

Neben Fremden - 5 Sterne

In ihrem Roman „Neben Fremden“ richtet die österreichische Schriftstellerin Eva Schmidt den Blick auf Menschen, die einander nahe sind und sich dennoch fremd bleiben. Mit leiser, konzentrierter Sprache erzählt sie von zufälligen Begegnungen, kurzen Berührungen und dem, was zwischen Menschen unausgesprochen bleibt. Der Alltag ihrer Figuren – Gespräche, Nachbarschaften, Reisen – wirkt unspektakulär, ist jedoch von einer feinen Spannung durchzogen: einem Gefühl von Distanz, Vereinzelung und vorsichtiger Annäherung.
Im Zentrum des Romans steht die pensionierte Krankenpflegerin Rosa. Seit dem Ende ihres Berufslebens ist ihr Kontakt zu anderen Menschen auf ein Minimum geschrumpft. Die einzige Freundin ist eine ehemalige Kollegin, die Nachbarn halten Abstand, obwohl Rosa helfen möchte. Das Verhältnis zur Mutter war nie innig und wird nicht besser, als diese zunehmend auf Unterstützung angewiesen ist und die Tochter vereinnahmt. Auch eine Liebesbeziehung bleibt bruchstückhaft: Der Mann an ihrer Seite ist verheiratet und stirbt überraschend. Zurück bleibt Rosa nur der Campingbus, den er ihr einst geschenkt hat – ein Symbol für Bewegung und Aufbruch.
Als Rosa sich schließlich auf den Weg macht, erreicht sie ein Brief ihres Sohnes, der vor Jahren den Kontakt zu ihr abgebrochen hat. Er wollte nichts mehr von ihr wissen, nun weiß sie zumindest, wo er lebt. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn wird mit großer Ehrlichkeit geschildert, ohne Beschönigung oder sentimentale Verklärung. Liebe erscheint hier als fragile, von Missverständnissen geprägte Verbindung und von der schmerzhaften Einsicht, den anderen vielleicht nie ganz erreicht zu haben.
Eva Schmidt interessiert weniger die große Handlung als die feinen inneren Verschiebungen ihrer Figuren: Erinnerungen, verpasste Möglichkeiten, das Zögern vor Entscheidungen. Begegnungen – etwa mit der Nachbarin Mele, deren Tochter Paz oder einem zurückgezogen lebenden Mann im Wald – bleiben beiläufig und entfalten gerade dadurch ihre Wirkung. Besonders eindrücklich sind einzelne Sätze, die eine stille Wucht entwickeln, etwa: „Wenn du erst einmal anfängst, rückwärts zu denken (…) geht’s dem Ende zu“ – dieser Satz fasst die leise Melancholie von „Neben Fremden“ treffend zusammen. Die Figuren stehen nebeneinander, manchmal für einen Moment verbunden, meist jedoch in ihrer Einsamkeit gefangen. Dieses „rückwärts Denken“ wird zum Sinnbild eines Lebens, das sich zunehmend aus der Gegenwart zurückzieht. Eva Schmidt verzichtet dabei auf dramatische Zuspitzungen und vertraut auf Andeutungen, Pausen und Zwischentöne, sodass das Ungesagte schwerer wiegt als das Gesagte. „Neben Fremden“ ist kein Buch für schnelle Effekte, sondern ein stilles, eindringliches Werk über Abschied, Verlust und die Suche nach Nähe. Wer sich auf diese ruhige, nachdenkliche Prosa einlässt, entdeckt eine genaue Beobachtung menschlicher Beziehungen – und vielleicht auch die eigene Position „neben Fremden“ neu. Es ist weniger ein Roman über das Verschwinden eines Menschen als über das Zurückbleiben – und über die Frage, wie man mit der Ungewissheit lebt, wenn Abschied nie eindeutig war. Ich war begeistert von der Eindrücklichkeit, mit der die Autorin so präzise wie nüchtern von Abschied und Verlust erzählt, aber auch von der Suche nach Verbundenheit und Nähe. Es handelt sich darum, ¬- wie Rilke schon wusste – „alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht / allmählich, ohne es zu merken, / eines fremden Tages in die Antworten hinein.“
Ein unbedingt lesenswertes Buch!
von Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck - 2026-02-03 08:45:27

Ganz unspektakulär einfach toll - 4 Sterne

Mist, mein Wunschzettel wächst einfach ins Unendliche, aber nachdem ich „Neben Fremden“ von Eva Schmidt gelesen habe, möchte ich unbedingt noch mehr von der österreichischen Schriftstellerin lesen.

Und zwar nicht, weil „Neben Fremden“ so unvorstellbar aufregend oder spannend war, sondern weil Schmidt in ihrem Roman so grandios und so treffsicher von einem ganz banalen Leben erzählt. Von so einem Leben, wie du und ich es vielleicht auch haben.
Die Ich-Erzählerin Rosa ist eine ältere, mittlerweile verrentet Frau, die zusammen mit ihrem Hund in einer kleinen Wohnung wohnt. Gerade erst ist ihr Freund Fred gestorben, mit dem sie eine längere Beziehung hatte, obwohl er noch mit einer anderen Frau verheiratet war.
Von Fred hat sie auch erst vor kurzem cheinen Campingbus geschenkt bekommen, eigentlich für gemeinsame Touren und Ausflüge.
Rosa hat außer einer Freundin und ihrer Mutter ansonsten nicht viele Sozialkontakte, sie hält Distanz zu Nachbarn und sucht auch nicht aktiv nach Anschluss. Nur dass sie zu ihrem Sohn schon lange keinen Kontakt mehr hat, schmerzt sie manchmal.
Freds Tod hat sie nachdenklich gemacht, und sie beschließt, mit dem Camping Bus ein paar Tag wegzufahren.
Was bei anderen Autor*innen vielleicht der Anfang zu einem aufregenden Selbst-Findungs-Roadtrip inklusive Neustart und YOLO-Vibes wäre, ist es bei Schmidt all das nicht.
Die Gewohnheiten, der Alltag und die inneren und äußeren Zwänge und Verstrickungen sind eng für die Erzählerin und binden sie an ihr Leben.

„Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.
Andere hatten einen Plan. Ich hatte keinen, hatte nie einen gehabt. Sehnsüchte ja, Wünsche, aber keine Ziele.
Eigentlich habe ich immer nur reagiert, dachte ich.“


Und dann wird ihre Mutter krank, zu der Rosa ebenfalls ein merkwürdig distanziertes Verhältnis hat. Schmidt beschreibt eine Mutter-Tochter Beziehung, die vielleicht typisch ist für die Generation meiner Eltern, zu der auch die Autorin gehört.

„Ich hatte sie gekränkt, hatte sie nicht ernst genommen, hatte versucht, sie aufzumuntern, anstatt zu trösten. Ich hatte kein Verständnis für sie, obwohl sie meine Mutter war und alles für mich getan hatte.“

Es ist diese Sprach- und Wortlosigkeit, die in so vielen Familien herrscht, die auch Rosas Aufwachsen geprägt hat und die in Schmidts Roman so deutlich hervorsticht.

„Neben Fremden“ ist auch ein Roman über Abschiede, über ungelebtes Leben, über „hätte, hätte, Fahrradkette“, über verpasste und verstrichene Möglichkeiten. Über die Enge des Lebens und die Unfähigkeit und Unmöglichkeit diese zu überwinden.

„Meinem Vater fehlte es an Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen. Er wollte leben, wusste nur nicht, wie. Genau wie ich.“

Und immer wieder das große Überthema, das auch schon im Titel steckt: “Neben Fremden” ist ein Roman über den Wunsch nach einer Verbindung zu anderen Menschen und über die Sehnsucht, anderen wirklich nahe zu sein.
Großartig finde ich dabei, wie leise und realistisch Schmidt diese großen und universellen Themen heraus arbeitet. Ich finde leise Erzähltöne oft, naja, langweilig, aber hier finde ich es berührend. Gerade auch, dass Schmidt mir keine Wertung vorgibt, gefällt mir und rührt mich.
„Neben Fremden“ ist damit so ein bisschen der Gegenentwurf von Romanen wie „Eat, Pray, Love“ (die natürlich ebenfalls toll seien können und ihre Berechtigung haben).

Ich find „Neben Fremden“ ganz unspektakulär einfach toll.

Kritik habe ich allerdings für die Kurzbeschreibung auf der Umschlagsseite, die meiner Meinung nicht gut gelungen ist, zuviel und das Falsche vorweg nimmt und dem Roman nicht gerecht wird.
von @lust_auf_literatur - 2025-10-07 13:56:00

Macht nachdenklich über das Alter - 4 Sterne

Der Roman erzählt die Geschichte von Rosa - einer pensionierten Altenpflegerin.

Rosa führt ein tristes Leben: ihr Lebensgefährte Fred ist vor ein paar Wochen unerwartet verstorben. Ihren Hund Don musste sie einschläfern, ihre Mutter kränkelt und fordert immer mehr Aufmerksamkeit. Sie möchte, dass Rose sich um sie kümmert und dann sind da noch die Nachbarn von unten. Das ist Mele, die einen Freund hat, der ihr nicht guttut, es ihr jedoch schwerfällt, sich von ihm zu trennen - sie hat Angst vor der Einsamkeit. Meles Teenager-Tochter Paz besucht Rosa immer wieder und erzählt von ihrem Leid: dass sie sich mit ihrer Mutter Mele nicht mehr versteht, seit sie diesen Freund hat.

Und dann gibt es noch Tom, Rosas Sohn, zu dem sie seit sieben Jahren den Kontakt verloren hat. Weder weiß sie, wo er lebt, noch was aus ihm geworden ist.

Es geht um das einsame Leben einer älteren Frau. Jene sozialen Kontakte, die sie hat, versucht sie mit Ausreden möglichst kurz zu halten oder ihnen aus dem Weg zu gehen, wie zum Beispiel mit ihrer ehemaligen Arbeitskollegin Margreth. Gespräche, die sie früher mit ihrem Lebensgefährten Fred hatte, vermisst sie sehr.

Was bleibt von einem Leben, wenn man in Pension geht, sein Leben lang geschuftet hatte, keine Freunde hat und alle jene, die für einen wichtig waren, nun tot sind.

Ein Roman, der mich schon sehr nachdenklich gemacht hat, was aus dem eigenen Leben wird, wenn die Arbeit vorbei ist, wichtige Menschen verstorben sind, die Kinder sich nicht mehr melden und man trotzdem vom Leben noch etwas wünscht: gute Gespräche, Ziele oder schöne Reisen.
von Nicole Koppandi - 2025-09-02 07:03:00

Rosa - 5 Sterne

Eva Schmidts neuer Roman Neben Fremden hat hohe Qualität aufzuweisen.
Rosa ist eine zurückhaltende Frau. Der Freund gestorben, die Mutter eine Last und der schon erwachsene Sohn seit Jahren entfremdet.
Ihre ganze Liebe gehört dem Hund, aber auch der ist alt und krank.
Es ist ein ruhiger Roman, um eine gefasste, ruhige Frau. Aber doch gibt es hier große Emotionen, nur sind sie gschickt unter der Oberfläche verborgen.
Das ist großartig gemacht.

Wie schon in Die untalentierte Lügnerin konnte mich die Autroin auch mit diesem Roman stilistisch begeistern.
von yellowdog - 2025-08-22 15:44:00