Rezensionen
Samota
Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber. Roman
Autor: Volha Hapeyeva
Erschienen 2024 bei Literaturverlag Droschl
ISBN 978-3-99059-151-2
Einsamkeit & Empathie - ein sehr berührendes Buch - 4 Sterne
„Manchmal denke ich, das beste Mittel gegen Konflikte und Kriege wäre die Entwicklung eines Empathieserums“. (S. 164)
"Samota" hat mich sehr berührt und gefordert. Der Titel, abgeleitet aus dem belarussischen und tschechischen Wort für Einsamkeit, ist richtungsweisend und führt auf eine introspektive Reise.
Diese beginnt mit Maja, Vulkanologin, die sich in einem Tagungshotel aufhält. Dort begegnet sie der mysteriösen Helga-Maria, deren Existenz zwischen real und metaphysisch schwankt. Parallel gibt es die Erzählung von Sebastian, der sich mit Melancholie und Mitgefühl auseinandersetzt, und seinem düsteren Gegenpart Mészáros. Die Figuren und ihre Geschichten sind lose miteinander verbunden und bewegen sich durch verschiedene Zeiträume, was dem Roman eine traumartige, fast unreale Qualität verleiht. Dennoch fügt sich am Ende alles irgendwie zusammen.
Hapeyeva erkundet die menschliche Einsamkeit und Isolation. Ihr Schreibstil ist geprägt von lyrischer Schönheit und sprachlicher Präzision, was die melancholische Grundstimmung des Buches unterstreicht. Besonders eindrucksvoll fand ich die thematische Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit, in einer oft empathielosen Welt einen Platz zu finden. Die Frage, ob Mitgefühl ein Mittel gegen die Kälte und Unmenschlichkeit unserer Zeit sein kann, zieht den roten Faden durch den Plot.
Trotz kleiner Unschärfen bleibt "Samota" für mich ein anspruchsvolles und tiefsinniges Werk. Es hat mich gecatcht und es hat was mit mir gemacht, denn automatisch fängt man an zu denken und begibt sich selbst auch auf eine introspektive Reise zu eigenen Gedanken. Die poetische Sprache und philosophische Auseinandersetzung mit Einsamkeit/Empathie haben mich berührt, bereichert und ich finde, dieses Buch ist etwas ganz Besonderes. Hapeyeva fängt auf weniger als 200 Seiten die Tiefe des Themas brillant ein. #leseempfehlung
"Samota" hat mich sehr berührt und gefordert. Der Titel, abgeleitet aus dem belarussischen und tschechischen Wort für Einsamkeit, ist richtungsweisend und führt auf eine introspektive Reise.
Diese beginnt mit Maja, Vulkanologin, die sich in einem Tagungshotel aufhält. Dort begegnet sie der mysteriösen Helga-Maria, deren Existenz zwischen real und metaphysisch schwankt. Parallel gibt es die Erzählung von Sebastian, der sich mit Melancholie und Mitgefühl auseinandersetzt, und seinem düsteren Gegenpart Mészáros. Die Figuren und ihre Geschichten sind lose miteinander verbunden und bewegen sich durch verschiedene Zeiträume, was dem Roman eine traumartige, fast unreale Qualität verleiht. Dennoch fügt sich am Ende alles irgendwie zusammen.
Hapeyeva erkundet die menschliche Einsamkeit und Isolation. Ihr Schreibstil ist geprägt von lyrischer Schönheit und sprachlicher Präzision, was die melancholische Grundstimmung des Buches unterstreicht. Besonders eindrucksvoll fand ich die thematische Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit, in einer oft empathielosen Welt einen Platz zu finden. Die Frage, ob Mitgefühl ein Mittel gegen die Kälte und Unmenschlichkeit unserer Zeit sein kann, zieht den roten Faden durch den Plot.
Trotz kleiner Unschärfen bleibt "Samota" für mich ein anspruchsvolles und tiefsinniges Werk. Es hat mich gecatcht und es hat was mit mir gemacht, denn automatisch fängt man an zu denken und begibt sich selbst auch auf eine introspektive Reise zu eigenen Gedanken. Die poetische Sprache und philosophische Auseinandersetzung mit Einsamkeit/Empathie haben mich berührt, bereichert und ich finde, dieses Buch ist etwas ganz Besonderes. Hapeyeva fängt auf weniger als 200 Seiten die Tiefe des Themas brillant ein. #leseempfehlung
von mari_liest - 2024-06-10 19:42:00
Ein poetischer Aufschrei ohne laute Töne für mehr Empathie. - 5 Sterne
„Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber“, so der Sub-Titel.
Der Roman beginnt mit einem sehr markanten Satz, der einen sofort in den Bann zieht, und tatsächlich zu einer Ruhe verhilft, um in diesen sanft fließenden Text hineinzugleiten.
S.5: „Die Stadt verstummte. Die Stille war mit einem Mal über sie hereingebrochen, obwohl dies nur der letzte Schritt gewesen war.“
Es ist für mich schon der erste Hinweis einer gewissen Wortlosigkeit, welche den Protagonistinnen im Laufe des Romans widerfährt. Der Titel bedeutet im Belarusischen (und anderen slawischen Sprachen: Einsamkeit).
Das Hauptthema ist die Empathie. Warum fehlt sie vielen Menschen? Oder warum sind viele Menschen nicht dazu fähig. Verblassen empathische Menschen wirklich in der Einsamkeit? Leiden sie (wir, ich fühle mich angesprochen) still und heimlich in unseren dunklen Winkeln mit der verletzten (und verletzenden) Welt.
S.122: „Die Fähigkeit des Menschen zu Empathie ist direkt mit seinem Schmerzempfinden verbunden. Offenbar spürt sie [Anm.: eine Dozentin] so gut wie keinen Schmerz, daher ist es auch sinnlos, an ihr Mitgefühl zu appellieren.“
Maja forscht über den Ausbruch eines Vulkans. Immer wieder dabei ist ihre Freundin Helga-Maria. Mal ist sie da, dann wieder nicht. Die Autorin gibt dabei einem aber nicht unbedingt das Gefühl, ob Helga-Maria tatsächlich eine reale Person ist, sondern möglicherweise nur der gute Geist in Maja. Im selben Hotel wie Maja residiert eine Gruppe, die sich mit Vorträgen zur „Regulation von Tierpopulationen“ befassen. Die Konflikte sind greif- und spürbar. Allein durch die Anwesenheit dieser Person entsteht ein Spannungsfeld.
In einem zweiten Erzählstrang geht es um den hochsensiblen Sebastian. Auch er kommt einer empathielosen Verschwörung auf die Spur, in der es um gewaltsame Verdrängung von Arten, insbesondere von Wölfen, geht.
Wie beide Erzählstränge tatsächlich zusammenhängen, löst sich am Schluss auf, so viel sei gesagt.
Aber es geht nicht nur um das Überleben von Tieren. Auch die Werte unserer Gesellschaft siechen dahin.
S.164: „Das Fehlen von Empathie für Tiere, das Absprechen von Rechten gegenüber Frauen und Sklaven, die Ausrottung von Homosexuellen, Albinos, rothaarigen Mädchen, der Hass auf intelligente Frauen – all das passt seltsamerweise in die eine Seele, aber in eine andere nicht.“
Dieser sehr kluge Roman ist ein Aufschrei ohne laute Töne. Ein Stochern mit dem Finger in der Wunde, ohne diese zu berühren. Hapeyeva setzt an, sanftmütig, aber zielgerichtet, in einer wunderbaren, teils sehr poetischen Sprache. Gekonnt hat sie ihre Gedanken, ihre Kritik an unserem verfallenden Wertesystem, in eine Rahmenhandlung gesetzt, die sich einer gewissen Spannung nicht entziehen kann. Ihre Botschaft kommt aus der Stille, leichten Tropfen gleich, die irgendwann ein Fass zum Bersten bringen können.
Möge dieses Buch eine große Leserschaft erreichen, und sich dessen tiefer Inhalt über die Welt ergießen. Ganz große Leseempfehlung!
Der Roman beginnt mit einem sehr markanten Satz, der einen sofort in den Bann zieht, und tatsächlich zu einer Ruhe verhilft, um in diesen sanft fließenden Text hineinzugleiten.
S.5: „Die Stadt verstummte. Die Stille war mit einem Mal über sie hereingebrochen, obwohl dies nur der letzte Schritt gewesen war.“
Es ist für mich schon der erste Hinweis einer gewissen Wortlosigkeit, welche den Protagonistinnen im Laufe des Romans widerfährt. Der Titel bedeutet im Belarusischen (und anderen slawischen Sprachen: Einsamkeit).
Das Hauptthema ist die Empathie. Warum fehlt sie vielen Menschen? Oder warum sind viele Menschen nicht dazu fähig. Verblassen empathische Menschen wirklich in der Einsamkeit? Leiden sie (wir, ich fühle mich angesprochen) still und heimlich in unseren dunklen Winkeln mit der verletzten (und verletzenden) Welt.
S.122: „Die Fähigkeit des Menschen zu Empathie ist direkt mit seinem Schmerzempfinden verbunden. Offenbar spürt sie [Anm.: eine Dozentin] so gut wie keinen Schmerz, daher ist es auch sinnlos, an ihr Mitgefühl zu appellieren.“
Maja forscht über den Ausbruch eines Vulkans. Immer wieder dabei ist ihre Freundin Helga-Maria. Mal ist sie da, dann wieder nicht. Die Autorin gibt dabei einem aber nicht unbedingt das Gefühl, ob Helga-Maria tatsächlich eine reale Person ist, sondern möglicherweise nur der gute Geist in Maja. Im selben Hotel wie Maja residiert eine Gruppe, die sich mit Vorträgen zur „Regulation von Tierpopulationen“ befassen. Die Konflikte sind greif- und spürbar. Allein durch die Anwesenheit dieser Person entsteht ein Spannungsfeld.
In einem zweiten Erzählstrang geht es um den hochsensiblen Sebastian. Auch er kommt einer empathielosen Verschwörung auf die Spur, in der es um gewaltsame Verdrängung von Arten, insbesondere von Wölfen, geht.
Wie beide Erzählstränge tatsächlich zusammenhängen, löst sich am Schluss auf, so viel sei gesagt.
Aber es geht nicht nur um das Überleben von Tieren. Auch die Werte unserer Gesellschaft siechen dahin.
S.164: „Das Fehlen von Empathie für Tiere, das Absprechen von Rechten gegenüber Frauen und Sklaven, die Ausrottung von Homosexuellen, Albinos, rothaarigen Mädchen, der Hass auf intelligente Frauen – all das passt seltsamerweise in die eine Seele, aber in eine andere nicht.“
Dieser sehr kluge Roman ist ein Aufschrei ohne laute Töne. Ein Stochern mit dem Finger in der Wunde, ohne diese zu berühren. Hapeyeva setzt an, sanftmütig, aber zielgerichtet, in einer wunderbaren, teils sehr poetischen Sprache. Gekonnt hat sie ihre Gedanken, ihre Kritik an unserem verfallenden Wertesystem, in eine Rahmenhandlung gesetzt, die sich einer gewissen Spannung nicht entziehen kann. Ihre Botschaft kommt aus der Stille, leichten Tropfen gleich, die irgendwann ein Fass zum Bersten bringen können.
Möge dieses Buch eine große Leserschaft erreichen, und sich dessen tiefer Inhalt über die Welt ergießen. Ganz große Leseempfehlung!
von MarcoL - 2024-03-03 10:58:00


