Im ersten Licht
Roman
Hardcover
Hanser, Carl (2026)
416 Seiten; 21 cm x 13.5 cm
ISBN 978-3-446-28297-1
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Hauptbeschreibung
Zwei Weltkriege, ein Jahrhundert: ein eigenwilliges Leben voller Schönheit, Tragik und Widersprüche. Norbert Gstreins überwältigender neuer Roman – nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026
Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes Leben zerbrechlich in diesem Roman, der mit einem Axthieb beginnt: Adrians Vater macht ihn als Jugendlichen untauglich für den Ersten Weltkrieg, rettet ihn so vielleicht. Der störrische, zärtliche Mensch, der von da an durch über achtzig Lebensjahre hinkt, ist das Wunder dieses Erzählens. Adrian sieht zweimal seine Welt untergehen, hat zweimal mit jungen Männern zu tun, die weniger Glück hatten als er, und erlebt im Alter die unverhoffte Liebesgeschichte eines Mannes, der zu allem erzogen wurde, bloß nicht zum Lieben. Wie leben im Schatten der Kriege und des Tötens? Mit einem furchtlosen Blick in die Vergangenheit stellt sich »Im ersten Licht« dieser großen Frage der Gegenwart.
Hersteller: Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
Vilshofener Straße 10, 81679 München DE
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Großer Antikriegs-Roman
„Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er es mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten.“ Mit seinem ersten Satz legt Norbert Gstrein gleich das alles bestimmende Thema seines Romans fest.
Mit Adrian, seinem Protagonisten, genau ein Jahr jünger als das Jahrhundert, geht der österreichische Autor durch die gewaltsame, von Kriegen bestimmente Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Obwohl selbst kein Kriegsteilnehmer, ist Adrian Zeit seines Lebens vom Krieg fasziniert. Dass er nicht, wie die meisten seiner Generation, auf den Schlachtfeldern des Ersten großen Krieges kämpfen muss, hat er seinem Vater zu verdanken. Der, ein einfacher Postbeamter und überzeugter Sozialist, will seinen Sohn vor diesem Los bewahren und haut Adrian mit einer Axt in den Unterschenkel. „In den Krieg zu gehen war nur etwas für Dumme und nichts für seinen Sohn…“ Adrian hinkt seitdem und wird die fehlende Kriegserfahrung immer als einen mit Scham und Schuldgefühlen belasteten Mangel empfinden.
Die drei jungen Männer, die für Adrians Leben bestimmend waren, geben dem Roman Struktur. Chronologisch werden sie in den ersten drei Kapiteln vorgestellt.
Den Beginn macht Ernest Eller, Sohn einer wohlhabenden Adelsfamilie, der mit einer grauenhaften Gesichtsverletzung aus dem Krieg heimkehrt. Seine Eltern verstecken ihn mit ähnlich versehrten Leidensgenossen in ihrer Sommervilla im Salzburger Land und erklären ihn offiziell, auch für seine Verlobte, für tot. Adrian wird viele Tage in der Villa verbringen, wird zum Vertrauten des „ jungen Herrn“. Nach dem Suizid von Ernest Eller nimmt sich dessen aus England stammende Mutter um Adrian an und ermöglicht ihm ein Lehramtsstudium.
Später, als Adrian in Wien an einem Gymnasium Geschichte und Englisch unterrichtet, trifft er auf Martin Baumgartner, dem das mittlere Kapitel gewidmet ist. Bei ihm werden Adrians detaillierte und begeisterte Schilderungen der Schlachten des letzten Krieges auf fruchtbaren Boden fallen. Martin Baumgartner, in dem sich die Figur Kurt Waldheims spiegelt, wird aus Begeisterung für das Heer zum Nazi. Bei einem Fronturlaub besucht der ehemalige Schüler seinen früheren Lehrer und erzählt von Erschießungen im Osten, an denen er beteiligt war. Adrian wird so zu einem frühen Mitwisser von Kriegsverbrechen, doch er schweigt. Aber die Geschichte wird er nie mehr loswerden.
Frauen spielen in diesem Buch, das so sehr den Krieg ins Zentrum stellt, eine Nebenrolle - was nicht verwundert. Kriegsführung war und ist auch heute noch vorrangig ein Handwerk der Männer, Frauen müssen deshalb am Rande bleiben. Außerdem ist Adrian ein Mensch, der sich nur schwer auf Beziehungen einlassen kann. Zögerlich und verstockt strapaziert er die Geduld der Frauen, mit denen er liiert ist. So verlässt ihn seine erste Freundin Karla, ebenso Ehefrau Elfriede. Sie, die wie Adrian auch Geschichte unterrichtet, lässt sich nach dem Krieg von ihm scheiden.
Erst mit Mitte Fünfzig erlebt Adrian eine späte Liebe zu einer Engländerin, die ihren, im Ersten Weltkrieg als Deserteur verurteilten und hingerichteten Bruder, rehabilitieren will. Um diesen Teddy geht es im dritten Teil des Buches. Der zeigt Adrian, „ dass es immer auch eine andere Möglichkeit gab, schließlich konnte man sich jederzeit entscheiden, nicht mehr mitzumachen, welches Risiko auch man dafür in Kauf nehmen musste.“
Die Gespräche mit Vivian und ihre gemeinsamen Spaziergänge in den Downs helfen den beiden, ihre eigenen Kriegstraumata hinter sich zu lassen.
Die Downs, auf die schon im vorangestellten Zitat von Virginia Woolf hingewiesen wird, ziehen sich als zentrales Motiv durch den Text. Für Frau Eller sind sie ein Sehnsuchtsort und Adrian spaziert im dritten Teil durch diese Landschaft. Sie ist als Kontrast zu den Schlachtfeldern zu lesen und ermöglicht Adrian einen Perspektivwechsel. Mit dem Blick übers Meer kann Adrian mit Abstand auf seine Heimat und dessen Geschichte blicken.
Der Text ist voller Andeutungen, Verweisen und durchgängigen Motiven. Auch der sprechende Name „Adrian Reiter“ ist wohl überlegt. Der Zugang zur Adria, zum Meer wird mit Weite, Weitblick, mit Leichtigkeit verbunden. Und das alles ist verschwunden nach dem verlorenen Krieg und dem Ende der k.u. k. Monarchie. „ Wenn uns wenigstens die Adria geblieben wäre. Das Meer würde uns zu sanfteren Menschen machen.“ heißt es gleich zu Beginn im Roman. Und der Nachname „Reiter“ für einen, der nie in einem Sattel saß, aber fasziniert war von der Eleganz der k.u.k. Kavallerie, passt gleichfalls.
Im titelgebenden „Ersten Licht“ waren sowohl die Angriffe im Ersten Weltkrieg, wie auch die Erschießungen im Zweiten und die Hinrichtung des englischen Deserteurs, allesamt schicksalhafte und tragische Momente im Morgengrauen.
Im Epilog besucht der 80jährige Adrian die Lesung eines jungen Autors, in dem man unschwer Norbert Gstrein erkennen kann. Der aber wird der Einladung von Adrian nicht nachkommen, obwohl ihm dieser seine Geschichte verspricht.
In diesem letzten Teil wird auch explizit der Bezug zu Kurt Waldheim hergestellt. Steht doch der ehemalige österreichische Bundespräsident für das Beschönigen und Verdrängen der Nazi- Vergangenheit.
Mit seiner Hauptfigur hat Gstrein einen ambivalenten Charakter geschaffen, keinen Sympathieträger. Und obwohl wir alles aus seiner Perspektive erleben, stellt sich keine Nähe zu ihm ein. Seine Fixierung auf Schlachten, Formationen und kriegerischen Entscheidungen ist nicht nur für seine Ehefrau unbegreiflich. Kann man vielleicht noch Verständnis aufbringen für seine jugendliche Schwärmerei für die Kavallerie, ist seine Verklärung des Krieges später nicht mehr nachvollziehbar . Denn er hatte doch mit den Kriegsversehrten in der Villa eindringlich vor Augen, welche verheerenden Folgen ein Krieg hat. Diese jungen Männer sind stolz und siegesgewiss in den Kampf gezogen und an Körper und Seele versehrt zurückgekehrt. Viele von ihnen werden sich davon nie mehr erholen und ihr Leben selbst beenden.
Wie kann Adrian als Lehrer seine Kriegsbegeisterung an Schüler weitergeben?
Adrian ist der typische Mitläufer, der durch Kriegsverherrlichung, Anpassung und Schweigen schuldig wird.
Der Roman fordert einiges von seiner Leserschaft, nicht nur auf emotionaler Ebene. Er zwingt zum Nachdenken, eröffnet immer neue Aspekte. Gstreins lange Satzbögen erfordern Aufmerksamkeit. Dabei ist der Text elegant erzählt und von sprachlicher Brillanz.
Trotz des historischen Stoffes ist der Roman mit seinen Fragen nach Schuld, Mitverantwortung und Mitläufertum angesichts jetziger Kriege erschreckend aktuell. Zeigt er doch, dass keiner unversehrt aus einem Krieg hervorgehen kann.
„Im ersten Licht“ reiht sich somit ein in die großen Werke der Antikriegsliteratur.
Große Leseempfehlung!
Im Krieg kann man nicht unbeteiligt bleiben
Doch nun habe ich es gelesen und bin sehr froh darüber, denn es ist definitiv eines meiner Jahreshighlights! Diese Tiefgründigkeit, diese Sprache! Wie sich subtil und gleichzeitig wirkstark gewisse Metaphern immer wieder wiederholen, geschickt eingeflochten in den Fortgang der Erzählung. Von der Welt, die einmal so unschuldig gewesen war und es nie wieder sein würde. Von dem einst jungen Adrian, ein Jahr jünger als das Jahrhundert, nie als Soldat im Krieg gewesen, und doch würde auch er seine Unschuld verlieren. Vom titelgebenden ersten Licht des Tages, in dem die Ruhe der Nacht endet, in dem Kriege beginnen, in dem Verräter hingerichtet werden, oder doch Unschuldige?
Es ist ein Buch, das in mir gedanklich und emotional noch lange nachwirken wird - und ein eindringliches Plädoyer, die Schrecken der Kriege - aller Kriege! - niemals zu vergessen. Ein Thema, das gerade in der jetzigen Zeit erschreckend aktuell ist! Im ersten Weltkrieg wurden so viele Menschen verstümmelt oder getötet, ebenfalls im zweiten, in jedem anderen Krieg und auch jetzt passiert das jeden Tag!
Das Buch selbst ist in drei Teile gegliedert und jeder davon ist einem jungen Mann gewidmet, der das Leben von Adrian auf die eine oder andere Art stark geprägt hat.
Adrian Reiter - der selbst nie reitet, genauso, wie er nie in den Krieg ziehen muss - ist ein "Davongekommener", ein "Verschont-Gebliebener", oder nicht? Und heißt das gleichzeitig, er sei unschuldig geblieben und es klebe kein Blut an seinen Händen? Kann man unbeteiligt bleiben in solchen Zeiten, und wo beginnt die moralische, rhetorische, tatsächliche Mittäterschaft?
1901 geboren ist Adrian am Anfang des 1. Weltkrieges noch zu jung, um eingezogen zu werden, doch der Krieg dauert mehrere Jahre und der besorgte Vater, ein Kriegsgegner und Sozialist, sieht den Zeitpunkt, an dem auch sein Sohn einrücken würde müssen, immer näher kommen. Das will er unbedingt verhindern und sorgt mit einer Axt und mangelhafter Wundversorgung für eine Beinverletzung des Sohnes, die diesem ein lebenslanges Hinken bescheren, aber ihm gleichzeitig die Soldatenlaufbahn ersparen würde.
So begegnen wir kurz nach dem ersten Weltkrieg einem jungen Mann, der fröhlich mit seiner Freundin am Seeufer entlang marschiert und in einer Pension dort untergebrachte ehemalige Soldaten kennen lernt, die speziell im Gesicht schreckliche Entstellungen als Folge der Kriegsverletzungen aufweisen, einer davon Ernest Eller. Hier werden sie vor den öffentlichen Blicken versteckt, ihre Familien schämen sich für sie, manche täuschen lieber vor, der versehrte Sohn wäre am Schlachtfeld den Heldentod gestorben. Den Weg in die Gesellschaft zurück werden die wenigsten von ihnen wieder finden, fast alle werden sich früher oder später das Leben nehmen.
Im zweiten Teil ist Adrian mittlerweile Lehrer für Geschichte (und Englisch) und der zweite Weltkrieg naht heran. Vermutlich als Kompensation dafür, selbst nie im Krieg gewesen zu sein, schwärmt er vor seinen Schülern in höchsten Tönen von militärischen Ehren, heldenhaften Kämpfen und dem Reiterbataillon, und macht sich damit mitschuldig, naive junge Menschen für den Krieg zu begeistern. Insbesondere sein Lieblingsschüler Martin Baumgartner meldet sich freiwillig (was dessen Vater dem Lehrer nie verzeihen wird), wird zum Soldaten, zum Täter, zum Verzweifelten. Sucht immer wieder den ehemaligen Lehrer auf, wenn er ein paar Tage aus dem Krieg nach Hause kommt, wie ein lebendiges Mahnmal für dessen Mitschuld.
Schließlich geht es im dritten Teil um die andere Seite. Die beiden großen Kriege sind vorbei, seit einigen Jahrzehnten herrscht Frieden, und Adrian reist nach England, besucht dort ehemalige Bunker und lernt Vivian kennen, die jüngere Schwester von Teddy Stephen, der sich nach öffentlicher Beschämung durch das Überreichen einer weißen Feder durch die Suffragetten freiwillig als Soldat im ersten Weltkrieg gemeldet hat, entsetzt in einer aussichtslosen Schlacht fliehen wollte und dafür als Deserteur von den eigenen Kameraden erschossen wurde, im ersten Licht des Tages. Wie ist das im Nachhinein zu beurteilen? War er ein Held? Ein Verräter? Einfach ein Mensch, dem alles zu viel wurde?
In diesem umfangreichen und tiefgründigen Roman betrachten wir die erschütterndsten Kriege des 20. Jahrhunderts durch die Augen von Adrian Reiter ein bisschen von außen und sind doch tief drinnen. Emotional zeigt das Buch, dass es nicht möglich ist, ganz außen vor zu bleiben, selbst wenn man nicht aktiv in den Krieg zieht. Wir sind immer Teil des Kollektivschicksals unserer Umgebung, dieses berührt uns, und wir haben eine Verantwortung für alles, was wir tun, unterlassen und bezeugen. Und Krieg ist es schrecklich, es gibt keine Sieger.
Es ist ein überwiegend männlich dominierter Blick auf das Kriegsgeschehen und im Zentrum stehen klar (mehrheitlich junge) Männer als Kriegsbegeisterte, Zwangsverpflichtete, Soldaten, Deserteure, Opfer, Täter, Mitläufer, Zuschauer. Die wenigen Frauen, die im Roman vorkommen, nehmen eher Nebenrollen ein, und das Leid, das der Krieg auch über Frauen bringt, ist nur sehr am Rande Teil dieses Romans. Das ist keine Schwäche des sehr guten Buches, da kein Buch alles behandeln kann.
Insgesamt ist es ein großartiges, vielschichtiges, bildendes und nachdenklich machendes Werk, für das man sich Zeit nehmen sollte, um es in seiner Tiefgründigkeit wirken zu lassen. Auf fast jeder Seite finden sich bemerkenswerte Gedanken und eine eingängige Sprache, das Buch ist äußerst dicht und reichhaltig an Querverbindungen und subtilen Bezügen. Man könnte damit problemlos ein ganzes Semester eines literaturwissenschaftlichen Universitätsseminars füllen, und hätte am Ende noch immer nicht alles Diskussionswürdige besprochen. Dabei schafft der Autor aber gleichzeitig den Spagat, so unterhaltsam zu schreiben, dass es nie langweilig wird - auch wenn es sich insgesamt schon klar um ein anspruchsvolles Werk der gehobenen Literatur handelt, dem ich viele Buchpreise wünsche!
Ich kann es allen, die sich für Zeitgeschichte und hochwertige Literatur interessieren, vor detaillierten Schilderungen von Elend und Verstümmelungen nicht zurückschrecken und sich auf ein besonderes Werk einlassen wollen, von Herzen empfehlen. Für mich war es das erste Werk dieses bemerkenswerten Autors, es wird aber sicher nicht das letzte gewesen sein!
Adrian Reiter
Das Buch ist teilweise bedrückend und ich habe lange gebraucht hineinzukommen. Dabei erzählt Norbert Gstrein von Anfang an präzise und mit Intensität.
Aber der Protagonist ist so zurückhaltend und passiv. Erst im dritten und letzten Teil des Buches habe ich das Gefühl endlich angekommen zu sein, als Adrian beginnt sich zu öffnen.
Das Buch ist nicht einfach, aber von Bedeutung, da es zeigt, wie Krieg das Leben der Menschen nachhaltig beeinflusst.
Ein Leseerlebnis
Am Ende seines Lebens kann er die obsessive Beschäftigung mit dem Krieg aufgeben, indem er die Frau, die er liebt durch einen tiefen Trauerprozess begleitet.
Norbert Gstrein hat sich wieder als exzellenter und kluger Erzähler erwiesen.
Menschenleben
Der Erzählstil des Autors ist wunderbar: ruhig, aber gleichzeitig eindringlich und emotional berührend. Jedes Wort ist genau richtig, jeder noch so lange Satz (Norbert Gstrein beherrscht die Kunst der langen Sätze!) passt ganz genau. Ein Roman, der flüssig zu lesen ist, obwohl er schwere Themen behandelt und oft nachdenklich macht.
Ohne Leserunde hätte ich dieses Buch nie gelesen und mir wäre ein außergewöhnliches Leseerlebnis entgangen.
Große Leseempfehlung!
Düsternis und Licht
Der Autor Norbert Gstrein, 1961 in Tirol geboren, hat wohl auch Großeltern und Eltern in der Sprachlosigkeit der Kriegstraumata erlebt. Mit seinem Spannungsbogen von der Zeit vor dem ersten Weltkrieg und der "Kaisertreue", über die düstere Zeit des Nationalsozialismus bis hin zur Diskussion über unseren ehemaligen Bundespräsidenten mit fragwürdigem Kriegshintergrund, erschließt uns Norbert Gstein ungemein feinfühlig und zart die Geschehnisse durch fast ein Jahrhundert. Er macht die Geschichte unseres Landes dadurch für uns Nachgeborene "be-greif-barer" und gibt dem unfassbaren Leid unserer Vorgenerationen Sprache, Gesichter - auch entstellte - und erweitert den Blickwinkel auf die unterschiedlich erlebten Realitäten.
Das Buch sensibilisiert für die fragile Kostbarkeit des Friedens und ist dadurch durchaus lichtvoll. Unbedingte Leseempfehlung!
Roman als Mahnmal!
Trotz des durchaus mühsamen und zähen Erzählstils, ist das Lesen des Romans empfehlenswert. Die Erzählung steht als mahnendes Beispiel dafür, welche Voraussetzungen und vor allem Nachwirkungen kriegerische Auseinandersetzungen auf persönlicher Ebene haben und hat auch als Plädoyer gegen das Vergessen des Genizids an der jüdischen Bevölkerung seine Bedeutung.
Beeindruckend - erschütternd - lesenswert
Dieses Kadaverleuchten lebender Leichname
Adrian ist kein Mitläufer, eher ein Mithinkender, nicht fähig, Stellung zu beziehen, sein Leben und seine Beziehungen aktiv zu gestalten, die Bilder und Gespenster der Vergangenheit loszulassen. Erst in den 60ern erfährt er noch eine späte Liebe in seinem Sehnsuchtsland England und so etwas wie Befreiung.
Im ersten Licht ist ein beeindruckendes Stück Literatur über die österreichische Geschichte des 20. Jahrhunderts, über Krieg und die damit einhergehenden Traumata, seelischen Verwüstungen, über Überlebende und Opfer, Gewinner und Verlierer.
Kriege hinterlassen Spuren auch in den Seelen
Gstrein erzählt dies aus der Perspektive des Adrian, geboren 1901, vom eigenen Vater mit einem Axthieb in den Unterschenkel kriegsuntauglich gemacht, dem die Mutter eines Kavalleristen die Ausbildung zum Lehrer ermöglicht und der sich Zeit seines Lebens als Lehrer im Salzburgischen aus der Distanz mit Kriegen und Schlachten beschäftigt und dabei nicht daran denkt, sein eigenes Leben zu leben.
Der Roman ist keine „leichte Kost“. Die eher nüchterne Sprache passt meiner Meinung nach gut zu den teils düsteren und bedrückenden Schilderungen. Der Spannungsbogen erlaubt es dennoch nicht, das Buch einfach für eine Zeit wegzulegen, sondern motiviert zum Weiterlesen bis zum Ende.
Und, der Roman erzählt auch einen Teil unserer Geschichte vom Kaiserreich bis zu dem Bundespräsidenten mit subjektiven Erinnerungsschwierigkeiten, allerdings aus der Perspektive eines leicht autistisch geprägten Eigenbrötlers.
Sehr empfehlenswert für alle, die sich mit Auswirkungen von Kriegen, die über die rein journalistisch-historischen Schilderungen hinausgehen, beschäftigen wollen und vielleicht auch nachfühlen wollen, was sich in den Köpfen und Seelen unserer Vorgängergenerationen abgespielt haben könnte. Denn mein Großvater war Jahrgang 1903.
Lemberg ist gefallen
Exzellentes Buch
Norbert Gstrein ist ein Meister des eleganten Stils. Für ihn ist Sprache die „Kleidung der Gedanken“. Er verleiht den Fakten (1914-1917, 1939-1945) ein emotionales Fundament, das sie im Gedächtnis haften lässt. Besonders fesselnd finde ich seine verführerischen Sätze, in die er beinahe unmerklich Ungeheuerlichkeiten einwebt.
Die Hauptfigur Adrian ist fasziniert vom Denken der „Führer im Weltkrieg“ und vergisst dabei, dass er selbst nur (Seite 261) ein „armer Herr Professor ist, der Soldaten für Mörder hält und sich trotzdem von ihnen angezogen fühlt. Nie ein Kind gehabt, über fünfzig Jahre alt, mutterseelenallein und ohne Sinn in der Welt. Nie einen Sohn! Nie im Krieg gewesen und ein ganzes Leben lang nur ein armer, armer Herr Professor, der alles bloß aus seinen Büchern kennt!“
Wie ein KI-Mensch analysiert er Unmengen an Kriegsdaten, ohne sie selbst zu empfinden. Bedrohlich. Erst als Adrian sechzig Jahre alt wird, sagt er zum ersten Mal: Ich schäme mich, dass ich…
Fazit: Ein Buch für kommende Generationen. Literatur kann uns zu besseren Menschen machen – denn: „Mit einem Buch in der Hand kann man nicht schießen“.
Ein wunderbares Buch - eine Zumutung!
Ich konnte das Buch kaum weglegen, es ist lebendige Geschichte in schöner, poetischer Sprache.
Warum dann eine Zumutung? Weil die Bilder, die im Kopf entstehen, schwer auszuhalten sind, die Assoziationen grausam, die Verbindung zu dem, was fast immer in der Welt geschehen ist und auch heute vielfach geschieht, nicht wegzuschieben ist. Obwohl oder gerade weil Vieles nur angedeutet, in einem Satz erwähnt wird, entfaltet es nachhaltig seine Wirkung.
Das ist für mich Literatur, ist Kunst, auch wenn die Kraft nicht bis ganz zum Ende hundertprozentig durchzuhalten ist.
Ich werde das Buch meinen Enkeln unbedingt zum Lesen geben und sehr ans Herz legen.
Maikäfer, flieg!
Zugleich gibt es immer eine kritische Unterströmung, die mit einer eingeheirateten ‚Fremden‘, einer Engländerin, beginnt und auch von einheimischen Frauen getragen wird. Mit den bescheidenen Mitteln des englischen Vermächtnisses macht der Protagonist in fortgeschrittenem Alter schließlich eine Reise in ehemaliges ‚Feindesland‘ und stellt fest, dass die Menschen dort freundlich und die Kriegsgeschichten vermutlich genauso verlogen und inhuman sind wie in seiner eigenen Heimat. Mit dieser späten (Selbst-) Erkenntnis geht dann auch eine späte Liebe einher.
So weit, so unspektakulär und gerade dadurch aufschlussreich: Alltägliche Episoden werden in einfacher und zugleich sehr genauer Sprache geschildert, Vergleiche und Metaphern prägen sich ein und lenken den Blick auf eindrückliche Szenerien wie die der operettenhaften Kriegsführung durch die k. und k. Armee im Ersten Weltkrieg, aber auch den Standesdünkel und die Weltfremdheit der ‚höheren‘ Gesellschaftsschichten. So offenbart sich die Bedeutung des vermeintlich Kleinen im größeren Zusammenhang: durch das Erzählen von (fast) einem Jahrhundert im Erleben eines kleinen Mannes, der erst nach einer Phase der geistig-seelischen Erblindung – wie ein Kriegsversehrter – quasi wieder sehend wird: „[…] am meisten Angst gehabt hat er im ersten Licht“ (S. 83).
Seelische Versehrtheit
Adrian bildet dabei eine scheinbare Ausnahme: Alle waren im Krieg, nur er nicht – sein Vater bewahrte ihn durch einen brutalen Schlag aufs Bein vor der Einberufung. Doch gerade diese Abwesenheit vom Krieg wird zu einer eigenen Last. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg lässt ihn sein Leben lang nicht los und führt in seinem Fall zu einer bedrückenden Sprachlosigkeit, völliger Talentlosigkeit zu Zuneigung und Liebe, ja geradezu zu einer seelischen Invalidität, die sein Leben bestimmt.
Gstreins Sprache wirkt seltsam aus der Zeit gefallen, von einer ruhigen, schwermütigen Präzision getragen, die dem Text eine eigentümliche Schwere und Nachdenklichkeit verleiht. Mich hat das Buch stark an den Ton des Buches "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil, in dem Denken, Zögern und innere Spannungen wichtiger sind als äußere Handlung. Gleich diesem Klassiker ist die Lektüre von "Im ersten Licht" Knochenarbeit, selten belohnt durch freudvolle Lichtmomente.
Österreichische Zeitgeschichte
Ein Buch über den Krieg
Die österreichische Seele
Die Sprache des Buches wirkt auf mich stellenweise schwadronierend und damit etwas anstrengend zu lesen. Der Schreibstil zwingt dazu, innezuhalten, Sätze mehrmals zu lesen und erzeugt damit eine Stimmung, die einem Gespräch mit einem fast Hundertjährigen wohl ähnlich ist. Insgesamt wirkt die Lebensgeschichte des Adrian Reiters für mich sehr grau und trostlos, besonders die beklemmende Zeit des zweiten Weltkriegs und die hilflose Sprachlosigkeit der Nachkriegsjahre geht sehr unter die Haut.
Das gemächliche Begleiten durch das Leben des Lehrers für Geschichte und Englisch, der erst in der Pension nach England reist, ist ein Dabei-Zusehen, wie Verdrängung, Wegschauen, Nicht-Wahrhaben-Wollen und sich schadlos halten seine Spuren hinterlässt. Es wirft die Frage auf, wie ich mich selbst durch diese schwierigen Zeiten durchlaviert hätte?
Keine leichte Kost, kein Page-Turner, geht bedrückend tief unter die Haut und wirkt lange nach.
"Waren Sie eigentlich im Krieg?"
Und: Wieviel Erinnerung ist gesund und wann beginnt sie krank zu machen?
Und: Wahrheiten werden nicht ausgesprochen.
Ein Anti-Kriegs-Buch mit hoher sprachlicher und erzählerischen Qualität - und einem gelungenen Spannungsbogen, der sich mehr und mehr zu einer großen Anklage gegen den Krieg aufbaut.
Licht und Schatten in vielen Nuancen
„Wir hätten das Meer nicht verlieren dürfen.“
Der lange Schatten des Krieges
Der Krieg ist trotzdem immer präsent, das ist bis zum letzten Kapitel spürbar, und er betrifft jeden, die Hinterbliebenen, die Versehrten, die Vertriebenen, Täter und Opfer, und auch Adrian, der gar nicht dabei war.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg lässt ihn sein Leben lang nicht los.
Das Buch erzählt österreichische Geschichte, vom Ende der Monarchie („wir hätten das Meer nicht verlieren dürfen“) fast bis zur Gegenwart, sehr genau und kritisch betrachtet, vielschichtig und mit feiner Ironie geschrieben.
Ein Buch, das man langsam lesen sollte, Geschichtskenntnisse sind dabei von Vorteil. Beeindrucken finde ich die langen Sätze, die gelegentlich mittendrin einen Haken schlagen und anders weitergehen als man vermutet.
Als Adrian gegen Schluss in den englischen Downs Ruhe und etwas Glück findet, ist es ihm zu gönnen, für mich flacht die Geschichte dann eher ab.
Trotzdem bleibt es ein spannendes und außergewöhnliches Buch.
Kriegstraumata
Ein großartiges Buch das meine Aufmerksamkeit sehr in Anspruch genommen hat. Nur so "nebenher" mal ein paar Seiten zu lesen geht hier definitiv nicht.
Große Empfehlung!
Die stille Wirkung der Vergangenheit
Im Mittelpunkt steht Adrian, eine Figur, die sich dem Leser nicht sofort erschließt. Er bleibt oft verschlossen, beobachtend und innerlich zerrissen – jemand, der vieles mit sich selbst ausmacht. Genau das hat es mir manchmal nicht leicht gemacht, ihm näherzukommen. Gleichzeitig passt diese Distanz gut zur Zeit und zur Stimmung des Buches. Man ist beim Lesen oft nah am Geschehen und fühlt sich trotzdem ein Stück davon entfernt. Gerade diese Distanz macht den Roman stellenweise anspruchsvoll.
Der Roman entfaltet seine Stärke vor allem dort, wo persönliche Schicksale mit historischer Realität verwoben werden. Gstrein zeigt, wie der Krieg auch nach seinem Ende nachwirkt – nicht nur körperlich, sondern vor allem seelisch: in Gedanken, in Beziehungen und im Alltag. Dabei verlangt das Buch Vorwissen und Aufmerksamkeit. Ohne geschichtlichen Hintergrund hätte ich manche Passagen wahrscheinlich als nüchtern oder sogar langatmig empfunden. Mit diesem Wissen wirken sie jedoch nach und verleihen dem Text Tiefe und Bedeutung.
Alles fühlt sich beim Lesen etwas verlangsamt an. Das Buch ist nicht anstrengend, aber auch keines, das man einfach so „verschlingt“. Man liest langsamer, denkt mehr nach, manchmal fühlt man sich sogar ein wenig beklemmt. Ich konnte nicht immer sagen, ob mich die Geschichte eher angezogen oder abgestoßen hat – genau das macht sie aber auch besonders.
Am Ende bleiben vor allem leise, menschliche Momente im Gedächtnis. Im ersten Licht ist kein typischer Roman, sondern ein stilles, etwas schräges Buch: nicht schwer zu lesen, aber auch nicht nebenbei konsumierbar – eines, das man auf sich wirken lassen muss.
Im ersten Licht
Das Buch der Stunde
Fazit: "Im ersten Licht" ist ein Antikriegsbuch und gleichzeitig ein Roman über die Verletzungen eines ganzen Lebens. Grausame Verstümmelungen, Lügen und Massenwahn sind unter anderem Thema des Buches. Und am schlimmsten sind die dran, die erkennen müssen, dass sie sogar Herz und Seele verloren haben. Das Buch der Stunde.
Im ersten Licht
Der Autor erzählt großartig über Krieg und Frieden, und ein Leben voller Erinnerungen und Wunder.
Zu allem erzogen, bloss nicht zum Lieben
Gstreins Prosa ist erstaunlich distanziert aber akkurat, er urteilt nicht, er zeigt einfach, wie es gewesen sein könnte, und lässt eine Art moralischer Unruhe bei Leser:innen zurück.
Selten hat mich ein Buch so zwiegespalten zurück gelassen wie dieses. Es ist ohne Zweifel ein Jahrzehnteroman, ein Stück Literatur, über das wir noch lange sprechen werden. Nichtsdestotrotz hatte ich enorme Probleme eine Beziehung zu Adrian aufzubauen.
Die zentrale Fragestellung des Romans „Wie überleben im Schatten des Krieges“, beantwortet sich mir durch stoisches Durchhalten – vielleicht war das ein Punkt, der mir zu schmerzhaft vor Augen geführt hat, dass wir alle mehr oder weniger ohne Gegenwehr gegenwärtige Geschehnisse hinnehmen.


