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Norbert GstreinIm ersten Licht

Roman

Hardcover

Hanser, Carl (2026)

416 Seiten; 21 cm x 13.5 cm

ISBN 978-3-446-28297-1

Sofort verfügbar oder abholbereit

Im ersten Licht

Hauptbeschreibung
Zwei Weltkriege, ein Jahrhundert: ein eigenwilliges Leben voller Schönheit, Tragik und Widersprüche. Norbert Gstreins überwältigender neuer Roman – nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026

Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes Leben zerbrechlich in diesem Roman, der mit einem Axthieb beginnt: Adrians Vater macht ihn als Jugendlichen untauglich für den Ersten Weltkrieg, rettet ihn so vielleicht. Der störrische, zärtliche Mensch, der von da an durch über achtzig Lebensjahre hinkt, ist das Wunder dieses Erzählens. Adrian sieht zweimal seine Welt untergehen, hat zweimal mit jungen Männern zu tun, die weniger Glück hatten als er, und erlebt im Alter die unverhoffte Liebesgeschichte eines Mannes, der zu allem erzogen wurde, bloß nicht zum Lieben. Wie leben im Schatten der Kriege und des Tötens? Mit einem furchtlosen Blick in die Vergangenheit stellt sich »Im ersten Licht« dieser großen Frage der Gegenwart.

Hersteller: Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
Vilshofener Straße 10, 81679 München DE
E-Mail: info@hanser.de


Großer Antikriegs-Roman
von Ruth


„Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er es mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten.“ Mit seinem ersten Satz legt Norbert Gstrein gleich das alles bestimmende Thema seines Romans fest.
Mit Adrian, seinem Protagonisten, genau ein Jahr jünger als das Jahrhundert, geht der österreichische Autor durch die gewaltsame, von Kriegen bestimmente Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Obwohl selbst kein Kriegsteilnehmer, ist Adrian Zeit seines Lebens vom Krieg fasziniert. Dass er nicht, wie die meisten seiner Generation, auf den Schlachtfeldern des Ersten großen Krieges kämpfen muss, hat er seinem Vater zu verdanken. Der, ein einfacher Postbeamter und überzeugter Sozialist, will seinen Sohn vor diesem Los bewahren und haut Adrian mit einer Axt in den Unterschenkel. „In den Krieg zu gehen war nur etwas für Dumme und nichts für seinen Sohn…“ Adrian hinkt seitdem und wird die fehlende Kriegserfahrung immer als einen mit Scham und Schuldgefühlen belasteten Mangel empfinden.
Die drei jungen Männer, die für Adrians Leben bestimmend waren, geben dem Roman Struktur. Chronologisch werden sie in den ersten drei Kapiteln vorgestellt.

Den Beginn macht Ernest Eller, Sohn einer wohlhabenden Adelsfamilie, der mit einer grauenhaften Gesichtsverletzung aus dem Krieg heimkehrt. Seine Eltern verstecken ihn mit ähnlich versehrten Leidensgenossen in ihrer Sommervilla im Salzburger Land und erklären ihn offiziell, auch für seine Verlobte, für tot. Adrian wird viele Tage in der Villa verbringen, wird zum Vertrauten des „ jungen Herrn“. Nach dem Suizid von Ernest Eller nimmt sich dessen aus England stammende Mutter um Adrian an und ermöglicht ihm ein Lehramtsstudium.

Später, als Adrian in Wien an einem Gymnasium Geschichte und Englisch unterrichtet, trifft er auf Martin Baumgartner, dem das mittlere Kapitel gewidmet ist. Bei ihm werden Adrians detaillierte und begeisterte Schilderungen der Schlachten des letzten Krieges auf fruchtbaren Boden fallen. Martin Baumgartner, in dem sich die Figur Kurt Waldheims spiegelt, wird aus Begeisterung für das Heer zum Nazi. Bei einem Fronturlaub besucht der ehemalige Schüler seinen früheren Lehrer und erzählt von Erschießungen im Osten, an denen er beteiligt war. Adrian wird so zu einem frühen Mitwisser von Kriegsverbrechen, doch er schweigt. Aber die Geschichte wird er nie mehr loswerden.

Frauen spielen in diesem Buch, das so sehr den Krieg ins Zentrum stellt, eine Nebenrolle - was nicht verwundert. Kriegsführung war und ist auch heute noch vorrangig ein Handwerk der Männer, Frauen müssen deshalb am Rande bleiben. Außerdem ist Adrian ein Mensch, der sich nur schwer auf Beziehungen einlassen kann. Zögerlich und verstockt strapaziert er die Geduld der Frauen, mit denen er liiert ist. So verlässt ihn seine erste Freundin Karla, ebenso Ehefrau Elfriede. Sie, die wie Adrian auch Geschichte unterrichtet, lässt sich nach dem Krieg von ihm scheiden.

Erst mit Mitte Fünfzig erlebt Adrian eine späte Liebe zu einer Engländerin, die ihren, im Ersten Weltkrieg als Deserteur verurteilten und hingerichteten Bruder, rehabilitieren will. Um diesen Teddy geht es im dritten Teil des Buches. Der zeigt Adrian, „ dass es immer auch eine andere Möglichkeit gab, schließlich konnte man sich jederzeit entscheiden, nicht mehr mitzumachen, welches Risiko auch man dafür in Kauf nehmen musste.“
Die Gespräche mit Vivian und ihre gemeinsamen Spaziergänge in den Downs helfen den beiden, ihre eigenen Kriegstraumata hinter sich zu lassen.
Die Downs, auf die schon im vorangestellten Zitat von Virginia Woolf hingewiesen wird, ziehen sich als zentrales Motiv durch den Text. Für Frau Eller sind sie ein Sehnsuchtsort und Adrian spaziert im dritten Teil durch diese Landschaft. Sie ist als Kontrast zu den Schlachtfeldern zu lesen und ermöglicht Adrian einen Perspektivwechsel. Mit dem Blick übers Meer kann Adrian mit Abstand auf seine Heimat und dessen Geschichte blicken.

Der Text ist voller Andeutungen, Verweisen und durchgängigen Motiven. Auch der sprechende Name „Adrian Reiter“ ist wohl überlegt. Der Zugang zur Adria, zum Meer wird mit Weite, Weitblick, mit Leichtigkeit verbunden. Und das alles ist verschwunden nach dem verlorenen Krieg und dem Ende der k.u. k. Monarchie. „ Wenn uns wenigstens die Adria geblieben wäre. Das Meer würde uns zu sanfteren Menschen machen.“ heißt es gleich zu Beginn im Roman. Und der Nachname „Reiter“ für einen, der nie in einem Sattel saß, aber fasziniert war von der Eleganz der k.u.k. Kavallerie, passt gleichfalls.
Im titelgebenden „Ersten Licht“ waren sowohl die Angriffe im Ersten Weltkrieg, wie auch die Erschießungen im Zweiten und die Hinrichtung des englischen Deserteurs, allesamt schicksalhafte und tragische Momente im Morgengrauen.

Im Epilog besucht der 80jährige Adrian die Lesung eines jungen Autors, in dem man unschwer Norbert Gstrein erkennen kann. Der aber wird der Einladung von Adrian nicht nachkommen, obwohl ihm dieser seine Geschichte verspricht.
In diesem letzten Teil wird auch explizit der Bezug zu Kurt Waldheim hergestellt. Steht doch der ehemalige österreichische Bundespräsident für das Beschönigen und Verdrängen der Nazi- Vergangenheit.

Mit seiner Hauptfigur hat Gstrein einen ambivalenten Charakter geschaffen, keinen Sympathieträger. Und obwohl wir alles aus seiner Perspektive erleben, stellt sich keine Nähe zu ihm ein. Seine Fixierung auf Schlachten, Formationen und kriegerischen Entscheidungen ist nicht nur für seine Ehefrau unbegreiflich. Kann man vielleicht noch Verständnis aufbringen für seine jugendliche Schwärmerei für die Kavallerie, ist seine Verklärung des Krieges später nicht mehr nachvollziehbar . Denn er hatte doch mit den Kriegsversehrten in der Villa eindringlich vor Augen, welche verheerenden Folgen ein Krieg hat. Diese jungen Männer sind stolz und siegesgewiss in den Kampf gezogen und an Körper und Seele versehrt zurückgekehrt. Viele von ihnen werden sich davon nie mehr erholen und ihr Leben selbst beenden.
Wie kann Adrian als Lehrer seine Kriegsbegeisterung an Schüler weitergeben?
Adrian ist der typische Mitläufer, der durch Kriegsverherrlichung, Anpassung und Schweigen schuldig wird.

Der Roman fordert einiges von seiner Leserschaft, nicht nur auf emotionaler Ebene. Er zwingt zum Nachdenken, eröffnet immer neue Aspekte. Gstreins lange Satzbögen erfordern Aufmerksamkeit. Dabei ist der Text elegant erzählt und von sprachlicher Brillanz.

Trotz des historischen Stoffes ist der Roman mit seinen Fragen nach Schuld, Mitverantwortung und Mitläufertum angesichts jetziger Kriege erschreckend aktuell. Zeigt er doch, dass keiner unversehrt aus einem Krieg hervorgehen kann.
„Im ersten Licht“ reiht sich somit ein in die großen Werke der Antikriegsliteratur.
Große Leseempfehlung!

Im Krieg kann man nicht unbeteiligt bleiben
Auf dem Cover ein Pferd, das seitlich nach hinten blickt. Auf der Rückseite die Information, dass es unter anderem um kriegsversehrte Männer geht in dem Buch. Ein erstes Hineinlesen und es beginnt gleich mit der Beschreibung schrecklicher Entstellungen im Gesicht. Ob das ein Buch für mich sein könnte? Da habe ich länger überlegt und war mir nicht so sicher.

Doch nun habe ich es gelesen und bin sehr froh darüber, denn es ist definitiv eines meiner Jahreshighlights! Diese Tiefgründigkeit, diese Sprache! Wie sich subtil und gleichzeitig wirkstark gewisse Metaphern immer wieder wiederholen, geschickt eingeflochten in den Fortgang der Erzählung. Von der Welt, die einmal so unschuldig gewesen war und es nie wieder sein würde. Von dem einst jungen Adrian, ein Jahr jünger als das Jahrhundert, nie als Soldat im Krieg gewesen, und doch würde auch er seine Unschuld verlieren. Vom titelgebenden ersten Licht des Tages, in dem die Ruhe der Nacht endet, in dem Kriege beginnen, in dem Verräter hingerichtet werden, oder doch Unschuldige?

Es ist ein Buch, das in mir gedanklich und emotional noch lange nachwirken wird - und ein eindringliches Plädoyer, die Schrecken der Kriege - aller Kriege! - niemals zu vergessen. Ein Thema, das gerade in der jetzigen Zeit erschreckend aktuell ist! Im ersten Weltkrieg wurden so viele Menschen verstümmelt oder getötet, ebenfalls im zweiten, in jedem anderen Krieg und auch jetzt passiert das jeden Tag!

Das Buch selbst ist in drei Teile gegliedert und jeder davon ist einem jungen Mann gewidmet, der das Leben von Adrian auf die eine oder andere Art stark geprägt hat.

Adrian Reiter - der selbst nie reitet, genauso, wie er nie in den Krieg ziehen muss - ist ein "Davongekommener", ein "Verschont-Gebliebener", oder nicht? Und heißt das gleichzeitig, er sei unschuldig geblieben und es klebe kein Blut an seinen Händen? Kann man unbeteiligt bleiben in solchen Zeiten, und wo beginnt die moralische, rhetorische, tatsächliche Mittäterschaft?

1901 geboren ist Adrian am Anfang des 1. Weltkrieges noch zu jung, um eingezogen zu werden, doch der Krieg dauert mehrere Jahre und der besorgte Vater, ein Kriegsgegner und Sozialist, sieht den Zeitpunkt, an dem auch sein Sohn einrücken würde müssen, immer näher kommen. Das will er unbedingt verhindern und sorgt mit einer Axt und mangelhafter Wundversorgung für eine Beinverletzung des Sohnes, die diesem ein lebenslanges Hinken bescheren, aber ihm gleichzeitig die Soldatenlaufbahn ersparen würde.

So begegnen wir kurz nach dem ersten Weltkrieg einem jungen Mann, der fröhlich mit seiner Freundin am Seeufer entlang marschiert und in einer Pension dort untergebrachte ehemalige Soldaten kennen lernt, die speziell im Gesicht schreckliche Entstellungen als Folge der Kriegsverletzungen aufweisen, einer davon Ernest Eller. Hier werden sie vor den öffentlichen Blicken versteckt, ihre Familien schämen sich für sie, manche täuschen lieber vor, der versehrte Sohn wäre am Schlachtfeld den Heldentod gestorben. Den Weg in die Gesellschaft zurück werden die wenigsten von ihnen wieder finden, fast alle werden sich früher oder später das Leben nehmen.

Im zweiten Teil ist Adrian mittlerweile Lehrer für Geschichte (und Englisch) und der zweite Weltkrieg naht heran. Vermutlich als Kompensation dafür, selbst nie im Krieg gewesen zu sein, schwärmt er vor seinen Schülern in höchsten Tönen von militärischen Ehren, heldenhaften Kämpfen und dem Reiterbataillon, und macht sich damit mitschuldig, naive junge Menschen für den Krieg zu begeistern. Insbesondere sein Lieblingsschüler Martin Baumgartner meldet sich freiwillig (was dessen Vater dem Lehrer nie verzeihen wird), wird zum Soldaten, zum Täter, zum Verzweifelten. Sucht immer wieder den ehemaligen Lehrer auf, wenn er ein paar Tage aus dem Krieg nach Hause kommt, wie ein lebendiges Mahnmal für dessen Mitschuld.

Schließlich geht es im dritten Teil um die andere Seite. Die beiden großen Kriege sind vorbei, seit einigen Jahrzehnten herrscht Frieden, und Adrian reist nach England, besucht dort ehemalige Bunker und lernt Vivian kennen, die jüngere Schwester von Teddy Stephen, der sich nach öffentlicher Beschämung durch das Überreichen einer weißen Feder durch die Suffragetten freiwillig als Soldat im ersten Weltkrieg gemeldet hat, entsetzt in einer aussichtslosen Schlacht fliehen wollte und dafür als Deserteur von den eigenen Kameraden erschossen wurde, im ersten Licht des Tages. Wie ist das im Nachhinein zu beurteilen? War er ein Held? Ein Verräter? Einfach ein Mensch, dem alles zu viel wurde?

In diesem umfangreichen und tiefgründigen Roman betrachten wir die erschütterndsten Kriege des 20. Jahrhunderts durch die Augen von Adrian Reiter ein bisschen von außen und sind doch tief drinnen. Emotional zeigt das Buch, dass es nicht möglich ist, ganz außen vor zu bleiben, selbst wenn man nicht aktiv in den Krieg zieht. Wir sind immer Teil des Kollektivschicksals unserer Umgebung, dieses berührt uns, und wir haben eine Verantwortung für alles, was wir tun, unterlassen und bezeugen. Und Krieg ist es schrecklich, es gibt keine Sieger.

Es ist ein überwiegend männlich dominierter Blick auf das Kriegsgeschehen und im Zentrum stehen klar (mehrheitlich junge) Männer als Kriegsbegeisterte, Zwangsverpflichtete, Soldaten, Deserteure, Opfer, Täter, Mitläufer, Zuschauer. Die wenigen Frauen, die im Roman vorkommen, nehmen eher Nebenrollen ein, und das Leid, das der Krieg auch über Frauen bringt, ist nur sehr am Rande Teil dieses Romans. Das ist keine Schwäche des sehr guten Buches, da kein Buch alles behandeln kann.

Insgesamt ist es ein großartiges, vielschichtiges, bildendes und nachdenklich machendes Werk, für das man sich Zeit nehmen sollte, um es in seiner Tiefgründigkeit wirken zu lassen. Auf fast jeder Seite finden sich bemerkenswerte Gedanken und eine eingängige Sprache, das Buch ist äußerst dicht und reichhaltig an Querverbindungen und subtilen Bezügen. Man könnte damit problemlos ein ganzes Semester eines literaturwissenschaftlichen Universitätsseminars füllen, und hätte am Ende noch immer nicht alles Diskussionswürdige besprochen. Dabei schafft der Autor aber gleichzeitig den Spagat, so unterhaltsam zu schreiben, dass es nie langweilig wird - auch wenn es sich insgesamt schon klar um ein anspruchsvolles Werk der gehobenen Literatur handelt, dem ich viele Buchpreise wünsche!

Ich kann es allen, die sich für Zeitgeschichte und hochwertige Literatur interessieren, vor detaillierten Schilderungen von Elend und Verstümmelungen nicht zurückschrecken und sich auf ein besonderes Werk einlassen wollen, von Herzen empfehlen. Für mich war es das erste Werk dieses bemerkenswerten Autors, es wird aber sicher nicht das letzte gewesen sein!

Adrian Reiter
Dieser Roman zeigt das vergangene Jahrhundert anhand eines Mannes, der 1901 geboren wurde. Adrian Reiter, ein Mann, der nicht agiert, sondern beobachtet. Mehrere Begegnungen prägen sein Leben. Es sind Menschen, die vom Krieg zerrüttet und beschädigt sind. Das gilt für den ersten wie für den zweiten Weltkrieg.

Das Buch ist teilweise bedrückend und ich habe lange gebraucht hineinzukommen. Dabei erzählt Norbert Gstrein von Anfang an präzise und mit Intensität.
Aber der Protagonist ist so zurückhaltend und passiv. Erst im dritten und letzten Teil des Buches habe ich das Gefühl endlich angekommen zu sein, als Adrian beginnt sich zu öffnen.

Das Buch ist nicht einfach, aber von Bedeutung, da es zeigt, wie Krieg das Leben der Menschen nachhaltig beeinflusst.

Ein Leseerlebnis
Norbert Gstreins Buch ist ein Leseerlebnis. Es umspannt die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit 2 Weltkriegen und wird aus dem Blickwinkel eines Mannes erzählt, dem in seiner Jugend vom Vater eine Verletzung am Bein zugefügt wird, damit er kriegsuntauglich ist. So nimmt er an keinem der Weltkriege teil. Aus dieser Außenseiterposition entwickelt sich ein spannender innerer Prozess, der ihn duch Phasen der Beschönigung, Romantisierung, Distanzierung und der abstrakten Beschäftigung mit dem ersten Weltkrieg führt. Dem allen setzt er nichts entgegen und erkennt erst spät , dass er dadurch Schuld auf sich lädt.
Am Ende seines Lebens kann er die obsessive Beschäftigung mit dem Krieg aufgeben, indem er die Frau, die er liebt durch einen tiefen Trauerprozess begleitet.
Norbert Gstrein hat sich wieder als exzellenter und kluger Erzähler erwiesen.

Menschenleben
Der Autor erzählt uns die Lebensgeschichte von Adrian Reiter. Was für ein Leben! 2 Weltkriege – und auch wenn er nie aktiv gekämpft hat, so haben diese Kriege massive Auswirkungen auf sein Leben, sein Denken und sein Selbstverständnis. Es gelingt Norbert Gstrein in beeindruckender Weise, aufzuzeigen, dass die Folgen jedes Krieges in den einzelnen Menschen andauern, dass kein Krieg beendet ist, nur weil es keine Kampfhandlungen mehr gibt. Krieg erzeugt nicht nur physische Verletzungen, sondern auch Traumata, die oft über Generationen hinweg Menschen beeinflussen.

Der Erzählstil des Autors ist wunderbar: ruhig, aber gleichzeitig eindringlich und emotional berührend. Jedes Wort ist genau richtig, jeder noch so lange Satz (Norbert Gstrein beherrscht die Kunst der langen Sätze!) passt ganz genau. Ein Roman, der flüssig zu lesen ist, obwohl er schwere Themen behandelt und oft nachdenklich macht.

Ohne Leserunde hätte ich dieses Buch nie gelesen und mir wäre ein außergewöhnliches Leseerlebnis entgangen.
Große Leseempfehlung!


Düsternis und Licht
Ein Buch über das Leben eines Professors für Geschichte, hat auf beeindruckende Weise mein Puzzle über die beiden Weltkriege, die über unser Land und unsere Familien hinweggefegt sind, erweitert und vergrößert.
Der Autor Norbert Gstrein, 1961 in Tirol geboren, hat wohl auch Großeltern und Eltern in der Sprachlosigkeit der Kriegstraumata erlebt. Mit seinem Spannungsbogen von der Zeit vor dem ersten Weltkrieg und der "Kaisertreue", über die düstere Zeit des Nationalsozialismus bis hin zur Diskussion über unseren ehemaligen Bundespräsidenten mit fragwürdigem Kriegshintergrund, erschließt uns Norbert Gstein ungemein feinfühlig und zart die Geschehnisse durch fast ein Jahrhundert. Er macht die Geschichte unseres Landes dadurch für uns Nachgeborene "be-greif-barer" und gibt dem unfassbaren Leid unserer Vorgenerationen Sprache, Gesichter - auch entstellte - und erweitert den Blickwinkel auf die unterschiedlich erlebten Realitäten.

Das Buch sensibilisiert für die fragile Kostbarkeit des Friedens und ist dadurch durchaus lichtvoll. Unbedingte Leseempfehlung!

Roman als Mahnmal!
Norbert Gstrein vermittelt uns in Romanform einen erschütternden Einblick in das kriegsgeschüttelte Österreich/Europa des zwanzigten Jahrhunderts. Sprachlich brilliant versteht es der Autor, uns die Geschehnisse beider Weltkriege und ihrer darin verstrickten persönlichen Schicksale näherzubringen. Hervorstechend ist dabei seine kompromisslos pessimistische Grundhaltung. Gstrein stattet seine Hauptfigur Adrian zwar mit dem Glück aus, an keinem der beiden Weltkriege teilnehmen zu müssen, er zeichnet ihn jedoch mit Mutlosigkeit, Selbstzweifeln und Gewissensbissen - eine hoffnungslose, fast feige Figur, rechtschaffen aber ohne Glauben an Einfluss auf andere und (deshalb) ständig am Scheitern.
Trotz des durchaus mühsamen und zähen Erzählstils, ist das Lesen des Romans empfehlenswert. Die Erzählung steht als mahnendes Beispiel dafür, welche Voraussetzungen und vor allem Nachwirkungen kriegerische Auseinandersetzungen auf persönlicher Ebene haben und hat auch als Plädoyer gegen das Vergessen des Genizids an der jüdischen Bevölkerung seine Bedeutung.

Beeindruckend - erschütternd - lesenswert
Sehr gut geschrieben, beeindruckend, erschütternd - ein wirklich lesenswertes Buch, aber für mich in der heutigen politischen und gesellschaftlichen Zeit fast nicht zu ertragen! Das "richtige" Buch zur "falschen" Zeit - so könnte ich es für mich bezeichnen.

Dieses Kadaverleuchten lebender Leichname
Geboren 1901 erlebt Adrian den Untergang der K&K Monarchie und die beiden verheerenden Weltkriege. Eine Einberufung bleibt ihm aufgrund seiner vom Vater herbeigeführten Behinderung erspart, nicht aber die Begegnung mit Männern, die schwer verletzt und traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren und ihn nachhaltig prägen.
Adrian ist kein Mitläufer, eher ein Mithinkender, nicht fähig, Stellung zu beziehen, sein Leben und seine Beziehungen aktiv zu gestalten, die Bilder und Gespenster der Vergangenheit loszulassen. Erst in den 60ern erfährt er noch eine späte Liebe in seinem Sehnsuchtsland England und so etwas wie Befreiung.
Im ersten Licht ist ein beeindruckendes Stück Literatur über die österreichische Geschichte des 20. Jahrhunderts, über Krieg und die damit einhergehenden Traumata, seelischen Verwüstungen, über Überlebende und Opfer, Gewinner und Verlierer.

Kriege hinterlassen Spuren auch in den Seelen
Norbert Gstrein schildert in seinem Roman sehr subtil tiefe Spuren von Kriegen jenseits von historisch harten Fakten; zB. für die jungen Kavaliere der Wiener jeunesse doree am Ende der Monarchie, die sich mit der Kavallerie für Kaiser, Volk und Vaterland in die Schlachten werfen durften, als körperliche und seelische Krüppel zurückgekommen sind und keinen Platz in der Gesellschaft mehr gefunden haben; für die verdiente Familie aus dem Wiener Geldadel, die wegen ihrer Herkunft einfach verschwunden ist; für den jungen begeisterten Anhänger einfacher völkischer Ideen, der als gebrochener Mensch den Krieg überlebt hat und letztlich untergeht; für die Schwester jenes englischen Soldaten, der – zu unrecht? – im Schlachtgetöse standrechtlich erschossen worden ist, und die ihr Leben lang versucht, ihn zu rehabilitieren.

Gstrein erzählt dies aus der Perspektive des Adrian, geboren 1901, vom eigenen Vater mit einem Axthieb in den Unterschenkel kriegsuntauglich gemacht, dem die Mutter eines Kavalleristen die Ausbildung zum Lehrer ermöglicht und der sich Zeit seines Lebens als Lehrer im Salzburgischen aus der Distanz mit Kriegen und Schlachten beschäftigt und dabei nicht daran denkt, sein eigenes Leben zu leben.

Der Roman ist keine „leichte Kost“. Die eher nüchterne Sprache passt meiner Meinung nach gut zu den teils düsteren und bedrückenden Schilderungen. Der Spannungsbogen erlaubt es dennoch nicht, das Buch einfach für eine Zeit wegzulegen, sondern motiviert zum Weiterlesen bis zum Ende.

Und, der Roman erzählt auch einen Teil unserer Geschichte vom Kaiserreich bis zu dem Bundespräsidenten mit subjektiven Erinnerungsschwierigkeiten, allerdings aus der Perspektive eines leicht autistisch geprägten Eigenbrötlers.

Sehr empfehlenswert für alle, die sich mit Auswirkungen von Kriegen, die über die rein journalistisch-historischen Schilderungen hinausgehen, beschäftigen wollen und vielleicht auch nachfühlen wollen, was sich in den Köpfen und Seelen unserer Vorgängergenerationen abgespielt haben könnte. Denn mein Großvater war Jahrgang 1903.

Lemberg ist gefallen
"Wir wissen, was wir verloren haben." So beginnt der Roman , der durch sein aktuelles Thema die Leserin gefangen hält. Leben wir derzeit im Schatten von kriegerischen Auseinandersetzungen und wissen nicht, was wir verlieren werden? Durch die Erzählung des Lebens von Adrian wird man durch ein ganzes Leben geführt, das mit Verlusten, Liebe und Fragen konfrontiert wird. Sehr spannend erzählt.

Exzellentes Buch
Es fällt mir schwer, meine Begeisterung für dieses inhaltlich fordernde Buch in Worte zu fassen.
Norbert Gstrein ist ein Meister des eleganten Stils. Für ihn ist Sprache die „Kleidung der Gedanken“. Er verleiht den Fakten (1914-1917, 1939-1945) ein emotionales Fundament, das sie im Gedächtnis haften lässt. Besonders fesselnd finde ich seine verführerischen Sätze, in die er beinahe unmerklich Ungeheuerlichkeiten einwebt.

Die Hauptfigur Adrian ist fasziniert vom Denken der „Führer im Weltkrieg“ und vergisst dabei, dass er selbst nur (Seite 261) ein „armer Herr Professor ist, der Soldaten für Mörder hält und sich trotzdem von ihnen angezogen fühlt. Nie ein Kind gehabt, über fünfzig Jahre alt, mutterseelenallein und ohne Sinn in der Welt. Nie einen Sohn! Nie im Krieg gewesen und ein ganzes Leben lang nur ein armer, armer Herr Professor, der alles bloß aus seinen Büchern kennt!“

Wie ein KI-Mensch analysiert er Unmengen an Kriegsdaten, ohne sie selbst zu empfinden. Bedrohlich. Erst als Adrian sechzig Jahre alt wird, sagt er zum ersten Mal: Ich schäme mich, dass ich…
Fazit: Ein Buch für kommende Generationen. Literatur kann uns zu besseren Menschen machen – denn: „Mit einem Buch in der Hand kann man nicht schießen“.


Ein wunderbares Buch - eine Zumutung!
Fast ein Jahrhundert mit Kriegen, Entstellung, Verwundungen aller Art, körperlich und seelisch - das Jahrhundert der schon Verstorbenen und heute sehr Alten - wird hier in stellenweise grausamer Genauigkeit und Schonungslosigkeit, aber in wunderbarer Sprache, lebendig.
Ich konnte das Buch kaum weglegen, es ist lebendige Geschichte in schöner, poetischer Sprache.
Warum dann eine Zumutung? Weil die Bilder, die im Kopf entstehen, schwer auszuhalten sind, die Assoziationen grausam, die Verbindung zu dem, was fast immer in der Welt geschehen ist und auch heute vielfach geschieht, nicht wegzuschieben ist. Obwohl oder gerade weil Vieles nur angedeutet, in einem Satz erwähnt wird, entfaltet es nachhaltig seine Wirkung.
Das ist für mich Literatur, ist Kunst, auch wenn die Kraft nicht bis ganz zum Ende hundertprozentig durchzuhalten ist.
Ich werde das Buch meinen Enkeln unbedingt zum Lesen geben und sehr ans Herz legen.

Maikäfer, flieg!
Stellt Euch vor, es war Krieg, und keiner erzählt: nicht von heldenhaften oder erlittenen Kampfhandlungen, nicht von Weltanschauungen, Propaganda, Kriegszielen … Stattdessen: von den Verwüstungen an Leib und Seele, die Teilnehmer des Ersten wie des Zweiten Weltkriegs davongetragen haben. Derartige Beobachtungen stellt ein Protagonist an, der selbst als „Untauglicher“ nur aus der Ferne beobachten kann, aber in seinem Beruf als Geschichtslehrer die pompösen Imaginationen von kavalleristischem Kriegsgeschehen weitergibt und so seine eigene – selbst und gesellschaftlich empfundene – ‚Minderwertigkeit‘ kompensiert. Die Folgen für die Generation seiner Schüler und besonders für einen bestimmten Stellvertreter dieser Jugend sind wiederum mörderisch.

Zugleich gibt es immer eine kritische Unterströmung, die mit einer eingeheirateten ‚Fremden‘, einer Engländerin, beginnt und auch von einheimischen Frauen getragen wird. Mit den bescheidenen Mitteln des englischen Vermächtnisses macht der Protagonist in fortgeschrittenem Alter schließlich eine Reise in ehemaliges ‚Feindesland‘ und stellt fest, dass die Menschen dort freundlich und die Kriegsgeschichten vermutlich genauso verlogen und inhuman sind wie in seiner eigenen Heimat. Mit dieser späten (Selbst-) Erkenntnis geht dann auch eine späte Liebe einher.

So weit, so unspektakulär und gerade dadurch aufschlussreich: Alltägliche Episoden werden in einfacher und zugleich sehr genauer Sprache geschildert, Vergleiche und Metaphern prägen sich ein und lenken den Blick auf eindrückliche Szenerien wie die der operettenhaften Kriegsführung durch die k. und k. Armee im Ersten Weltkrieg, aber auch den Standesdünkel und die Weltfremdheit der ‚höheren‘ Gesellschaftsschichten. So offenbart sich die Bedeutung des vermeintlich Kleinen im größeren Zusammenhang: durch das Erzählen von (fast) einem Jahrhundert im Erleben eines kleinen Mannes, der erst nach einer Phase der geistig-seelischen Erblindung – wie ein Kriegsversehrter – quasi wieder sehend wird: „[…] am meisten Angst gehabt hat er im ersten Licht“ (S. 83).

Seelische Versehrtheit
Norbert Gstrein erzählt in seinem neuen Roman "Im ersten Licht" von den physischen und psychischen Verletzungen, die der Krieg in den Menschen hinterlässt – Verletzungen, die nicht verheilen, sondern ein Leben lang nachwirken. Die erlebten Traumata sind allgegenwärtig und prägen Biografien weit über das eigentliche Kriegsgeschehen hinaus - für die Überlebenden - Täter, wie Opfer - aber auch für Hinterbliebene, Freunde und Verwandte.
Adrian bildet dabei eine scheinbare Ausnahme: Alle waren im Krieg, nur er nicht – sein Vater bewahrte ihn durch einen brutalen Schlag aufs Bein vor der Einberufung. Doch gerade diese Abwesenheit vom Krieg wird zu einer eigenen Last. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg lässt ihn sein Leben lang nicht los und führt in seinem Fall zu einer bedrückenden Sprachlosigkeit, völliger Talentlosigkeit zu Zuneigung und Liebe, ja geradezu zu einer seelischen Invalidität, die sein Leben bestimmt.
Gstreins Sprache wirkt seltsam aus der Zeit gefallen, von einer ruhigen, schwermütigen Präzision getragen, die dem Text eine eigentümliche Schwere und Nachdenklichkeit verleiht. Mich hat das Buch stark an den Ton des Buches "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil, in dem Denken, Zögern und innere Spannungen wichtiger sind als äußere Handlung. Gleich diesem Klassiker ist die Lektüre von "Im ersten Licht" Knochenarbeit, selten belohnt durch freudvolle Lichtmomente.

Österreichische Zeitgeschichte
Dieses Buch beschreibt beeindruckend die physischen und psychischen Verletzungen, die die Menschen im Krieg erleiden. Egal, ob sie an der Front gekämpft haben oder zu Hause bleiben durften/mussten, die Folgen sind präsent und die erlebten Traumata verfolgen die Menschen ein ganzes Leben lang. Es zeigt auch eindrucksvoll wie jeder auf seine Art und Weise ums Überleben kämpft. Ein Buch, das in der Schule als Pflichtlektüre eingeführt werden sollte!

Ein Buch über den Krieg
Wenn man sich auf das langsame Erzähltempo Gstreins einlässt, dann entfaltet sich auf leise und brillante Weise ein Bild des Ersten und Zweiten Weltkriegs mit all ihren Implikationen, menschlichen Verwicklungen und ethischen Folgen. Gstrein gelingt es, all das, was wir heute über diese historischen Ereignisse in den Geschichtsbüchern finden, in Literatur zu übersetzen. Wir folgen seinem „merkwürdigen“ Protagonisten Adrian Reiter, der 1901 geboren ist und beide Kriege mit- und überlebt, v.a. weil sein Vater ihn als Jugendlichen absichtlich mit der Axt am Unterschenkel verletzt und somit untauglich gemacht hat. Er bleibt also verschont, aber nicht schuldlos. Adrian ist keine Figur, der man als Leser nahekommen kann, eher ein ‚Mann ohne Eigenschaften’, der diesem Rat folgt: Das Leben „kann Ihnen jederzeit in der Luft zerplatzen. Sie können morgen schon tot sein! Befreien Sie sich davon und suchen Sie sich irgendeines aus, das auf Sie wartet, und machen Sie es zu Ihrem.“ (99) Und so ist der Roman aufgebaut. Im ersten Teil ist Adrian tief beeindruckt von „Ernest Eller“, der als Invalide mit entstelltem Gesicht aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt. Im zweiten Teil ist es sein Schüler Martin Baumgartner, der der nationalsozialistischen Ideologie verfällt und euphorisch in den Zweiten Weltkrieg zieht. Schließlich taucht er in die Erfahrungen des englischen Kriegsverweigerers Teddy Stephen ein (3.Teil). Adrian überlebt sie alle drei und hat „in beiden Kriegen … sonst nichts getan, was nur irgendjemandem geholfen hatte, am Leben zu bleiben“. (S.282) Diese Scham, diese seelische Invalidität prägt sein weiteres eigenes Leben, um das auch er durch diese Kriege gebracht worden ist. Am Ende des Romans wartet er vermeintlich auf einen jungen Autor, der seine Lebensgeschichte aufschreiben könnte. Aber selbst die Möglichkeit, auf diese Art zumindest an die Kriegsschicksale zu erinnern und sie vor dem Vergessen zu retten, bleibt ihm verwehrt. Die jüngere Generation ist schlichtweg nicht interessiert. Für uns hat Gott sei Dank Norbert Gstrein diese Aufgabe übernommen. Dieser Roman gehört auf jede Leseliste – gerade jetzt!

Die österreichische Seele
Adrian Reiter, Protagonist und Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts ist ein unnahbarer, rätselhafter Mann, der mich oft verwirrt und ratlos zurückgelassen hat. Obwohl er das Glück hatte, an beiden Weltkriegen, die er miterlebt hat, nicht aktiv teilnehmen zu müssen, bleiben ihm Kriegstraumata, über die er erst sehr spät mit ausreichender Distanz sprechen kann. Dabei fällt der Satz, dass er sich schämt. Für mich die Quintessenz dieser Geschichte eines Nicht-Helden.

Die Sprache des Buches wirkt auf mich stellenweise schwadronierend und damit etwas anstrengend zu lesen. Der Schreibstil zwingt dazu, innezuhalten, Sätze mehrmals zu lesen und erzeugt damit eine Stimmung, die einem Gespräch mit einem fast Hundertjährigen wohl ähnlich ist. Insgesamt wirkt die Lebensgeschichte des Adrian Reiters für mich sehr grau und trostlos, besonders die beklemmende Zeit des zweiten Weltkriegs und die hilflose Sprachlosigkeit der Nachkriegsjahre geht sehr unter die Haut.
Das gemächliche Begleiten durch das Leben des Lehrers für Geschichte und Englisch, der erst in der Pension nach England reist, ist ein Dabei-Zusehen, wie Verdrängung, Wegschauen, Nicht-Wahrhaben-Wollen und sich schadlos halten seine Spuren hinterlässt. Es wirft die Frage auf, wie ich mich selbst durch diese schwierigen Zeiten durchlaviert hätte?
Keine leichte Kost, kein Page-Turner, geht bedrückend tief unter die Haut und wirkt lange nach.

"Waren Sie eigentlich im Krieg?"
Diese an Versagen mahnende Frage begleitet den Protagonisten Adrian sein ganzes Leben. Und dennoch hat sich auch bei ihm der Krieg und seine Grausamkeit eingenistet und löst sich nicht auf. Wie viele Ukrainer etc. etc. stellen sich diese beißende Frage selbst? Schaurig.
Und: Wieviel Erinnerung ist gesund und wann beginnt sie krank zu machen?
Und: Wahrheiten werden nicht ausgesprochen.
Ein Anti-Kriegs-Buch mit hoher sprachlicher und erzählerischen Qualität - und einem gelungenen Spannungsbogen, der sich mehr und mehr zu einer großen Anklage gegen den Krieg aufbaut.

Licht und Schatten in vielen Nuancen
Ein Buch vor seinem Erscheinungsdatum lesen zu können, ist eines der Privilegien als Mitglied der Heyn-Leserunde. Es fühlt sich an, als wäre ich der erste, der seine Schritte in frisch gefallenen Schnee setzt. Daneben finden sich noch keine Spuren von Literaturkritiker*innen, die sehr bald schon Norbert Gstreins Roman „Im ersten Licht“ in eben dieses rücken werden. Das Licht, das dieses Werk verströmt, macht die Absurditäten und Grausamkeiten zweier Weltkriege sichtbar, die zwielichtigen Zeiten dazwischen und danach, ebenso die scheinbaren Gewinner und Verlierer, Befürworter, Gegner, Mitläufer. Mittendrin der Anti-Held Adrian, der, selbst auf seine Weise ein Kriegs-Versehrter, zwischen allen Positionen und Hierarchien laviert, und so lange wegschaut, bis ihm nichts anderes übrig bleibt als hinzuschauen. Vielleicht deckt Adrian Reiter, der niemals geritten ist, sogar ein hochbrisantes Faktum um einen ehemaligen umstrittenen Bundespräsidenten auf. Norbert Aus den Schattenseiten Österreichs führt der Erzählstrang bis in das helle Licht der Downs nach Südengland. Norbert Gstrein schreibt elegant, mit großem Schwung, frei von Pathos, obwohl es oft um Pathos geht. Ich wünsche dem Autor, dass sich viele Leser*innen auf diese sieben Jahrzehnte umspannende Geschichte einlassen.

„Wir hätten das Meer nicht verlieren dürfen.“
Norbert Gstrein verwendet in seinem Buch eine ausgewählte, bedachte Sprache und lässt den Leser am Leben des Protagonisten Adrian teilhaben. Er spannt einen Bogen fast über ein ganzes Jahrhundert und da es sich um das 20. Jahrhundert handelt, geht es natürlich auch um die Sinnhaftigkeit von Krieg, um Kriegsverletzte und Kriegsverweigerer. Ich finde, es ist dem Autor großartig gelungen dieses leider zeitgemäße und tagesaktuelle Thema sehr fein und nicht mit erhobenen Zeigefinger sondern äußerst spannend mit dieser Geschichte zu erzählen. Was es mit meinem Lieblingssatz „Wir hätten das Meer nicht verlieren dürfen“, auf sich hat, erfahren Sie, wenn Sie dieses besondere Buch lesen.

Der lange Schatten des Krieges
Alle waren im Krieg, nur Adrian nicht, sein Vater hat ihn durch einen Schlag aufs Bein der Einberufung entzogen.
Der Krieg ist trotzdem immer präsent, das ist bis zum letzten Kapitel spürbar, und er betrifft jeden, die Hinterbliebenen, die Versehrten, die Vertriebenen, Täter und Opfer, und auch Adrian, der gar nicht dabei war.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg lässt ihn sein Leben lang nicht los.
Das Buch erzählt österreichische Geschichte, vom Ende der Monarchie („wir hätten das Meer nicht verlieren dürfen“) fast bis zur Gegenwart, sehr genau und kritisch betrachtet, vielschichtig und mit feiner Ironie geschrieben.
Ein Buch, das man langsam lesen sollte, Geschichtskenntnisse sind dabei von Vorteil. Beeindrucken finde ich die langen Sätze, die gelegentlich mittendrin einen Haken schlagen und anders weitergehen als man vermutet.
Als Adrian gegen Schluss in den englischen Downs Ruhe und etwas Glück findet, ist es ihm zu gönnen, für mich flacht die Geschichte dann eher ab.
Trotzdem bleibt es ein spannendes und außergewöhnliches Buch.

Kriegstraumata
Dieses Buch zeigt mir, wie man nach den großen Kriegen mit Kriegsversehrten und Kriegstraumata umgegangen ist. Nicht nur die versehrten Heimkehrer, sondern auch jene die nicht an die Front mussten, hatten ihren Schaden davongetragen. Es zeigt was es heißt, von der Gesellschaft als Kriegsverweigerer, als Entstellter, als Deserteur verurteilt zu werden. Die Zeit heilt die wenigsten Wunden!
Ein großartiges Buch das meine Aufmerksamkeit sehr in Anspruch genommen hat. Nur so "nebenher" mal ein paar Seiten zu lesen geht hier definitiv nicht.
Große Empfehlung!

Die stille Wirkung der Vergangenheit
Im ersten Licht von Norbert Gstrein lässt sich gut und flüssig lesen, auch wenn das Thema kein leichtes ist. Obwohl ich eigentlich nicht auf Kriegsgeschichten eingestellt war, hat mich das Buch dennoch erreicht – vielleicht gerade wegen seiner ruhigen, fast zeitreisenden Erzählweise. Gstrein erzählt Geschichte nicht laut oder dramatisch, sondern leise, nachdenklich und sehr lebendig, fast so, als würde man durch vergangene Zeiten wandern.

Im Mittelpunkt steht Adrian, eine Figur, die sich dem Leser nicht sofort erschließt. Er bleibt oft verschlossen, beobachtend und innerlich zerrissen – jemand, der vieles mit sich selbst ausmacht. Genau das hat es mir manchmal nicht leicht gemacht, ihm näherzukommen. Gleichzeitig passt diese Distanz gut zur Zeit und zur Stimmung des Buches. Man ist beim Lesen oft nah am Geschehen und fühlt sich trotzdem ein Stück davon entfernt. Gerade diese Distanz macht den Roman stellenweise anspruchsvoll.

Der Roman entfaltet seine Stärke vor allem dort, wo persönliche Schicksale mit historischer Realität verwoben werden. Gstrein zeigt, wie der Krieg auch nach seinem Ende nachwirkt – nicht nur körperlich, sondern vor allem seelisch: in Gedanken, in Beziehungen und im Alltag. Dabei verlangt das Buch Vorwissen und Aufmerksamkeit. Ohne geschichtlichen Hintergrund hätte ich manche Passagen wahrscheinlich als nüchtern oder sogar langatmig empfunden. Mit diesem Wissen wirken sie jedoch nach und verleihen dem Text Tiefe und Bedeutung.

Alles fühlt sich beim Lesen etwas verlangsamt an. Das Buch ist nicht anstrengend, aber auch keines, das man einfach so „verschlingt“. Man liest langsamer, denkt mehr nach, manchmal fühlt man sich sogar ein wenig beklemmt. Ich konnte nicht immer sagen, ob mich die Geschichte eher angezogen oder abgestoßen hat – genau das macht sie aber auch besonders.

Am Ende bleiben vor allem leise, menschliche Momente im Gedächtnis. Im ersten Licht ist kein typischer Roman, sondern ein stilles, etwas schräges Buch: nicht schwer zu lesen, aber auch nicht nebenbei konsumierbar – eines, das man auf sich wirken lassen muss.

Im ersten Licht
Norbert Gstrein erzählt uns fast ein ganzes Menschenleben. Sein Held Adrian hat weder im ersten noch im zweiten Weltkrieg gedient und doch sind es diese beiden Jahrhundertereignisse, die sein Leben prägend beeinflussen, mehr noch seine Nichtteilnahme an den selbigen. Gstrein erweist sich als meisterhafter Erzähler und doch konnte er mich nicht restlos für seine Figuren und seine Geschichte begeistern. Während mich der erste Teil des Buches in seinen Bann gezogen hat, verliert sich mein Interesse zunehmend mit Fortschreiten der Handlung.

Das Buch der Stunde
Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes Leben zerbrechlich in diesem Roman, der mit einem Axthieb beginnt: Adrians Vater macht ihn als Jugendlichen untauglich für den Ersten Weltkrieg, rettet ihn so vielleicht. Der störrische, zärtliche Mensch, der von da an durch über achtzig Lebensjahre hinkt, ist das Wunder dieses Erzählens. Adrian sieht zweimal seine Welt untergehen, hat zweimal mit jungen Männern zu tun, die weniger Glück hatten als er, und erlebt im Alter die unverhoffte Liebesgeschichte eines Mannes, der zu allem erzogen wurde, bloß nicht zum Lieben. Wie leben im Schatten der Kriege und des Tötens? Mit einem furchtlosen Blick in die Vergangenheit stellt sich »Im ersten Licht« dieser großen Frage der Gegenwart.

Fazit: "Im ersten Licht" ist ein Antikriegsbuch und gleichzeitig ein Roman über die Verletzungen eines ganzen Lebens. Grausame Verstümmelungen, Lügen und Massenwahn sind unter anderem Thema des Buches. Und am schlimmsten sind die dran, die erkennen müssen, dass sie sogar Herz und Seele verloren haben. Das Buch der Stunde.

Im ersten Licht
Adrian erlebt ein Jahrhundert mit 2 Weltkriegen und vielen Veränderungen. Er hat viel Glück und findet eine späte Liebe.
Der Autor erzählt großartig über Krieg und Frieden, und ein Leben voller Erinnerungen und Wunder.

Zu allem erzogen, bloss nicht zum Lieben
Dieses Buch ist keine historische Panorama-Erzählung, sondern eine zurückhaltende Spurensuche. Der Roman begleitet Adrian, geboren 1901 in einem Tiroler Bergdorf, über mehr als acht Jahrzehnte bis tief ins späte 20. Jahrhundert. Der Einstieg ist brutal und programmatisch zugleich. Um seinen Sohn vor dem Wehrdienst zu retten, schlägt sein Vater ihm eine Axt ins Bein. Von diesem gewaltsamen Akt der Liebe aus zieht sich die körperliche Versehrtheit (das Hinken) wie ein roter Faden durch das Buch – als ständige Erinnerung an die Kontingenz von Überleben.
Gstreins Prosa ist erstaunlich distanziert aber akkurat, er urteilt nicht, er zeigt einfach, wie es gewesen sein könnte, und lässt eine Art moralischer Unruhe bei Leser:innen zurück.
Selten hat mich ein Buch so zwiegespalten zurück gelassen wie dieses. Es ist ohne Zweifel ein Jahrzehnteroman, ein Stück Literatur, über das wir noch lange sprechen werden. Nichtsdestotrotz hatte ich enorme Probleme eine Beziehung zu Adrian aufzubauen.
Die zentrale Fragestellung des Romans „Wie überleben im Schatten des Krieges“, beantwortet sich mir durch stoisches Durchhalten – vielleicht war das ein Punkt, der mir zu schmerzhaft vor Augen geführt hat, dass wir alle mehr oder weniger ohne Gegenwehr gegenwärtige Geschehnisse hinnehmen.