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Rezensionen

Rezensionen von HEYN Leserunde H. Schellander

Autor: Tanja Kokoska

Fortsetzung im eigenen Leben - 4 Sterne

Der Buchtitel ist an Alltäglichkeit nicht zu übertreffen, ebensowenig wie der Schauplatz, eine große Siedlung am Rande einer Stadt und die Menschen, die darin wohnen. Aus der Vogelperspektive aber, die von Tanja Kokoska schon auf der ersten Seite eingenommen wird, verweben sich die individuellen, durchaus ungewöhnlichen Schicksale zu einem faszinierenden Geflecht. So wird aus dem sich anfangs etwas schleppenden Roman ein liebevolles und humorvolles Plädoyer für Vielfältigkeit und Empathie. Und ich spüre den augenzwinkernden Hinweis der Autorin, für eine Fortsetzung dieser Lektionen im eigenen Leben zu sorgen.
von HEYN Leserunde, Harald Schellander - 2026-06-05 14:04:00
Autor: Florence Knapp

Über die eigenen Schatten springen - 4 Sterne

Ein einfacher Titel, eine Ausgangssituation, drei komplexe Geschichten … und eine große Marketingkampagne. Der Aufwand, der rund um den Debütroman „Die Namen“ der Britin Florence Knapp betrieben wird, schreckt mich eher ab. Da war in ähnlich gelagerten Fällen in den letzten Jahren oft nur heiße Luft dahinter. Nach dem ersten Kapitel will ich das Buch eigentlich nicht mehr lesen. Die Schilderung häuslicher Gewalt in der Familie, um die sich in diesem Roman alles drehen wird, ist wie ein Schlag in die Magengrube. Das bessert sich auch in den folgenden beiden Kapiteln nicht. So kann es doch nicht die ganze Zeit weitergehen, denke ich mir, und lasse mich dann doch hineinziehen in dieses Gedankenkonstrukt, das viele Fragen aufwirft über sich und das eigene Leben. In welche Familie hast du das Glück oder Unglück hineingeboren zu sein? Was wird dir an Liebe, Zu- oder Abwendung mitgegeben? Gilt es, sich zu fügen oder zu befreien? Wird dir Hilfe angeboten und wenn ja, kannst du sie erkennen und annehmen? Welche Abzweigungen an den Wegkreuzungen des Lebens nimmst du und wohin führen sie dich? Zum Schluss steht für mich fest: Das Buch ist die Bewerbung wert. Manchmal lohnt es sich doch, über die Schatten der eigenen Lesegewohnheiten zu springen …
von HEYN Leserunde, Harald Schellander - 2026-04-12 21:47:00
Autor: Norbert Gstrein

Licht und Schatten in vielen Nuancen - 5 Sterne

Ein Buch vor seinem Erscheinungsdatum lesen zu können, ist eines der Privilegien als Mitglied der Heyn-Leserunde. Es fühlt sich an, als wäre ich der erste, der seine Schritte in frisch gefallenen Schnee setzt. Daneben finden sich noch keine Spuren von Literaturkritiker*innen, die sehr bald schon Norbert Gstreins Roman „Im ersten Licht“ in eben dieses rücken werden. Das Licht, das dieses Werk verströmt, macht die Absurditäten und Grausamkeiten zweier Weltkriege sichtbar, die zwielichtigen Zeiten dazwischen und danach, ebenso die scheinbaren Gewinner und Verlierer, Befürworter, Gegner, Mitläufer. Mittendrin der Anti-Held Adrian, der, selbst auf seine Weise ein Kriegs-Versehrter, zwischen allen Positionen und Hierarchien laviert, und so lange wegschaut, bis ihm nichts anderes übrig bleibt als hinzuschauen. Vielleicht deckt Adrian Reiter, der niemals geritten ist, sogar ein hochbrisantes Faktum um einen ehemaligen umstrittenen Bundespräsidenten auf. Norbert Aus den Schattenseiten Österreichs führt der Erzählstrang bis in das helle Licht der Downs nach Südengland. Norbert Gstrein schreibt elegant, mit großem Schwung, frei von Pathos, obwohl es oft um Pathos geht. Ich wünsche dem Autor, dass sich viele Leser*innen auf diese sieben Jahrzehnte umspannende Geschichte einlassen.
von HEYN Leserunde, Harald Schellander - 2026-02-01 12:57:00
Autor: Nina George

Da passt einfach (fast) alles - 5 Sterne

Mein erstes Buch, das ich von Nina George las … und ab jetzt bin ich ihr Fan! Da passt einfach (fast) alles: Die Story ist ab der ersten Seite spannend und wird von Georges unvergleichlicher Erzählweise getragen. Wie zum Beispiel das wahre, verleugnete Selbst mit dem fremdbestimmten Teil der Hauptfigur kommuniziert, ist ein literarisches Meisterstück. Auch, wie diese Geschichten der Selbstfindung und - ermächtigung aus der Sicht dreier Frauen geschildert wird und mit ihnen das Schicksal vieler Frauen umfasst. Das nur „fast“ alles passt, bezieht sich auf das Ende, das für mich nach einem Showdown in Zeitlupe dennoch abrupt und viele Fragen offen lassend ist. Als neuer Fan von Nina George vergebe ich natürlich trotzdem 5 Sterne und warte gespannt auf die vielleicht schon geplante Fortsetzung.
von HEYN Leserunde, Harald Schellander - 2025-11-05 17:55:00
Autor: Julia Engelmann

Doch keine verschwendete Zeit - 4 Sterne

Als ich auf Seite 60 ankam und las „… ich fühlte wenig, außer der leisen Gewissheit, dass ich meine Zeit verschwendete“, konnte ich der Protagonistin, der 15 jährigen Charlie, nur zustimmen. Doch ich hielt durch und wurde mehr und mehr mit Erinnerungen an meine eigenen Jugendjahre belohnt. Genau so hat sich das manchmal angefühlt, nicht zu wissen, wozu ich auf der Welt bin und wo mein Platz ist. Die endlosen Gedankenschleifen und das alles. Die Sorgen der Eltern, die ebenso klugen wie banalen Ratschläge der älteren Generation. Freunde gewinnen und verlieren. Und die große Frage, wie man jemand für jemanden werden kann. Um die Erfahrungen und das Lebensgefühl aus der Sicht Charlies zu erzählen, verwendet Julia Engelmann in ihrem Debütroman „Himmel ohne Ende“ bewusst eine einfache, doch zu Herzen gehende Sprache. Es ist ihr zu wünschen, dass sie damit an ihre Erfolge als Poetry Slamerin, deren Stil sie in einigen Passagen treu bleibt, anknüpfen kann. Den jugendlichen LeserInnen lege ich das Buch besonders ans Herz … und nicht nur diesen. Denn jung waren wir alle einmal.
von HEYN Leserunde, Harald Schellander - 2025-09-09 19:23:00
Autor: Leon Engler

Keine Gebrauchsanweisung für das Leben - 3 Sterne

Definitiv keine Sommerlektüre! Nach den ersten 50 Seiten lege ich das Buch weg. Diese Aufarbeitung einer Familiengeschichte voller Alkoholsüchten, Depressionen, ungel(i)ebter Leben möchte ich in der hellsten Zeit des Jahres nicht lesen. Erst ein paar Tage vor dem Abgabetermin für die Rezension in unserer Heyn-Leserunde greife ich aus Pflichtbewusstsein wieder zu Leon Englers Text. Und werde dann dank seinen Gaben zum genauen Hinschauen und präzisen, schonungslosen Formulierungen, die in raren Momenten auch Ironie aufblitzen lassen, gefesselt. Zum Beispiel von Sätzen wie diesen: „Während ich versuche, meine Patienten besser zu verstehen, versuche ich auch, meine Familie besser zu verstehen. Die Patienten sind ratlos, ich bin ratlos. In der Ratlosigkeit begegnen wir einander. Dort wird es interessant, existentiell. Auch ich habe keine Gebrauchsanweisung für das Leben. Ich wünschte, ich könnte diesen Menschen das geben, was ihnen eine Flasche Wodka gibt.“ Zum Schluss bin ich dankbar, dass der Autor jenen seine Stimme leiht, die am Rande der Gesellschaft stehen beziehungsweise dorthin gestellt werden. Und dabei seine eigene Stimme zu finden scheint.
von HEYN Leserunde, Harald Schellander - 2025-08-02 21:26:00
Autor: Clare Leslie Hall

Was wohl Psycholog*innen dazu sagen? - 2 Sterne

Im englischen Original lautet der Buchtitel „Broken Country“ und am Cover fliegt ein Vogel über einen See. In der deutschen Version ist alles weniger sophisticated verpackt, vielleicht gilt das auch für die Übersetzung. Nach den ersten 30 Seiten frage ich mich, ob ich in einem Rosamunde-Pilcher-Roman gelandet bin und ob das so weitergehen wird. Die Erzählperspektive aus der Sicht der zentralen Figur Beth ist ermüdend, oft unlogisch und kann die Motive der Romanfiguren nur unzureichend beschreiben. Zu gerne würde ich erfahren, ob Psycholog*innen deren Handlungsweisen als schlüssig empfinden. Immerhin bietet die Geschichte einige überraschende Wendungen mit einer Dramatik, die über das gängige Liebesroman-Niveau hinausreicht. Zum Schluss verdrücke ich sogar ein paar Tränen … ein wenig über das kitschige Ende aber noch mehr aus Freude darüber , dass es endlich aus ist.
von HEYN Leserunde, Harald Schellander - 2025-06-08 15:31:00
Autor: Katharina Köller

Jede Seite lesenswert - 5 Sterne

Wer ist hier die Gold- und wer die Pechmarie? Das blonde scheinbar unschuldige Mäderl Marie, das es allen recht machen will und aus deren Perspektive Katharina Köller die Geschichte erzählt? Oder ihre Cousine Johanna, die unangepasste, verstummte Naturliebende? In der archaischen Tiroler Bergwelt, in die Marie gleich zu Beginn zu Johanna flüchtet, offenbaren die beiden konträren Figuren langsam und vorsichtig ihre wahren Gesichter und Geschichten. „Ich hab mich selbst aus dem Blumentopf gerissen und begonnen wild zu wuchern“, sagt Marie knapp vor dem Showdown. Für ihren Roman „Wild wuchern“ erfindet die Autorin eine ganz eigene, sehr österreichische Sprache, die mich sofort mitnimmt in diese beklemmenden Frauengeschichte(n) inmitten von (Ur)Gewalten. Kein Satz zuviel und jede Seite wert, gelesen zu werden!
von HEYN Leserunde, Harald Schellander - 2025-03-28 19:23:00
Autor: Takis Würger

Herzerwärmend - 5 Sterne

Eine so herzerwärmende, schnörkellose Liebesgeschichte habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Takis Würger hat sich als Autor offensichtlich selbst in die von ihm geschaffenen zwei Protagonist*innen Hannes und Polina verliebt, so gut sind sie ihm (und auch das andere Personal des Romans) gelungen. Trotzdem kann Würger die Distanz zu seinen Figuren wahren, was neben der genauen Beobachtungsgabe und dem trockenen Humor das Werk nahezu kitschfrei macht. Dazu zählt zum Beispiel der Moment, in dem Hannes sich in Polina verliebt. In seinem Gefühlschaos setzt sich Hannes, der fast autodidaktisch zu einem talentierten Pianisten geworden ist, ans Klavier und komponiert eine Melodie, in der er sein Staunen, seine Sehnsucht und Hoffnung und Polinas Wesen ausdrückt. Beinahe kann ich Polinas Melodie hören, die zur Triebfeder für Hannes und zum Leitmotiv der Geschichte wird, die auch beim zweiten Lesen nichts an Faszination verliert.
von HEYN Leserunde, Harald Schellander - 2025-02-03 11:53:00
Autor: Victor Lodato

Das Beste ist das Cover - 3 Sterne

Das schwarz-weiße Cover mit dem Profilfoto einer gestylten älteren Dame sticht auf jedem Büchertisch hervor. Endlich rückt eine sonst eher vernachlässigte Generation ins Rampenlicht, denke ich mir. Damit die Story der 82jährigen „Honey“ (selten war ein Spitzname so treffend unpassend gewählt) jedoch etwas hergibt, fährt Victor Lodato mit so ziemlich jedem Klischee des american way of life auf. Für meinen Geschmack, trotz einiger köstlicher Szenen mit Sprachwitz, zu viel Extravaganz und Parfum mit zu wenig Inhalt und Sinn. Was mir am Ende in Erinnerung bleibt? Das eindrückliche Cover.
von HEYN Leserunde, Harald Schellander - 2024-12-13 22:17:00