Lichtungen
Roman | »Ein sehr schönes, stilles, kraftvolles Buch« Thea Dorn, Literarisches Quartett
Hardcover
Klett-Cotta (2024)
256 Seiten; 21 cm x 12.8 cm
ISBN 978-3-608-98770-6
versand- oder abholbereit innerhalb von 3 Werktagen
Text der Buchrückseite
»Du hättest zurücksehen müssen, dachte er, allein um zu wissen, ob sie sich nach dir umgewandt hat.«
Zwischen Lev und Kato besteht seit ihren Kindertagen eine besondere Verbindung. Doch die Öffnung der europäischen Grenzen weitet ihre Lebensentwürfe und verändert ihre Beziehung für immer. Voller Schönheit und Hingabe erzählt Iris Wolff in ihrem großen neuen Roman von zeitloser Freundschaft und davon, was es braucht, um sich von den Prägungen der eigenen Herkunft zu lösen.
»Dieser Roman lebt von einer unglaublich zärtlichen Sprache, die einem unter die Haut geht. Das ist ein ganz großes literarisches Kunstwerk.«
Denis Scheck, druckfrisch
»Ein großartig gegenwärtiges Buch.«
Andreas Platthaus, FAZ
Hauptbeschreibung
Shortlist Deutscher Buchpreis 2024
Ausgezeichnet mit dem Uwe-Johnson-Preis
»Du hättest zurücksehen müssen, dachte er, allein um zu wissen, ob sie sich nach dir umgewandt hat.«
Zwischen Lev und Kato besteht seit ihren Kindertagen eine besondere Verbindung. Doch die Öffnung der europäischen Grenzen weitet ihre Lebensentwürfe und verändert ihre Beziehung für immer. Voller Schönheit und Hingabe erzählt Iris Wolff in ihrem großen neuen Roman von zeitloser Freundschaft und davon, was es braucht, um sich von den Prägungen der eigenen Herkunft zu lösen.
Als der elfjährige Lev über Wochen ans Bett gefesselt ist, wird ausgerechnet die gescheite, aber von allen gemiedene Kato zu ihm ans Krankenbett geschickt, um ihm die Hausaufgaben zu bringen. Zwischen dem ungleichen Paar entsteht eine unverbrüchliche Verbindung, die Lev aus seiner Versteinerung löst und den beiden Heranwachsenden im kommunistischen Vielvölkerstaat Rumänien einen Halt bietet. Ein halbes Leben später läuft Lev noch immer die Pfade ihrer Kindheit ab, während Kato schon vor Jahren in den Westen aufgebrochen ist. Geblieben sind Lev nur ihre gezeichneten Postkarten aus ganz Europa. Bis ihn eines Tages eine Karte aus Zürich erreicht, darauf nur ein einziger Satz: »Wann kommst du?« Kunstvoll und poetisch verwandelt Iris Wolff jenen Moment in Sprache, wenn ein Leben ans andere rührt, und zeichnet in ihrem großen europäischen Roman das Porträt einer berührenden Freundschaft, die sich als Reise in die Vergangenheit offenbart und deren Leuchten noch lange nachklingt.
Hersteller: J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger GmbH
Rotebühlstraße 77, 70178 Stuttgart DE
E-Mail: produktsicherheit@klett-cotta.de, Telefon: +49 711 6672-0
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Die Verbindung zweier Menschen
Iris Wolff nimmt uns in "Lichtungen" in eine Zeitreise der beiden Protagonist:innen. Das besondere dabei: die Geschichte wird rückwärts erzählt. In neun Kapitel, ausgehend von der Gegenwart, tauchen wir in die Vergangenheit Levs und Katos bis in ihre Kindheitstage. Die Erzählerin folgt dabei Levs Werdegang und seinen Erinnerungen an Kato. Die Sprache der Autorin ist poetisch und das Tempo ist gemäßigt, ruhig, plätschert so dahin. Die einzelnen Kapiteln sind Momente / kurze Ausschnitte des jeweiligen Lebensabschnitts, erst zum Ende - angekommen in der Kindheit Levs - schließen sich so langsam die Kreise und man kann nachvollziehen, weshalb die Autorin die jeweiligen Ereignisse als Erzählung gewählt hat. Besonders schön ist es zu lesen, wie Lev Kato wahrnimmt, mit welcher Liebe, welchen Details und welcher Hingabe. Kato ist speziell und man spürt ihre Warmherzigkeit regelrecht beim Lesen. Die Beschreibungen von Lev selbst hingegen waren für mich eher blass und ich konnte seinen Charaktere über weite Strecken nicht einschätzen. Auch die Beschreibungen Rumäniens, mit den unterschiedlichen Ethnien und der bewegten Geschichte, finden ihren Platz, die Sehnsucht nach Althergebrachten und der freien Welt sind spürbar, bleiben aber für mich trotzdem eher oberflächlich beschrieben.
Für mich war das Buch - vor allem in der ersten Hälfte - ehrlichgesagt eher reizlos. Irgendwie verspürte ich Monotonie, es passierte nicht viel, die uneinschätzbaren Zeitsprünge verwirrten teilweise. Je kindlicher die Kapitel waren, desto mehr konnte ich mit dem Erzählten anfangen. Vielleicht lag es an der kindlichen Naivität, die nachvollziehbarer ist. Vielleicht sollte diese Veränderung zwischen Kindheit und Erwachsensein auch der Kern sein. Komplett einnehmen konnten mich aber leider weder die Figuren oder die Atmosphäre, noch die Geschichte selbst. Ja, die Verbindung zwischen den beiden ist zu spüren, ja, ihre Geschichte erschließt sich rückwärts etwas, aber was die Essenz des Erzählten ist, blieb mir verborgen. Vielleicht hat mir auch die nötige Geduld gefehlt, die die sanft gewählte Sprache einem abverlangt, aber ich konnte den Zauber, den scheinbar viele in "Lichtungen" gefunden haben, nicht erleben.
Nur einzelne Lichtungen in all der Dunkelheit
"In allem gab es diese Dunkelstellen, wo die Erfahrung aufhörte und die Erinnerung anfing. Etwas blieb, und etwas ging verloren, manches schon im Augenblick des Geschehens, und wie sehr man sich auch bemühte, es tauchte nie wieder auf. Erinnerungen waren über die Zeit verstreut wie Lichtungen. Man begegnete ihnen nur zufällig und wusste nie, was man darin fand. Die eindrücklichsten Momente, das, was sich nicht verlor, gehörte einem nie alleine."
... sind vielleicht die treffendsten Zeilen die diesen Roman beschreiben. Diese Geschichte lebt von den gemeinsamen Erinnerungen, von den Lichtblicken und Gedankensplittern, von kurz aufblitzenden Ereignissen der Geschichte, wie das Unglück in Tschernobyl, die beim Lesen weitere Erinnerungen hervorrufen und eine zeitliche Einordnung ermöglichen.
Gerne denke ich an diesen Moment zurück, als Kato, begleitet von einem goldfarbenen Pantomimen, ein Bild auf die Straße malt und Lev sie dabei beobachtet und die Kunst eine ganz neue Perspektive gewinnt, fast schon eine Verbindung zwischen Künstlerin, Straße und dem normalen Leben eingeht. Alles andere drum herum verwischt, bis auf ein paar Postkartenmomente und Umschreibungen. Die Rückwärtserzählung machte es noch zusätzlich schwieriger für mich einen gewissen Lesefluss aufrecht zu erhalten. Nach jedem Kapitel ein Neuanfang, ein weiterer losgelöster Moment, wenn man so will, in ihrer beider Geschichte.
"Die Kunst war ein Spiel zwischen Zeigen und Verbergen. Das Leben auch? Es gab das Sichtbare und das Unsichtbare, und nur das Wenigste kam überhaupt ans Licht. Manches konnte man in sich verstecken, bis man vergaß, dass es einmal gewesen war. Anderes nicht."
Und diese Kunst beherrscht Wolff wirklich gut. Viele wohlklingende Sätze und 'Lichtungen' reihen sich aneinander und doch hatte ich stets das Gefühl die Geschichte kaum greifen zu können, Wesentliches nicht zu wissen bzw. dieses Wesentliche mir erst mühsam erarbeiten zu müssen. Und da verlor sich meine Begeisterung. Auch der große Aha-Moment blieb für mich aus, einzig ein irgendwie wärmendes Gefühl zwischen all dem Beschriebenen blieb zurück. Man frage mich nicht, was genau ich gelesen habe oder ob ich die Geschichte wirklich verstanden habe. Ich würde sagen, einzelne Erinnerungen sind noch da, alles andere liegt schon wieder im Dunkeln verborgen und das finde ich dann sehr schade, zumindest hatte ich mir mehr erhofft.
Ein tolles Buch
Vergangenheitsbeweltigung, die Suche nach sich selbst und nach der Zukunft sowie das Streben nach Individualismus und Freiheit. Kato und Lev haben eine Art Verbindung die immer wieder auf die Probe gestellt wird. Nichts vermag jedoch ihre Verbindung jemals ganz zu lösen. Die freigeistige Kato und der eher Stille Lev ergänzen sich in meinen Augen wirklich hervorragend und ihre Verbindung ist wirklich sehr besonders. Immer wieder scheint sie vermeintlich zu zerreißen doch nie endet sie ganz. Dieses Gefühl der Verlässlichkeit trägt sie durch die Jahre und hat mich wirklich sehr beeindruckt. Diese Kontinuität der sich immer wieder annähernden und sich wieder voneinander entfernenden Protagonisten war wirklich sehr gut, komplex und toll geschildert.
Tiefsinnig und berührend
Die Charaktere Lev und Kato waren mir bereits nach den ersten Seiten sehr sympathisch und vor allem Lev wird in weiterer Folge sehr tiefgründig vorgestellt.
Dem Roman gelingt es auf sehr feine Weise die Atmosphäre in Rumänien in den 80iger und 90iger Jahren darzustellen und zeigt auch die verschiedenen Herausforderungen, welche die Zeiten mit sich bringen.
In Summe ein nachdenklicher, tiefgründiger Roman über Freundschaft, Liebe und die Wirrungen des Lebens, sowie über das Dableiben, Weggehen und Zurückkommen. Von mir eine klare Leseempfehlung.
"Man ist, einmal gegangen, immer ein Gehender" - Ein ganz besonderes Buch, erzählt in einer ganz zärtliche Sprache
Durch einzelne Episoden lernen wir die Protagonisten Lev und Kato kennen. Die Geschichte beginnt in der Gegenwart, Kato trifft im Westen wieder Lev, nachdem sie mehrere Jahre getrennt waren. Ihnen verbindet eine sehr lange Freundschaft.
Die Geschichte wird rückwärts erzählt und auch die Kapitel sind umgekehrt nummeriert. Wir lernen Lev und Kato besser kennen, verstehen langsam ihre Beziehung und erleben die Atmosphäre Siebenbürgens/Rumäniens in den 80er und 90er Jahren.
Lev stammt aus einer ethnisch gemischten Familie mit deutschen und rumänischen Wurzeln. Doch er fühlt sich seinem Wohnort verbunden und möchte das Land nicht verlassen, auch wenn es andere überrascht. Kato, die schon immer eine Außenseiterin war, braucht mehr Freiheit und verlässt Rumänien so schnell wie möglich. Lev und Kato bleiben weiterhin über Postkarten in Kontakt. Bis Kato eines Tages Lev in einer Postkarte fragt, wann er kommt.
Iris Wolff erzählt die Geschichte poetisch, bildgewaltig und sehr einfühlsam. Um die besondere Atmosphäre zu schaffen, verwendet die Autorin viele Metaphern. Sehr viele Szenen werden treu genau beschrieben, manche werden nur angedeutet. Die Metaphern unterstützen das Geschehen im Buch sehr gut und geben das Gefühl, dass man alles miterleben darf.
Das Buch lässt sich in drei Hauptabschnitte unterteilen. Im ersten Abschnitt treffen wir Lev und Kato und es wird mehr über die Gegenwart erzählt. Im zweiten Abschnitt konzentriert sich die Autorin stärker auf das Leben unter dem Ceaușescu-Regime. Das Leben war nicht einfach, je älter man war, desto mehr Erfahrung hatte man. Es werden viele Dinge erwähnt, die einen großen Einfluss auf Rumänien hatten, Tschernobyl, Militärdienst, Forstarbeiten, die Kontrolle von Menschen in grauen Anzügen, die Notwendigkeit, sich von bestimmten Menschen fernzuhalten, um nicht selber unter Kontrolle zu geraten, usw. Der dritte und letzte Abschnitt beantwortet viele Fragen und klärt viele Hintergründe auf. Am Ende wird noch viel mehr über Lev erzählt.
Wenn ich zuerst dachte, es wäre ein Buch über Lev und Kato und ihre Freundschaft, wurde mir klar, dass es sich tatsächlich um ein Buch über Lev, Zugehörigkeit und die vielen Verluste handelt, die ein Mensch in einem Leben erleiden kann, und ein Buch über das, was uns Menschen am Leben halten kann.
Es gibt auch viele interessante Nebencharaktere im Buch.
Meiner Meinung nach ist Bunica eine typische Figur aus Ceausescus Rumänien. Man ist ruhig und lernt ständig, in einer Welt zu leben, in der man selten die Wahrheit erfährt. Die Wahrheit und der Stand der Dinge werden immer erst am eigenen Leib erfahren. Bunica hat viel erlebt und weiß viel mehr als man denkt. Das Leben unter Ceaușescus Regime war nicht einfach. Bunica weiß jetzt, mit welchen Menschen man den Kontakt meiden sollte, und sie weiß auch, dass man ständig überwacht wird – all das zu wissen, war eigentlich während des Ceaușescu-Regimes eine Voraussetzung. Bunica kennt die richtige Antworten und bringt Lev das auch bei.
Ferry ist eine weitere Nebenfigur, der mehr Tiefe verliehen wird. Er fühlt sich wegen Levs Unfall schuldig und ist deshalb nicht mehr so präsent in Levs Leben. Ferry möchte Rumänien verlassen, weil er das Gefühl hat, woanders hinzugehören. Leider erfährt er, wie schwierig es ist, Rumänien auf einem legalen Weg zu verlassen.
Der Schreibstil ist poetisch und bildhaft, man sieht unvergessliche Bilder, die in einfachen Worten beschrieben wurden. Und doch ist das Buch insgesamt herausfordernd. Die Geschichte wird rückwärts und in einzelnen Episoden erzählt, die wie kleine Lichtungen wirken und uns immer mehr Einblick in das Leben im Rumänien der 80er und 90er Jahre geben, wo wir eine Handvoll Charaktere kennenlernen.
Dieses Buch ist keine leichte Lektüre. Durch die vielen Metaphern und das rückwärts Erzählen ist das Buch etwa anspruchsvoll aber vielleicht das ist was dem Buch viel mehr Wert gibt. Mit einer poetische und sehr zärtliche Sprache erzählt die Autorin über Gefühle wie Zugehörigkeit, Familie, Freundschaft, Verluste und das Leben selbst. Ein Buch, das sich ganz bestimmt lohnt, gelesen zu werden.
Eine leise, aber intensive Geschichte
Mit ihrem fünften Roman ist der 1977 in Hermannstadt in Siebenbürgen geborenen Autorin wieder ein großer Wurf gelungen. Obwohl sie schon seit 1985 in Deutschland lebt, siedelt sie ihre Geschichten im Land ihrer Kindheit an , im Banat und in Siebenbürgen.
Erzählt wird hier die Geschichte von Lev und Kato. Eine innige Freundschaft besteht seit Kindheitstagen zwischen ihnen. Mit elf Jahren war Lev wegen einer rätselhaften Lähmung seiner Beine wochenlang ans Bett gefesselt und Kato brachte ihm täglich die Hausaufgaben.
Aufgewachsen sind sie im Maramuresch, einer ländlichen, waldreichen Gegend im Norden Rumäniens, Kato ohne Mutter und mit einem trinkenden Vater und Lev ohne Vater. Der kam bei einem Bergrutsch ums Leben, als Lev gerade mal fünf Jahre alt war .
Es ist eine Kindheit und Jugend im Rumänien unter Ceausescu. Viele träumen vom Weggehen, von einem Leben in Freiheit. Und als 1989 endlich der Eiserne Vorhang fällt, ergreift Kato die nächstbeste Möglichkeit zum Aufbruch in den Westen. Doch der Kontakt zwischen den beiden reißt nicht ab. Aus jedem Land, in dem sie einige Zeit wohnt und sich ihren Lebensunterhalt durch Straßenmalerei verdient, schickt sie Lev eine selbstgemalte Postkarte. Und als sie ihn nach fünf Jahren fragt „ Wann kommst du?“ , da macht sich Lev auf nach Zürich. Nach einigen Wochen quer durch Europa, kehren sie gemeinsam nach Rumänien zurück.
Für ihre Geschichte hat Iris Wolff eine ungewöhnliche Erzählweise gewählt: Sie erzählt sie rückwärts, d.h. sie beginnt mit Kapitel „ Neun“ und endet mit Kapitel „ Eins“. Dabei wählt sie entscheidende Episoden aus, Geschehnisse, zwischen denen jeweils einige Jahre liegen. Das sorgt für Spannung beim Leser und erfordert einiges Mitdenken. Dabei wird erfreulicherweise längst nicht alles auserzählt, sondern Iris Wolff lässt Leerstellen und vertraut dem Leser.
Nach und nach gewinnen so die einzelnen Figuren Konturen, Verbindungen und Beziehungen zwischen ihnen werden hergestellt und es wird verständlich, was sie zu denen werden ließ, die sie sind. So sind nicht nur die Unterschiede im Charakter - da die unerschrockene und freiheitsliebende Kato, hier der sensible und zögerliche Lev - maßgeblich für ihr Verhalten. Im Verlaufe der Lektüre wird deutlich, was Lev geprägt hat, warum er nach Liebe und Beständigkeit sucht, musste er doch schon früh traumatische Verluste erleben.
Themen wie Freundschaft und Liebe und die fließenden Grenzen davon werden in Variationen durchgespielt, ebenso wie Fragen nach Herkunft, Wurzeln und Identität.
Im Vielvölkerstaat Rumänien finden sich verschiedene Volksgruppen, Sprachen und Kulturen, die im Verlaufe der Geschichte neben- und miteinander existiert haben. So hat sich Levs Großvater Ferry irgendwann dafür entschieden , Österreicher zu sein. „ Er sei als Österreicher in dieses Jahrhundert gestartet und, obwohl er sich geographisch nicht vom Fleck bewegt hatte, Rumäne geworden, dann Ungar“ und nun weist ihn sein Pass wieder als Rumäne aus. Doch jahrelanges vergebliches Warten auf die Ausreisepapiere lassen ihn die Flucht über die grüne Grenze nach Wien antreten. Aber ist er nun dort angekommen, wo er hingehört? Diese Frage muss Ferry verneinen. „ Man ist, einmal gegangen, immer ein Gehender.“
Lev dagegen, mit einer siebenbürgischen Mutter, einem rumänischen Vater und einem Großvater mit österreichischen Vorfahren, verweigert sich einer Einordnung und Vereinnahmung.
Die große Geschichte wird an vielen kleinen Details aufgezeigt und spiegelt sich im Schicksal der Protagonisten.
So beschreibt die Autorin anschaulich das Klima von Lähmung und Misstrauen während der Diktatur und welche Auswirkungen auf Menschen und Landschaften die Öffnung des Eisernen Vorhangs hatten. Während die einen nichts mit der so sehnlichst erhofften Freiheit anfangen konnten, beginnt der Exodus der anderen. Verwaiste Dörfer, verfallene Kirchen, heruntergekommene Wohnblocks und stillgelegte Fabriken zeugen davon.
Nicht nur mit ihrer Sprachmacht überzeugt Iris Wolff. Sie beschwört Landschaften und Stimmungen, schafft Atmosphäre und Bilder, die in Erinnerung bleiben, ist gleichzeitig präzise und poetisch. Sprache selbst wird auch von ihr thematisiert. In der Schweiz begreift Lev „ Seine Herkunft war in seinem Akzent, war ihm eingenäht in Kleidung und Schuhe.“ Und das vertraute Rumänisch zwischen Lev und Kato weckt Erinnerungen an früher.
Die Reflexionen über Erinnerungen führen zu den titelgebenden „ Lichtungen“. „ Etwas blieb, und etwas ging verloren, manches schon im Augenblick des Geschehens,…Erinnerungen waren über die Zeit verstreut wie Lichtungen. Man begegnete ihnen nur zufällig und wusste nie, was man darin fand.“
„ Lichtungen“ ist eine leise, aber intensive Geschichte, mit seiner ungewöhnlichen Struktur und seiner besonderen Sprache von hohem literarischen Niveau. Ein wunderbares Buch, das unbedingt einer Zweitlektüre bedarf. Ob man dann von hinten beginnen möchte und die Geschichte chronologisch aufrollen will oder ob man die gewählte Erzählform beibehält und sie nun mit dem gewonnenen Wissen intensiver liest, steht jedem frei. Auf jeden Fall ist „ Lichtungen“ ein Roman, der viel Stoff zur Reflexion bietet und sich somit bestens für Lesekreise eignet.
Wo Licht ist, ist auch Schatten
Diese Anmerkung lässt bereits erahnen, dass Lichtungen meine Hoffnungen nicht erfüllen konnte. Woran das lag? Vielleicht daran, dass wir die Geschichte rückwärts erzählt bekommen und der Fokus für mich dadurch nicht auf die innige Freundschaft zwischen Lev und Kato gerückt wurde, sondern vor allem auf die Abwesenheit von Kato und wird dadurch hauptsächlich die Geschichte von Lev erzählt bekommen.
Der Stil, die Geschichte rückwärts zu erzählen, war durchaus innovativ und Iris Wolffs blumig-poetischer Schreibstil war wundervoll. Doch zusammen hat es für mich einfach nicht gepasst, um mit den Protagonisten (bzw. vorwiegend Lev) mitfühlen zu können. Ich blieb durchgehend distanziert und hatte zu Beginn sogar einige Probleme Lev und Kato auseinanderzuhalten.
Alles in allem war Lichtungen daher leider nicht das, was ich erwartet hatte. Dennoch bin ich mir sicher, dass vor allem der tolle Schreibstil der Autorin einige Leser begeistern und man mit einer anderen Erwartung, ein wunderschönes Leseerlebnis haben wird.
Genussvoll poetisch
Der lebendige Schreibstil ist genussvoll, beinahe poetisch, zeichnet ein eindrucksvolles Bild der Momente, auch wenn ich mich erst daran gewöhnen musste, mein Tempo runterzufahren. Auch die Erzählweise ist außergewöhnlich interessant. Neun Kapitel, die rückwärts erzählt, erlebt und verstanden werden. Beides passt zu der berührenden Freundschaft, die beinahe leicht daherkommt, obwohl sie so emotional und zart ist. Wie der Titel vermuten lässt, zeichnen sich helle Momente ab, wo man Schatten vermuten könnte. Ich habe Lichtungen sehr genossen und mochte, welche Gedanken mir dabei kamen. Leseempfehlung!
Sprachmagie vom Feinsten
Auch die Chronologie der Erzählung ist hier sehr besonders. Sie beginnt in der Gegenwart und tastet sich mit jedem der neun Kapitel in die Vergangenheit. Die Kapitel selbst beginnen mit einem ausgewählten Zitat in der Originalsprache (mit Übersetzung im Anhang).
Lev und Kato kennen sich von Kindheit an. Es entwickelt sich eine innige Freundschaft, zuerst wider ihrer beider Willen, die die Jahre und spätere geographische Trennung überdauert.
Die Handlungen spielen hauptsächlich in Rumänien, im Banat und in Siebenbürgen, statt. Land und Leute sind geprägt von dem Regime, erdulden und erleiden es bis zu dessen Ende. Sie bleiben das, was sie sind, sprechen Deutsch in ihrer ausländischen Heimat. Der Wunsch, der Diktatur zu entfliehen in den gelobten Westen ist omnipräsent. Aber wehe die Mauern fallen, dann scheint sich eine andere Art von Ohnmacht einzuschleichen.
Mit viel Feingefühl zeichnet Wolff ihre Figuren, ihre Rituale und Lebensumstände. Der Fall des Regimes in Rumänien verändert vieles, auch die Beziehung zu Lev und Kato. Während Levs Großvater die Flucht nach Wien schon früher gelang (und sich als Vielvölkermischling sieht), nutzte Kato erst nach dem Öffnen der Grenzen die Möglichkeit, um „zu verschwinden“. Mit dem Fahrradtouristen Tom machte sie sich auf und davon. Sehr zum Leidwesen von Lev. Dieser verharrte an Ort und Stelle, verfiel in eine Art nostalgische Melancholie. Erst eine Aufforderung von Kato, sie in Zürich zu besuchen, löste ihn von seiner Ortsverbundenheit.
Viel mehr kann und will ich über den Inhalt nicht verraten, jedes erwähnte Detail wäre zu viel. Also selber lesen, denn es lohnt sich allemal. Ganz große Leseempfehlung für diesen wirklich sehr gelungenen Roman. Sprachpoesie vom Feinsten.
Lev und Kato
Doch so beginnt das Buch nicht. Erst lesen wir, dass Lev zurück nach Rumänien muss und Kato ihn begleiten wird. Sie ist viele Jahre durch Europa gereist, hat in den verschiedensten Städten gemalt und endlich hat Lev sie in Zürich besucht. Am Anfang schließt sich der Kreis für Kato. Sie fährt wieder nach Hause und wir folgen ihren Spuren rückwärts und erfahren so, wie Lev's Reise in die Schweiz verlief. Wie ihm sein Zwischenstopp in Wien bei Onkel Ferry gefallen hat, der irgendwie mit dem mysteriösen Unfall zusammenhängt.
Schritt für Schritt bzw. Kapitel für Kapitel führt uns die Autorin in der Zeit zurück und setzt somit einen Spannungsbogen in einen Roman, der eigentlich keinen braucht. Es ist eine Geschichte über Freundschaft und eine Geschichte über Aufbruch, die mir auch wirklich gut gefallen hat. Die Autorin beherrscht ihr Handwerk und beschreibt in schönen Sätzen das Leben in dem kleinen Dorf in Rumänien in der Zeit des Sozialismus und in der Zeit des Aufbruchs.
Nur des Stilmittel des Rückwärts-erzählens passt irgendwie nicht so ganz zu der Geschichte. Das baut bei den Leser*innen eine Erwartungshaltung auf, die dann nicht wirklich erfüllt wird. Außerdem machen die Kapitel zu große Sprünge und somit hat die Geschichte immer wieder große Lücken. Deshalb vergebe ich hier nur 4 Sterne.
Bildstark erzählt
Iris Wolffs Roman Unschärfe der Welt hat mir schon sehr gut gefallen, da war es klar, das ich den neuen Roman „Lichtungen“ auch lesen wollte.
Der Roman spielt wider in Siebenbürgen.
Es geht um eine lange Freundschaft zwischen Lev und Kato.
Die Geschichte beginnt in der Gegenwart und erzählt Levs Erinnerungen bis in seine Kindheit. Zu der Zeit lernt er Kata kennen. Sie wird Malerin.
Mt dribbelstarker Stimme führt uns die Autorin durch die Zeit.
Die Zeit im Banat ist nicht so einfach.
Die meisten Einwohner zieht es in den Westen. Da die Autorin aus der Gegend stammt, versteht sie es gut die Stimmung herüber zu bringen. Ihr Erzählstil ist einfach brillant. Sie kann mich mit ihrer Kunst wieder begeistern.
Der Roman ist ein Stück Zeitgeschichte, die erwähnenswert ist.
Ich kann den Roman wärmstens empfehlen und ich warte auf das nächste Buch von Iris Wolff.
sehr poetisch
Vom Bleiben und Gehen
Damit startet der Roman. Das Wiedersehen, die Begegnung von Kato und Lev, beide jung, aber nicht mehr ganz jung. Sie ist Künstlerin, verdient ihr Geld als Straßenmalerin, er arbeitet in Rumänien für ein Sägewerk. Es hat so lange gebraucht, bis die Zeit reif wurde, dass er zu ihr fährt. Und das, obwohl sie seit ihrer Kindheit eng verbunden sind. Sie sind zusammen zur Schule gegangen, sie waren sich sehr nahe, aber Kato wollte Freiheit, Lev bleiben.
Sprachlich und thematisch ist der Roman ein großer Genuss. Wir erfahren viel über die Vielfalt der Kulturen in Rumänien, die wechselhafte Geschichte, über den Alltag, was die Menschen bewegt. Wir lernen Lev in unterschiedlichsten Lebenslagen kennen, seine Gedanken, das, was ihn beschäftig. Aber auch Nebenfiguren werden lebendig gezeichnet und erzählen spannende Geschichten.
Der Roman wird nicht chronologisch erzählt, es gibt Zeitsprünge vor und zurück. Und auch viele Auslassungen. Geschichten werden anerzählt, aber nicht zu Ende geführt.
Hier liegt für mich auch der Kritikpunkt. Ich mag es, wenn nicht chronologisch erzählt wird, aber hier fand ich es oft schwer einzuordnen und mitzukommen, in welcher Zeit man sich gerade befindet. Und auch die Lücken waren mir zu groß. Ein wenig mehr an Zusammenführung der Erzählfäden hätte ich mir gewünscht.
Dennoch ein sehr schön erzählter, schön zu lesender Roman! Ein guter Start ins Bücherjahr 2024!
Tiefgründiger Roman über eine Freundschaft
Das Buch erzählt über einen Zeitraum von 20 Jahren die Geschichte von Lev und Kato, die im kommunistischen Rumänien aufwachsen. Lev ist 11 Jahre alt und für längere Zeit ans Bett gefesselt. Damit er nicht zu viel Schulstoff versäumt, kommt seine Mitschülerin Kato, die in der Schule von allen gemieden wird, regelmäßig mit den Hausaufgaben zu ihm. Lev ist darüber anfangs wenig begeistert, jedoch entsteht zwischen beiden im Laufe der Zeit eine tiefe Freundschaft. Mit Öffnung der europäischen Grenzen geht Kato Jahre später gemeinsam mit dem Hamburger Tom, der mit dem Fahrrad nach Siebenbürgen gekommen ist, in den Westen. Ihren Lebensunterhalt finanziert sie mit Straßenmalereien. Fünf Jahre lang schickt sie Lev gezeichnete Postkarten von ihren verschiedenen Stationen. Ihre letzte Karte kommt aus Zürich und enthält nur einen kurzen Satz: "Wann kommst du?".
Das Besondere an der Geschichte ist, dass sie rückwärts erzählt wird. Sie beginnt mit Kapitel 9 und endet mit dem ersten Kapitel. Diese Erzählweise war für mich sehr gewöhnungsbedürftig und irritierend, und das blieb so während der ersten Hälfte. Dann löste sich der Knoten, und ich habe den zweiten Teil des Buches sehr gern gelesen, weil mir die Figuren nicht mehr fremd waren, sich nach und nach die Vergangenheit auffächerte und ich dadurch Antworten auf meine Fragen bekam.
Die berührende Geschichte über eine besondere Freundschaft ist in wunderschöner und poetischer Sprache zählt. Wir erleben Lev und Kato als Kinder und die Umstände, die zu Levs längerer Krankheit geführt haben, begleiten den jungen Mann als Waldarbeiter und während seiner harten Militärzeit. Die Autorin skizziert die Charaktere sehr bildhaft und authentisch und beschreibt fesselnd ihr Leben. Dabei hat mir besonders gut die Schilderung des rumänischen Alltags mit seinen Sitten und Gebräuchen gefallen. Auch die politischen Verhältnisse werden dem Leser sehr eindrücklich vermittelt.
Das außergewöhnliche Buch, das den Leser vom Jetzt in die Vergangenheit führt, hat mir sehr gut gefallen - Leseempfehlung!
Erinnerungsinseln
In Iris Wolffs Roman "Lichtungen" entfaltet sich die Geschichte zwischen Lev und Kato, deren Verbindung seit Kindertagen besteht. Die Öffnung der europäischen Grenzen beeinflusst ihre Lebenswege und verändert ihre Beziehung grundlegend. Das Rückwärtserzählen von Levs Geschichte ermöglicht es den Lesenden, prägende Ereignisse in seinem Leben nicht mehr zufällig zu mitzuerleben, sondern zu verstehen, wie diese ihn zu Kato geführt haben.
Besonders beeindruckend ist Wolffs poetischer Erzählstil, der die Handlung mit einer nuancierten Atmosphäre durchzieht. Die Einblicke in Levs Arbeitswelt, seine Familie und den Alltag im kommunistischen Vielvölkerstaat Rumänien verleihen dem Roman eine facettenreiche Tiefe. Dabei werden auch Nebenfiguren wie Levs Arbeitskollegen ausgearbeitet, was dem Leser eine umfassendere Perspektive auf die Welt der Protagonisten bietet.
Allerdings ist der Roman nicht in erster Linie packend oder spannend, sondern zeichnet sich eher durch eine ruhige Erzählweise aus. Der Leser begleitet Lev geduldig auf seinem Weg und wartet gemeinsam mit ihm darauf, dass das Leben ihn dazu drängt, endlich zu handeln. Insgesamt präsentiert Iris Wolff mit "Lichtungen" eine literarische Arbeit, die durch ihre Sprachkunst und die subtile Darstellung der Figuren und ihrer Umgebung besticht. Es ist eine Reflexion über die Veränderungen im Leben und die Macht der Vergangenheit.
80er in Rumänien und was seitdem geschah
Wieder ein Roman der in Siebenbürgen spielt, wo die Autorin selbst groß geworden ist und somit ein sehr reales selbst erlebtes Bild des Ceaușescu-Regime der 80er Jahre wiedergeben kann.
Der Clou an ‚Lichtungen‘ ist die Erzählweise. Rückwärts in 9 Kapiteln, beginnend mit Kapitel 9. Wir lernen Lev und Kato in der Gegenwart kenne und arbeiten uns mit ihnen in ihre Vergangenheit bis in ihre Kindheit in Siebenbürgen.
Es passiert viel und die unterschiedlichen Lebenswege erschließen sich mit all ihrem Ballast nach und nach. Lev, Sohn einer deutschstämmigen Mutter, die sich in einen Witwer verliebt und so auch Levs Zukunft in Rumänien und seiner Mangelwirtschaft verankert. Er lernt als Kind während einer langen Krankheitsphase Kato kennen, die später so schnell es ging Rumänien den Rücken kehrte und in den Westen ging. Wer bleibt und wer geht? Was macht es mit beiden Seiten? Wer leidet unter diesem Schritt und wer profitiert?
Mir hat dieser Roman äußerst gut gefallen. Da er nicht nur eine gute Geschichte erzählt, die tief in die einzelnen Charaktere eintauchen, sondern weil es ein Bild zeichnet einer Zeit und einem sozialistischen Umfeld das meiner Kindheit und Jugend sehr fern war. Ein gutes Stück Literatur, dass uns die Welt wie sie einst war näher bringt.
Rückblenden für mehr Einblicke
»Du hättest zurücksehen müssen, dachte er, allein um zu wissen, ob sie sich nach dir umgewandt hat.«
Zwischen Lev und Kato besteht seit ihren Kindertagen eine besondere Verbindung. Doch die Öffnung der europäischen Grenzen weitet ihre Lebensentwürfe und verändert ihre Beziehung für immer. Voller Schönheit und Hingabe erzählt Iris Wolff in ihrem großen neuen Roman von zeitloser Freundschaft und davon, was es braucht, um sich von den Prägungen der eigenen Herkunft zu lösen.
Als der elfjährige Lev über Wochen ans Bett gefesselt ist, wird ausgerechnet die gescheite, aber von allen gemiedene Kato zu ihm ans Krankenbett geschickt, um ihm die Hausaufgaben zu bringen. Zwischen dem ungleichen Paar entsteht eine unverbrüchliche Verbindung, die Lev aus seiner Versteinerung löst und den beiden Heranwachsenden im kommunistischen Vielvölkerstaat Rumänien einen Halt bietet. Ein halbes Leben später läuft Lev noch immer die Pfade ihrer Kindheit ab, während Kato schon vor Jahren in den Westen aufgebrochen ist. Geblieben sind Lev nur ihre gezeichneten Postkarten aus ganz Europa. Bis ihn eines Tages eine Karte aus Zürich erreicht, darauf nur ein einziger Satz: »Wann kommst du?« Kunstvoll und poetisch verwandelt Iris Wolff jenen Moment in Sprache, wenn ein Leben ans andere rührt, und zeichnet in ihrem großen europäischen Roman das Porträt einer berührenden Freundschaft, die sich als Reise in die Vergangenheit offenbart und deren Leuchten noch lange nachklingt.
Cover:
Das Cover hat eine filigrane Schönheit. Der Vogel ist in all seinen Details sehr schön und faszinierend dargestellt. Optisch und farblich ist das Cover wunderschön umgesetzt.
Meinung:
Einblicke in das Leben und die Geschehnisse vom Jetzt in die Vergangenheit. Lev und Kato prägt eine ganz besondere Freundschaft und bereits seit Kindertagen sind diese verwoben, doch als sich die europäischen Grenzen öffnen, verändert sich die Beziehung.
Inhaltlich möchte ich hier nicht allzu viel verraten und halte mich daher mit weiteren Details dazu zurück.
Schreibstil und Anordnung sind besonders. Es beginnt mit Kapitel neun in der Gegenwart und es wird runter nummeriert und geht weiter in die Vergangenheit zurück. Anfangs war dies etwas irritierend, aber ein guter Schachzug, wie sich später herausstellt.
Der Schreibstil ist sehr poetisch und auch tiefgründig angehaucht und die Beschreibungen sind sehr zart, aber auch sprachgewaltig. Die Formulierungen sind gut gewählt. Kein ganz einfach zu lesendes Werk, aber sehr beeindruckend. Die Kapitel sind teils recht kurz und andere wieder etwas länger. Sie geben immer mehr Einblicke Preis und gehen weiter in die Vergangenheit zurück. Die Charaktere sind sehr gut durchdacht und werden genau beschrieben und erörtert.
Durch Levs Sicht bekommt man Einblicke in die rumänische Geschichte, Leben, Alltag, Politik und auch Fragen über Freundschaft und Identität treiben ihn herum. Diese Gedankengänge und Überlegungen fließen geschickt mit ein. Die Handlungen und Geschehnisse sind gut beschrieben und auch in die Situationen und Charaktere findet man sich mehr und mehr hinein.
Die Kapitelnummerierung abwärts gerichtet ist ungewohnt und irritiert anfangs. Die Kapitelanfänge sind sehr gut und deutlich erkennbar und auch die Gestaltung und Gliederung hat mir gut gefallen.
Toll fand ich auch die einleitenden Zitate vor en Kapiteln. Deren Übersetzung findet man hinten im Buch. Die Zitate bringen ebenso Tiefe hinein und unterstreichen die poetische Note. Diese Erinnerungen und Rückblenden geben dem Ganzen seine eigene Note und faszinieren mich als Leser. Man taucht ein in eine Erzählung von Erinnerungsfetzen, Gedanken und Überlegungen. Man wird überwältigt von Prägungen, Wahrnehmungen und Verbindungen. Nach und nach taucht man tiefer ein und versteht diese.
Fazit:
Rückblenden in die Vergangenheit eröffnen mehr Einblicke und zeigen wie zeitlos Freundschaft sein kann.
Eine Reise in die Vergangenheit
Die Handlung beginnt mit Kapitel neun in der Gegenwart und wird rückwärts erzählt. Das bleibt jedoch nicht die einzige Besonderheit in diesem Buch.
Lev und Kato sind zwei sehr unterschiedliche Charaktere, deren Leben sie in der Kindheit zufällig zusammengeführt hat. Zwischen ihnen entsteht eine Verbindung, die auch anhält als es Kato nach der Öffnung der europäischen Grenzen in den Westen verschlägt. Nach Jahren erreicht Lev eine Karte von Kato, die ihn zum Aufbrechen bewegt.
Die Handlung besteht aus Erinnerungen, in denen neben dem Leben der Protagonisten auch das politische Zeitgeschehen Europas verwoben ist. Historische Fakten, geschichtlich gewachsene Traditionen und Fiktion werden hier gekonnt miteinander verflochten.
Auch wenn hier Lev und Kato stets im Vordergrund stehen, sind die übrigen Charaktere ebenso wichtig und bezeichnend.
Der Schreibstil von Iris Wolf ist sehr ruhig und angenehm zu lesen. Es gibt Sätze, die voller Poesie stecken und solche, die zum Nachdenken anregen. Hier wurde wirklich jedes Wort mit bedacht gesetzt.
Mir gefiel dieser tiefgreifende Roman, der deutlich macht, was einen Menschen ausmacht, wie er von seiner Vergangenheit geformt und zu dem wird, was er ist, sehr gut, so dass ich weitere Werke der Autorin lesen möchte.
Lichtungen
Inhaltlich hat die Geschichte außerdem wesentlich mehr zu bieten als nur eine feine Liebesgeschichte, auch wenn diese sozusagen der rote Faden ist, der durch die Kapitel läuft. Gerade das Leben in Rumänien während der Ceaușescu-Ära wird sehr gut ins Erzählte eingeflochten. Ich habe allerdings einige Zeit gebraucht, um eine gewisse Distanz zu den Figuren zu überwinden. Daher nicht mein persönlicher Favorit der diesjährigen Shortlist zum Deutschen Buchpreis, aber auf jeden Fall einen oder auch mehrere Blicke wert.
Lichtungen
Der Roman ist ein faszinierendes Lese-Erlebnis, das uns durch die ebenso präzise wie poetische Sprache der Autorin geschenkt wird. Sie erzählt ihre Geschichte, wie im Roman die Großmutter Bunica ihre Geschichten zu erzählen weiß: „War etwas gesagt, konnte sie es loslassen. Es lag nicht mehr in ihrer Hand.“ Ist etwas gesagt, vertraut Iris Wolff dem Lesenden – sie kann es loslassen, während die Bilder in uns arbeiten: die Landschaft von Siebenbürgen, das Gefühl im eigenen Leib beim Lesen: das subjektiv Gespürte, das wachsam werden lässt für die vielen, im Text verstreuten feinen Details, die in der Erinnerung wie „Lichtungen“ aufblitzen … Nach der Lektüre haben wir Freunde gewonnen: Lev und Kato, die mehr sind als nur Protagonisten; sie stehen auch als Parabel, wie die Überschrift zu Kapitel Acht sagt: „Ich bin das Zeichen der Reise. Unbewegt.“ (Aus dem Gedicht Delphine“ von Adam Zagajewski).
Wie werden wir zu dem, wer wir sind?
Durch diese ungewöhnliche Erzählweise wird überzeugend beschrieben, wie es zu dem Punkt gekommen ist, an dem sich die beiden zu Beginn des Romans befinden.
Eine einfühlsam erzählte Liebesgeschichte mit wunderbaren Naturbeschreibungen und einer wunderschönen literarischen Sprache vor dem Hintergrund Rumäniens, das ich allen Leser*innen von Herzen empfehlen möchte!


