Trag das Feuer weiter
Der neue große Roman der SPIEGEL-Bestsellerautorin - »Was für ein schönes, großes, reiches Buch.« Volker Weidermann, DIE ZEIT
Hardcover
Luchterhand; Édition Gallimard, Paris (2026)
448 Seiten; 22 cm x 14.9 cm
ISBN 978-3-630-87648-1
Sofort verfügbar oder abholbereit
Hauptbeschreibung
»Eine atemberaubende Lektüre.« Martina Läubli, Neue Zürcher Zeitung
»Ein literarisches Meisterwerk.« DER SPIEGEL
Von der beeindruckenden Suche zweier Schwestern nach Freiheit: der neue große Roman des literarischen Weltstars Leïla Slimani. SPIEGEL-Bestsellerautorin. Prix-Goncourt-Preisträgerin. Der faszinierende Abschluss der Familientrilogie - nach »Das Land der Anderen« und »Schaut, wie wir tanzen«.
Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit »brain fog«, einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt. Auf Anraten ihres Arztes reist sie nach Marokko, in das Land ihrer Kindheit, das sie als junge Frau verlassen hat. Als sie auf der Farm ihrer Großeltern in Meknès eintrifft, hat sie das Gefühl eine Fremde zu sein. Sie fragt sich, wer sie ohne die Erinnerungen an ihre Familie ist. Und taucht ein in ihre eigene Geschichte. Eine Geschichte, die auf ganz eigene Weise vom Kampf gegen gesellschaftliche Grenzen erzählt - und von dem Streben nach Freiheit.
Rabat, 1980. Mia ist sechs Jahre alt, als ihre Schwester Ines geboren wird. Ihre Mutter ist Gynäkologin. Ihr Vater leitet eine Bank. Die beiden Schwestern könnten nicht unterschiedlicher sein. Mit stillem Befremden verfolgt Mia, wie mühelos sich Ines anpasst, und es braucht Jahre, bis die beiden Schwestern einander näherkommen. Als Mia zum Studium nach Paris zieht, ist es ein Aufbruch in die Freiheit: Zum ersten Mal kann sie dort ihre Homosexualität offen leben. Und es ist ein Versprechen an ihren Vater: das Feuer, das in ihrem Innern brennt, weiterzutragen. So wie Mathilde, ihre Großmutter, und Aisha, ihre Mutter, entscheidet sie sich für einen ganz eigenen Weg.
»So schafft es Leila Slimani wieder einmal Frauenfiguren zu erschaffen, die einem enorm nahe kommen in ihrem Witz, ihrer Wut.« Marie Schoeß, Deutschlandfunk
Hersteller: Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH
Neumarkter Straße 28, 81673 München DE
E-Mail: produktsicherheit@penguinrandomhouse.de
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Würdiger Abschluss einer Trilogie
Mit Trag das Feuer weiter schließt Leïla Slimani ihre große Familiensaga ab – und macht aus dieser Rückkehr zugleich eine Suche nach Identität, Herkunft und Erinnerung. Während Mia versucht, die Fäden ihres eigenen Lebens wieder aufzunehmen, entfaltet sich vor den Leser:innen noch einmal das Panorama einer Familie über mehrere Generationen hinweg. Großmütter, Mütter, Töchter. Frauen, die sich immer wieder gegen die Grenzen ihrer Zeit stemmen. Frauen, die ihren eigenen Weg suchen, auch wenn sie dafür einen Preis zahlen müssen.
Besonders berührt hat mich dabei die Figur der Mia. Sie lebt zwischen Welten, Sprachen und Identitäten. Als Französin in Marokko, als Marokkanerin in Frankreich, als homosexuelle Frau in einem gesellschaftlichen Umfeld, das zunehmend konservativer wird. Dieses Gefühl des Dazwischenseins zieht sich wie ein feiner Riss durch den gesamten Roman. Nirgends ganz anzukommen, überall ein wenig fremd zu bleiben – Slimani beschreibt diese Erfahrung mit großer Klarheit und ohne jede Sentimentalität.
Dabei erzählt der Roman weit mehr als nur eine Familiengeschichte. Im Hintergrund verändert sich Marokko. Die Hoffnungen früherer Jahrzehnte verblassen, politische Repressionen nehmen zu, religiöse Strömungen gewinnen an Einfluss. Familienmitglieder geraten zwischen die Fronten gesellschaftlicher Entwicklungen, werden Opfer von Machtspielen oder verlieren sich in den Erwartungen ihrer Umgebung. Die große Geschichte dringt dabei immer wieder in die privaten Räume ein und macht deutlich, wie eng persönliches Leben und politische Realität miteinander verwoben sind.
Leïla Slimanis Stil bleibt dabei unverkennbar. Sie schreibt mit einer bemerkenswerten Klarheit, fast kühl manchmal, und gerade deshalb entfalten viele Szenen eine enorme Wucht. Gefühle werden selten ausgestellt, sondern entstehen zwischen den Zeilen. Ein Blick, eine Erinnerung, ein unausgesprochener Konflikt reichen oft aus, um ganze Lebensgeschichten spürbar zu machen. Besonders gelungen fand ich, wie sie Erinnerungen behandelt: nicht als verlässliches Archiv, sondern als etwas Fragiles, Flüchtiges. Etwas, das sich verändert, verblasst oder plötzlich wieder auftaucht.
Atmosphärisch lebt der Roman von seinen Kontrasten. Da ist das elegante, intellektuelle Paris. Da sind die staubigen Landschaften rund um Meknès. Die liberalen Eliten, die französischen Schulen, die traditionellen Familienstrukturen, die politischen Spannungen eines Landes im Wandel. Slimani zeichnet diese Welten nicht schwarz-weiß, sondern voller Widersprüche und Zwischentöne. Genau darin liegt ihre Stärke.
Allerdings hatte ich stellenweise das Gefühl, dass der Roman stärker an seinem historischen und gesellschaftlichen Panorama interessiert ist als an seinem erzählerischen Spannungsbogen. Manche Episoden wirken eher wie Mosaiksteine einer Epoche als wie notwendige Bestandteile von Mias persönlicher Geschichte. Dadurch entsteht gelegentlich eine gewisse Distanz. Auch erreicht dieser Abschlussband für mich nicht ganz die emotionale Kraft der vorherigen Teile der Trilogie.
Dennoch bleibt Trag das Feuer weiter ein würdiger Schlusspunkt. Ein Roman über Frauen, die sich Freiräume erkämpfen. Über Herkunft als Last und Geschenk zugleich. Über Erinnerung als Heimat. Und über das Feuer, das von Generation zu Generation weitergegeben wird – manchmal als Mut, manchmal als Wut, manchmal einfach als die hartnäckige Weigerung, sich den Grenzen der eigenen Zeit zu beugen.
Dieses Buch liest sich wie das Öffnen einer alten Familienkiste: Manche Gegenstände erkennt man sofort wieder, andere werfen neue Fragen auf. Doch am Ende versteht man besser, woher man kommt – und vielleicht auch ein wenig, wohin man geht.
Marokko
Große Empfehlung! Unbedingt alle drei Teile in der richtigen Reihenfolge lesen!
Eine Geschichte mit interessanten Figuren, die Ausdauer erfordert
Ich hatte über eine ziemlich lange Strecke hinweg ganz schön zu kämpfen mit der Struktur des Buches. Die Erzählperspektiven der Kapitel wechseln, auch hin zu Mehdi, obwohl ich eine Geschichte über Mia erwartet hatte. Auch wenn es natürlich ebenso um seine Vergangenheit geht, die Mias Kindheit und Aufwachsen nun einmal geprägt hat, hätte das vielleicht auch auf eine andere Art erzählt werden können. Immer wieder irritierend war zudem, dass aus den Kapitelüberschriften nicht hervorgeht, wer gerade spricht. Bei so komplexen Büchern kenne ich das anders und ich finde es auch ziemlich hilfreich, um beim Lesen nicht immer wieder zu stolpern.
Der Roman erfordert nicht nur deshalb ein recht aufmerksames Lesen. Auch die Zeiten wechseln durchaus häufig und sorgen zusätzlich zu den vielen erzählenden Figuren dafür, dass sich die Geschichte recht fragmentarisch anfühlt. Erst in der zweiten Hälfte konnte sich für mich so etwas wie ein Lesesog einstellen. Denn erst dann hatten manche Figuren für mich ein greifbares Profil. Besonders die Nebenfiguren verblassen dagegen zunehmend und gerade Aïcha sowie Selma hätte ich wirklich gern ebenso bis zum Ende begleitet.
Das ist deshalb schade, weil Slimani durchaus ein Händchen dafür hat, interessante und ambivalente Figuren zu erschaffen. Mia und Inès sind starke Frauenfiguren, die mich in ihrer jeweiligen Rebellion begeistert haben. Gleichzeitig wurde ich von ihnen auf unterschiedlichen Ebenen berührt. Mia macht eine furchtbare schulische Erfahrung in Bezug auf ihre Homosexualität und erfährt die konkrete Solidarität ihrer ehemals verhassten Schwester, die wiederum ein sexuell sehr aktives Leben führt - mit durchaus fragwürdigen Verbindungen. Aber ich mochte die Zeichnung der beiden, die nicht klassisch gut, sondern eben authentisch ambivalent ist.
Was mich schon enttäuscht hat, war der Fakt, dass Mias auf dem Klappentext sowie den ersten Seiten angesprochener Brain Fog und eine damit eventuell in Verbindung stehende Erkrankung überhaupt nicht relevant ist. Ich habe mir wirklich erhofft, Mia auch in der Gegenwart begleiten zu dürfen, aber dem war nicht so. Deshalb kann ich die Vermarktung des Buches nicht so richtig nachvollziehen und bin entsprechend ernüchtert.
Ein Werk, welches das große Schreibtalent der Autorin zeigt und mir am Ende auch Lesefreude bereitet hat, das aber bis dahin wirklich viel Ausdauer sowie aufmerksames Lesen erfordert und welches mich trotz der Lichtblicke nicht so richtig nachhaltig beeindruckt hat. Da ich logisch aufgebaute bzw. klar strukturierte Familienerzählungen bevorzuge, habe ich mich hier schwerer getan als erhofft.
Was ist Heimat
Erst als ich 'Trag das Feuer weiter' in den Händen hielt, bemerkte ich, dass es sich um den dritten Band handelt. Deshalb habe ich zuvor die beiden ersten Teile, 'Das Land der Anderen' und anschließend 'Schaut, wie wir tanzen' als Hörbuch gehört - und das war genau die richtige Entscheidung. Die gesamte Familiengeschichte zu kennen, verleiht dem dritten Band noch einmal eine ganz andere Tiefe und ein intensiveres Verständnis für die Figuren.
Leïla Slimani beginnt ihre marrokanisch-französischen Familienchronik kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Die abenteuerlustige und leidenschaftlich Elsässerin Mathilde verliebt sich in den marrokanischen Offizier Amine und folgt ihm in seine Heimat. Dort ist sie die Fremde - konfrontiert mit einer anderen Mentalität, schwierigen Lebensumständen und einem traditionellen Frauenbild, mit dem sie erst umgehen lernen muss. Ich mochte Mathilde sehr: sie ist stark, lebensfroh und unangepasst. Bis zum Ende der Trilogie bleibt sie meine absolute Lieblingsfigur.
Der zweite Band spielt in den 1960er- und 1970er- Jahren. Wir begleiten Aïcha, die Tochter von Mathilde und Amine, nach ihrem Medizinstudium: wie sie lebt, liebt und und sich beruflich Respekt verschafft. Gleichzeitig zeichnet der Roman ein eindrucksvolles Bild des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs in Marroko. Aïchas Bruder Selim hingegen zerbricht am Druck seines Vaters und an den Erwartungen, die auf ihm lasten - auch das wird sehr bewegend geschildert.
Im dritten Teil treten Mathilde und Amine leider etwas in den Hintergrund, was ich persönlich schade fand, ohne das es die Qualität des Romans mindert. Nun steht die dritte Generation im Mittelpunkt: Aïchas und Mehdis Töchter Mia und Inès Ringen mit ihren eigenen Herausforderungen. Vieles ähnelt den Konflikten der vorherigen Generationen - und ist doch ganz anders. Auch diese jungen Frauen haben mein Herz erobert. Ebenso Selma, Amines Schwester: Als schönes, aber eingeengtes junges Mädchen geboren, kämpft sie unbeirrbar für ihre Unabhängigkeit. Trotz schwerer Schicksalsschläge bleibt sie aufmüpfig und stark.
Die Trilogie basiert auf der eigenen Familiengeschichte Slimanis, was den Romanen eine besondere Authentizität verleiht. Alles wirkt glaubwürdig und lebendig, die Figuren erscheinen nahbar und echt. Zudem ist die kulturelle Dimension äußerst spannend und bereichernd. Ich habe alle drei Bände sehr genossen.
Hervorragend gesprochen von Wiebke Puls, sensibel und flüssig übersetzt von Amelie Thoma - und großartig geschrieben von Leïla Slimani.
Zuerst die anderen beiden Bände lesen
So habe ich mich auch sehr auf "Trag das Feuer weiter" gefreut. Dieses Buch hat mich aber nicht so packen können wie ihre anderen Werke, für mich sind die Figuren zu blass geblieben und es hat lange gedauert, bis sich eine für mich interessante Handlung entwickeln konnte.
Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich in diesem Fall leider die beiden Vorgängerwerke "Das Land der anderen" und "Schaut, wie wir tanzen" noch nicht gelesen habe, da ich dachte, dieses Buch wäre auch als eigenständiges Werk lesbar.
Das ist es wohl grundsätzlich auch so. Wenn ich mir aber die begeisterten Bewertungen derer ansehe, die alle drei Bücher gelesen habe, dann schließe ich daraus, dass die Lektüre dieses Buches sehr davon profitiert, die Vorgängerbände zu kennen. Vermutlich wirken die Figuren dann ganz anders lebendig, weil das Gelesene sofort an viel Vorwissen in Bezug auf diese vielschichtige Familiengeschichte anschließen kann.
Meine Empfehlung ist also: lest zuerst die anderen beiden Werke der Trilogie, bevor ihr euch mit diesem hier beschäftigt.
Die Geschichte der Schwestern
Die dritte Generation ist in Form von Mia und Ines da. Sie sind die die Töchter von Aicha und Mehdi. Auch Amine und Mathilde, jetzt die Großeltern sind noch dabei.
Dann auch die extravagante Selma, die die Rolle der bewunderten Tante von Mia und Ines einnimmt.
Alle Figuren haben Klasse, zum Teil wirken sie auch leicht überzeichnet.
Es ist großartig, dass die Autorin die Abschnitte gerecht auf die Figuren verteilt, auch wenn Mia und Ines jetzt die zentralen Charaktere sind.
Mia, die den Anfang als Schriftstellerin in Paris innehat, wird besonders intensiv dargestellt. Sie ist als Jugendliche im Rabat der Achtziger Jahre burschikos, sucht nach ihrer Identität.
Leila Slimani schreibt ausgewogen, detailreich, aber nichts Überflüssiges. Das ist beeindruckend.
was ist Heimat, wo gehört man hin?
Wir erleben die Zeit von 1980 bis in 2000er Jahre hinein, die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des Landes und das Verhältnis Marokkos zum Ausland. Leila Slimani versteht es ganz hervorragend, Familiengeschichte mit ihren Alltäglichkeiten und den wechselnden politischen Verhältnissen in einer poetischen und fantasievollen Sprache zu vermitteln. Der Konflikt, welcher Kultur und welchem Land man sich zugehörig fühlt, wird beleuchtet. Es ist der dritte und abschließende Roman der Trilogie, es ist jedoch nicht erforderlich die beiden ersten Teile zu kennen.
Anders als der Klappentext vermuten lässt
Das Buch öffnet mit der Perspektive von Mia als Erwachsene, die an Covid erkrankt und im Anschluss daran große Probleme hat, sich zu konzentrieren und klare Gedanken zu fassen. Das fand ich eine sehr spannende Prämisse, doch leider wird die Thematik im Folgenden gar nicht weiterverfolgt, sondern die Geschichte von Mia erzählt (die ist auch sehr interessant, aber eben nicht das, was ich aufgrund des Klappentextes und der Leseprobe erwartet hätte). Der Erzählstrang der Vergangenheit setzt ein, als Mia sechs Jahre alt ist und ihre Schwester Inés geboren wird. Vor dem Hintergrund politischer Instabilität, Rassismus, Klassismus und internationaler Entwicklungen begleiten wir die Familienmitglieder über mehrere Jahrzehnte. Dabei wechselt die Perspektive häufig, was in den meisten Fällen stimmig ist, aber ab und an (wenn von der dritten in die erste Person gewechselt wird) zu kurzfristiger Verwirrung führen kann.
Trag das Feuer weiter liest sich flüssig, ohne große Künstelei, was die Geschichte in den Vordergrund rückt und zu einem angenehmen Leseerlebnis führt. Einige Begriffe bleiben dabei in der Originalsprache, werden aber von der Übersetzerin erklärt, was ich sehr gelungen fand.
Grundsätzlich habe ich das Buch gerne gelesen und bin recht schnell recht tief in die Geschichte eingetaucht. Dennoch war es kein Highlight für mich, was vermutlich vor allem an zwei Gründen lag: zum einen an den Erwartungen, die ich aufgrund der Beschreibung hatte und die einfach nicht erfüllt wurden, und zum anderen daran, dass das Buch der Abschluss einer Trilogie ist. Leider wurde das weder in der Leseprobe noch bei der Beschreibung erwähnt, was ich ein bisschen schade finde, denn es macht für die Leseerfahrung schon einen Unterschied, ob man die beiden vorherigen Bände gelesen hat oder nicht.
Seinen eigenen Weg gehen
Erzählt wird aus wechselnder Perspektive auf verschiedenen Zeitebenen. Wir erfahren viele Dinge vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund, dabei vor allem die gesellschaftliche und politische Situation Marokkos. Slimani zeigt, wie schwierig es ist, zwischen zwei Kulturen zu leben, nirgendwo richtig dazuzugehören. Obwohl die Schwestern der dritten Generation nicht einmal flüssig arabisch sprechen, werden sie auch wegen ihres Äußeren im Ausland automatisch als Araber betrachtet. Unter den Marokkanern fallen sie auf, weil sie zur reichen, gebildeten Oberschicht gehören, Personal beschäftigen, vor allem aber, weil sie sich nicht an gesellschaftliche Konventionen halten. In Anlehnung an ihre eigene Geschichte zeigt Slimani, wie schwer es ist, jenseits gesellschaftlicher Erwartungen und Zwänge seinen eigenen Weg zu gehen. Welche Erinnerungen nehmen wir mit, wenn wir neue Wege gehen? Überzeugend behandelt sie Themen wie Freiheit, Identität, Migration und die Suche nach sich selbst. Ich fand vor allem beeindruckend, wie sie die Stärke der Frauen der Familie darstellt: Mathilde, Amines Schwester Selma, Aisha und Mia. Mir hat auch dieser Roman der Autorin wieder sehr gut gefallen.
Familie in Marokko
Trage das Feuer weiter, ist das Ende einer Trilogie der Schriftstellerin Leïla Slimani.
Die ersten beiden Bücher habe ich nicht gelesen, das macht aber nichts, den Roman kann man auch allein lesen.
Es ist eine Geschichte, die an die Familie der Autorin angelehnt ist.
Der Schauplatz ist Marokko.
Es beginnt mit Mia, die Schriftstellerin ist und sich krank fühlt.
Ihre Mutter ist Ärztin, ihr Vater arbeitet als Bankdirektor. Sie hat noch eine jünger Schwester, die sie nicht haben wollte. Da ist sie ziemlich rabiat.
Dann gibt es noch Mathilde, die Großmutter, die aus dem Elsass stammt. Die Personen kommen immer wieder abwechselnd zu Wort.
Mit waren die Sprünge zwischen den verschiedenen Abschnitten etwas zu abgehackt.
Trotzdem liest sich das Buch gut. Man erfährt, wie die politische Lage in Marokko, gefährlich werden kann.
Die Emotionen der Familie wurden gut umgesetzt und ich kann den Roman nur weiter empfehlen.
Erwachsenwerden
Trag das Feuer weiter
Vor einigen Jahren hat mich Leila Slimani mit ihrem Roman „Dann schlaf auch du“ hellauf begeistert. Irgendwie ist mir die Autorin dann aber verloren gegangen, ich habe nichts weiter von ihr gelesen und jetzt muss ich feststellen: Schön blöd von mir!
Aber zum Glück ja eine Blödheit, die sich vergleichsweise leicht aus der Welt schaffen ließ…
Da ich ihn gerade zur Hand hatte und aus sicherer Quelle wusste, dass man die einzelnen Teile von Slimanis marokkanisch-französischer-Familientrilogie auch einzeln lesen kann, habe ich mit dem dritten und letzten Roman dieser Reihe begonnen. Das ging völlig problemlos, da der Geschichte ein Personenverzeichnis vorangestellt ist und man im Verlauf der Handlung so viele Informationen zu allen Familienmitgliedern bekommt, so dass ich immer das Gefühl hatte, sie alle schon ganz gut zu kennen. (Besser ist es aber bestimmt, wenn man die Chronologie einhält und damit der Handlung in den aufeinander aufbauenden Teilen folgen kann.)
In diesem dritten Roman stehen Mia und Inès im Vordergrund, nach Mathilde und Amine, ihren Großeltern, und Aicha und Mehdi, ihren Eltern, die dritte Generation der Familie Belhaj-Daoud.
Nach einer Covid-Infektion leidet Mia, die als Schriftstellerin in Paris lebt, unter schweren Konzentrationsproblemen, Gedächtnislücken, starker Erschöpfung, einer Schreibblockade. Der Neurologe, den sie schließlich aufsucht, ist sich sicher: „Ihre Erinnerungen sind da, irgendwo vergraben. Nach meiner Beobachtung erscheinen Erinnerungen umso unerreichbarer, je mehr man sein Gehirn benutzt… Gefühle machen es wieder zugänglich.“
Also setzt sich Mia mit ihrer Vergangenheit und ihrer Familiengeschichte auseinander und kehrt nach Marokko zurück, dass sie vor mehr als zwanzig Jahren verlassen hat.
In der Rückschau erfahren wir, wie Mia und ihre jüngere, zunächst ungeliebte Schwester Inès in Rabat in den 1980er Jahren aufwachsen. Ihr Leben spielt sich, beaufsichtigt von Angestellten, hauptsächlich zuhause und in der Schule ab. „Die Mädchen wuchsen auf wie Haustiere, zahme Katzen, wilde Tiere im Zoo, die in der Gefangenschaft vergessen hatten, dass sie brüllen oder springen konnten.“
Was die beiden als Kinder nicht bemerken bzw. was sie nicht beeinträchtigt: Sie kennen ihr Land nicht, in der Familie und in der Schule wird Französisch gesprochen, Arabisch verstehen sie kaum, sprechen können sie es gar nicht. Marokko ist ein Land, das aus voneinander abgeschotteten Blöcken besteht, aus kleinen Welten, die ihre Geheimnisse eifersüchtig hüten.
Erst als Mia älter wird, begreift sie, dass sie zwischen zwei Welten lebt.
Die eine ist die Welt im Haus, wo ihre gebildeten Eltern – die Mutter Gynäkologin, der Vater Direktor der Crédit Commercial du Maroc – sich modern und um den Erfolg und die Unabhängigkeit ihrer Töchter besorgt zeigen.
Die andere ist die Welt draußen, die gefährlich und unbegreiflich ist. Zuhause kann man Kopftuch und Fanatismus kritisieren. Draußen darf man darüber nicht reden, nicht provozieren. Draußen muss man so tun, als respektiere man die guten Sitten, als hielte man den Ramadan ein; man darf niemals über den König reden oder über die manipulierten Wahlen. Niemals verraten, dass die Eltern am politischen System zweifeln.
Die Eltern haben sich mit damit arrangiert, mit dieser moralischen Verwirrung zu leben, und sie haben sie an ihre Töchter weitergegeben. Mia ist klar, dass sie ihr bei der Frage „Wer bin ich eigentlich?“ nicht helfen können.
Und auch als sie nach Paris geht, nachdem sie die Schule beendet hat, bleibt das Gefühl, zwischen zwei Welten zu schweben. Trotz französischem Pass, trotz der Tatsache, dass sie die Sprache fließend und perfekt beherrscht, bleibt sie „die Araberin“, die Ausländerin, nicht zuletzt wegen ihres Nachnamens und ihres Aussehens.
„Trag das Feuer weiter“ ist ein gewaltiger Roman, der sich kritisch und dabei doch unterhaltsam mit den Themen Identität, Rassismus, Selbstfindung und der Geschichte Marokkos auseinandersetzt. Ein wirklich grandioses Familien-Epos!
Vor allem ist es aber ein Denkmal, dass die Autorin Leila Slimani ihre Hauptfigur, die Schriftstellerin Mia setzen lässt, und zwar für Mias Vater Medhi, der wohl ein großes Stück an ihren eigenen Vater angelehnt ist.
Kurz bevor seine Tochter ihre Heimat und ihre Familie verlässt und nach Frankreich aufbricht – kurz bevor Medhi für Jahre ins Gefängnis kommt –, gibt er seiner Tochter folgende Worte für ihr neues Leben mit:
„Spare keine Kraft für den Rückweg auf und schwimme, so weit du kannst… Komm nicht wieder. Diese Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln, während die Vergangenheit, das Haus, die Dinge unwichtig sind. Entfache einen großen Brand und trag das Feuer weiter. Ich sage dir nicht auf Wiedersehen, mein Herz, ich sage dir Lebewohl. Ich stoße dich vom Felsen, ich lasse die Schnur los und sehe zu, wie du schwimmst. Mein Schatz, verteidige deine Freiheit…“
Familie
Eine bewegende, emotionale Familiengeschichte, die nachhallt.


