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Rezensionen

Rezensionen von pageturner

Autor: Jennette McCurdy

Ziemlich gutes Debüt - 5 Sterne

Ich hatte etwas "Angst," dass mir "Half his age" von Jennette McCurdy (Ü: Oivia Kuderewski) nicht gefallen würde. Ihr Memoir "I'm glad my Mom died" war 2023 unter meinen Highlights. Als ich den Klappentext von ihrem Romandebüt gelesen habe, war ich erstmal skeptisch. Spoiler: völlig unbegründet. Dieses Romandebüt ist unbequem, witzig und ein ziemlicher Banger. ✨

Waldo wächst mit einer emotional abwesenden Mutter auf. Sie sucht Nähe dort, wo sie sie bekommt: in Konsum, Sex – und schließlich bei ihrem Englischlehrer Mr. Korgy. Sie weiß selbst nicht, was sie eigentlich von ihm will: seine Lebenserfahrung oder einfach das Gefühl, endlich gesehen zu werden. Die beiden beginnen eine Affäre.

Was dieses Buch für mich ausmacht, ist Waldo. McCurdy hat eine Protagonistin geschaffen, die gleichzeitig impulsiv, klug und zutiefst widersprüchlich ist. Waldo musste viel zu früh erwachsen werden und sich um die emotionalen Bedürfnisse ihrer Mutter kümmern. Während andere Jugendliche sich um Schule oder Freundschaften sorgen, fragt sie sich, ob noch Wasser aus dem Hahn kommt oder ob ihre Mutter die nächste Trennung übersteht. Sie arbeitet, finanziert sich selbst, wirkt unabhängig. Und verliert sich trotzdem im Online-Shopping, sobald alles zu viel wird, füllt Warenkörbe mit Fast Fashion und hofft, dass es die Leere kurz überdeckt.

Ich mochte, wie McCurdy verschiedene Themen (Klassismus, Konsum, Patriarchat) in den Roman einfließen lässt. Waldo weiß zum Beispiel genau, wie absurd es ist, wie viel Zeit, Geld und Energie Frauen investieren, um für Männer „präsentierbar“ zu sein. Und trotzdem reicht ein einziger Anruf von Mr. Korgy, und sie ist sofort, emotional wie körperlich, verfügbar. Sie hat sogar eine Notfall-„Tonne“ im Auto: Make-up und Kleidung, um sich jederzeit schnell für ihn herzurichten, wenn er plötzlich doch Zeit für sie hat.

"Ein Frauenkörper kann nie genug abgeschabt und abgetragen werden. Was ist eine Frau schon anderes als Seidigkeit? Weichheit? Geschmeidigkeit, Straffheit, Porenlosigkeit?" (S. 65)

McCurdy schreibt also auch hervorragende Romane. Hoffen wir, es folgen noch viele weitere. ????✨
von pageturner - 2026-01-24 18:48:00
Autor: Taylor Jenkins Reid

Gutes Buch, aber kein Highlight - 3 Sterne

Auf "Atmosphere" von Taylor Jenkins Reid hab ich mich seit der Ankündigung gefreut. Ich mag ihre Bücher sehr, ganz besonders "Die sieben Männer der Evelyn Hugo". Auch "Atmosphere" habe ich gerne gelesen, aber es war für mich leider kein Highlight.

Im Mittelpunkt steht Joan Goodwin, die schon als Kind vom Weltall fasziniert war. Als eine der ersten Frauen bei der NASA wird sie Teil des Space-Shuttle-Programms und bereitet sich intensiv auf ihren ersten Flug vor – bis sie plötzlich die Liebe ihres Lebens kennenlernt.

Man merkt total, wie viel Recherche TJR ins Buch gesteckt hat. Die Details zu Raumfahrt, Sternen und Astronomie fand ich mega spannend. An ein paar Stellen war es mir fast etwas zu technisch, aber insgesamt hat’s mir echt gut gefallen. Das 80s-Setting mochte ich auch total und ganz besonders auch den feministischen Unterton, der immer wieder in einigen Dialogen durchkommt.

Die Liebesgeschichte war für mich keine "Überraschung." Wer Evelyn Hugo kennt, hat da schnell eine Ahnung, wohin die Reise geht. Trotzdem fand ich schön, wie sich die Beziehung zwischen Joan und Vanessa langsam entwickelt. Gut gefallen hat mir auch, dass TJR Queerfeindlichkeit in den 80ern thematisiert und zeigt, wie unmöglich es für die beiden ist, eine Beziehung führen zu können.
Auch der Plot mit Joans Schwester Barbara und ihrer Nichte Frances war schön erzählt. Barbara hat mich zwischendurch echt auf die Palme gebracht mit ihrem Egoismus.

Aber warum ist der Funke letztlich nicht übergesprungen? Für meinen Geschmack nimmt die Liebesgeschichte ziemlich viel Platz ein, dadurch bleiben die Nebenfiguren eher blass. Ganz am Anfang des Buches passiert ein Vorfall, der sich durch das ganze Buch zieht, und auch die Nebenfiguren betrifft. Ich möchte an dieser Stelle nicht spoilern, aber für diesen Vorfäll hätte ich mir noch eine tiefere Verbindung zu den anderen Figuren gewünscht. So richtig mitgefiebert hab ich am Ende eigentlich nur mit Joan und Vanessa. Da hat mir einfach was gefehlt.

Insgesamt ein gutes Buch, spannend recherchiert und erzählt – aber mich hat’s nicht so abgeholt wie andere Bücher von TJR.
von pageturner - 2025-06-22 15:57:00
Autor: Kim Eui-kyung

Ein großartiges Buch über Kinderwunsch, Schmerz & Hoffnung - 5 Sterne

Hello Baby der Name des Gruppenchats, in dem sich Munjeong und ihre fünf Freundinnen während der schmerzhaften Phasen von Eizellentnahmen, Embryotransfers und wiederholten Fehlgeburten gegenseitig Halt geben. Die sechs Frauen lernen sich in der Baby Angel-Fruchtbarkeitsklinik in Seoul kennen und kämpfen alle mit demselben Wunsch: endlich schwanger zu werden und zu bleiben. Als die 46-jährige Jeonghyo überraschend auf natürlichem Weg schwanger wird, bringt das einerseits große Freude, aber auch Misstrauen und Neid mit sich.

Was für ein großartiges, aber auch unfassbar schmerzhaftes Buch! Die Autorin Kim Eui-kyung hat selbst zwei Jahre in einer Kinderwunschklinik verbracht und genau diese Erfahrungen haben Hello Baby inspiriert (Ü: Inwon Park). Sie wollte eine Geschichte erzählen, die zeigt, wie das Leben vor der Schwangerschaft aussieht mit all seinen Schmerzen, Tränen und Emotionen. Und ich finde, das ist ihr definitiv gelungen.

Die sechs Frauen zeigen ganz unterschiedliche Facetten, wie herausfordernd und belastend Kinderwunschbehandlungen körperlich und seelisch sein können. Auch Themen wie Social Freezing und der Wunsch nach einem Baby als Single-Frau werden behandelt. Das Buch strotzt außerdem vor weiblicher Solidarität, was ich sehr mochte! Alle sitzen im gleichen Boot, unterstützen sich, wenn eine Behandlung wieder scheitert oder der Partner kein Verständnis zeigt.

Auch die Einblicke in die südkoreanische Kultur fand ich interessant: Zum Beispiel, dass Mitarbeitende dort Anspruch auf Urlaub für IVF-Behandlungen haben, aber oft deswegen von Kolleg:innen schief angesehen werden. Oder dass Samenspenden nur verheirateten Paaren erlaubt sind und sogar verheiratete Frauen die Zustimmung ihres Partners brauchen.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das ein schwieriges Thema ehrlich und einfühlsam erzählt.
von pageturner - 2025-05-26 09:29:00
Autor: Beatriz Serrano

Scharfsinnige Satire - 4 Sterne

Marisa steckt mitten im täglichen Überlebenskampf: ein Job in einer Werbeagentur, den sie nur durch Zufall bekommen hat und der sie mit jeder Minute mehr langweilt. Ihr Leben dreht sich im Kreis, und sie betäubt sich mit YouTube-Videos und Beruhigungsmitteln, um dem Wahnsinn zu entkommen. Doch als ein Teambuilding-Wochenende ansteht, droht ihre Angststörung alles zu entgleisen. Die Fassade beginnt zu bröckeln, und die Idee, Drogen mitzubringen, ist weder der Weg aus der Krise noch eine clevere Lösung.

Was ich an diesem Buch wirklich mochte, ist die Perspektive, die es auf das Arbeitsleben wirft: die Frage, wie sinnvoll der 40-Stunden-Job überhaupt noch ist. Als jemand, der selbst im Marketing arbeitet, fand ich mich in Marisas Gedanken über den Sinn ihres Jobs und dem ständigen Gefühl des Hamsterrads oft wieder. Wie viele von uns stellen sich diese Fragen und sind dennoch gefangen in einem System, das uns zu wenig Raum für Sinnfindung lässt?

Das Buch ist provokant, überspitzt und schwarz-humorig bis zur letzten Seite. Es ist weniger ein klassischer Roman als vielmehr eine scharfe Gesellschaftskritik am Arbeitsalltag. Viele mögen das Fehlen einer durchgehenden Story kritisieren, aber genau das macht für mich den Reiz aus. Hier wird auf humorvolle, aber durchaus tiefgründige Weise das System hinterfragt, das uns alle in diesen täglichen Trott zwingt.

Fazit: Ein Buch für alle, die sich im Hamsterrad wiederfinden, einen klaren Blick auf die Sinnhaftigkeit der Arbeit werfen wollen und auch mal über die Absurditäten des Arbeitslebens lachen können. Wer schwarzen Humor und eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik mag, wird hier definitiv auf seine Kosten kommen.
von pageturner - 2025-05-23 12:20:00
Autor: Amanda Montell

Idee gut, Umsetzung eher naja - 3 Sterne

Wenn mein Post weniger Likes bekommt als der einer Freundin, fühle ich mich weniger wert. Dieser Gedanke ist ein Beispiel für die Nullsummenverzerrung. Wir glauben oft, dass der Erfolg anderer uns etwas wegnimmt als ob es nur begrenzt Platz für Aufmerksamkeit gibt. Dabei ist das ein Trugschluss! Der Erfolg anderer bedeutet nicht, dass weniger für uns bleibt.

Diese kognitive Verzerrung und viele weitere behandelt Amanda Montell in ihrem Buch Das Zeitalter des magischen Zerdenkens (Ü: Florian Kranz, Andrea Schmittmann). Sie beleuchtet die mentalen Fallstricke, die unser Gehirn uns stellt, und die Denkfallen, in die wir immer wieder tappen ohne es wirklich zu merken.

Als kleine Overthinkerin hat mich das Thema direkt angesprochen, aber leider hat mich die Umsetzung nicht ganz überzeugt. Es gibt viele spannende Kapitel, die mir gut gefallen haben (z. B. Survivorship-Bias oder Bestätigungs-Verzerrung). Montell erklärt die einzelnen Begriffe mit einer Mischung aus persönlichen Anekdoten und wissenschaftlichen Fakten. Für mein Empfinden haben diese Anekdoten, die zwar unterhaltsam waren, jedoch deutlich mehr Raum eingenommen als die wissenschaftlichen Erklärungen, die mir viel besser gefallen haben. Das hat dem Buch manchmal die nötige Tiefe genommen.

In einigen Kapiteln hätte ich mir eine kurze Einführung zum Thema gewünscht vor allem im Kapitel über Taylor Swift, in dem viel Hintergrundwissen vorausgesetzt wird, das nicht jede*r Lesende mitbringt. Der Schreibstil ist ansonsten angenehm und gut verständlich, aber an manchen Stellen fand ich die Übersetzung etwas sperrig und musste die Passagen mehrmals lesen. Zudem fehlt eine differenzierte Perspektive, da viele der zitierten Studien aus den USA stammen aber nun gut, das ist vielleicht auch eine Verzerrung: Amanda Montell ist selbst Amerikanerin und Studien aus dem eigenen Land nimmt man wohl eher wahr.

Trotz dieser Kritikpunkte regt das Buch definitiv zum Nachdenken an. Aber im Vergleich zu anderen Sachbüchern wird es mir wohl weniger nachhaltig in Erinnerung bleiben.
von pageturner - 2025-05-23 12:19:00
Autor: Annegret Liepold

Beeindruckendes Debüt - 4 Sterne

Das Debüt "Unter Grund" von Annegret Liepold ist ein Buch, das vor allem im Moment aktueller denn je ist. Franka fühlte sich in ihrer Familie schon immer verloren. Als sie mit Ende Zwanzig in die fränkische Provinz zurückkehrt, erinnert sie sich an das Aufwachsen in dem kargen Dorf: An die Zeit in den Nullerjahren, als Deutschland Weltmeister im eigenen Land werden wollte. Als ihr Vater starb und sie in Patrick und Janna Gleichgesinnte fand, die ihre Unsicherheit mit Krawall und Frustration mit Faustschlägen überdeckten. Als sie immer weiter in die rechte Szene abrutschte.

Annegret Liepold zeigt sehr deutlich, wie schnell man in die rechte Szene geraten kann. Die Entwicklung von Franka ist sehr glaubwürdig dargestellt. Zuerst verbringt sie einfach nur Zeit mit Patrick und Janna und versteht auch nicht wirklich, was um sie herum geschieht. Doch im Laufe der Zeit driftet sie immer weiter ab, übernimmt Gedanken und Gerede der beiden. Am Ende wird Franka sogar zu einer Person, die selbst Aktionen plant und andere anstiftet, mitzumachen. Besonders gefiel mir, wie Liepold Frankas ambivalente Gefühle geschildert hat. Bis zu ihrer Rückkehr im Heimatdorf hat sich Franka nicht mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt. Zu groß ist die Scham darüber, was damals passiert ist. Erst heute in der Gegenwart erkennt sie, dass sie damals rechtsradikal war.

Der Roman hat mich von Anfang an gefesselt. Das Erzähltempo ist eher langsam, die Atmosphäre durchgehend melancholisch und düster, passend zu Frankas Heimatdorf. Er beginnt mit den NSU-Prozessen, an denen Franka als Lehrerin zusammen mit ihrer Klasse teilnimmt. Es sind die Prozesse rund um Beate Zschäpe. Ich fand es sehr gelungen, diese Prozesse als Einstieg und auch als Abschluss zu wählen, da der Lebensweg von Zschäpe beinahe auch der von Franka gewesen wäre. Das hätte Frankas Zukunft sein können, hätte sie nicht noch die Kurve gekriegt.

Ein großes Lob auch für das Glossar am Ende des Buches, das z. B. Nazi-Begriffe und Liedzeilen, die im Text vorkommen, erklärt. Das war sehr hilfreich und hat das Verständnis erheblich gefördert. Empfehlung, gerade in Zeiten wie diesen!
von pageturner - 2025-05-23 12:18:00
Autor: Taffy Brodesser-Akner

Intensiver Roman mit Längen - 3 Sterne

1980 wird Carl Fletcher vor seinem Haus auf Long Island entführt. Die Familie zahlt das Lösegeld, Carl kehrt unversehrt zurück – aber das bedeutet nicht, dass sie als Familie unversehrt bleiben. Stattdessen wird einfach so getan, als wäre nichts passiert. Ein Satz, der immer wieder im Buch fällt, lautet: „Das ist nur deinem Körper passiert. Es ist nicht dir passiert.“ Und genau das beschreibt treffend, wie die Familie mit dem Trauma umgeht. 40 Jahre später wird jedoch deutlich, dass die Entführung tiefgreifende Spuren hinterlassen hat – nicht nur bei Carl, sondern bei allen Fletchers.

In "Die Fletchers von Long Island" (Ü: Sophie Zeitz) nimmt uns Taffy Brodesser-Akner mit in das Leben dieser Familie. Der Fokus liegt auf Carls drei Kindern – Beamer, Nathan und Jenny – die längst erwachsen sind, aber deren Leben alles andere als stabil verläuft. Beamer, ein gescheiterter Drehbuchautor, der ständig die Entführung seines Vaters in seine Geschichten einfließen lässt. Nathan, ein übervorsichtiger Anwalt, der sich mit einer Flut von Versicherungen gegen alles absichern will. Und Jennifer, einst als Wunderkind gefeiert, die als Erwachsene völlig ziellos durchs Leben driftet.

Brodesser-Akner hat einen herrlich bissigen Schreibstil, der oft tragikomisch ist und mit schwarzem Humor glänzt. Besonders gut gefallen hat mir, wie sie die drei Kinder in all ihrer Exzentrik und mit ihren Eigenheiten detailliert darstellt. Beamer, Nathan und Jennifer sind nicht unbedingt sympathisch, aber das war auch nicht beabsichtigt. Sie sind komplexe, teils stark überzeichnete Charaktere, die einen tiefen Einblick in die Auswirkungen von Reichtum und Trauma geben.

Der Roman ist eine tiefgründige, humorvolle Geschichte über Familie, den „Fluch“ des Wohlstands und die Konsequenzen, die extrem privilegiertes Aufwachsen hinterlassen kann. Es geht um soziale Ungleichheit, Aufwachsen im Reichtum und die Frage, warum Geld oft keine Lösung für die wirklichen Probleme ist.

Mit fast 600 Seiten ist es ein Wälzer, der stellenweise langatmig ist. Hier hätte ich mir ein paar Kürzungen gewünscht, besonders bei Beamers Drogenexzessen.
von pageturner - 2025-05-23 12:16:00
Autor: Emily Marie Lara

Eher enttäuschend - 2 Sterne

Rosa kehrt nach Jahren in London in ihre Heimatstadt zurück. Eigentlich hatte sie nie vor, wiederzukommen, doch Erinnerungen an ihre Internatszeit in Nützenberg, an ihre verstorbene Mutter Conny und alte Freundinnen holen sie ein. Hin- und hergerissen zwischen Nostalgie und der Gegenwart sucht sie nach der Wahrheit hinter den Geschichten ihrer Jugend.

Ich war sehr gespannt auf dieses Debüt – nicht nur wegen des Klappentexts, sondern auch, weil es der erste Roman einer deutschen Autorin im Pola-Programm ist. Leider blieb das Buch hinter meinen Erwartungen zurück.

Positiv hervorheben möchte ich den atmosphärischen Schreibstil von Emily Marie Lara – der liest sich richtig gut. Auch das Setting des Internats Nützenberg und die melancholische Grundstimmung haben mir gefallen. Und das Cover ist wie bei fast allen Pola-Titeln wirklich schön!

Was für mich allerdings nicht funktioniert hat, war die Erzählstruktur. Das Buch springt ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit, wobei die Rückblenden oft wenig zum aktuellen Geschehen beitragen. Ich hatte oft das Gefühl, die Handlung stagniert und kommt nicht voran. Insbesondere die Storyline um Herrn Reuters, bei der Rosa nicht mehr weiß, ob ihre Mutter oder ihre Freundin Leni eine Affäre mit dem Lehrer hatte, hätte viel Potenzial gehabt. Doch das Thema bleibt ungelöst, was ich sehr schade fand.

Mein größtes Problem war allerdings Rosa selbst. Ich kann die Nostalgiegefühle hinsichtlich der Schulzeit nachvollziehen, doch Rosas Gefühle gehen weit darüber hinaus. Sie ist regelrecht besessen von ihrer Schulzeit. Ihre Freundin Leni will keinen Kontakt, doch Rosa stalkt sie auf Instagram und verfolgt sie sogar in einen Freizeitpark. Ihr Verhalten wirkte auf mich stellenweise übergriffig und toxisch. Ich habe bis zum Schluss auf eine Erklärung für dieses obsessive Verhalten gewartet, die leider ausblieb.

Insgesamt bleibt bei mir ein Gefühl der Ratlosigkeit zurück. Zu viele Fragen sind (bewusst?) offen geblieben. Trotz allem hat mir der Schreibstil gefallen, und ich würde der Autorin eine zweite Chance geben. Vielleicht kann ihr nächstes Buch mich mehr überzeugen.
von pageturner - 2025-05-23 12:15:00
Autor: Hannah Sloane

Offene Ehe charmant erzählt - 4 Sterne

Die Handlung von "The Freedom Clause" lässt sich fix zusammenfassen: Daphne und Dominic einigen sich in ihrer Ehe auf eine „Freiheitsklausel“. Einmal im Jahr dürfen sie mit einer anderen Person schlafen – allerdings unter der Bedingung, dass es sich weder um jemanden aus dem Freundes- noch Familienkreis handelt und es bei einem einmaligen Treffen bleibt.

Was mich an diesem Buch sofort angesprochen hat, war das unkonventionelle Thema. Offene Beziehungen oder Ehen sind zwar nicht mehr völlig tabu, aber noch immer selten in der Literatur vertreten – und schon gar nicht auf so humorvolle, charmante Weise erzählt wie hier. Zugegeben, schon früh war klar, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln würde, aber das hat mich kaum gestört. Im Mittelpunkt steht nämlich nicht der große Plottwist, sondern Daphnes Entwicklung: Sie wird im Verlauf der Geschichte immer selbstbewusster, hinterfragt ihre eigenen Wünsche und entdeckt, was sie wirklich will.

Besonders gelungen fand ich, wie Sloane die Themen weibliche Lust und Selbstbestimmung behandelt. Sie zeigt, wie viele Frauen darauf geprägt wurden, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen – sei es in der Partnerschaft oder im Alltag – und wie schwer es ist, sich von diesen Mustern zu lösen. Gleichzeitig wird deutlich, wie befreiend dieser Prozess sein kann und wie wichtig es ist, die eigenen Wünsche und Sehnsüchte zu entdecken. Diese Thematik wird mit viel Einfühlungsvermögen behandelt und spricht sicherlich viele Lesende an.

Stilistisch hat mich das Buch leider nicht ganz überzeugt. Manche Passagen wirkten auf mich etwas zu salopp formuliert, vor allem Daphnes Blogeinträge. Auch Dominics Charakterentwicklung – oder besser gesagt seine Abwärtsspirale – war mir manchmal „too much“. Sloane hat ihn klar überzeichnet, um Daphnes Entwicklung noch stärker voranzutreiben, aber an einigen Stellen war es fast schon absurd, wie viel bei ihm schiefgeht.

Trotz dieser kleineren Kritikpunkte ist der Roman lesenswert. Ich denke, einige Lesende werden sich in Daphnes Entwicklung wiederfinden oder sie zumindest inspirierend finden. ✨
von pageturner - 2025-05-23 12:14:00
Autor: Anna Brüggemann

Empfehlenswerter Roman über komplexe Mutter-Tochter-Beziehungen - 3 Sterne

Nach „Trennungsroman“ war ich total gespannt auf Anna Brüggemanns neuen Roman – und er hat mich wirklich begeistert! Diesmal dreht sich alles um die komplexen Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern. Im Fokus stehen Regina und ihre Töchter Antonia und Wanda. Regina hat ihre eigenen Träume für die Familie aufgegeben und projiziert all ihre unerfüllten Wünsche auf die beiden. Antonia bricht aus diesem Erwartungsdruck aus, wird alleinerziehende Mutter und schmeißt ihr Studium hin. Wanda hingegen versucht, es allen recht zu machen, bis sie schließlich in eine Essstörung rutscht, die die Familie weitgehend ignoriert. Die Schwestern schwanken ständig zwischen Rivalität und dem Verlangen nach Anerkennung ihrer Mutter.

Uff, was für ein intensiver, bewegender Roman! Brüggemann beleuchtet die komplexen Mutter-Tochter-Dynamiken und zeigt, wie familiäre Erwartungen das Leben prägen. Wir begleiten die drei Frauen über mehrere Lebensabschnitte und sehen, wie sich ihre Beziehungen verändern, während viele Probleme weiterhin unausgesprochen bleiben. Es sind nicht die großen Wendungen, die den Roman ausmachen, sondern die feinen Einblicke in das, was schiefgelaufen ist, und wie Reginas Erziehung ihre Töchter beeinflusst hat. Ein Thema, das viele von uns betrifft – ob als Tochter, Mutter oder beides.

Regina war für mich die schwierigste Figur – oft narzisstisch und stark auf sich selbst fixiert. Besonders schmerzlich: wie sie Antonia mehr oder weniger subtil spüren lässt, dass Wanda ihre Favoritin ist. Oder wie sie bei Wanda über Antonia ablästern möchte. Celina, Antonias Tochter, ist für mich die heimliche Heldin des Buches. Als sie Regina endlich die Meinung sagt, musste ich innerlich jubeln. Sie verkörpert die Hoffnung auf eine freiere, glücklichere nächste Generation, die sich von den familiären Erwartungen endlich lösen kann.

Der Titel „Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen“ ist besonders treffend gewählt. Auf den ersten Blick scheint alles gut zwischen der Mutter und ihren Töchtern, doch in der Dunkelheit, unter der Oberfläche, entfalten sich verborgene Spannungen und Kämpfe. Sehr empfehlenswerter Roman.
von pageturner - 2024-11-01 07:42:00