Perlen
Roman | »Ein zartes Buch über großen Kummer, darüber, wie er uns verändert und wie er doch heilen kann« Elke Heidenreich
Hardcover
DuMont Buchverlag; Indigo Press, 2023 (2025)
272 Seiten; Gebunden in Strukturpapier mit Hochprägung, Glanzlack, farbigem Vorsatzpapier und Lesebändchen; 20 cm x 12 cm
ISBN 978-3-7558-0008-8
versand- oder abholbereit innerhalb von 3 Werktagen
Hauptbeschreibung
Marianne ist acht Jahre alt, als ihre Mutter verschwindet. Sie bleibt mit ihrem Bruder und ihrem Vater in einem Haus am Rande eines kleinen Dorfes zurück, neben dem ein Fluss entspringt. Die bruchstückhaften Erinnerungen an die Liebe ihrer Mutter geben ihr Kraft: der Duft frischer Kräuter, die Spiele, die sie spielten, die Lieder und Märchen aus ihrer Kindheit. Doch da ist vieles, was verborgen liegt im Dunkel ihrer eigenen Geschichte.
Die abwesende Mutter begleitet sie durch ihre gesamte Kindheit und Jugend, bleibt auch bei ihr, als sie längst erwachsen ist. Erst Jahre nachdem sie selbst eine Tochter bekommen hat, beginnt Marianne, sich auf die Spur ihrer Erinnerungen zu begeben, und stößt auf ein Geheimnis.
›Perlen‹ erzählt davon, wie es gelingen kann, trotz widriger Umstände den eigenen Weg zu finden. Ein zarter Roman, poetisch und unprätentiös zugleich, über das Wesen der Trauer und den Trost, den wir finden können, wenn es uns gelingt, uns mit der eigenen Vergangenheit auszusöhnen.
Hersteller: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln DE
E-Mail: herstellung@dumont.de
Leise und reflektiert
Der Roman ist ruhig erzählt, beinahe zart, und genau darin liegt seine Stärke – wobei ich das erst im Laufe des Romans erkannt habe. Gerade zu Beginn habe ich mich schwergetan, weil doch eher langsam erzählt wird und die Themen direkt sehr schwer sind: Verlust, psychische Erkrankungen, Magersucht, Selbstverletzung – all das wird ohne Dramatik, aber eindringlich behandelt.
Mich hat das Buch auf Abstand gehalten: Die Atmosphäre ist von Grund auf melancholisch, und als Leserin fühlte ich mich oft eher wie eine stille Beobachterin, die von außen auf das Leben der Protagonistin schaut. Dieses Gefühl der Distanz ist Teil der Wirkung, auch wenn es mir stellenweise den Zugang erschwert hat. Besonders schön fand ich schließlich das Ende. Perlen ist kein lautes Buch, sondern eines, das viele Reflektionen der Erzählerin enthält und diese auch bei den Leser:innen hervorrufen möchte. Dafür muss man sicher in der richtigen Stimmung sein, um es zu lesen.
Sanft und verletzlich reihen sich die Gedankenperlen aneinander…
Die Mutter der 8-jährigen Marianne geht eines Tages aus der Tür und kehrt nicht zurück. Vielleicht schon zu Beginn, mindestens aber im weiteren Verlauf wird subtil recht klar, was passiert ist. Doch es geht nicht um die Tat selbst, nicht um die Gründe. Es geht um vererbte Trauer, neu hinzugekommene Trauer sowie die Suche nach einem Umgang mit dem, was unbegreiflich und damit unüberwindbar scheint.
Der Titel und auch die Covergestaltung sind einfach ausgezeichnet gewählt. Denn Siân Hughes reiht Erinnerungen aneinander wie Perlen auf eine Kette. Manche Erinnerungen sind echt, manche nicht, und so richtig wissen wir es beim Lesen auch nicht, denn Erinnerung und Fiktion verschmelzen immer wieder miteinander. Die Kapitel sind kurz und das fand ich ebenso eine außerordentlich gute Wahl. Denn obwohl die Handlung insgesamt zusammenhängt, lassen sich die kompakten „Perlen“ leicht mit Pausen lesen.
Und Pausen sind manchmal auch wirklich angebracht - zum Verarbeiten und Durchatmen, zum Fühlen und Reflektieren. Das Werk ist nicht immer ganz zugänglich, die Sprache mit Bildern und Assoziationen versetzt, aber ich habe es überraschend gern gelesen und konnte die von Trauer und auch Ärger begleitete Liebe zwischen den Zeilen regelrecht greifen.
Ein echtes, raues Werk mit einigen schmerzhaften Themen, dem es dank leichter Schnörkel gelingt, sie erträglich zu machen. Besagte Schnörkel und Assoziationen machen den Text aber nicht unnatürlich und überladen poetisch, sondern einfach schön. Ich empfehle dieses ruhige und tiefgängige Stück Literatur von Herzen gern - eine begabte Autorin, die in ihrem Debütroman Lyrik mit zart-ernster Prosa vereint, und ein poetisches Werk für alle, die keine poetischen Werke mögen.
.
.
TW: Selbstverletzung, Suizid, Depression, Essstörung
Melancholische und sensibel erzählte Geschichte
Marianne, die Ich-Erzählerin, ist acht Jahre alt, als ihre Mutter Margaret kurz nach der Geburt des kleinen Joe verschwindet, ohne jemandem zu sagen, wohin sie geht und wann sie wiederkommt. Die Kinder wachsen bei ihrem Vater Edward, einem Geschichtsdozenten, in einem alten Haus am Rand eines kleinen Dorfes und später in einem gemieteten Stadthaus auf. Marianne bleiben Erinnerungen an ihre Mutter und die Liebe, die sie miteinander verband, an die Märchen und Lieder von damals, die gemeinsamen Spiele - und an "Pearl", das Lieblingsgedicht der Mutter. Je älter sie wird, desto mehr sucht sie nach den Gründen, die Margaret dazu veranlassten, ihre Familie zu verlassen. Als sie 30 Jahre nach Margarets Weggang selbst Mutter einer kleinen Tochter wird, stürzt ihr unbewältigtes Trauma sie in eine tiefe Depression.
Die Geschichte, in der Marianne sich rückblickend an den Schmerz über den Weggang der Mutter erinnert und in der es um die zentralen Themen Verlust, Mutterschaft, Trauer und Trauerbewältigung geht, ist in wunderschöner und ruhiger Sprache geschrieben, sie hat mich gefesselt und zutiefst berührt. Die Autorin zeichnet ihre Protagonisten, ganz besonders Marianne, sehr bildhaft und authentisch. Wir erfahren, wie die Abwesenheit der Mutter das Leben ihrer zurückgebliebenen Tochter prägte, erleben neben ihrer Kindheit auch die schwierigen Jahre ihrer Jugend und blicken dabei tief in ihre Gefühls- und Gedankenwelt.
Ich hatte nicht nur tiefes Mitgefühl für das kleine Mädchen, das den Alltag mit dem Vater und Joe allein bewältigen muss und die Mutter so schmerzlich vermisst, sondern auch für die wütende und aufbegehrende Heranwachsende, die sich selbst Verletzungen zufügt.
Die sensibel erzählte Geschichte hat mir sehr gut gefallen - Leseempfehlung!
Die Perlenkette des Lebens
Doch zunächst zu der Gestaltung: Der Roman verfügt über keinen Umschlag, jedoch ist der Buchdeckel in einer schönen, fast grellen grünen Farbe gehalten. Es ist aber keine einheitliche Farbe, da kleine Kreise, auch mit einer anderen glatten Textur, ein Schwarz-Weiß-Bild aus dem Hintergrund zum Vorschein bringen. Diese Kreise wirken wie Perlen – wie der Name des Romans.
Am Anfang jedes Kapitels ist Ausschnitt eines Reimes abgebildet. Im Laufe des Romanes wird der Grund für dieses Stilmittel klar. Anfangs war ich etwas von dem direkten Einstieg verwirrt und brauchte erst einmal meine Zeit um mich hereinzulesen. Jedoch wurden die Charaktere mit der Zeit immer authentischer und liebevoller, sodass ich das Buch zum Schluss nicht mehr weglegen wollte. Es werden durchaus sehr harte und tabuisierte Themen angesprochen, wie Suizidgedanken, Depressionen, Kindesverlust oder Armut. Diese Themen wurden jedoch so in die Geschichte eingebunden, dass sie verständlich und authentisch sind.
Zu dem Schreibstil kann ich nicht viel mehr sagen, außer dass er angenehm ist. Mir ist er nicht als störend oder sehr positiv aufgefallen.
Obwohl ich die Entscheidungen der Protagonistin teilweise nicht nachvollziehen konnte, kann ich mir vorstellen, dass andere mit ihr resonieren können. Meine Lebenssituation ist so weit weg von ihrer, weswegen damit einfach immer ein Abstand zwischen uns blieb. Daher hat der Roman auch nicht sonderlich viele Emotionen bei mir hervorgerufen.
Diesen Roman empfehle ich insbesondere Menschen, die mit solch schweren Themen erst einmal klarkommen. Sonst kann ich dem Buch keine Zielaltersgruppe zuordnen, da ganz viele verschiedene Lebenssituationen der Protagonistin dargestellt werden.
Perlen der Erinnerungen
In 'Perlen' von Siân Hughes begleiten wir Marianne, die mit gerade einmal acht Jahren ihre Mutter verliert. Diese liebenswerte Frau verlässt das Haus und kehrt nie wieder zurück.
Zurück bleiben Marianne, ihr kleiner Bruder Joe, der noch ein Baby ist, und der Vater Edward.
Was genau mit der Mutter geschah, können wir im Laufe der Geschichte nur erahnen.
Der Roman trägt durchgehend eine melancholische Grundstimmung, und es ist kaum auszuhalten, wie sehr Marianne unter dem Verlust leidet. Viele Jahre lang versucht sie, zu verstehen, was passiert ist.
Es schien doch alles so schön - ein perfektes Familienidyll, so scheint es auf den ersten Blick.
Doch Marianne wächst mit einer tiefen Verlorenheit und Trauer auf, gespickt mit Schuldgefühlen, die mir sehr ans Herz gegangen sind.
Warum hat sie es nicht bemerkt, als die Mutter ging? Hätte sie sie vielleicht sogar aufhalten können? Diese Fragen beschäftigen sie, und kein Kind sollte ein solches Päckchen mit sich herumtragen müssen.
Als Marianne schließlich selbst Mutter wird und sich die Puzzelteile langsam zusammenfügen, beginnt sie, die Geschehnisse zu verstehen und zu verarbeiten.
Ein Weg dorthin ist hart, und wird auf eine rohe und doch poetische Weise erzählt.
Besonders interessant ist die Verbindung zu dem mittelenglischen Gedicht 'Pearl', das in der Geschichte eine zentrale Rolle spielt.
Nach Beendigung des Buches empfehlen ich, die Übersetzung dieses Gedichtes zu lesen - es bringt noch einmal einiges klarer zum Ausdruck.
'Perlen' ist ein bewegendes Buch mit einer gewissen Schwere und ordentlich Tiefgang, das bei mir lange nachwirkt.
Schwer
Perlen, Roman von Siân Hughes, Ebook vom Dumont Buchverlag
„Das Schlimmste ist, vergessen zu haben und sich dann wieder zu erinnern.“
Mariannes Mutter verschwindet, als sie acht Jahre alt ist. Zurück bleiben sie selbst, ihr Vater und das Baby, ihr Bruder Joe. Sie leben in einem alten Haus, mit verwildertem Garten am Rand eines kleinen Dorfes. Ihr Leben lang leidet sie unter dem Verschwinden der Mutter. Die Erinnerung an sie kleine Lieder, Rituale und Geschichten begleiten sie. Erst als sie selbst eine kleine Tochter hat, stößt sie auf ein Geheimnis.
Das Buch besteht aus 21 Kapiteln, die alle mit einem zusammenfassenden Titel überschrieben sind. Am Anfang eines Kapitels und auch immer wieder dazwischen im Text, befinden sich, in kursiver Schrift deutlich abgesetzt, Kinderlieder, Abzählreime oder Gedichte, zum Teil in englischer Sprache. Der Roman ist in sehr poetischer Sprache und bildhaft geschrieben. Die Autorin erzählt in der Ich-Form aus Sicht der Protagonistin.
Ich habe mich mit der Lektüre schwergetan, ich habe den roten Faden, der sich durch die Geschichte zieht nicht verloren, sondern ihn gar nicht erst gefunden. Zu Beginn kam sogar etwas Lesefluss auf, doch die Story verlieft nicht immer in einer Zeitabfolge, manchmal greift die Autorin vor, um kurz darauf wieder in ihre Kinderzeit zurückzukommen. Abschnittsweise ist die Grundstimmung sehr morbide und auch gruselig. Das alles war mir zu düster zu destruktiv. Besonders schlimm fand ich den Abschnitt, als Marianne Schülerin war, ihr häufiges Schwänzen in der Schule, hatte scheinbar keinerlei Folgen, obwohl sie kaum lesen konnte, ist sie auf eine weiterführende Schule gekommen, sie hat studiert und ein Buch geschrieben. Die postnatalen Depressionen, bzw. Wahnvorstellungen oder war es Hysterie? Ich bin nicht dahintergekommen, wurde auch nicht erklärt. Insgesamt sind diese Erscheinungen, vermutlich durch das Trauma, auf das Verschwinden der Mutter zurückzuführen. Eine Psychotherapie wäre bestimmt hilfreich gewesen.
Die seltsame Beziehung zu Kelly konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen, an dieser Stelle hätte ich das Buch beinahe abgebrochen, doch ich wollte unbedingt wissen, ob eine plausible Auflösung des Verschwindens von Mariannes Mutter präsentiert wird. Mit keiner der Figuren konnte ich warm werden. Es war einfach nicht mein Buch.
Wer Bücher dieser Art mag, wird sicher Gefallen daran finden, von mir 2,5 Sterne.
.
Perlen der Erinnerung
„Perlen“ von Siân Hughes hat mich ab der ersten Seite in seinen Bann gezogen und emotional überwältigt. Ein wunderschönes Buch, aus dem ich viel mitnehmen konnte und das ich mit Sicherheit noch öfter lesen werde.
Der Roman erzählt die Geschichte von Marianne. Als sie acht Jahre alt ist, verschwindet ihre Mutter plötzlich und kommt nie zurück. Dieses Ereignis verändert Mariannes Leben für immer. Sie bleibt mit ihrem Vater Edward und ihrem kleinen Bruder Joe zurück. Von diesem Moment an begleiten sie Trauer, Verwirrung, Schuldgefühle und viele unbeantwortete Fragen.
Das Buch ist wie ein Tagebuch in der Ich-Form geschrieben. Besonders eindrucksvoll ist, wie die Autorin schwierige Themen beschreibt. Es geht um Verlust und Trauer, aber bspw. auch um psychische Probleme und selbstverletzendes Verhalten. Obwohl diese Themen sehr schwer sind, werden sie in einer stillen Art erzählt. Gerade das macht sie umso berührender und erschütternder. Es wären Inhaltswarnungen angebracht, leider hat der Verlag keine abgedruckt.
Die Sprache des Buches ist sehr poetisch und feinfühlig. Viele Sätze sind so schön, dass man sie sich aufschreiben möchte. Trotzdem ist es kein leichtes Buch, weil man Marianne durch viele schwere Zeiten begleitet. Doch am Ende hinterlässt das Buch ein warmes und hoffnungsvolles Gefühl.
Perlen ist eine besondere Geschichte über Trauer, Erinnerung und das Erwachsenwerden. Siân Hughes schafft es, diese Themen mit großer Einfühlsamkeit zu erzählen.
Eindrucksvoll
Perlen von der Schriftstellerin Siân Hughes ist ein berührender Roman.
Die Autorin lässt die achtjährige Marianne ihren Emotionen erzählen und ihr älter werden. Der ungewisse Verlust der Mutter beeinträchtigt ihr ganzes weitere Leben. Der Vater und ihr kleiner Bruder helfen, aber sie war alt genug um das genau mit zu erleben. Sie fühlt sich auch noch schuldig, obwohl es nicht sein kann.
In der Schule schwänzt sie oft. Ein Wunder das sie den Abschluss Schaft.
Erst als sie selbst eine Tochter bekommt, versucht sie alles aufzuarbeiten.
Vom Aufwachsen mit einer Mutter, die fehlt
Es ist ein ruhiges, nachdenkliches, unaufgeregtes Buch mit viel Poesie und schöner Sprache. Es geht um Marianne, die im mittleren Alter auf ihr Leben zurückblickt, mit speziellem Fokus darauf, was das Verschwinden ihrer Mutter, als Marianne acht Jahre alt war, mit ihr und mit der Familie gemacht hat. Jedes Kapitel beginnt mit (im englischsprachigen Original belassenen) Kinderreimen, viele davon mit sehr düsterem Ende, etwa ganz am Anfang:
"Adam and Eve and Pinch-Me.
Went down to the river to bathe.
Adam and Eve were drowned.
Who do you think was saved?" (S.5)
Wir erfahren, dass die Mutter der Erzählerin ihr viele dieser Reime beigebracht hat und diese Teil der Spiele waren, die sie mit ihrer Tochter gespielt hat... meist ohne dass das kleine Mädchen den düsteren Hintergrund kannte oder verstand. Die Mutter, so wie wir sie durch die Augen der Tochter kennen lernen, muss eine ganz besondere Persönlichkeit gewesen sein: individualistisch und kreativ, naturverbunden und frei, aber auch sehr verwundbar und sensibel.
Schließlich wird sie eines Tages, als Marianne acht ist und ihr kleiner Bruder noch ein Baby, das gestillt wird, mitten am Tag alles stehen und liegen lassen und verschwinden. Die Polizei wird eine Fußspur im Schlamm finden, die in den Fluss führt und so wird vermutet, dass die Mutter sich ertränkt hat, vielleicht aus einem Anflug von postpartaler Depression heraus, auch wenn die Leiche nie gefunden wird. Auftauchen wird sie jedenfalls nie wieder und die Familie - der Vater, das 8-jährige Mädchen und das kleine Baby - muss ohne sie zurecht kommen.
Mariannes Vater Edward ist eine Lichtgestalt in diesem Buch, er macht das Beste aus der Situation, bemüht sich, den Kindern ein guter Vater zu sein, für sie da zu sein und gleichzeitig in seinem Beruf als Historiker an der Universität Geld zu verdienen. So sehr er sich auch bemüht, natürlich bleibt eine Lücke, emotional und auch organisatorisch und finanziell. Es ist nicht mehr möglich, in dem geliebten eigenen Haus am Land zu bleiben, zu abgelegen liegt dieses, um dort Kinder aufzuziehen, die nur mehr einen Elternteil haben, der beruflich oft abwesend sein muss. Also wird schweren Herzens das Haus aufgegeben und weiter in die Stadt gezogen.
Marianne wächst ohne Mutter heran, erlebt Verschiedenes, wünscht sich lange erfolglos ein Kind und wird schließlich dann ungeplant schwanger von einem Mann, der gerade beschlossen hat, sein Leben kinderlos verbringen zu wollen. Also wird sie alleinerziehende Mutter und stürzt kurz nach der Geburt in eine postpartale Psychose... zum Glück ist ihr liebevoller Vater da, um sie aufzufangen und sie erholt sich wieder.
Die eigene Verletzlichkeit wird ihr in ihrer Mutterschaft noch einmal anders bewusst und sie findet passende Worte dazu, über den "Notausgang Suizid", der den Nachkommenden eröffnet wird, sobald jemand in der Familie diesen Weg gewählt hat: "Man sollte ja meinen, ich wäre der letzte Mensch auf Erden, der sich schnell verabschieden will, schließlich weiß ich ja, wie es ist, zurückgelassen zu werden. Trotzdem gehöre ich zur Hochrisikogruppe. Wenn eine nahestehende Person in den Fluss geht und nie mehr daraus auftaucht, bedeutet das, dass diese Möglichkeit auch uns anderen offensteht. Sie leuchtet dann in unserem Kopf auf wie eins dieser grünen Schilder, die man über den Notausgängen am Ende von Hotelfluren sieht,..." (S. 208/209)
Doch zum Glück gibt es auch vieles an Gutem und an Ressourcen in Mariannes Leben und so wird sie ihren eigenen Umgang mit ihrer Verletzlichkeit finden und ihre Tochter beim Heranwachsen begleiten können.
Es ist also ein dunkles und tiefgründiges Thema, das dieser Roman behandelt. Wie viel Autobiographisches drin steckt, weiß ich nicht. Jedenfalls handelt es sich um eine Autorin, die ihr Thema und die psychischen Zustände ihrer Figuren sehr gut versteht und empathisch und mit treffenden Worten und Bildern zu beschreiben versteht. Insgesamt ist es ein Buch, das ruhige Momente braucht, in denen man sich darauf einlässt. Es gibt kaum größere Spannungsmomente... dass die Mutter verschwunden bzw. höchstwahrscheinlich verstorben ist, wissen wir ziemlich von Anfang an, und ebenfalls, dass Marianne es zumindest bis ins mittlere Erwachsenenalter geschafft hat und nun selbst eine heranwachsende Tochter hat - denn aus dieser Perspektive wird erzählt.
Der Reiz des Buches liegt also weniger in der Spannung, als in der tiefgründigen Figuren- und Charakterstudie und dem Porträt einer zutiefst verwundeten Familie, die doch auf ihre Art versucht, das Beste daraus zu machen. Ich habe das Buch gerne gelesen und kann es allen empfehlen, die bereit sind, sich auf so ein Buch einzulassen.
Nicht ganz überzeugend
Die Erinnerungen an ihre Mutter, die Frage nach ihrem Schicksal lassen sie nie wieder los.
Der Roman, dessen Handlung vor dem Verschwinden der Mutter einsetzt, lässt in Rückblenden Mariannes Mutter und ihre Erinnerungen an sie wieder lebendig werden. Das Schicksal der Mutter spielt eine zentrale Rolle.
Marianne fragt sich unentwegt, warum ihre Mutter gegangen ist, wohin, wie sie sie zurücklassen konnte - und der Leser tut das ebenso.
Es ist auch die Geschichte von Marianne, von Mariannes Leben.
In sprachlicher Hinsicht habe ich "Perlen" wirklich geliebt, da poetisch und wunderschön geschrieben.
Es ist keine leichte Kost, da die Geschichte sehr traurig, dramatisch und berührend ist.
Es ist ein ruhiger, leiser, eindringlicher Roman, der auch durch seine dichte Atmosphäre besticht.
Positiv ist, dass das Rätsel um Mariannes Mutter am Ende gelöst wird, wenngleich diese Auflösung sehr konstruiert erscheint.
Der Roman hatte viel Potenzial, das aus meiner Sicht aber nicht ganz ausgeschöpft wurde.
Die Handlung ist teilweise einfach too much, zu konstruiert, zu seltsam. Auch gibt es Längen, plätschert die Geschichte leider immer wieder vor sich hin und konnte mich dann nicht mehr fesseln und begeistern.
Ein Problem hatte ich auch mit den Zeitsprüngen, die mir allzu groß und unzusammenhängend waren. So ist Marianne bspw. gerade noch öfter zu Hause als in der Schule, man fragt sich, wie sie überhaupt jemals einen Abschluss schaffen soll ... und plötzlich befindet sie sich an dieser Akademie. Ohne nähere und weitere Erklärungen. Das wirkte auf mich nicht logisch und überzeugend.
Letztlich war es ein sehr vielversprechender Roman, an den ich große Erwartungen hatte, der mich aber leider etwas enttäuscht und unbefriedigt zurücklässt.


