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Rezensionen

Lucia Kirchner-Krämer

Mit und aus Begeisterung seit 30 Jahren im Buchhandel tätig, seit 2004 Inhaberin der Buchhandlung in Stockerau. Mag besonders die aktuellen österreichischen Autoren, hat aber auch eine (un)heimliche Leidenschaft für Krimis.
Autor: Miriam Carbe

Unerwünschte Töchter - 5 Sterne

4 Frauen, 4 Generationen und ein ganzes Jahrhundert: Miriam Carbe entstammt einer Familie von Frauen, die alle Tagebuch geführt haben. Aus mehreren Kisten von Aufzeichnungen, von denen die ältesten von 1908 stammen, ist dieses Buch entstanden. Jede der Frauen, jede Generation hat ihre eigenen Schwierigkeiten und Hürden, uneheliche Kinder, Männer, die in Kriegen sterben, dunkelhäutige Kinder; abgewiesen, auf sich gestellt, um die Unabhängigkeit kämpfend. Gesellschaftlliche Enge, sozialer Abstieg - alle Facetten des letzten Jahrhunderts spiegeln sich in dieser Familiengeschichte. Inmitten der epochalen Veränderungen erzählt Carbe mit leisen Tönen, sehr persönlich und anrührend von großer weiblicher Stärke und familiärer Verbundenheit.
von Lucia Kirchner-Krämer - 2026-06-16 18:06:21
Autor: Anne Freytag

Laute Nächte - 4 Sterne

Es gibt Ereignisse, die das Leben komplett verändern. Kenni, um die 20, hatte einen Plan, eine Zukunftsvision mit seiner Freundin Jasmin. Als die bei einem Autounfall stirbt, wirft ihn das vollkommen aus der Bahn. Auf der Suche nach sich selbst zieht er nach Wien in eine WG. Aus der Notlösung wird sein Rettungsanker. Aus Mitbewohnern werden Freunde, die alle ihr eigenes Schicksal bewältigen müssen: Paul, der seine erfolgreiche Tenniskarriere aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste und seither mit sich nichts anzufangen weiß. Julia, die so still und leise ist, dass man sie fast übersehen könnte und konsequent an ihrer Karriere arbeitet. Elif, die seit drei Jahren mit ihrem Freund aus reichem Haus zusammen ist, aber der sie vor seinen Eltern verheimlicht. Eindringlich und mitreißend schildert Freytag, wie die vier sich einander öffnen, wie sie zusammenwachsen, Kennis innere Zerrissenheit, wie sie Jahre später zueinander stehen. Ein wunderschöner Roman über Beziehungen, die dem Leben Halt geben.
von Lucia Kirchner-Krämer - 2026-05-18 10:15:42
Autor: Shelly Kupferberg

Stunden wie Tage - 5 Sterne

Berlin, in den 1930er-Jahren: Die junge Martha, zielstrebig und gewissenhaft, sucht eine Stelle und findet sie als Hausbesorgerin eines Mietshauses, das der jüdischen Familie Berkowitz gehört. Schnell wird sie zur "Seele des Hauses", hat regen Kontakt zu allen Mietern und auch zur Besitzer-Familie. Henry Berkowitz hat Katharina geheiratet, eine russische Opernsängerin und deren Tochter Liane adoptiert. Katharina leidet sehr darunter, dass sie aus Russland fliehen musste und schafft es nicht immer, für ihre Tochter da zu sein. Da Martha und ihr Mann keine Kinder bekommen können, entwickelt Martha bald eine sehr innige Beziehung zu Liane. Mit der Machtübernahme der Nazis muss Henry das Land verlassen, Liane, die gerade die Schule abschließt, schließt sich dem Widerstand an. Als Liane 1942 verhaftet und schließlich hingerichtet wird, ist es Martha, die Katharina auffängt und unterstützt.

Kupferberg verwebt hier Fiktion mit historischen Tatsachen. Die Geschichte von Liane Berkowitz und ihrer Familie ist tatsächlich so passiert, auch Martha hat tatsächlich existiert. Kupferberg hat akribisch recherchiert und mit Zeitzeugen gesprochen. In ihrer klaren, eindringlichen Sprache findet sie einen Weg, auch das größte Grauen zu erzählen. "Nicht auffallen" ist die Taktik, die Martha anwendet, um ihren Arbeitgebern zu helfen. Sie schafft es, deren Eigentum für sie zu erhalten, das sie ihr aus Dankbarkeit schließlich übereignen. Nicht retten kann sie Liane, das belastet die tief religiöse Frau bis an ihr Lebensende, wo sie schließlich verwirrt durch die Straßen ihres Bezirks irrt. Kaum jemand kennt ihre Geschichte, bis Shelly Kupferberg darauf stösst.
von Lucia Kirchner-Krämer - 2026-04-16 12:10:19
Autor: Christoph Zielinski

Villa Wundergold - 5 Sterne

Die Villa Wundergold ist im Sommer 1937 ein kleines Paradies. Das Wetter ist traumhaft, die Familien dreier Brüder treffen einander im Haus von Isak Wundergold in Truskawiec unweit von Lemberg, Deutschland, Hitler und sein Judenhass scheinen weit weg. All das bricht mit dem Einmarsch deutscher und sowjetischer Truppen 1939 zusammen. Ghetto, Besserungsarbeitslager, Zwangsarbeit, Leben im Versteck, Flucht nach England - anhand der zerstreuten Familie zeichnet Zielinski das Bild des zerstörten Europa. Durch die sehr klare und eindringliche Sprache wird auch viel eigentlich Unaussprechliches bewusst gemacht: Verlust, Gewalt, Entwurzelung, aber auch Opportunismus, geboren aus dem schieren Überlebenswillen. Der Autor folgt kapitelweise einzelnen Mitgliedern der Familie, begleitet persönliche Schicksale durch historische Realität. 1937 bis 1946, nicht einmal 10 Jahre und die Welt war eine andere.
von Lucia Kirchner-Krämer - 2026-03-16 17:50:45
Autor: Alena Schröder

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel - 5 Sterne

Ich bin ein großer Alena-Schröder-Fan. Seit dem ersten Roman. Aber gerade deshalb hatte ich sehr große Erwartungen bei dem neuen Roman. Die Themen sind dieselben geblieben, Frauen-Schicksale zu verschiedenen Zeiten, miteinander verwoben, die Frauen so verschieden in ihren Lebensumständen und doch so ähnlich in ihren Ängsten und Fragen, die sie sich und an das Leben stellen. Diesmal wandern wir mit zwischen dem Berlin der Gegenwart, den frühen 90er-Jahren kurz nach der Wende und Ostdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. In ihrer klaren, aber mitreißenden Sprache erzählt Schröder wieder warmherzig, emotional (aber nie kitschig) und einfühlsam. Ich hab´s an zwei Abenden verschlungen.
von Lucia Kirchner-Krämer - 2026-02-13 16:02:19
Autor: Pascal Mercier

Der Fluss der Zeit - 5 Sterne

Fünf Erzählungen aus dem Nachlass Pascal Merciers. Eigentlich bin ich sonst keine Freundin von Erzählungen, die sind mir zu unfertig, nicht tiefgehend genug. Aber hier ist es etwas anderes: In jeder dieser Erzählungen lässt Mercier eine ganze Welt entstehen. Alles, was er beschreibt (und auch das, was er nicht beschreibt, sondern was man für sich weiterdenkt), ergibt eine große Geschichte, ein großes Thema. Mit seinen leisen Tönen und genauen Beobachtungen lässt er uns eintauchen in ganz existentielle Themen, auch wenn es manchmal scheinbar nur ganz kleine Fragen sind. Nach jeder Geschichte hatte ich das Gefühl, die Hauptfigur(en) und das, was sie antreibt, zumindest ein Stück weit zu kennen. Wie ein Maler, der mit wenigen Pinselstrichen ein Bild so skizziert, dass man das Ganze erkennen kann.
von Lucia Kirchner-Krämer - 2026-01-14 12:34:38
Autor: Danielle Spera

Bewegte Zeiten - 5 Sterne

Wir leben gerade in einer sehr bewegten Zeit. Krisen, Umbrüche und Entwicklungen, die wir so nicht erwartet haben, prägen die täglichen Nachrichten. Aber auch die letzten 80 Jahre waren alles andere als ruhig. Die Zeit bis zum Staatsvertrag 1955, der Fall des Eisernen Vorhangs, der EU-Beitritt, die Flüchtlingskrise 2015: Alle diese Ereignisse haben Österreich geprägt. In diesem schön gestalteten und reich bebilderten Band mit Schwerpunkt Niederösterreich kommen Zeitzeugen, Politiker und Autoren zu Wort, die diese Zeit aktiv miterlebt haben. Die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche wirken fort bis heute und geben auch Hoffnung, dass die Zukunft gut werden kann.
von Lucia Kirchner-Krämer - 2025-12-11 16:00:47
Autor: Vea Kaiser

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels - 5 Sterne

Eine junge Frau aus schwierigen Verhältnissen (Mutter ist Hausbesorgerin, Vater unbekannt) hat eine Begabung für Zahlen. Und sie ist ambitioniert und sehr sorgfältig. Ihre erste Anstellung erhält sie im Grand Hotel Frohner in der Verwaltung und sie ist wild entschlossen, dort Karriere zu machen. Als sie ein Kind bekommt und die Dinge schwierig werden, nutzt sie ihre Stellung dort, um Geld für sich abzuzweigen - lange Zeit sehr erfolgreich. Vea Kaiser konstruiert als Ich-Erzählerin einen Fall, der die Republik erschüttert, eine großangelegter Betrug über viele Jahre, der am Ende durch die Medien bekannt wird. Und sie besucht Angelika Moser im Gefängnis.
Es ist ein Entwicklungs- und Schelmenroman im besten Sinn. Nicht nur Kindern der 80er kommt vieles in Kaisers fiktivem Wien (das Hotel liegt am Strauß-Ring) sicher bekannt vor. Die Geschichte der Angelika Moser ist so lebendig und plastisch erzählt, dass man von Seite zu Seite fliegt, um zu erfahren, wie es ihr weiter ergeht.
von Lucia Kirchner-Krämer - 2025-11-17 09:49:41
Autor: Didi Drobna

Ostblockherz - 5 Sterne

Didi wird in der Slowakei geboren und kommt im Alter von 3 Jahren nach Österreich. Als der Vater im Alter schwer erkrankt, braucht er die Hilfe seiner Tochter, im Krankenhaus wird sie wieder zu seiner Dolmetscherin, so wie als Kind. Jahrelang war der Kontakt eher eingeschlafen, jetzt ist die Annäherung schwierig. Die Tochter spricht nicht mehr viel Slowakisch, der Vater nach wie vor wenig Deutsch. In dieser Situation rekapituliert sie die Geschichte ihrer Familie, die Schwierigkeiten des Anfangs, das Leben zwischen zwei Welten, die Hoffnungen und Träume der Mutter. Und der Vater erzählt von seinem Leben in der Slowakei, vom Umzug nach Österreich, von den Erwartungen und dem Schock, dass es doch mehr Unterschiede gab als gedacht. Es ist aber nicht nur eine Ost-West-Geschichte von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, es ist vor allem eine Familiengeschichte, eine Geschichte zwischen Vater und Tochter. Bei aller Entfremdung haben sie doch eine gemeinsame Geschichte. In einer klaren, aber eindringlichen Sprache versetzt Didi Drobna uns mitten in eine Familie, die mit vielem umgehen lernen muss, vor allem aber mit der Veränderung. Anrührend, empfindsam und zu Herzen gehend.
von Lucia Kirchner-Krämer - 2025-10-14 12:38:17
Autor: Nelio Biedermann

Lazar - 5 Sterne

Die Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie von der Zeit vor 1900 durch beide Weltkriege bis zur Flucht der jüngsten Nachkommen in die Schweiz nach dem Ungarnaufstand in den 50er Jahren. Soweit klingt es vertraut, epische Familiengeschichten mag man oder nicht - aber die hier ist anders. Manche Episoden sind realistisch, prägnant erzählt, andere wieder geradezu traumartig. Die Erzähl- und Sichtweise spiegelt das Empfinden der Protagonisten wider, wie sie auf die rasant sich ändernden Verhältnisse reagieren, damit umgehen müssen. Ein wunderschöne, fesselnde und berührende Sprache, ein einzigartiges Buch.
von Lucia Kirchner-Krämer - 2025-09-10 17:37:56