Rezensionen
Rezensionen von bedard
Autor: Francesca Giannone
Geschichte einer starken, modernen Frau in einem traditionellen Dorf - 4 Sterne
Geschichte einer starken, modernen Frau in einem traditionellen Dorf
„Die Briefträgerin“ von Francesca Giannone hat mich vor allem durch die besondere Atmosphäre überzeugt. In den Dialogen der Dorfbewohnerinnen und auch im Umgang mit Anna spürt man sofort dieses lebhafte, herzliche, aber manchmal auch leicht missbilligende Miteinander, das für mich perfekt zum italienischen Dorfleben passt. Genau diese Mischung macht die Geschichte unglaublich authentisch.
1934 zieht Anna mit ihrem Mann Carlo und ihrem Sohn Roberto aus Norditalien in Carlos Heimatdorf Lizzanello in Apulien. Für Carlo ist es ein Heimkommen, für Anna dagegen der Beginn eines Lebens als Außenseiterin. Sie ist selbstbewusst, unabhängig und passt mit ihrer Art nicht in die traditionellen Vorstellungen des Dorfes. Dass sie schließlich sogar als erste Frau die Stelle der Briefträgerin übernimmt, sorgt natürlich für Gesprächsstoff und Widerstand.
Besonders gefallen hat mir, dass der Roman nicht nur Annas persönliche Geschichte erzählt, sondern gleichzeitig ein sehr lebendiges Bild des süditalienischen Dorflebens über mehrere Jahrzehnte zeichnet. Man begleitet die Familie durch Höhen und Tiefen, erlebt Konflikte, Liebe, Verlust, Freundschaften und die vielen kleinen Dynamiken innerhalb der Dorfgemeinschaft. Die Figuren wirken dabei nie eindimensional – jeder trägt seine eigenen Wünsche, Schwächen und Geheimnisse mit sich.
Der Schreibstil ist flüssig und atmosphärisch. Die Autorin beschreibt das Dorfleben und die Menschen so anschaulich, dass man beim Lesen die italienische Hitze und das enge Miteinander fast spüren kann. Trotz der historischen Kulisse wirken viele Themen erstaunlich aktuell, besonders die Frage danach, wie viel Freiheit Frauen zugestanden wird und wie schwer es sein kann, seinen eigenen Weg zu gehen.
Für mich ist „Die Briefträgerin“ eine berührende Familiengeschichte über Mut, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung mit starken Charakteren und viel italienischem Flair. Unterhaltsam und lesenswert!
„Die Briefträgerin“ von Francesca Giannone hat mich vor allem durch die besondere Atmosphäre überzeugt. In den Dialogen der Dorfbewohnerinnen und auch im Umgang mit Anna spürt man sofort dieses lebhafte, herzliche, aber manchmal auch leicht missbilligende Miteinander, das für mich perfekt zum italienischen Dorfleben passt. Genau diese Mischung macht die Geschichte unglaublich authentisch.
1934 zieht Anna mit ihrem Mann Carlo und ihrem Sohn Roberto aus Norditalien in Carlos Heimatdorf Lizzanello in Apulien. Für Carlo ist es ein Heimkommen, für Anna dagegen der Beginn eines Lebens als Außenseiterin. Sie ist selbstbewusst, unabhängig und passt mit ihrer Art nicht in die traditionellen Vorstellungen des Dorfes. Dass sie schließlich sogar als erste Frau die Stelle der Briefträgerin übernimmt, sorgt natürlich für Gesprächsstoff und Widerstand.
Besonders gefallen hat mir, dass der Roman nicht nur Annas persönliche Geschichte erzählt, sondern gleichzeitig ein sehr lebendiges Bild des süditalienischen Dorflebens über mehrere Jahrzehnte zeichnet. Man begleitet die Familie durch Höhen und Tiefen, erlebt Konflikte, Liebe, Verlust, Freundschaften und die vielen kleinen Dynamiken innerhalb der Dorfgemeinschaft. Die Figuren wirken dabei nie eindimensional – jeder trägt seine eigenen Wünsche, Schwächen und Geheimnisse mit sich.
Der Schreibstil ist flüssig und atmosphärisch. Die Autorin beschreibt das Dorfleben und die Menschen so anschaulich, dass man beim Lesen die italienische Hitze und das enge Miteinander fast spüren kann. Trotz der historischen Kulisse wirken viele Themen erstaunlich aktuell, besonders die Frage danach, wie viel Freiheit Frauen zugestanden wird und wie schwer es sein kann, seinen eigenen Weg zu gehen.
Für mich ist „Die Briefträgerin“ eine berührende Familiengeschichte über Mut, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung mit starken Charakteren und viel italienischem Flair. Unterhaltsam und lesenswert!
von bedard - 2026-05-13 16:13:00
Autor: Martina Bogdahn
Mehr Anekdoten als Handlung - 3 Sterne
Mehr Anekdoten als Handlung
Anna ist seit vielen Jahren die Haushälterin des Priesters Josef im kleinen fränkischen Ort Blumfeld. Beide kennen sich seit ihrer Kindheit, in der sie sich als Außenseiter verbunden fühlten. Inzwischen sind sie beliebte und geschätzte Mitglieder der Gemeinschaft geworden; Anna engagiert sich weit über ihre Rolle als Haushälterin hinaus in der Gemeinde.
Doch dann stirbt Josef völlig überraschend mit nur 57 Jahren. Sein letzter Wunsch stellt Anna vor eine Herausforderung: Er möchte seine letzte Ruhestätte im Meer finden. Gleichzeitig muss sie die offizielle Begräbnisfeier organisieren, den neuen Priester willkommen heißen und sich zudem mit ihrer eigenen ungewissen Zukunft auseinandersetzen.
Neben der Gegenwartshandlung beschreibt die Autorin vor allem in zahlreichen Rückblicken und episodischen Anekdoten Annas Leben. Josef spielt dabei keine unbedeutende Rolle, bleibt jedoch eher eine Randfigur. Der Ton ist meist humorvoll, häufig sogar mit einer Tendenz zum Klamauk. Daneben gibt es aber auch einige ernstere Szenen und Begegnungen, die berühren und dem Roman etwas Tiefe verleihen.
Die sehr bildhaften Naturbeschreibungen vermitteln ein lebendiges Gefühl für die Kleinstadt und ihre Umgebung. Ebenso erwecken die teils skurrilen Charakterzeichnungen die Bewohner*innen zum Leben. Über weite Strecken bleibt allerdings offen, wann die Gegenwartshandlung genau spielt – jedenfalls deutlich später, als das Leben in Blumfeld, das Handeln der Figuren und ihre Gedankengänge zunächst vermuten lassen.
Das Verhältnis der beiden Zeitebenen fällt klar zugunsten der Vergangenheit aus. Auch die Handlung bleibt überwiegend in Blumfeld verortet; erst gegen Ende kommt das Meer tatsächlich in Sicht.
Der zweite Roman von Martina Bogdahn nach ihrem großen Erstlingserfolg ist flüssig und leicht lesbar geschrieben. Trotz der ernsten Ausgangssituation handelt es sich jedoch eher um einen Wohlfühlroman, der mich letztlich nicht überzeugen konnte. Ich hätte mir eine stringentere Handlung und mehr Tiefgang gewünscht – dafür weniger episodische Anekdoten und klamaukigen Humor.
Geschmäcker sind bekanntlich verschieden; deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass das Buch durchaus seine Fangemeinde finden wird.
Anna ist seit vielen Jahren die Haushälterin des Priesters Josef im kleinen fränkischen Ort Blumfeld. Beide kennen sich seit ihrer Kindheit, in der sie sich als Außenseiter verbunden fühlten. Inzwischen sind sie beliebte und geschätzte Mitglieder der Gemeinschaft geworden; Anna engagiert sich weit über ihre Rolle als Haushälterin hinaus in der Gemeinde.
Doch dann stirbt Josef völlig überraschend mit nur 57 Jahren. Sein letzter Wunsch stellt Anna vor eine Herausforderung: Er möchte seine letzte Ruhestätte im Meer finden. Gleichzeitig muss sie die offizielle Begräbnisfeier organisieren, den neuen Priester willkommen heißen und sich zudem mit ihrer eigenen ungewissen Zukunft auseinandersetzen.
Neben der Gegenwartshandlung beschreibt die Autorin vor allem in zahlreichen Rückblicken und episodischen Anekdoten Annas Leben. Josef spielt dabei keine unbedeutende Rolle, bleibt jedoch eher eine Randfigur. Der Ton ist meist humorvoll, häufig sogar mit einer Tendenz zum Klamauk. Daneben gibt es aber auch einige ernstere Szenen und Begegnungen, die berühren und dem Roman etwas Tiefe verleihen.
Die sehr bildhaften Naturbeschreibungen vermitteln ein lebendiges Gefühl für die Kleinstadt und ihre Umgebung. Ebenso erwecken die teils skurrilen Charakterzeichnungen die Bewohner*innen zum Leben. Über weite Strecken bleibt allerdings offen, wann die Gegenwartshandlung genau spielt – jedenfalls deutlich später, als das Leben in Blumfeld, das Handeln der Figuren und ihre Gedankengänge zunächst vermuten lassen.
Das Verhältnis der beiden Zeitebenen fällt klar zugunsten der Vergangenheit aus. Auch die Handlung bleibt überwiegend in Blumfeld verortet; erst gegen Ende kommt das Meer tatsächlich in Sicht.
Der zweite Roman von Martina Bogdahn nach ihrem großen Erstlingserfolg ist flüssig und leicht lesbar geschrieben. Trotz der ernsten Ausgangssituation handelt es sich jedoch eher um einen Wohlfühlroman, der mich letztlich nicht überzeugen konnte. Ich hätte mir eine stringentere Handlung und mehr Tiefgang gewünscht – dafür weniger episodische Anekdoten und klamaukigen Humor.
Geschmäcker sind bekanntlich verschieden; deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass das Buch durchaus seine Fangemeinde finden wird.
von bedard - 2026-05-13 16:02:00
Autor: Esther Schüttpelz
Genug Sympathie für den Teufel? - 5 Sterne
Genug Sympathie für den Teufel?
Der Roman von Esther Schüttpelz erzählt von einer Frau, die sich einmal im Monat mit ihrer einzigen Freundin im Kino trifft. Danach fährt sie in ihrem alten Golf Kombi mit Rolling-Stones-Aufkleber, defektem Blinker und Türen, die sich nicht mehr richtig verschließen lassen, zu ihrem Mann nach Hause. An diesem Abend jedoch zwingt eine Umleitung sie durch die Straßen ihrer früheren Kunststudentinnenzeit. Sie verfährt sich, will an der nächsten roten Ampel wenden – doch alle Ampeln stehen auf Grün.
Was folgt, ist eine scheinbar ziellose Fahrt durch die Nacht, getragen von einem inneren Monolog.
Schüttpelz verzichtet fast vollständig auf Namen und reduziert das Personal auf ein Minimum. Statt Handlung dominiert Reflexion: über das Leben der Protagonistin als Ehefrau eines erfolgreichen Anwalts und über ihre künstlerische Entwicklung. Dabei entsteht ein konstant unterschwellig bedrohliches Gefühl.
Ein Einschnitt erfolgt im Morgengrauen durch einen Rehunfall – wie vieles in diesem Roman von symbolischer Bedeutung. Später nimmt sie zwei Anhalterinnen mit, eher aus Überrumpelung als aus freier Entscheidung. Als sie nach ihrem Namen gefragt wird, nennt sie sich spontan „Amy“, inspiriert von einem Song von Amy Winehouse. Mit diesem Namen verändert sich auch ihr Verhalten: Sie wirkt offener, interessierter, beinahe befreit. Erst als eine der jungen Frauen ihre Fassade durchdringt, bricht diese Rolle zusammen – und die Protagonistin flieht.
Zentrales Thema des Romans ist Gewalt in Beziehungen, insbesondere in ihrer subtilen, schwer greifbaren Form. Explizit benannt wird die physische Gewalt erst auf Seite 49; bis dahin bleibt sie eine Ahnung. So ergeht es auch der Freundin der Protagonistin: Sie spürt, dass etwas nicht stimmt, begegnet dem Ehemann, der nach außen charmant und kontrolliert wirkt, und gerät dennoch kurz in seinen Bann.
Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es zeigt, wie geschickt toxische Dynamiken verborgen werden und wie schleichend Manipulation das Selbstvertrauen der Betroffenen untergräbt, bis ihnen die Kraft zur Flucht fehlt.
Schüttpelz arbeitet stark mit Symbolen. Nahezu jedes Detail ist bedeutungstragend, besonders die im Radio gespielten Songs. Der Rolling-Stones-Aufkleber zu Beginn findet seine Entsprechung am Ende in „Sympathy for the Devil“ – ein möglicher Wendepunkt, an dem die Protagonistin erkennen könnte, dass ihre „Sympathie“ für den Teufel ein Ende haben muss.
„Großartig“ trifft es, auch wenn das Buch keine leichte Lektüre ist. Die präzise, durchdachte Sprache verlangt Aufmerksamkeit, belohnt diese jedoch auf jeder Seite. Die Namenlosigkeit der Figuren unterstreicht dabei die eigentliche Aussage: Diese Geschichte könnte jede treffen.
Der Roman von Esther Schüttpelz erzählt von einer Frau, die sich einmal im Monat mit ihrer einzigen Freundin im Kino trifft. Danach fährt sie in ihrem alten Golf Kombi mit Rolling-Stones-Aufkleber, defektem Blinker und Türen, die sich nicht mehr richtig verschließen lassen, zu ihrem Mann nach Hause. An diesem Abend jedoch zwingt eine Umleitung sie durch die Straßen ihrer früheren Kunststudentinnenzeit. Sie verfährt sich, will an der nächsten roten Ampel wenden – doch alle Ampeln stehen auf Grün.
Was folgt, ist eine scheinbar ziellose Fahrt durch die Nacht, getragen von einem inneren Monolog.
Schüttpelz verzichtet fast vollständig auf Namen und reduziert das Personal auf ein Minimum. Statt Handlung dominiert Reflexion: über das Leben der Protagonistin als Ehefrau eines erfolgreichen Anwalts und über ihre künstlerische Entwicklung. Dabei entsteht ein konstant unterschwellig bedrohliches Gefühl.
Ein Einschnitt erfolgt im Morgengrauen durch einen Rehunfall – wie vieles in diesem Roman von symbolischer Bedeutung. Später nimmt sie zwei Anhalterinnen mit, eher aus Überrumpelung als aus freier Entscheidung. Als sie nach ihrem Namen gefragt wird, nennt sie sich spontan „Amy“, inspiriert von einem Song von Amy Winehouse. Mit diesem Namen verändert sich auch ihr Verhalten: Sie wirkt offener, interessierter, beinahe befreit. Erst als eine der jungen Frauen ihre Fassade durchdringt, bricht diese Rolle zusammen – und die Protagonistin flieht.
Zentrales Thema des Romans ist Gewalt in Beziehungen, insbesondere in ihrer subtilen, schwer greifbaren Form. Explizit benannt wird die physische Gewalt erst auf Seite 49; bis dahin bleibt sie eine Ahnung. So ergeht es auch der Freundin der Protagonistin: Sie spürt, dass etwas nicht stimmt, begegnet dem Ehemann, der nach außen charmant und kontrolliert wirkt, und gerät dennoch kurz in seinen Bann.
Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es zeigt, wie geschickt toxische Dynamiken verborgen werden und wie schleichend Manipulation das Selbstvertrauen der Betroffenen untergräbt, bis ihnen die Kraft zur Flucht fehlt.
Schüttpelz arbeitet stark mit Symbolen. Nahezu jedes Detail ist bedeutungstragend, besonders die im Radio gespielten Songs. Der Rolling-Stones-Aufkleber zu Beginn findet seine Entsprechung am Ende in „Sympathy for the Devil“ – ein möglicher Wendepunkt, an dem die Protagonistin erkennen könnte, dass ihre „Sympathie“ für den Teufel ein Ende haben muss.
„Großartig“ trifft es, auch wenn das Buch keine leichte Lektüre ist. Die präzise, durchdachte Sprache verlangt Aufmerksamkeit, belohnt diese jedoch auf jeder Seite. Die Namenlosigkeit der Figuren unterstreicht dabei die eigentliche Aussage: Diese Geschichte könnte jede treffen.
von bedard - 2026-05-13 15:51:00
Autor: Sina Haghiri
Alltagsnahe Psychologie mit Tiefgang - 5 Sterne
Alltagsnahe Psychologie mit Tiefgang
Meine Erwartungen an "Was dein Leben leichter macht" waren zunächst eher verhalten. Zu oft verbergen sich hinter solchen Titeln vereinfachte Ratgeber mit schnellen Lösungen. Hier ist das jedoch anders. Sina Haghiri verfolgt keinen klassischen „So wirst du glücklicher“-Ansatz, sondern lädt dazu ein, die eigenen Denk- und Verhaltensmuster besser zu verstehen – und genau darin liegt die Stärke des Buches.
Inhaltlich spannt sich der Bogen über verschiedene Lebensbereiche wie Alltag, Psyche, Gesellschaft und Gesundheit. Die Themen sind vielfältig und reichen von ganz konkreten Situationen bis hin zu grundlegenden Fragen darüber, wie wir denken, entscheiden und miteinander umgehen. Vieles wirkt vertraut, und gerade deshalb entsteht häufig ein Moment des Wiedererkennens, der zum Weiterdenken anregt.
Besonders gelungen ist die Art der Vermittlung: Hintergründe werden verständlich erklärt und durch anschauliche Beispiele ergänzt – mal aus der Forschung, mal aus realen Begebenheiten. So bleiben nicht nur die Inhalte besser im Gedächtnis, sondern auch die Bilder und Geschichten, die sie transportieren. Der Stil ist dabei angenehm zugänglich, ohne ins Oberflächliche abzurutschen.
Die kurzen, in sich geschlossenen Kapitel erleichtern es, das Buch in den Alltag zu integrieren. Einzelne Abschnitte lassen sich unabhängig voneinander lesen, ohne dass der rote Faden verloren geht, und liefern dennoch immer wieder neue Impulse. Nicht jedes Thema ist gleich spannend, und stellenweise wirkt die Zusammenstellung etwas unsystematisch – was angesichts der thematischen Breite jedoch kaum überrascht.
Unterm Strich ist es ein Buch, das weniger konkrete Handlungsanweisungen bietet als viel mehr Denkanstöße liefert. Wer sich für psychologische Zusammenhänge interessiert und Lust hat, sich selbst und andere besser zu verstehen, wird hier fündig.
Auch langjährige Profis können hier noch Anregungen für ungewöhnliche Lösungswege finden – insbesondere dann, wenn bewährte Verfahren an ihre Grenzen stoßen. Zudem stellt der Autor aktuelle Forschungserkenntnisse vor, die im professionellen Handeln berücksichtigt werden sollten.
Meine Erwartungen an "Was dein Leben leichter macht" waren zunächst eher verhalten. Zu oft verbergen sich hinter solchen Titeln vereinfachte Ratgeber mit schnellen Lösungen. Hier ist das jedoch anders. Sina Haghiri verfolgt keinen klassischen „So wirst du glücklicher“-Ansatz, sondern lädt dazu ein, die eigenen Denk- und Verhaltensmuster besser zu verstehen – und genau darin liegt die Stärke des Buches.
Inhaltlich spannt sich der Bogen über verschiedene Lebensbereiche wie Alltag, Psyche, Gesellschaft und Gesundheit. Die Themen sind vielfältig und reichen von ganz konkreten Situationen bis hin zu grundlegenden Fragen darüber, wie wir denken, entscheiden und miteinander umgehen. Vieles wirkt vertraut, und gerade deshalb entsteht häufig ein Moment des Wiedererkennens, der zum Weiterdenken anregt.
Besonders gelungen ist die Art der Vermittlung: Hintergründe werden verständlich erklärt und durch anschauliche Beispiele ergänzt – mal aus der Forschung, mal aus realen Begebenheiten. So bleiben nicht nur die Inhalte besser im Gedächtnis, sondern auch die Bilder und Geschichten, die sie transportieren. Der Stil ist dabei angenehm zugänglich, ohne ins Oberflächliche abzurutschen.
Die kurzen, in sich geschlossenen Kapitel erleichtern es, das Buch in den Alltag zu integrieren. Einzelne Abschnitte lassen sich unabhängig voneinander lesen, ohne dass der rote Faden verloren geht, und liefern dennoch immer wieder neue Impulse. Nicht jedes Thema ist gleich spannend, und stellenweise wirkt die Zusammenstellung etwas unsystematisch – was angesichts der thematischen Breite jedoch kaum überrascht.
Unterm Strich ist es ein Buch, das weniger konkrete Handlungsanweisungen bietet als viel mehr Denkanstöße liefert. Wer sich für psychologische Zusammenhänge interessiert und Lust hat, sich selbst und andere besser zu verstehen, wird hier fündig.
Auch langjährige Profis können hier noch Anregungen für ungewöhnliche Lösungswege finden – insbesondere dann, wenn bewährte Verfahren an ihre Grenzen stoßen. Zudem stellt der Autor aktuelle Forschungserkenntnisse vor, die im professionellen Handeln berücksichtigt werden sollten.
von bedard - 2026-05-13 15:41:00
Autor: Betty Boras
Über weibliche Lebensrealitäten und den Wunsch nach dem „schönsten Leben“ - 5 Sterne
Über weibliche Lebensrealitäten und den Wunsch nach dem „schönsten Leben“
Mit „Das schönste aller Leben“ gelingt Betty Boras ein eindringlicher Debütroman, der persönliche Geschichte mit großen gesellschaftlichen Fragen verbindet. Im Zentrum steht Vio, die nach dem Ende der rumänischen Diktatur mit ihren Eltern aus dem Banat nach Deutschland kommt – und dort früh verinnerlicht, dass Zugehörigkeit oft Anpassung, Leistung und Schönheit voraussetzt.
Gleich zu Beginn des Romans überschattet ein schwerer Unfall das Leben der erwachsenen Vio: Ihre kleine Tochter trägt eine sichtbare Brandnarbe im Gesicht davon. Für Vio steht sofort fest, dass sie das Leben ihres Kindes „zerstört“ hat. Diese Überzeugung zieht sich durch den gesamten Roman. Getrieben von Schuldgefühlen und der Angst vor gesellschaftlicher Bewertung zieht sie sich mit ihrer Tochter immer weiter zurück, meidet die Öffentlichkeit und verliert zunehmend den Zugang zu einem normalen Leben. Erst gegen Ende, mit professioneller Hilfe, öffnet sich langsam wieder ein Weg zurück zu Teilhabe und Selbstakzeptanz.
Das Banat bleibt dabei weit mehr als nur ein Herkunftsort: Es wirkt als emotionale und kulturelle Prägung fort, die sich nicht einfach abstreifen lässt – selbst dann nicht, wenn ein neues Leben längst begonnen hat. Besonders eindrucksvoll zeigt der Roman, wie Migration nicht nur Neuanfang bedeutet, sondern auch Verlust, Entwurzelung und ein ständiges Dazwischen. Diese Erfahrung prägt Vios Selbstbild ebenso wie ihr Verständnis davon, was ein gelungenes Leben eigentlich ausmacht. Die eindringlichen Passagen, in denen die alte Heimat eine eigene Stimme bekommt, verstärken dieses Gefühl noch.
Parallel erzählt Boras die Geschichte von Theresia im 18. Jahrhundert, die unter Zwang ins Banat gebracht wird. Ihre Erfahrungen machen deutlich, dass die Bewertung und Kontrolle weiblicher Körper sowie moralische Zuschreibungen eine lange Geschichte haben. Die Verbindung der beiden Erzählstränge zeigt, wie tief solche Denkmuster über Generationen hinweg weitergegeben werden.
Sprachlich überzeugt der Roman durch seine dichte, bildhafte und oft sehr direkte Art. Die Wechsel zwischen Zeiten und Perspektiven machen die Geschichte vielschichtig, auch wenn sie beim Lesen gelegentlich etwas Konzentration erfordern.
Fazit:
Ein kraftvolles, emotional intensives Debüt über Migration, Mutterschaft und die Last gesellschaftlicher Erwartungen. Besonders die Verbindung von persönlicher Schuldgeschichte, generationenübergreifenden Prägungen und dem Banat als emotionalem Ursprung verleiht dem Roman große Tiefe. Bewegend und absolut lesenswert.
Mit „Das schönste aller Leben“ gelingt Betty Boras ein eindringlicher Debütroman, der persönliche Geschichte mit großen gesellschaftlichen Fragen verbindet. Im Zentrum steht Vio, die nach dem Ende der rumänischen Diktatur mit ihren Eltern aus dem Banat nach Deutschland kommt – und dort früh verinnerlicht, dass Zugehörigkeit oft Anpassung, Leistung und Schönheit voraussetzt.
Gleich zu Beginn des Romans überschattet ein schwerer Unfall das Leben der erwachsenen Vio: Ihre kleine Tochter trägt eine sichtbare Brandnarbe im Gesicht davon. Für Vio steht sofort fest, dass sie das Leben ihres Kindes „zerstört“ hat. Diese Überzeugung zieht sich durch den gesamten Roman. Getrieben von Schuldgefühlen und der Angst vor gesellschaftlicher Bewertung zieht sie sich mit ihrer Tochter immer weiter zurück, meidet die Öffentlichkeit und verliert zunehmend den Zugang zu einem normalen Leben. Erst gegen Ende, mit professioneller Hilfe, öffnet sich langsam wieder ein Weg zurück zu Teilhabe und Selbstakzeptanz.
Das Banat bleibt dabei weit mehr als nur ein Herkunftsort: Es wirkt als emotionale und kulturelle Prägung fort, die sich nicht einfach abstreifen lässt – selbst dann nicht, wenn ein neues Leben längst begonnen hat. Besonders eindrucksvoll zeigt der Roman, wie Migration nicht nur Neuanfang bedeutet, sondern auch Verlust, Entwurzelung und ein ständiges Dazwischen. Diese Erfahrung prägt Vios Selbstbild ebenso wie ihr Verständnis davon, was ein gelungenes Leben eigentlich ausmacht. Die eindringlichen Passagen, in denen die alte Heimat eine eigene Stimme bekommt, verstärken dieses Gefühl noch.
Parallel erzählt Boras die Geschichte von Theresia im 18. Jahrhundert, die unter Zwang ins Banat gebracht wird. Ihre Erfahrungen machen deutlich, dass die Bewertung und Kontrolle weiblicher Körper sowie moralische Zuschreibungen eine lange Geschichte haben. Die Verbindung der beiden Erzählstränge zeigt, wie tief solche Denkmuster über Generationen hinweg weitergegeben werden.
Sprachlich überzeugt der Roman durch seine dichte, bildhafte und oft sehr direkte Art. Die Wechsel zwischen Zeiten und Perspektiven machen die Geschichte vielschichtig, auch wenn sie beim Lesen gelegentlich etwas Konzentration erfordern.
Fazit:
Ein kraftvolles, emotional intensives Debüt über Migration, Mutterschaft und die Last gesellschaftlicher Erwartungen. Besonders die Verbindung von persönlicher Schuldgeschichte, generationenübergreifenden Prägungen und dem Banat als emotionalem Ursprung verleiht dem Roman große Tiefe. Bewegend und absolut lesenswert.
von bedard - 2026-05-13 15:35:00
Autor: Sandro Veronesi
Rückblick auf einen ereignisreichen Sommer mit Brüchen - 4 Sterne
Sandro Veronesis neuestes Werk ist ein Coming-of-Age-Roman, der die Geschichte des zwölfjährigen Gigio erzählt, der den Sommer 1972 mit seiner Familie an der ligurischen Küste verbringt. Sportbegeisterung, die aufregenden Gefühle der beginnenden Pubertät, erste Verliebtheit – das sind die Themen, die Gigio beschäftigen, bevor dramatische private und politische Ereignisse alles verändern.
Veronesi zeichnet ein lebendiges Bild der 1970er-Jahre und eines Sommers, der geprägt ist von Strandtagen, Musik von Cat Stevens und David Bowie sowie der Bedeutung sportlicher Großereignisse wie den Olympischen Spielen in München 1972. Gerade Leser, die diese Zeit selbst erlebt haben, sich für Sport interessieren oder sich in die Gedankenwelt eines Jungen dieses Alters hineinversetzen können, dürften sich hier wiederfinden. Denn Gigios Perspektive ist detailreich und konsequent aus seiner Lebenswelt heraus erzählt – mit vielen Beobachtungen, Interessen und Gedankengängen, die stark an eine klassische „Jungenperspektive“ gebunden sind.
Gigios Hobbys, seine intensive Beschäftigung mit Sport und seine oft sehr spezifischen Gedankengänge waren für mich jedoch schwer nachzuvollziehen, sodass eine echte emotionale Nähe nur selten entstand.
Hinzu kommt, dass sich der Roman viel Zeit für Details und Abschweifungen nimmt, während die dramatischen Ereignisse vergleichsweise knapp behandelt werden. Gerade im Hinblick auf das titelgebende Attentat während der Olympischen Spiele hatte ich mir mehr erhofft. Dieses historische Ereignis bleibt eher ein Randgeschehen, obwohl es großes erzählerisches Potenzial bietet und der Geschichte zusätzliche Intensität hätte verleihen können.
So bleibt „Schwarzer September“ ein atmosphärisch dichter, handwerklich überzeugender Roman, der vor allem durch seine Zeitzeichnung und die konsequente Perspektive punktet. Gleichzeitig ist er aber auch ein Buch, das stark von der Identifikation mit seinem Protagonisten lebt – und genau das hat für mich nur eingeschränkt funktioniert. Dafür gibt es einen Punkt Abzug in der Gesamtbewertung.
Veronesi zeichnet ein lebendiges Bild der 1970er-Jahre und eines Sommers, der geprägt ist von Strandtagen, Musik von Cat Stevens und David Bowie sowie der Bedeutung sportlicher Großereignisse wie den Olympischen Spielen in München 1972. Gerade Leser, die diese Zeit selbst erlebt haben, sich für Sport interessieren oder sich in die Gedankenwelt eines Jungen dieses Alters hineinversetzen können, dürften sich hier wiederfinden. Denn Gigios Perspektive ist detailreich und konsequent aus seiner Lebenswelt heraus erzählt – mit vielen Beobachtungen, Interessen und Gedankengängen, die stark an eine klassische „Jungenperspektive“ gebunden sind.
Gigios Hobbys, seine intensive Beschäftigung mit Sport und seine oft sehr spezifischen Gedankengänge waren für mich jedoch schwer nachzuvollziehen, sodass eine echte emotionale Nähe nur selten entstand.
Hinzu kommt, dass sich der Roman viel Zeit für Details und Abschweifungen nimmt, während die dramatischen Ereignisse vergleichsweise knapp behandelt werden. Gerade im Hinblick auf das titelgebende Attentat während der Olympischen Spiele hatte ich mir mehr erhofft. Dieses historische Ereignis bleibt eher ein Randgeschehen, obwohl es großes erzählerisches Potenzial bietet und der Geschichte zusätzliche Intensität hätte verleihen können.
So bleibt „Schwarzer September“ ein atmosphärisch dichter, handwerklich überzeugender Roman, der vor allem durch seine Zeitzeichnung und die konsequente Perspektive punktet. Gleichzeitig ist er aber auch ein Buch, das stark von der Identifikation mit seinem Protagonisten lebt – und genau das hat für mich nur eingeschränkt funktioniert. Dafür gibt es einen Punkt Abzug in der Gesamtbewertung.
von bedard - 2026-05-13 15:18:00
Autor: Iris Wolff
Auf der Suche nach Heimat und Zugehörigkeit - 5 Sterne
Zur Beerdigung ihrer Großmutter Agneta reist Sine gemeinsam mit ihrem Vater Johann nach Michelsberg in Siebenbürgen. Hier hat sie die Sommer ihrer Kindheit verbracht, bevor ihre Eltern einen Ausbürgerungsantrag stellten. Mit der Rückkehr in das Haus der Großmutter und der erneuten Erkundung der Umgebung kehren auch längst vergessene Erinnerungen zurück. Sine begegnet Julian, ihrem Freund aus Kindertagen, der das Dorf nie verlassen hat. Gemeinsam besuchen sie vertraute Orte wieder, Sine entdeckt deren Schönheit dabei neu und sie erkennt ihre anhaltende Bedeutung für ihr eigenes Leben.
Sines Reise nach Michelsberg fällt in eine Phase des Umbruchs. Sie hat ihr Studium abgeschlossen, ist zu ihren Eltern zurückgezogen und hat sich bislang eher halbherzig und erfolglos beworben. Der Aufenthalt im Haus der Großmutter gibt ihr den notwendigen Raum zur Reflexion und hilft ihr, Klarheit über ihre Zukunft und anstehende Entscheidungen zu gewinnen.
Trotz des traurigen Anlasses ist Halber Stein kein deprimierender Roman. Er lebt von einer poetischen, ruhigen Sprache sowie von eindrucksvollen Beschreibungen der landschaftlich reizvollen Region und der inneren Prozesse der Protagonistin. Zwar gibt es einzelne dramatischere Begegnungen, insgesamt bleibt der Roman jedoch zurückhaltend und entfaltet gerade dadurch eine nachhaltige, nachdenklich stimmende Wirkung. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Heimat, Erinnerung und Zugehörigkeit.
Auch die Geschichte und Kultur der Siebenbürger Sachsen sowie die Situation der ausgebürgerten und in Deutschland oft unwillkommenen Menschen werden sensibel und unaufdringlich in die Handlung eingeflochten, ohne belehrend zu wirken.
Halber Stein ist ein leiser, atmosphärischer Roman, der durch Tiefe, Sprachgefühl und emotionale Ehrlichkeit überzeugt und lange nachhallt.
Sines Reise nach Michelsberg fällt in eine Phase des Umbruchs. Sie hat ihr Studium abgeschlossen, ist zu ihren Eltern zurückgezogen und hat sich bislang eher halbherzig und erfolglos beworben. Der Aufenthalt im Haus der Großmutter gibt ihr den notwendigen Raum zur Reflexion und hilft ihr, Klarheit über ihre Zukunft und anstehende Entscheidungen zu gewinnen.
Trotz des traurigen Anlasses ist Halber Stein kein deprimierender Roman. Er lebt von einer poetischen, ruhigen Sprache sowie von eindrucksvollen Beschreibungen der landschaftlich reizvollen Region und der inneren Prozesse der Protagonistin. Zwar gibt es einzelne dramatischere Begegnungen, insgesamt bleibt der Roman jedoch zurückhaltend und entfaltet gerade dadurch eine nachhaltige, nachdenklich stimmende Wirkung. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Heimat, Erinnerung und Zugehörigkeit.
Auch die Geschichte und Kultur der Siebenbürger Sachsen sowie die Situation der ausgebürgerten und in Deutschland oft unwillkommenen Menschen werden sensibel und unaufdringlich in die Handlung eingeflochten, ohne belehrend zu wirken.
Halber Stein ist ein leiser, atmosphärischer Roman, der durch Tiefe, Sprachgefühl und emotionale Ehrlichkeit überzeugt und lange nachhallt.
von bedard - 2026-04-25 21:54:00
Autor: Abbas Khider
Die Freiheit der Tauben - 5 Sterne
Auf dem Dach züchtet der vierzehnjährige Noah Tauben. Gemeinsam mit seinem Onkel Ali kümmert er sich um den Schlag, und jede der Tauben trägt einen Namen: Regenbogen, Tänzer oder Schneeweiß. Noch kreisen sie ruhig über der Stadt – bis der Lärm der Helikopter die Idylle zerschneidet. So beginnt Abbas Khiders neuer Roman.
Mit der Ausrufung des Kalifats gerät Noahs Welt aus den Fugen. Für seine Familie hat das unmittelbare Folgen: Die bunten Kleider aus dem Geschäft seines Vaters müssen Niqabs weichen, auf Verpackungen werden weibliche Figuren geschwärzt und schließlich werden die nicht mehr tolerierten modischen Kleidungsstücke öffentlich verbrannt.
Noch stärker treffen die neuen Regeln die Frauen. Sie müssen sich vollständig verhüllen, dürfen ihre Berufe – mit wenigen Ausnahmen – nicht mehr ausüben und das Haus nur noch in Begleitung verlassen. Mädchen werden zwangsverheiratet und über allem wachen die neuen Machthaber.
Mit dem vierzehnjährigen Noah hat Abbas Khider eine sehr passende Erzählerfigur gewählt. Noah ist jung genug, um noch nicht von festen Überzeugungen geprägt zu sein, aber alt genug, um die Veränderungen um ihn herum wahrzunehmen und zu hinterfragen. Als Junge kann er sich trotz aller Einschränkungen noch vergleichsweise frei bewegen – und wird so zum stillen Beobachter der Veränderungen. Gerade dieser Blick von der Schwelle zum Erwachsenwerden funktioniert hier besonders gut.
Innerhalb der Familie zeigen sich unterschiedliche Reaktionen auf das zunehmend totalitäre Regime – Anpassung, leiser Widerstand oder Resignation –, ohne dass der Roman diese Haltungen ausdrücklich bewertet.
Im Laufe der Handlung verliert Noah nach und nach seine kindliche Naivität. Besonders eindrücklich wird das in Szenen wie der, in der er ein Manuskript seines Onkels versteckt, oder später, als ihn sein Vater zwingt, einen Meineid auf den Koran abzulegen. In solchen Momenten wird deutlich, wie Noah den wenigen Handlungsspielraum nutzt und eigene Entscheidungen trifft.
Der Stil passt gut zu dieser Perspektive. Die vielen kurzen Kapitel wirken fast wie Tagebucheinträge oder Momentaufnahmen einzelner Tage. Gleichzeitig ist Khiders Sprache sehr poetisch und stark bildhaft. Besonders in den Passagen über die Tauben entstehen ruhige, fast lyrische Bilder, die einen starken Kontrast zur zunehmenden Brutalität des Regimes bilden. Gerade dieser Gegensatz verstärkt die Wirkung vieler Szenen.
Auffällig ist außerdem, dass der Schauplatz bewusst unbestimmt bleibt. Es geht weniger um ein konkretes Land als um die Mechanismen eines religiös legitimierten totalitären Regimes. Auf gut 200 Seiten zeigt Khider, wie eine solche Herrschaft Familien, Nachbarschaften und schließlich ganze Gesellschaften verändern und zerstören kann. Der Ton bleibt dabei meist nüchtern und beobachtend – wodurch die Gewalt der Ereignisse umso eindringlicher wirkt.
Bis zu einem gewissen Punkt – vor allem in den Szenen mit Onkel Ali – wirkt der Ton sogar etwas leichter und stellenweise humorvoll. Spätestens bei den öffentlichen Bestrafungsszenen kippt die Stimmung jedoch deutlich.
Sehr gelungen ist das offene Ende. Es bleibt unklar, ob Noah einfach an einer Hoffnung festhält oder ob sich tatsächlich eine Veränderung abzeichnet. Beides bleibt möglich – und gerade diese Ambivalenz macht den Schluss so überzeugend.
Mit der Ausrufung des Kalifats gerät Noahs Welt aus den Fugen. Für seine Familie hat das unmittelbare Folgen: Die bunten Kleider aus dem Geschäft seines Vaters müssen Niqabs weichen, auf Verpackungen werden weibliche Figuren geschwärzt und schließlich werden die nicht mehr tolerierten modischen Kleidungsstücke öffentlich verbrannt.
Noch stärker treffen die neuen Regeln die Frauen. Sie müssen sich vollständig verhüllen, dürfen ihre Berufe – mit wenigen Ausnahmen – nicht mehr ausüben und das Haus nur noch in Begleitung verlassen. Mädchen werden zwangsverheiratet und über allem wachen die neuen Machthaber.
Mit dem vierzehnjährigen Noah hat Abbas Khider eine sehr passende Erzählerfigur gewählt. Noah ist jung genug, um noch nicht von festen Überzeugungen geprägt zu sein, aber alt genug, um die Veränderungen um ihn herum wahrzunehmen und zu hinterfragen. Als Junge kann er sich trotz aller Einschränkungen noch vergleichsweise frei bewegen – und wird so zum stillen Beobachter der Veränderungen. Gerade dieser Blick von der Schwelle zum Erwachsenwerden funktioniert hier besonders gut.
Innerhalb der Familie zeigen sich unterschiedliche Reaktionen auf das zunehmend totalitäre Regime – Anpassung, leiser Widerstand oder Resignation –, ohne dass der Roman diese Haltungen ausdrücklich bewertet.
Im Laufe der Handlung verliert Noah nach und nach seine kindliche Naivität. Besonders eindrücklich wird das in Szenen wie der, in der er ein Manuskript seines Onkels versteckt, oder später, als ihn sein Vater zwingt, einen Meineid auf den Koran abzulegen. In solchen Momenten wird deutlich, wie Noah den wenigen Handlungsspielraum nutzt und eigene Entscheidungen trifft.
Der Stil passt gut zu dieser Perspektive. Die vielen kurzen Kapitel wirken fast wie Tagebucheinträge oder Momentaufnahmen einzelner Tage. Gleichzeitig ist Khiders Sprache sehr poetisch und stark bildhaft. Besonders in den Passagen über die Tauben entstehen ruhige, fast lyrische Bilder, die einen starken Kontrast zur zunehmenden Brutalität des Regimes bilden. Gerade dieser Gegensatz verstärkt die Wirkung vieler Szenen.
Auffällig ist außerdem, dass der Schauplatz bewusst unbestimmt bleibt. Es geht weniger um ein konkretes Land als um die Mechanismen eines religiös legitimierten totalitären Regimes. Auf gut 200 Seiten zeigt Khider, wie eine solche Herrschaft Familien, Nachbarschaften und schließlich ganze Gesellschaften verändern und zerstören kann. Der Ton bleibt dabei meist nüchtern und beobachtend – wodurch die Gewalt der Ereignisse umso eindringlicher wirkt.
Bis zu einem gewissen Punkt – vor allem in den Szenen mit Onkel Ali – wirkt der Ton sogar etwas leichter und stellenweise humorvoll. Spätestens bei den öffentlichen Bestrafungsszenen kippt die Stimmung jedoch deutlich.
Sehr gelungen ist das offene Ende. Es bleibt unklar, ob Noah einfach an einer Hoffnung festhält oder ob sich tatsächlich eine Veränderung abzeichnet. Beides bleibt möglich – und gerade diese Ambivalenz macht den Schluss so überzeugend.
von bedard - 2026-04-25 21:47:00
Autor: Yuko Kuhn
Verlorenheit - 5 Sterne
Im Mittelpunkt von Yuko Kuhns Debütroman steht die Ich-Erzählerin Aki, die mit ihrer 70jährigen dementen Mutter Keiko noch einmal gemeinsam in deren Geburtsort Kobe in Japan reist. Keikos hochbetagte Mutter ist vor einiger Zeit gestorben und Aki hofft, dass die bekannten Orte und der bewusste Abschied Erinnerungen bei Keiko wecken und sie selbst mehr über ihre japanischen Wurzeln herausfindet.
Das Unterfangen ist mutig, denn die Beziehung zwischen Aki und Keiko ist weder eng noch frei von Belastungen. Kindheit und Jugend haben Spuren bei Aki und ihrem Bruder Kento bis in deren Erwachsenenleben hinterlassen:
Aki wächst in mehrfacher Hinsicht zwischen zwei Kulturen auf. Sie lebt in Deutschland bei ihrer japanischen Mutter, hat aber einen deutschen Vater, der die Familie bereits sehr früh verlassen hat. Beide Eltern sind psychisch belastet, der Vater hat nach einem Suizidversuch einen längeren Psychiatrieaufenthalt hinter sich. Während Keiko den Kindern materiell wenig bieten kann, sind Akis deutsche Großeltern sehr wohlhabend. Die Kinder werden bei ihren Besuchen mit Geschenken überhäuft. Die emotionale Wärme, nach der Aki sich sehnt, bekommt sie in keiner dieser Welten in ausreichendem Maße.
Der fragmentarische Erzählstil und die Vielzahl der behandelten Themen erfordern gerade zu Beginn etwas Konzentration. Müsste man einen Oberbegriff für das Hauptthema wählen, dann wäre es wohl die Verlorenheit.
Keiko kommt in der freiwillig gewählten deutschen Heimat nicht an. Aber auch in Japan fühlt sie sich mit den starren Regeln nach der zunächst erfahrenen Freiheit in Deutschland nicht mehr heimisch. Sie schätzt die Direktheit der Deutschen, ist aber selbst nicht in der Lage, über ihre Gefühle und Bedürfnisse offen zu sprechen. Aki erinnert sich, dass sie ihre Mutter niemals hat weinen sehen.
Auch nach vielen Jahren in Deutschland hat Keiko keine Freunde, weder japanische noch deutsche. Die Esskultur in ihrem Haushalt bleibt strikt japanisch, die Titel gebenden Onigiri stehen symbolisch für weitaus mehr als nur ein Nahrungsmittel. In diesem Fall ist die Bezeichnung Soulfood absolut zutreffend.
Die spätere beginnende Demenz und die damit verbundenen Momente der Orientierungslosigkeit sowie die schwindenden Erinnerungen sind wieder eine andere Form der Verlorenheit. Das betrifft nicht nur Keiko selbst, sondern auch die Hilflosigkeit und Überforderung, die Aki empfindet, wenn sie die Veränderungen bei ihrer Mutter wahrnimmt.
Auch in Akis Lebensgeschichte spielt die Verlorenheit eine zentrale Rolle. Sie bewegt sich in Deutschland in mehrerer Hinsicht in sehr unterschiedlichen Welten, ist aber nirgendwo richtig Zuhause. Als Jugendliche wünscht sie sich eine „normale“ Mutter, die so ist wie die Mütter ihrer Freundinnen. Gleichzeitig gibt es ein umgekehrtes Mutter-Tochter-Verhältnis, wenn Aki Sorgeaufgaben für ihre Mutter übernimmt, weil diese in Düsternis versinkt.
Zuhause lebt Aki auch in guten Phasen der Mutter in der japanischen Kultur, außerhalb aber in der deutschen. Sie möchte dazu gehören, erfährt aber rassistische Ausgrenzung.
Die Reise mit ihrer Mutter nach Kobe ist für Aki auch deshalb wichtig, weil sie mehr über ihre eigene Familiengeschichte und ihre japanischen Wurzeln erfahren muss.
Am Ende ist zwar nicht alles gut, aber der Blick auf Vergangenheit und Gegenwart ist ein bisschen versöhnlicher geworden.
Ein sehr lesenswerter Roman!
Das Unterfangen ist mutig, denn die Beziehung zwischen Aki und Keiko ist weder eng noch frei von Belastungen. Kindheit und Jugend haben Spuren bei Aki und ihrem Bruder Kento bis in deren Erwachsenenleben hinterlassen:
Aki wächst in mehrfacher Hinsicht zwischen zwei Kulturen auf. Sie lebt in Deutschland bei ihrer japanischen Mutter, hat aber einen deutschen Vater, der die Familie bereits sehr früh verlassen hat. Beide Eltern sind psychisch belastet, der Vater hat nach einem Suizidversuch einen längeren Psychiatrieaufenthalt hinter sich. Während Keiko den Kindern materiell wenig bieten kann, sind Akis deutsche Großeltern sehr wohlhabend. Die Kinder werden bei ihren Besuchen mit Geschenken überhäuft. Die emotionale Wärme, nach der Aki sich sehnt, bekommt sie in keiner dieser Welten in ausreichendem Maße.
Der fragmentarische Erzählstil und die Vielzahl der behandelten Themen erfordern gerade zu Beginn etwas Konzentration. Müsste man einen Oberbegriff für das Hauptthema wählen, dann wäre es wohl die Verlorenheit.
Keiko kommt in der freiwillig gewählten deutschen Heimat nicht an. Aber auch in Japan fühlt sie sich mit den starren Regeln nach der zunächst erfahrenen Freiheit in Deutschland nicht mehr heimisch. Sie schätzt die Direktheit der Deutschen, ist aber selbst nicht in der Lage, über ihre Gefühle und Bedürfnisse offen zu sprechen. Aki erinnert sich, dass sie ihre Mutter niemals hat weinen sehen.
Auch nach vielen Jahren in Deutschland hat Keiko keine Freunde, weder japanische noch deutsche. Die Esskultur in ihrem Haushalt bleibt strikt japanisch, die Titel gebenden Onigiri stehen symbolisch für weitaus mehr als nur ein Nahrungsmittel. In diesem Fall ist die Bezeichnung Soulfood absolut zutreffend.
Die spätere beginnende Demenz und die damit verbundenen Momente der Orientierungslosigkeit sowie die schwindenden Erinnerungen sind wieder eine andere Form der Verlorenheit. Das betrifft nicht nur Keiko selbst, sondern auch die Hilflosigkeit und Überforderung, die Aki empfindet, wenn sie die Veränderungen bei ihrer Mutter wahrnimmt.
Auch in Akis Lebensgeschichte spielt die Verlorenheit eine zentrale Rolle. Sie bewegt sich in Deutschland in mehrerer Hinsicht in sehr unterschiedlichen Welten, ist aber nirgendwo richtig Zuhause. Als Jugendliche wünscht sie sich eine „normale“ Mutter, die so ist wie die Mütter ihrer Freundinnen. Gleichzeitig gibt es ein umgekehrtes Mutter-Tochter-Verhältnis, wenn Aki Sorgeaufgaben für ihre Mutter übernimmt, weil diese in Düsternis versinkt.
Zuhause lebt Aki auch in guten Phasen der Mutter in der japanischen Kultur, außerhalb aber in der deutschen. Sie möchte dazu gehören, erfährt aber rassistische Ausgrenzung.
Die Reise mit ihrer Mutter nach Kobe ist für Aki auch deshalb wichtig, weil sie mehr über ihre eigene Familiengeschichte und ihre japanischen Wurzeln erfahren muss.
Am Ende ist zwar nicht alles gut, aber der Blick auf Vergangenheit und Gegenwart ist ein bisschen versöhnlicher geworden.
Ein sehr lesenswerter Roman!
von bedard - 2025-10-21 19:09:00
Autor: Gaea Schoeters
Erschreckend realistische Politsatire - 5 Sterne
Nach dem großen Erfolg ihres Romans Trophäe hat Gaea Schroeter mit ihrem neuen, nur 138 Seiten umfassenden Buch eine Politsatire veröffentlicht, die angelehnt ist an eine wahre Begebenheit:
Als Reaktion auf die europäische Kritik an Botswanas Regulierung der Elefantenbestände durch Abschuss forderte der damalige Präsident Mokgweetsi Masisi im Jahr 2024 die Bundesregierung auf, 20.000 afrikanische Elefanten aufzunehmen. Zugleich wehrte er sich gegen die neokoloniale Bevormundung.
Im Roman tauchen eines Morgens aus heiterem Himmel Elefanten vor dem Bundeskanzleramt in Berlin auf. Erst nur einzelne, dann werden immer mehr gesichtet. Zunächst weiß niemand, woher sie kommen. Der fiktive Bundeskanzler Winkler erfährt aber bald, dass es sich um ein Geschenk der botswanischen Regierung handelt. Sollten Tiere getötet werden, wird sofort Ersatz geliefert. Zunächst fallen die Reaktionen der Bevölkerung eher positiv aus. Doch bald kommt es zu ersten Konflikten und Unfällen, die Elefanten fressen nicht nur viel, sie scheiden auch entsprechend viel aus.
Das Problem beschäftigt schließlich das gesamte Bundeskabinett, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten werden hin- und hergeschoben. Alles vor dem Hintergrund, dass sich die rechte Opposition das Versagen der Regierung zu Nutze macht. Schließlich wird eine Elefantenbeauftragte eingesetzt, die das Problem entweder lösen soll oder im Falle des Scheiterns die Verantwortung tragen muss.
Die erste Hälfte dieses Romans unterhält mit vielen Seitenhieben auf den Politikbetrieb und auf unschwer zu identifizierende Bundesländer und deren Regierende, die Sonderrechte für sich beanspruchen, wenn es um die Verteilung von Lasten geht. Sehr nah an der Realität ist auch der Umgang mit Frauen und deren Rolle im politischen Machtzentrum.
In der zweiten Hälfte sind die Auswirkungen politischer Entscheidungen deutlicher spürbar. Entscheidungen, die wider besseren Wissens getroffen werden und nur auf kurzfristige nationale Lösungen ohne Rücksicht auf Nachbarn oder globale Konsequenzen zielen. Am Ende steht der fiktive Kanzler vor der Entscheidung, ob er die moralisch richtige Entscheidung trifft, dafür aber seine Wiederwahl gefährdet.
Stilistisch und inhaltlich hat mir der Roman sehr gefallen. Die treffenden Beobachtungen zum Regierungshandeln und die fundierten Kenntnisse über afrikanische Elefanten sind beeindruckend.
Klare Leseempfehlung!
Als Reaktion auf die europäische Kritik an Botswanas Regulierung der Elefantenbestände durch Abschuss forderte der damalige Präsident Mokgweetsi Masisi im Jahr 2024 die Bundesregierung auf, 20.000 afrikanische Elefanten aufzunehmen. Zugleich wehrte er sich gegen die neokoloniale Bevormundung.
Im Roman tauchen eines Morgens aus heiterem Himmel Elefanten vor dem Bundeskanzleramt in Berlin auf. Erst nur einzelne, dann werden immer mehr gesichtet. Zunächst weiß niemand, woher sie kommen. Der fiktive Bundeskanzler Winkler erfährt aber bald, dass es sich um ein Geschenk der botswanischen Regierung handelt. Sollten Tiere getötet werden, wird sofort Ersatz geliefert. Zunächst fallen die Reaktionen der Bevölkerung eher positiv aus. Doch bald kommt es zu ersten Konflikten und Unfällen, die Elefanten fressen nicht nur viel, sie scheiden auch entsprechend viel aus.
Das Problem beschäftigt schließlich das gesamte Bundeskabinett, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten werden hin- und hergeschoben. Alles vor dem Hintergrund, dass sich die rechte Opposition das Versagen der Regierung zu Nutze macht. Schließlich wird eine Elefantenbeauftragte eingesetzt, die das Problem entweder lösen soll oder im Falle des Scheiterns die Verantwortung tragen muss.
Die erste Hälfte dieses Romans unterhält mit vielen Seitenhieben auf den Politikbetrieb und auf unschwer zu identifizierende Bundesländer und deren Regierende, die Sonderrechte für sich beanspruchen, wenn es um die Verteilung von Lasten geht. Sehr nah an der Realität ist auch der Umgang mit Frauen und deren Rolle im politischen Machtzentrum.
In der zweiten Hälfte sind die Auswirkungen politischer Entscheidungen deutlicher spürbar. Entscheidungen, die wider besseren Wissens getroffen werden und nur auf kurzfristige nationale Lösungen ohne Rücksicht auf Nachbarn oder globale Konsequenzen zielen. Am Ende steht der fiktive Kanzler vor der Entscheidung, ob er die moralisch richtige Entscheidung trifft, dafür aber seine Wiederwahl gefährdet.
Stilistisch und inhaltlich hat mir der Roman sehr gefallen. Die treffenden Beobachtungen zum Regierungshandeln und die fundierten Kenntnisse über afrikanische Elefanten sind beeindruckend.
Klare Leseempfehlung!
von bedard - 2025-10-21 12:32:00











