Rezensionen
Rezensionen von Wolfgang Suschnig
Autor: Jul Dillier
"Word zum Muisig machä" - 5 Sterne
Julian Dillier (1922 - 2001) war jahrelang als Verwaltungsbeamter in Obwalden, einem zentralschweizerischen Kanton tätig, bevor er nach Basel zog, um dort als sog. Programmredaktor für den Schweizer Rundfunk zu arbeiten. Bekannt wurde er allerdings als Mundartschriftsteller; nicht nur in Obwalden, sondern in der entspr. Szene im gesamtdeutschen Raum. Daneben wirkte Julian Dillier als Mentor für junge Künstler:innen, Musiker:innen oder Dichter:innen.
Auch sein Neffe blieb von seinem Onkel nicht unbeeindruckt. Der mittlerweile in Wien lebende Klangkünstler, Pianist und Komponist Jul Dillier setzt sich seit etlichen Jahren mit den Gedichten seines Onkels auseinander, hat nun zu neun Gedichten Noten gesetzt und präsentiert diese Gedichte in Buchform mit den entsprechenden Codes und Links zur Musik, "Aanä". Glücklicherweise finden sich im ansprechend gestalteten Bändchen auch die deutschen und englischen Übertragungen aus dem Obwaldnertyytsch , sonst wären die Nichtschweizer:innen einigermaßen ratlos. "Täifi" ist beispielsweise nicht der Teufel, sondern die Tiefe.
Als Interpretation des Buch- bzw. Albumtitels, "Aanä", bieten sich drei Möglichkeiten an – ahnen, die Ahnen und akzeptieren. Die instrumentale Begleitung ist einerseits recht sparsam gestaltet, dann aber entwickeln die drei Musiker:innen ganz schnell eine überraschende Dynamik, wie in der fünften Nummer "Nid Alls". Spannend, wie man mit akustischen Instrumenten einen Sound wie seinerzeit das Esbjörn Svensson Trio entwickeln kann. Überraschend ist die Verwendung eines Hackbretts zur Fabrizierung einer ziemlich aggressiven Musik in "Bsitzstandwahrig", was auch an der Art und Weise der Bearbeitung des Instruments liegt. Nicht nur dass für Dillier praktisch jeder Alltagsgegenstand für eine Klangerzeugung Verwendung finden kann, bearbeitet er seine Instrumente, Klavier, Harmonium und Hackbrett fallweise auf unorthodoxe Weise. Auch der Autor der Texte selbst, Julian Dillier, kommt in zwei "Interludes" und einem "Postskriptum" als archivierte Stimme zu Wort.
Und irgendeinmal muss man entscheiden: Kommt "Aanä" ins Bücherregal oder zu den Musikalben?
Auch sein Neffe blieb von seinem Onkel nicht unbeeindruckt. Der mittlerweile in Wien lebende Klangkünstler, Pianist und Komponist Jul Dillier setzt sich seit etlichen Jahren mit den Gedichten seines Onkels auseinander, hat nun zu neun Gedichten Noten gesetzt und präsentiert diese Gedichte in Buchform mit den entsprechenden Codes und Links zur Musik, "Aanä". Glücklicherweise finden sich im ansprechend gestalteten Bändchen auch die deutschen und englischen Übertragungen aus dem Obwaldnertyytsch , sonst wären die Nichtschweizer:innen einigermaßen ratlos. "Täifi" ist beispielsweise nicht der Teufel, sondern die Tiefe.
Als Interpretation des Buch- bzw. Albumtitels, "Aanä", bieten sich drei Möglichkeiten an – ahnen, die Ahnen und akzeptieren. Die instrumentale Begleitung ist einerseits recht sparsam gestaltet, dann aber entwickeln die drei Musiker:innen ganz schnell eine überraschende Dynamik, wie in der fünften Nummer "Nid Alls". Spannend, wie man mit akustischen Instrumenten einen Sound wie seinerzeit das Esbjörn Svensson Trio entwickeln kann. Überraschend ist die Verwendung eines Hackbretts zur Fabrizierung einer ziemlich aggressiven Musik in "Bsitzstandwahrig", was auch an der Art und Weise der Bearbeitung des Instruments liegt. Nicht nur dass für Dillier praktisch jeder Alltagsgegenstand für eine Klangerzeugung Verwendung finden kann, bearbeitet er seine Instrumente, Klavier, Harmonium und Hackbrett fallweise auf unorthodoxe Weise. Auch der Autor der Texte selbst, Julian Dillier, kommt in zwei "Interludes" und einem "Postskriptum" als archivierte Stimme zu Wort.
Und irgendeinmal muss man entscheiden: Kommt "Aanä" ins Bücherregal oder zu den Musikalben?
von Wolfgang Suschnig - 2026-04-11 08:48:00
Autor: Dimitré Dinev
Keine Angst vor 1148 Seiten! - 5 Sterne
Der großes Umfang dieses Buches hat mich lange Zeit abgehalten zuzugreifen. Erst ein Freund, der die "Zeit der Mutigen" bereits gelesen hatte, nahm mir die Furcht und den Respekt vor dem Lesevolumen. Während eines Kuraufenthalts, als mir der Lesestoff ausging, fand mich in der nächstgelegenen Buchhandlung schließlich die "Zeit der Mutigen". Ich bin in dieses Buch sofort hineingekippt. Und so folgte ich dem Schicksal einer Eva, die sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der Donau ertränken will, dem Schicksal eines gewissen Meto, einem Tiroler, den es nach Bulgarien verschlägt, und anderen. Anhand einer kleinen Figurengruppe werden die letzten hundert Jahre europäischer Geschichte erzählt. Ursprünglich dachte ich, der Roman spielte in Bulgarien, aber ein nicht geringer Teil handelt in der Wachau. Dabei ist es nicht der Inhalt allein, der die Leser:innen quasi gefangen nimmt. Beim ersten Lesen nimmt man zwar Dinevs Sprache wahr und ist sich bewusst, man sollte auf sie genauer achten; gleichzeitig möchte man wissen, wie diese humorvoll, larmoyant, manchmal sarkastisch formulierte Geschichte sich weiter entwickelt. Einerseits ist die "Zeit der Mutigen" ein politisches Buch, andererseits enthält es gleichzeitig viele märchenhafte Szenen. Die Beherrschung der Sprache zeigt sich, wie so oft, gerade in den Beschreibungen von Sex, wo viele Autoren peinlich scheitern. Eigentlich sollte man dieses Buch mehrmals lesen. Gerne würde man Dinev fragen, wie er auf seine wunderlichen Ideen kommt. Das Ende des Buchs kommt einigermaßen unvermittelt und enttäuscht ein bisschen. Da wäre noch einiges zu klären gewesen.
von Wolfgang Suschnig - 2026-04-05 22:52:00
Autor: Jake Lamar
Selten peinlich - 1 Sterne
Am Beginn des Buches freut man sich als Jazzhörer, wenn ein Teil der Handlung in Nica de Koenigswarters "CatHouse" spielt und Musiker wie Count Basie, Miles Davis oder Thelonius Monk Kurzauftritte haben. Die Hauptfigur sinniert während der Handlung über ihr bisheriges Leben nach der Bitte der "Jazzbaroness" Koenigswarter, dieser ihre drei Wünsche zu nennen (ein solches Buch existiert ja tatsächlich - "Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche"). Clyde 'Viper' Norton war aus Alabama ins New York der 30er Jahre gekommen, um Karriere als Jazztrompeter zu machen, konnte diesen Traum allerdings auf Grund zu geringen Talents nicht realisieren. Stattdessen wurde er ein einflussreicher Drogenhändler im Harlem der 40er und 50er Jahre, gleichzeitg ein erklärter Gegner des von der Mafia dominierten Heroin-Handels. Als Leser fragt man sich immer wieder, warum dieses Buch als Kriminalroman bezeichnet wird. Spannung kommt selten auf: dafür trieft es seitenweise von Kitsch. Eine gefährdete, unglückliche Liebe taucht immer wieder auf, deren sprachlicher Umsetzung Herr Lamar schlicht nicht gewachsen ist. Zu guter Letzt wird auch noch ein verkehrtes Ödipus-Motiv bemüht (wie im Hildebrandslied, wo Hildebrand seinen Sohn erschlägt). Passagenweise ist dieser sog. "Kriminalroman" richtig peinlich, bes. das Ende, das hier klarerweise nicht verraten werden soll (aber echt weh tut).
Fazit: Abzuraten!!!
Fazit: Abzuraten!!!
von Wolfgang Suschnig - 2026-01-15 14:50:00
Autor: Franz Hohler
Ein Leben im Spiegel der Zeitgenoss:innen - 5 Sterne
Eine höchst vergnügliche, unterhaltsame und informationsreiche Sammlung von Berichten, Aufsätzen, Nachrufen und Laudationes über so unterschiedliche Personen wie Wolf Biermann, Peter Härtling, Elias Canetti, Adolf Muschg, Rafik Schami, Klaus Wagenbach und viele andere, was letztlich zu einer Art Schau auf das Leben und Denken von Franz Hohler selbst führt. Sogar die Betrachtungen von wenig bekannten Personen, wie dem liechtensteinischen Theatermacher Alois Büchel erweisen sich als spannend, aufschlussreich, natürlich als sehr witzig und manchmal melancholisch. Gegen Ende des Buches häufen sich die Nachrufe, was nicht wundert, geht doch Hohler selbst schon auf das 83. Lebensjahr zu. Leider ist das Buch nach den Betrachtungen bzw. Begegnungen mit 63 Freund:innen zu Ende. Dann aber muss man entscheiden, welche Bücher von Hohlers Freund:innen man jetzt angeht, welche CDs man sich bestellt, ev. das eine oder andere Buch von Erica Brühlmann-Jecklin (inkl. CD) oder die autobiografischen Bücher von Peter Härtling...
von Wolfgang Suschnig - 2026-01-02 20:45:00
Autor: Jürgen Schebera; Hans-Eckardt Wenzel; Carola Schramm; Carmen Bärwaldt
Was für ein überragender Sänger und Charakter! - 5 Sterne
Bekanntlich wurde 2025 der 100. Geburtstag des ostdeutschen Regisseurs Konrad Wolf mit div. Retrospektiven gefeiert. Vergeblich suchte man allerdings die Sendung der sechsteiligen Fernsehserie Busch singt, seiner letzten Arbeit. Auch die kompakte Kinofassung blieb interessierten Kino- bzw. Musikliebhaber:innen leider verwehrt. Besagte Dokumentation über das Leben des Sängers Ernst Busch entstand 1982 in der DDR. Anhand seines Schicksals sollte die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts dokumentiert werden. Ernst Busch selbst hatte von 1964 bis 1974 für seine Chronik in Liedern, Kantaten und Balladen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 226 Titel für das von ihm betreute Label Aurora aufgenommen. Mastermind der sich an dieser Chronik orientierenden Fernsehserie war der damals prominente Regisseur Konrad Wolf, der Sohn des schwäbischen Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf (Weihnachtsgans Auguste! u.a.). Aus sog. komplizierten, unentwirrbaren rechtlichen Problemen war es letztlich Michael Rieger zu verdanken, wenigstens (leider nur) die Rechte für den dritten und fünften Teil dieser Fernsehproduktion veröffentlichen zu können. Die entspr. DVD ist mit einem Begleitbuch erhältlich, mit einer Analyse des ersten Teils von Jürgen Schebera, der u.a. auch an der Hanns Eisler-Gesamtausgabe mitarbeitete. Ernst Busch war ja nicht zuletzt der bedeutendste Interpret der Lieder Hanns Eislers. Die beiden weiteren Essays stammen von dem eher als Liedermacher bekannten (Hans-Eckardt) Wenzel und von Carmen Bärwaldt, Konrads ehemaliger Regieassistentin.
Der erste Teil der DVD nennt sich "1935 oder das Faß der Pandora". Wolf wirft einen larmoyanten Blick auf dieses "scheinbar normale, unauffällige Jahr in Deutschland". Es ist keine Dokumentation im herkömmlichen Sinne, sondern Wolf unterlegt Wochenschau- und Filmausschnitte mit achtzehn Liedern unterschiedlichster Autoren (Brecht, Tucholsky, Kästner, Becher, Mehring, Langhof u.a.), alle gesungen von Ernst Busch. In einem kurzen Ausschnitt einer Radiosendung ein paar Wochen nach Kriegsende berichten Busch und seine ehemalige Frau Eva kurz über ihre musikalischen Tätigkeiten im holländischen Exil. Aber letztlich verzichtet Wolf in diesem Filmteil auf jeglichen Kommentar. Diese Aufgabe übernehmen die Lieder. So werden Aufnahmen von Görings Hochzeit mit den Moorsoldaten und dem Kälbermarsch unterlegt; die Aufnahmen von Kriegsschiffen und dem deutsch-britischen Flottenabkommen werden vom Seemannschoral konterkariert; der Gruß an die Mark Brandenburg begleitet Exerzierübungen, rhythmische Gymnastik mit Bällen und ein paar kurze idyllische Impressionen von Brandenburg. Zu Aufnahmen vom Winterhilfswerk, einem Maitanz und einen vor dem Mikrophon sich windenden Goebbels lässt Wolf Ernst Busch Der erste Schritt vom rechten Weg singen. Mit einer Ballszene, dem Lied Ein Pferd klagt an (O Falladah, die du hangest!) und dessen letzter Zeile "Sonst passiert euch was, was ihr nicht für möglich haltet!" endet 1935.
Den zweiten Teil hat Wolf gänzlich anders gestaltet. Er tritt selber vor die Kamera und berichtet mit Hilfe zweier von Busch besprochener Kassetten sowohl über dessen Schicksal, angefangen von seiner Flucht aus Belgien, über seine Internierung in Gurs, seinem erfolglosen Fluchtversuch in die Schweiz bis zu seiner Befreiung aus der Haftanstalt Brandenburg, aber auch über sein eigenes, beginnend 1935, als er gemeinsam mit Ernst Busch, als Teil eines Kinderchors, auf der Bühne des Gewerkschaftshauses in Moskau stand. Genau bei diesem Konzert war auch ein späterer russischer Soldat anwesend, der Busch auf seinem Weg nach Berlin erkannte und ihn deshalb nicht erschoss, sondern ihm Lieder vom damaligen Konzert vorsang. Busch selbst konnte zu diesem Zeitpunkt nicht singen, da er bei einem Bombentreffer in der Haftanstalt Moabit im Gesicht schwer verletzt worden war. Wolf hat das Kunststück vollbracht, ein Mitglied dieser russischen Patrouille zu finden und diesen ehemaligen Soldaten in seinem Film auftreten zu lassen. Er selbst hätte Busch auf seinem Weg nach Berlin auch treffen können, Wolf war damals als Soldat der Roten Armee nach Deutschland zurückgekehrt. Schließlich kommt auch der russische Lyriker Konstantin Simonow zu Wort, der sein Gedicht Ein Deutscher (Немец) über Ernst Busch vorträgt.
Konrad Wolf hat die Fertigstellung des sechsten Teils seines Projekts nicht mehr erlebt. Er starb 56jährig 1982 in Berlin. Busch war zwei Jahre zuvor gestorben. Seine letzte Rolle war die des Jovellanos in Konrad Wolfs Film Goya – oder Der arge Weg der Erkenntnis.
Der erste Teil der DVD nennt sich "1935 oder das Faß der Pandora". Wolf wirft einen larmoyanten Blick auf dieses "scheinbar normale, unauffällige Jahr in Deutschland". Es ist keine Dokumentation im herkömmlichen Sinne, sondern Wolf unterlegt Wochenschau- und Filmausschnitte mit achtzehn Liedern unterschiedlichster Autoren (Brecht, Tucholsky, Kästner, Becher, Mehring, Langhof u.a.), alle gesungen von Ernst Busch. In einem kurzen Ausschnitt einer Radiosendung ein paar Wochen nach Kriegsende berichten Busch und seine ehemalige Frau Eva kurz über ihre musikalischen Tätigkeiten im holländischen Exil. Aber letztlich verzichtet Wolf in diesem Filmteil auf jeglichen Kommentar. Diese Aufgabe übernehmen die Lieder. So werden Aufnahmen von Görings Hochzeit mit den Moorsoldaten und dem Kälbermarsch unterlegt; die Aufnahmen von Kriegsschiffen und dem deutsch-britischen Flottenabkommen werden vom Seemannschoral konterkariert; der Gruß an die Mark Brandenburg begleitet Exerzierübungen, rhythmische Gymnastik mit Bällen und ein paar kurze idyllische Impressionen von Brandenburg. Zu Aufnahmen vom Winterhilfswerk, einem Maitanz und einen vor dem Mikrophon sich windenden Goebbels lässt Wolf Ernst Busch Der erste Schritt vom rechten Weg singen. Mit einer Ballszene, dem Lied Ein Pferd klagt an (O Falladah, die du hangest!) und dessen letzter Zeile "Sonst passiert euch was, was ihr nicht für möglich haltet!" endet 1935.
Den zweiten Teil hat Wolf gänzlich anders gestaltet. Er tritt selber vor die Kamera und berichtet mit Hilfe zweier von Busch besprochener Kassetten sowohl über dessen Schicksal, angefangen von seiner Flucht aus Belgien, über seine Internierung in Gurs, seinem erfolglosen Fluchtversuch in die Schweiz bis zu seiner Befreiung aus der Haftanstalt Brandenburg, aber auch über sein eigenes, beginnend 1935, als er gemeinsam mit Ernst Busch, als Teil eines Kinderchors, auf der Bühne des Gewerkschaftshauses in Moskau stand. Genau bei diesem Konzert war auch ein späterer russischer Soldat anwesend, der Busch auf seinem Weg nach Berlin erkannte und ihn deshalb nicht erschoss, sondern ihm Lieder vom damaligen Konzert vorsang. Busch selbst konnte zu diesem Zeitpunkt nicht singen, da er bei einem Bombentreffer in der Haftanstalt Moabit im Gesicht schwer verletzt worden war. Wolf hat das Kunststück vollbracht, ein Mitglied dieser russischen Patrouille zu finden und diesen ehemaligen Soldaten in seinem Film auftreten zu lassen. Er selbst hätte Busch auf seinem Weg nach Berlin auch treffen können, Wolf war damals als Soldat der Roten Armee nach Deutschland zurückgekehrt. Schließlich kommt auch der russische Lyriker Konstantin Simonow zu Wort, der sein Gedicht Ein Deutscher (Немец) über Ernst Busch vorträgt.
Konrad Wolf hat die Fertigstellung des sechsten Teils seines Projekts nicht mehr erlebt. Er starb 56jährig 1982 in Berlin. Busch war zwei Jahre zuvor gestorben. Seine letzte Rolle war die des Jovellanos in Konrad Wolfs Film Goya – oder Der arge Weg der Erkenntnis.
von Wolfgang Suschnig - 2025-11-23 08:56:00
Autor: Franz Hohler
Das Wandern an sich - 5 Sterne
Der Schweizer Kabarettist, Lyriker, Autor etc. genehmigte sich ein Jahr Auszeit, allerdings mit dem Anspruch min. eine Wanderung/Jahreswoche zu unternehmen. Wer Hohler kennt, weiß, "52 Wanderungen" können kein Wanderführer sein. Natürlich steckt hinter jedem Kapitel eine reale Wanderung. Hohler reflektiert auf diesen Wanderungen quasi über Gott und die Welt, über Politik und Wanderschuhe, über seine Familie und die Schweiz und immer wieder über das Gehen an sich, das eigentliche Wandern. Selbst wenn man als Leser nicht vorhat, je in die Schweiz zu fahren, wird man unwillkürlich in den Wanderalltag hineingezogen und hat teil an den div. Landschaften und Reflektionen. Höchst ungewohnt ist die Selbstverständlichkeit eines funktionierenden öffentlichen Verkehrs. Beispielsweise vergeht sich Hohler einmal, landet ganz woanders als geplant, aber auch dort gibt es eine Busverbindung, die ihn wieder an seinen Ausgangspunkt zurückbringt. Würde man in Kärnten aus Versehen abends im Metnitztal statt im Gurktal landen, wäre es praktisch unmöglich, öffentlich den nächsten Bahnhof zu erreichen.
von Wolfgang Suschnig - 2025-07-21 21:32:00
Autor: Sia Piontek
My Friends all drive Porsches... - 3 Sterne
Die Präsidentin der Mörderischen Schwestern legt mit "Die Sehenden und die Toten" ihren ersten Kriminalroman vor. Scheinbar sind weitere Folgen mit der Hauptermittlerin Carla Seidel und ihrer siebzehnjährigen Tochter Lana in Vorbereitung. Das eigentliche Verbrechen des ersten Bandes handelt von einer "schenen Leich'" namens Justus, die perfekt gestylt, mit einem Industriemittel ohne Duftstoffe desinfiziert, sediert und mit Glasscherben an Stelle der Augäpfel tot aufgefunden wird.
Während der Untersuchung dieses rätselhaften, scheinbar sinnlosen Todes lernt Carla ihren nunmehrigen Wohnort und seine Bewohner*innen genauer kennen. Dorthin hat sich die beruflich erfolgreiche Polizistin vor etwa zwei Jahren aus Hamburg versetzen lassen, um ihren Frieden und Ruhe zu finden. Der zweite Erzählstrang betrifft ihre Traumatisierung nach den Missbrauchs- und Gewalterfahrungen in ihrer früheren Ehe. Immer wieder wird sie im Wendland, an der Tauben Elbe, durch Bilder und Erinnerungen aus ihrem früheren Leben in Hamburg verunsichert, verängstigt und beeinträchtigt. Dass sie mehr trinkt als die WHO empfiehlt, entgeht auch Lana, ihrer Tochter, nicht.
Der eigentliche Erzählstrang ist flüssig und stringent komponiert. Als Leser wundert man sich allerdings im Nachhinein über den Prolog, der im Handlungsverlauf irgendwie fehl platziert erscheint. Manchmal vergreift sich die Autorin in ihrer Wortwahl. Dass Janis Joplin aus einem Lautsprecher "trällert", kann ich mir nicht vorstellen; ausgerechnet Janis Joplin… Der Epilog wartet mit einem Cliffhanger auf. Der zweite Band scheint bereits Form angenommen zu haben.
Während der Untersuchung dieses rätselhaften, scheinbar sinnlosen Todes lernt Carla ihren nunmehrigen Wohnort und seine Bewohner*innen genauer kennen. Dorthin hat sich die beruflich erfolgreiche Polizistin vor etwa zwei Jahren aus Hamburg versetzen lassen, um ihren Frieden und Ruhe zu finden. Der zweite Erzählstrang betrifft ihre Traumatisierung nach den Missbrauchs- und Gewalterfahrungen in ihrer früheren Ehe. Immer wieder wird sie im Wendland, an der Tauben Elbe, durch Bilder und Erinnerungen aus ihrem früheren Leben in Hamburg verunsichert, verängstigt und beeinträchtigt. Dass sie mehr trinkt als die WHO empfiehlt, entgeht auch Lana, ihrer Tochter, nicht.
Der eigentliche Erzählstrang ist flüssig und stringent komponiert. Als Leser wundert man sich allerdings im Nachhinein über den Prolog, der im Handlungsverlauf irgendwie fehl platziert erscheint. Manchmal vergreift sich die Autorin in ihrer Wortwahl. Dass Janis Joplin aus einem Lautsprecher "trällert", kann ich mir nicht vorstellen; ausgerechnet Janis Joplin… Der Epilog wartet mit einem Cliffhanger auf. Der zweite Band scheint bereits Form angenommen zu haben.
von Wolfgang Suschnig - 2024-07-16 13:53:00
Autor: Ilsa Barea-Kulcsar
Tolle Frau, tolles Buch - 5 Sterne
Ilsa Barea-Kulcsar war eine geborene Pollack und stammte aus Wien. Nach 16jähriger Tätigkeit für die Sozialdemokratie, aber auch für die KPÖ musste sie 1934 Österreich verlassen und landete 1936 in Madrid, mitten im spanischen Bürgerkrieg, wo sie ihren zweiten Mann Arturo Barea kennenlernte. Gemeinsam konnten sie aus Spanien über Paris nach England ausreisen. "Telefonica" wurde noch im Pariser Exil konzipiert, 1939 in England fertiggestellt, erschien aber erst 1949 in der Wiener Arbeiterzeitung in Fortsetzungen. Ilsa Barea-Kulcsar berichtet darin über das Leben in der Madrider Telefonzentrale während der Belagerung und des Beschusses durch Francos Truppen im spanischen Bürgerkrieg.
Im Mittelpunkt des Romans steht das Gebäude mit seinen dreizehn Stockwerken und den unterschiedlichsten Schicksalen eigentlich wie ein lebendiger Organismus. Eine der Hauptfiguren ist die deutsche Journalistin Anita Adam, die für die republikanische Zensur arbeitet, wie Ilsa Barea-Kulcsar selbst auch. So beschreibt Barea-Kulcsar die unterschiedlichsten Journalistencharaktere, aber auch die untereinander konkurrierenden politischen Organisationen, Anarchisten, Kommunisten, Anarcho-Syndikalisten, etc. In den beiden Kellergeschossen wiederum befinden sich hunderte Flüchtlinge. Der Roman ist kein Schlüsselroman, obwohl die Liebesgeschichte zwischen der deutschen Journalistin und dem Kommandeur der Telefónica schon an die reale Liebesbeziehung von Ilsa und Arturo Barea angelehnt ist. Die scheinbare Aussichtslosigkeit dieser Liebe wird berührend erzählt und lädt dazu ein über die Schicksale in den gegenwärtig beschossenen Städten der Ukraine nachzudenken. Letztlich bewegen sich alle Figuren quasi in einem zeitlosen Raum, einer Endzeit vergleichbar. Übrigens widmet die amerikanische Autorin Amanda Vaill ein Drittel ihres Buches "Hotel Florida" den beiden Bareas (Die beiden anderen Teile befassen sich mit Ernest Hemingway, dem Fotografen Robert Capa und ihren jeweiligen Partnerinnen).
Im Mittelpunkt des Romans steht das Gebäude mit seinen dreizehn Stockwerken und den unterschiedlichsten Schicksalen eigentlich wie ein lebendiger Organismus. Eine der Hauptfiguren ist die deutsche Journalistin Anita Adam, die für die republikanische Zensur arbeitet, wie Ilsa Barea-Kulcsar selbst auch. So beschreibt Barea-Kulcsar die unterschiedlichsten Journalistencharaktere, aber auch die untereinander konkurrierenden politischen Organisationen, Anarchisten, Kommunisten, Anarcho-Syndikalisten, etc. In den beiden Kellergeschossen wiederum befinden sich hunderte Flüchtlinge. Der Roman ist kein Schlüsselroman, obwohl die Liebesgeschichte zwischen der deutschen Journalistin und dem Kommandeur der Telefónica schon an die reale Liebesbeziehung von Ilsa und Arturo Barea angelehnt ist. Die scheinbare Aussichtslosigkeit dieser Liebe wird berührend erzählt und lädt dazu ein über die Schicksale in den gegenwärtig beschossenen Städten der Ukraine nachzudenken. Letztlich bewegen sich alle Figuren quasi in einem zeitlosen Raum, einer Endzeit vergleichbar. Übrigens widmet die amerikanische Autorin Amanda Vaill ein Drittel ihres Buches "Hotel Florida" den beiden Bareas (Die beiden anderen Teile befassen sich mit Ernest Hemingway, dem Fotografen Robert Capa und ihren jeweiligen Partnerinnen).
von Wolfgang Suschnig - 2023-06-13 09:58:00
Autor: Claire Alexander
Meredith, Allein - 3 Sterne
Romananfänge können die Herrschaften aus dem angloamerikanischen Raum wirklich eindrucksvoll gestalten. Nach eineinhalb Seiten ist man als Leser mitten drin im Geschehen. Was aber selbiges betrifft, tappt man lange Zeit im Dunkeln, manchmal auch eine lange, öde Zeit. Der Roman beginnt mit dem scheiternden Versuch der Ich-Erzählerin Meredith ins Büro zu gehen und setzt eineinhalb Seiten später, nachdem sie 1214 Tage ihr Haus nicht verlassen hat, mit dem Besuch einer "Helfenden Hand" fort. Nach weiteren 302 Tagen und 435 Seiten erteilt Meredith ebendieser "Helfenden Hand", Tom, Schwimmunterricht in einem gut besuchten Hallenbad in Glasgow. Dazwischen erfahren die Leser:innen die Hintergründe und Ursachen von Meredith' Existenz als sozialer Einsiedlerin und ihren Bemühungen und Problemen wieder in die eigentliche Welt und Normalität (was immer das sein mag) zurückzukehren.
Dabei handelt es sich bei diesem Roman um kein Wohlfühlbuch. Viele Seiten lang wird man von Meredith durch ihren depressiven Alltag geführt, dann wieder scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen. Leider werden manche ihrer Entwicklungsschritte nicht näher erklärt. Vielleicht aber erscheinen sie nur einem halbwegs gesunden Leser als unlogisch, überraschend und inkonsequent.
Der eigentliche Handlungsort Glasgow spielt keine Rolle. Schottisches bzw. britisches Lebensgefühl wird keines vermittelt, kann sich doch Meredith anfangs gar nicht aus ihrem Haus bewegen. Schon allein die paar Schritte in den Garten sind ihr an manchen Tagen unmöglich. Dabei verdient sie sich ihren Lebensunterhalt als Texterin, kommuniziert online mit ihrer Therapeutin, kocht und bäckt gerne und widmet sich viele Stunden lang dem Puzzeln. Der deutsche Titel klingt hoffnungsfroh, das englische Original "Meredith, Alone" scheint mir doch besser gewählt. Ein paar Handlungsstränge münden in Happy Ends, glücklicherweise lässt die Autorin ihre Hauptfigur nur allmählich ihre Traumata akzeptieren und eine Spur von Freiheit und Zuneigung erfahren. Obwohl mir das Buch passagenweise gut gefallen hat, wüsste ich nicht, welchem Personenkreis, zu welchem Anlass, aus welchem Grund ich es empfehlen könnte (ev. Leser:innen, die mit traumatisierten, depressiven Personen zu tun haben?).
Dabei handelt es sich bei diesem Roman um kein Wohlfühlbuch. Viele Seiten lang wird man von Meredith durch ihren depressiven Alltag geführt, dann wieder scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen. Leider werden manche ihrer Entwicklungsschritte nicht näher erklärt. Vielleicht aber erscheinen sie nur einem halbwegs gesunden Leser als unlogisch, überraschend und inkonsequent.
Der eigentliche Handlungsort Glasgow spielt keine Rolle. Schottisches bzw. britisches Lebensgefühl wird keines vermittelt, kann sich doch Meredith anfangs gar nicht aus ihrem Haus bewegen. Schon allein die paar Schritte in den Garten sind ihr an manchen Tagen unmöglich. Dabei verdient sie sich ihren Lebensunterhalt als Texterin, kommuniziert online mit ihrer Therapeutin, kocht und bäckt gerne und widmet sich viele Stunden lang dem Puzzeln. Der deutsche Titel klingt hoffnungsfroh, das englische Original "Meredith, Alone" scheint mir doch besser gewählt. Ein paar Handlungsstränge münden in Happy Ends, glücklicherweise lässt die Autorin ihre Hauptfigur nur allmählich ihre Traumata akzeptieren und eine Spur von Freiheit und Zuneigung erfahren. Obwohl mir das Buch passagenweise gut gefallen hat, wüsste ich nicht, welchem Personenkreis, zu welchem Anlass, aus welchem Grund ich es empfehlen könnte (ev. Leser:innen, die mit traumatisierten, depressiven Personen zu tun haben?).
von Wolfgang Suschnig - 2023-06-08 12:59:00











