Mein drittes Leben
Hardcover
Diogenes (2024)
304 Seiten; 18.4 cm x 11.6 cm
ISBN 978-3-257-07305-8
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Hauptbeschreibung
Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2024! Sie hat alles gehabt und alles verloren: Sekunden der Unachtsamkeit kosten ihre einzige Tochter das Leben. Tief sieht Linda in den Abgrund und wäre beinahe gefallen, doch da sind hauchfeine Fäden, die sie halten – die Hündin Kaja, die steten Handgriffe im Garten, das Mitgefühl für andere. Wie viel Kraft in ihr steckt, ahnt sie erst, als sie zurückfindet in einen Alltag und zu sich selbst.
Text der Buchrückseite
Linda führt ein Bilderbuchleben. Ihre Arbeit als Kuratorin für eine Kunststiftung füllt sie aus, sie ist verheiratet mit dem Maler Richard, sie haben eine gemeinsame Tochter, Sonja, leben in einer großzügigen Altbauwohnung in Leipzig. Sie sind erfolgreich, gut situiert, glücklich und arglos. Doch in ein paar Sekunden der Unachtsamkeit nimmt das Schicksal Linda alles: das Leben der 17-jährigen Tochter, die von einem Lkw überfahren wird, die eigene Gesundheit, den Schlaf. Die Trauer ist übermächtig und bodenlos. Doch es gibt sie, die feinen Fäden, die Linda in der Welt festhalten. Da sind ein Haus und ein Hof im Niemandsland, die ihr Zuflucht bieten und die Handgriff um Handgriff erfordern, da ist die Freude darüber, wieder lesen zu können, die gezackten Ränder einer satt orangefarbenen Tulpe, die Wärme der Frühlingssonne, da ist die Hündin Kaja. Ausgerechnet die Tochter einer anderen Frau holt Linda ins Leben zurück, und da ist immer noch: ihr Lebensmensch, ihr Mann Richard.
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Wenn das Leben dich aus der Bahn wirft
Lindas Leben ändert sich mit dem Tod ihrer Tochter Sonja schlagartig. Sie verlässt Wohnung, Mann und Job, zieht aufs Land und lebt zurückgezogen in einem alten Haus. Ihr altes Leben lässt sie hinter sich.
Körperliche Arbeit am Hof und ausgedehnte Spaziergänge mit ihrer Hündin Kaja sind jene Dinge, die sie in ihrer Trauer noch am Leben halten, besonders die Hündin, für die sie da sein muss- aber aus ihrer Trauer kommt Linda nicht heraus. Ihr Mann Richard versucht ihr zu helfen – am Hof und bei der Verarbeitung der Trauer, aber er kann Linda nicht erreichen. Sein Umgang mit dem Tod der Tochter ist zwei Jahre danach ein gänzlich anderer – Linda kann das überhaupt nicht verstehen. So driften auch die beiden auseinander.
Ein tieftrauriges Buch, das zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit schweren Verlusten umgehen. Linda nervt manchmal beim Lesen, ist unsympathisch, dann wieder kann man aber ihr Verhalten gut nachvollziehen – auch das ihres Ehemannes.
Der Roman war auf der Short-List für den Deutschen Buchpreis.
Kriens Vorgängerromane konnte mich besser überzeugen oder vielleicht lag es einfach an meiner Erwartungshaltung?
Trauriges und wunderschönes Lesehighlight
Mein drittes Leben ist ein tiefes Buch, das mich beim Lesen sehr berührt hat und noch lange in mir nachhallen wird.
Lindas Leben hat sich für immer verändert, als ihre Tochter Sonja bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Ihr Leben ist nun in ein Vorher und Nachher unterteilt. Vorher waren sie eine glückliche und erfolgreiche Familie. Linda, Richard, Sonja und die Patchworkgeschwister Ylvie und Arvid. Während sich Richard nach einiger Zeit langsam aus dem Abgrund kämpft, verliert sich Sonja in ihrer Trauer und zieht sich in die Einsamkeit auf einen alten Bauernhof samt Hund und Hühnern zurück, während ihr Umfeld nicht mehr wirklich Verständnis für sie aufbringen kann.
Das Szenario des Buches ist mein persönlicher Alptraum und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ich schon nach dem ersten Kapitel zum ersten Mal geweint habe. Das liegt aber nicht nur am Thema, sondern auch in der Art wie Daniela Krien es schafft Lindas Schmerz und innere Zerrissenheit dazustellen, was nicht zuletzt an der wunderbaren Sprache liegt. Sie macht es einem das Einfühlen und Mitfühlen leicht, sie lässt einen geradezu mitleiden. Aber das Buch schmerzt nicht nur, es spendet auch Hoffnung und lässt einen mit einem guten Gefühl zurück. Auch wenn ich am Ende traurig war, dass ich die mir liebgewordenen Figuren nicht noch ein wenig länger begleiten konnte.
Gut fand ich auch, dass auch dargestellt ist, wie Richard den Tod seiner Tochter anders verarbeitet als seine Frau. „Er hat sich gerettet. Auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod hat er sich für das Leben entschieden…“ (S.71)
Fazit: Unbedingte Leseempfehlung für dieses unglaublich berührende Buch, das nicht zu Unrecht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand. 5/5 Sterne
Auferstehung
Daniela Krien beschreibt eindrücklich die Phasen der Trauer.
Tiefgründig, absolut authentisch.
Ein großartiges Buch!
Ein Echo über das Leben - wenn es keine Antworten gibt
#danielakrien hat mit #MeinDrittesLeben erneut etwas geschaffen, das mich sehr, sehr, sehr be- und gerührt hat. Die Geschichte von Linda, die nach dem tragischen Unfalltod ihrer Tochter Sonja den Boden unter den Füßen verliert, hat mich in ihrer rohen und unverblümten Darstellung von Schmerz und Trauer umgehauen. Die Fähigkeit, Lindas innere Zerrissenheit zu schildern, machte es mir leicht, mich in etwas einzufühlen, auch wenn ich solch einen Verlust selbst nie erlebt habe. Ihr Rückzug aufs Land wirkt nicht wie ein klassischer Neuanfang, sondern wie ein verzweifelter Versuch, den erdrückenden Gefühlen zu entkommen, die sie in der Stadt umgeben; den Erinnerungen auszuweichen, die sie täglich emotional erschlagen würden, Menschen zu entgehen, die sich sorgen und denen man nicht erklären kann, dass man nichts mehr ist. Das einfach nichts mehr übrig ist. Jeder Tag wird zur Prüfung, jede Handlung zur Herausforderung, und doch vermittelt Krien subtil die Möglichkeit eines neuen Lebens, selbst wenn es ein anderes ist als das, das Linda sich jemals gewünscht hätte oder welches sich in unseren Köpfen auftut.
Besonders wirkend fand ich die Dynamik zwischen Linda und ihrem Mann Richard. Obwohl sie beide den gleichen Verlust erlitten haben, gehen sie so divergent damit um, dass es unausweichlich scheint, dass sie sich voneinander entfernen. Während Linda sich in ihrer Trauer verliert und die Nähe zu ihrem früheren Leben meidet, sucht Richard weiter nach Halt im Leben. Seine Versuche, Linda zu erreichen, werden von ihr mit Ablehnung beantwortet. Die Spannungen zwischen den beiden spiegeln die Frage wider, wie Menschen gemeinsam trauern können, wenn jeder eine andere Art der Bewältigung benötigt. Die Schilderungen dieses emotionalen Konflikts wirken zutiefst ehrlich, ungefiltert und für mich vollkommen nachvollziehbar, ohne dass es immens sentimental erscheint.
Auch die langsame, beinahe zähe Art, in der Lindas Leben quasi wieder in eine Art Gestalt annimmt (auf dem Hof, den sie gemietet hat), finde ich stark. Katatonisch ist der Zustand für lange Zeit. Doch sie arbeitet sich auf völlig andere Art, anders als ihr Leben bisher war, wieder „an ein Leben“ heran. Retrospektiv lesen wir über ihre Kindheit, ihre Mutter, Sonia, ihren Job, ein Leben mit Richard. Rückblenden auf ihr „altes“ Leben und eine völlig andere Linda. Es gibt keinen Moment der plötzlichen Heilung, keinen klaren Wendepunkt. Stattdessen zeigt Krien, wie Trauer ein ständiger Begleiter bleibt und Linda nach und nach lernt, damit zu leben, auch wenn der Schmerz nie ganz verschwinden wird. Das Buch strahlt trotz der tiefen Traurigkeit einen feinen Funken Hoffnung aus: Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber sie lässt sie verblassen und erlaubt es, dass das Leben (irgendwann) weitergeht – wenn auch in einer anderen Form.
Manche Kritikpunkte an der Geschichte, die ich gelesen habe, wie bspw. Lindas vermeintlich übertriebene moralische Handlungen, empfinde ich als nicht störend, da sie für mich wie ein Teil ihrer Selbstfindung wirken. Sie spendet Geld und unterstützt andere nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern als Teil ihres Versuchs, Kontrolle über ein Leben zurückzugewinnen, das ihr vollständig entglitten ist. Ein weiterer Kritikpunkt, den einige nannten: sie wirkt unsympathisch und man konnte keine Beziehung zur Protagonistin aufbauen. Ist es denn, angesichts dieses Plots, wichtig, dass die Protagonistin, die das für sich schlimmste erlebt, nämlich, dass ihr Kind stirbt, sympathisch ist? Denn in diesem Fall tut es nichts für oder gegen die Geschichte, ob wir Leser*innen diese Figur sympathisch finden. Dies ist eine Kritik, die ich nicht nachvollziehen kann. Und ist es denn immer wichtig, dass Figuren sympathisch sind – was lerne ich denn aus gewissen Romanen, Schilderungen, Erzählungen, wenn immer alles so läuft, wie in meiner Denke, nichts. In welche Reflexion kann ich mich begeben, wenn die Figur in einem Buch alles tut wie ich es (vermeintlich) tun würde!?
Dieses Buch ist für mich eines der bewegendsten, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Die Feinfühligkeit im Ton, mit dem Krien den Umgang mit Trauer, Schuld und Verzweiflung beschreibt, hat mich wieder volle gekriegt. Mich hat das Buch u.a. auch so aufgewühlt, weil viele von Lindas Handlungen meine Gedankengänge treffen. Ich weiß, dass mein Papa irgendwann sterben wird. Das ist unumgänglich. Das ist in irgendeinen göttinnenverdammten Stein gemeißelt. Und wenn ich darüber nachdenke, dass dieser Tag X kommen wird, dann wird’s mir ganz eng um den Hals, mein Puls erhöht sich und die Brust wird mir extrem eng – dennoch kann ich mir vorstellen, dass ich eine Person wäre, oder auch bin, die den „Linda-Weg“ geht, weil ich keine Ahnung davon habe, wie dieser Verlust, dieser Schmerz, je wieder gut werden kann; wie dieses Gefühl in meinem Herzen jemals verschwindet. Aber jetzt habe ich zumindest eine Idee, die sich gut anfühlen könnte ….
Auch dieses Buch ist für mich eines, das wie ein Echo ist … es schreit ein Thema raus, und es hallt lange, mehrfach retour … es tut weh und es stellen sich so viele Fragen auf einmal, auf die es keine Antwort gibt – Antworten erst, wenn „es“ passiert ist.
#leseempfehlung von Herzen für ein #jahreshighlight!
Zurück ins Leben
Während anfangs das Leben auf dem Hof thematisiert wurde, und man in die Gefühlswelt eintaucht, wirkt sich die Handlung planlos und symbolisiert perfekt Lindas Zustand. Erst mit ihrer Rückkehr in die Stadt und ins Leben nehmen auch die Ereignisse, die Lunda wahrnimmt wieder zu. Ein kluger Schachzug, so Lindas Zustand darzustellen, denn dieser geht dadurch auch unweigerlich auf den Leser über. Nur muss man diese Planlosigkeit zu Beginn auch aushalten können. Gelingt dies, ist dieses Buch wirklich wunderbar.
Weiterleben
Sie waren eine glückliche Familie; Linda, Richard und Sonja mit den Patchworkindern Ylvie und Arvid. Doch nun ist alles zerbrochen. Das Leid hat die Liebe aufgefressen und zwei Jahre später kann Linda noch immer nicht nach vorne schauen, während sich Richard langsam aus dem Abgrund kämpft. Heilung braucht Zeit und verläuft nie linear und immer anders.
Also trennt sich Linda auch von Richard und zieht sich auf einen halb verfallen Bauernhof in einem Dorf am Ende der Welt zurück. Dort übernimmt sie Hund und Hühner von der Vorbesitzerin und beginnt sich in die Gartenarbeit zu stürzen. Das tägliche Werk mit den Händen hilft ihr an vielen Tagen und der Hund verlangt seine Spaziergänge. Doch an manchen Tagen gelingt es Linda nicht, das Bett zu verlassen.
Dieser völlig Rückzug birgt den Nährboden für Lindas Narben und ganz langsam beginnt auch Linda zu heilen. Es braucht wieder einen Anstoß, damit sie sich dem Leben wieder zuwenden kann, aber Linda steht nicht allein. Es gibt Menschen, die ihr beistehen und es kommt auch wieder eine Zeit, in der Linda jemandem beistehen kann.
Daniela Krien hat mit diesem Roman ein sehr emotionales Buch verfasst. Der erste Teil ist wirklich hart zu lesen, denn der Sog des Leides zieht mich auch als Lesende mit sich in den Abgrund. Es ist schwer zu ertragen. Doch ganz langsam ändert sich das Gefühl beim Lesen und mit Lindas Heilung werden auch die Zeilen des Romans leichter. Und auch wenn das Leben weiteres Leid für Linda parat hält, ist das Ende hoffnungsvoll. Es gibt einen Weg und es gibt eine Zukunft. Linda wird nie wieder dieselbe sein, sie wird auch nie wieder eine Mutter sein. Doch sie wird eine Frau sein, die sich ihren Abgründen stellen kann und mehr Kraft und Stärke in sie trägt, als sie je für möglich gehalten hätte!
Krien- wie immer toll!
In diesem neuen Buch von Krien, welches auch auf der Longlist des deutschen Buchpreises steht und weswegen ich es mir sofort kaufen musste, geht es um die Trauer um das eigene Kind. Es werden auch noch viele andere Themen behandelt, wie beispielsweise die Pflege eines behinderten Kindes, Krankheit, psychische Probleme etc. Die Trauer um das verstorbene Kind und wie sich die Hauptprotagonistin damit auseinandersetzt, nimmt jedoch den größten Teil des Buches ein und obwohl das Buch sehr ernst, traurig und berührend ist, schafft es Krien trotzdem Elemente einzubauen, die einen zum schmunzeln bringen!
Hat mich schon ein bisschen umgehauen
Zum Inhalt: ihr Leben war voller Glück, bis ein Moment alles zerstört und ihre Welt in Dunkelheit versinkt. Gefangen in ihrer Trauer verlernt Linda zu leben, bis sie beschließt, dass sie sich zurück an die Oberfläche kämpfen will.
Also erstmal wow, tough topic. Der Klappentext lässt es ja bereits vermuten und ich bin da eigentlich auch gar nicht sensibel, aber Daniela Kriens Schreibstil trägt dazu bei, dass sich auch bei mir während des Lesens eine gewisse Schwere breit gemacht hat. Lindas Empfindungen werden sehr nahbar und authentisch geschildert, ihre völlige Selbstaufgabe hat mir ganz schön zu schaffen gemacht.
Aber wo Schatten ist, ist auch Licht- allen voran die Menschen, die Linda nicht aufgeben, egal wie harsch sie sie von sich stößt oder es einfach nicht schafft, am Leben teilzunehmen. Wie authentisch die Beziehung zu Robert dargestellt ist, kann ich nicht beurteilen, vor seinem Charakter kann man aber nur den Hut ziehen. Generell gibt es in diesem Buch allerhand berührende kleine Gesten, die so viel ausmachen können.
Die Geschichte kommt mit wenig aus- wenig Figuren, wenig Handlungsort, kein schmückendes Beiwerk. Die Handlung ist Fühlen und Reflektieren, Erinnern und Zurückblicken, Weitermachen und Loslasssen. Die offene Erzählstruktur, die schnörkellos und ungeschönt erzählt, hat mir gut gefallen und mich tief bewegt. Es sind kleine Schritte, mit denen sich Linda ihr Leben zurückholt, die feinfühlig geschildert werden.
Ein grandioses Buch über eine bewegende Geschichte. Für mich ein Buch, dass auch nach dem Zuschlagen noch lange bleibt und nachhallt. Und ein viel zu alltägliches, tragisches Thema, das hier auf sanfte Art ganz wunderbar aufbereitet wurde.
Vom Klarkommen danach
Die Autorin hat einen sehr klaren und eindrücklichen Schreibstil. Durch die gelungene Darstellung der Gedanken- und Gefühlswelt von Linda, kann man sich gut in sie hineinversetzen und ihre Emotionen gewissermaßen nachempfinden. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung bezüglich Trauer, hat mich der Roman sehr nachdenklich gestimmt und einige Zeit nicht losgelassen.
Trauerarbeit - ein langer Prozess
Die 17jährige Tochter Sonja ist mit ihrem Rad unterwegs und wird von einem abbiegenden LKW überfahren.
Auch zwei Jahre nach dem Unfalltod hat Linda aus ihrer tiefen Trauer noch nicht herausgefunden. Nach ihrer Krebserkrankung hat sie ihren alten Job in einer Kulturstiftung gekündigt und sich auf einen heruntergekommenen Bauernhof in einem kleinen Dorf zurückgezogen. Sie braucht Abstand, braucht Zeit für sich selbst. In der früheren Wohnung in Leipzig erinnert alles an die verstorbene Tochter.
Ihr Mann Richard besucht Linda regelmäßig und versucht, sie zur Rückkehr zu bewegen. Vergeblich! Auch er trauert, doch er will endlich wieder nach vorne schauen, will weiterleben. Irgendwann wird er in der Schriftstellerin Brida eine neue Partnerin finden. ( Sie ist uns schon in Daniela Kriens Roman „ Die Liebe im Ernstfall“ begegnet.)
Mit sehr viel Sensibilität und Einfühlungsvermögen beschreibt die Autorin die Gefühlswelt ihrer Protagonistin, einer Frau, der das Schlimmstmögliche zugestoßen ist. Dabei zeigt sie, wie lange es brauchen kann, aus einem solchem Tiefpunkt herauszufinden.
Was Linda dabei hilft, ist die körperliche Arbeit auf dem Hof und im Garten. Diese Arbeit gibt ihrem Tag Struktur und Sinn. Und der Kreislauf der Natur vom Wachsen und Vergehen hat etwas Tröstendes.
In der Erinnerung durchlebt Linda die Zeit mit ihrer Tochter. Dabei macht sie sich Vorwürfe, ihr Kind mit zu kritischen Augen betrachtet zu haben, stellt sich auch die sinnlose Frage, ob sie das Unglück nicht hätte verhindern können.
Dazwischen gibt es immer wieder Phasen, wo der Schmerz unerträglich wird und der Gedanke an Selbstmord verlockend erscheint.
Während Linda sich beinahe ganz von ihrem früherem Umfeld gelöst hat, findet sie langsam neue Kontakte im Dorf. Das sind Menschen, die weit weg sind von dem gutbürgerlichen Milieu, in dem sie sich früher bewegt hat. Solche wie Nachbar Klaus und seine Frau, die sich als Wendeverlierer sehen und trotzdem nicht resignieren. Oder Natascha, die ein Leben mit einer behinderten Tochter meistern muss.
Es ist ein langer Weg raus aus der Trauer, langsam, oft mit Rückschritten verbunden, bis Linda gelernt hat, mit dem Verlust zu leben.
Dass sie mit ihrer Mutter über die gemeinsame Vergangenheit reden konnte, Verdrängtes ansprechen, war ebenso hilfreich wie der Bruch mit einer früheren Freundin, mit der sie nichts mehr verbindet.
Der Roman ist aber nicht nur die Geschichte über einen unerträglichen Schmerz, sondern auch die Geschichte einer großen Liebe.
Denn dass Richard ihr „ Lebensmensch“ ist, weiß Linda schon lange. „ Nicht die Liebe ist Richard und mir abhandengekommen, nur die gemeinsame Blickrichtung.“
Und als Richard sie braucht, ist sie für ihn da.
Obwohl der Roman tieftraurig ist, entlässt er den Leser mit einem Gefühl der Hoffnung.
Selten treffen die Adjektive „ berührend“ und „ bewegend“ so gut auf einen Roman zu wie hier. Daniela Krien findet die richtigen Worte , nie gleitet sie ins Sentimentale ab. Und obwohl der Leser sehr nah bei Linda ist, hat er großes Verständnis und Sympathie für Richard. Das spricht für die sensible Figurenzeichnung der Autorin. Auch die Nebenfiguren werden nuancenreich beschrieben.
Gleichzeitig ist das Buch eine Lehrstunde in Sachen Empathie. Linda hat früh gespürt, wie sich Freunde und Bekannte abwenden. „ Menschen ermüden vom Leid anderer Menschen. Sie verlieren die Lust, Rücksicht zu nehmen, wollen wieder selbst klagen dürfen. Sie sind heimlich wütend darüber, dass vor meinem Problem jedes ihrer eigenen Probleme verblasst. Meine Anwesenheit zwingt sie, ihr Glück zu begreifen.“
Im Roman erfahren wir, was Trauernde brauchen. Keine gut gemeinten Sprüche, keine Ungeduld! Jeder trauert anders, jedem steht die Zeit zu, die er dafür braucht.
Der Roman findet sich völlig zu Recht auf der Longlist für den diesjährigen Buchpreis. Es ist das bisher beste Buch der Autorin. Klug, einfühlsam und realistisch.
Lindas Perspektive
Sie hat ihre 17jährige Tochter Sonja durch Unfall verloren und zieht sich völlig in sich selbst zurück. Sie zieht aufs Land, wo sie sich um einen Hof kümmert. Das führt schließlich zur Trennung von ihrem Mann Richard. Völlig allein, nur mit einem alten Hund, verbringt sie die Tage mit Einnahme von Medikamenten. Sie denkt sogar an Suizid.
Dennoch ist es kein trostloses oder hoffnungsloses Buch, denn die Frage, wie mit der Trauer weiterleben, öffnet auch Hoffnung.
Es gibt auch neue Freundschaften, zum Beispiel zu einer Frau mit einer behinderten Tochter, die Hilfe braucht. Auch ist ihre Beziehung zu Richard gefühlsmäßig noch nicht abgeschlossen.
Dennoch bleibt Linda weiter distanziert zu ihrer Umwelt.
Daniela Krien ist eine kluge Autorin, die jederzeit genau weiß, wie sie den Plot entwickeln kann. Von Anfang bis Ende besitzt der Roman eine soghafte Wirkung.
Das Leben danach
Ihr Leiden als verwaiste Mutter schmerzt und berührt zutiefst. Ihr Heilungsprozess ist erschütternd realistisch und wahrhaftig. Man durchlebt ihn mit Linda und sie beweist, wie belastbar Menschen sein können und wie individuell der Trauerprozess ist, während das Leben eigene Pläne macht. Es ist Unterstützung und Liebe, die sie im Leben halten. Ihr Mann Richard, der, trotz aller Umstände, für sie da ist. Die Hündin Kaja und schließlich die Ablenkung in der Gartenarbeit und ihre Hilfsbereitschaft geben ihr Hoffnung. „Doch hier in meinem Dritten Leben sitze ich auf einem Küchenstuhl und lasse alle Gefühle kommen.“ Das schmerzhafte Durchleben in der ersten Hälfte hatte eine große Wucht. Ich wollte wissen, wie Linda sich zurück ins Leben kämpft. Doch es ist kein Kampf, sondern ein Überstehen der Tage und es sind kleine Dinge, die sie am Leben halten. „Ich kann wieder lesen.“ Dazu passt der distanzierte Schreibstil, der Abstand erlaubt, den es braucht. Ein unbequemes Buch, das Gedanken anstößt, Hoffnung schenkt, mitfühlen lässt und dankbar macht, für das Leben davor. Es wirkt nach. Kein leichtes Buch, aber sehr empfehlenswert!
Mein drittes Leben
Allem voran die klare Sprache und der sehr angenehme Schreibstil haben mich von diesem Buch begeistert. Auch die Handlung um Linda, eine Mutter, die ihr Kind durch einen tragischen Unfall verloren hat, ist sehr authentisch dargestellt. Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, dass die Trauer zu überspitzt, kitschig oder stereotyp dargestellt wurde. Vielmehr hat Krien nüchtern, beinahe analytisch den Zustand dargestellt, nicht geschönt aber auch nicht dramatisiert. Das habe ich als Leserin als extrem angenehm empfunden.
Nicht nur Protagonistin Linda, sondern auch alle weiteren Charaktere wurden sehr lebensnah und authentisch dargestellt. eziehungsgeflechte sind in leisen Tönen beschrieben, in ihrer Entstehung und Entwicklung jedoch sehr genau und treffend.
Insgesamt hat mich dieses Buch positiv überrascht. Trotz der Schwere der Thematik liest es sich sehr leicht, flüssig und ich wollte es kaum aus den Händen legen. Ein stilles aber nicht weniger beeindruckendes Buch.
Einfühlsam
Die Schriftstellerin Daniela Krien
schreibt einfühlsam und fesselnd.
Ich habe schon einiges von ihr gerne gelesen.
Der neue Roman, Mein drittes Leben, ist ihr besonders gut gelungen.
In diesem Roman erzählt die Autorin von der Gefühlswelt einer vierzigjährigen Frau, deren siebzehnjährige Tochter bei einem Unfall ums Leben kam. Das bringt das Leben der Eltern in eine große Trauer. Die beiden trauern verschieden.
Linda rettet sich auf einen Hof auf dem Land. Zum Hof gehört ein Hund, der durch sein Dasein, weiterleben lässt. Linda braucht starke Tabletten, sie denkt sogar an Selbstmord.
Sie trifft auch viele Personen, die ihr mit angenehmer Art weiter helfen.
Nebenbei wird auch das schwierige Verhältnis mit ihrer Mutter aufgearbeitet.
Daniela Krien versteht es sehr gut, diese Erlebnisse zu Wort zu bringen.
Sie zeigt, das das Leben weiter geht. Die Trauerarbeit bringt sie gut ins Buch.
Ich konnte mich gut in die Geschichte einfühlen. Es ist ein lesenswertes Buch.
Schwächer als vorherige Romane
Ich sage es, wie es ist: Kriens neuster Roman wird mit Sicherheit seine begeisterten Leser*innen finden - ich gehöre nicht dazu. Und das liegt nichteinmal daran, dass das Buch thematisch wirklich keine leichte Kost und Lindas Trauer über den Verlust ihrer Tochter allgegenwärtig ist; auch nicht an einer mangelnden Tiefe oder der Figurenbeschreibung. Denn all das hat der Roman, und ohne jeden Zweifel ist er einfühlsam geschrieben, zeichnet das authentische Bild einer trauernden Mutter. Dennoch konnte "Mein drittes Leben" mich nicht so abholen, wie ich gerne abgeholt worden wäre; weder in der ersten Hälfte, die sich für mein Empfinden sehr gezogen hat, noch gegen Ende, als dann doch noch eine etwas positivere Stimmung aufkommt. Berühren konnte mich das alles nicht so sehr, ich war eher froh, als sich die Geschichte dem Ende zugeneigt hat. An Kriens vorherige Romane kommt dieser hier mMn nicht heran. Ich schätze Kriens Stil jedoch und warte daher gespannt auf ihr nächstes Buch, das mich hoffentlich wieder etwas mehr überzeugen kann.
Unter jedem Dach ein Ach
Auch der neue Roman von Daniela Krien hat mir wie die drei Vorgänger sprachlich und inhaltlich sehr gut gefallen. Es ist eine traurige, sehr bewegende Geschichte, die den Leser jedoch nicht ohne Hoffnung zurücklässt. Deshalb empfehle ich ihn ohne Einschränkung.
Berührende Geschichte über Trauer und die Rückkehr ins Leben
Zwei Jahre später hat Linda sich von Richard getrennt und ihre Tätigkeit als Kuratorin im Kunstbereich aufgegeben. Sie ist an Krebs erkrankt und leidet unter den Folgen der Behandlung. In einem kleinen Dorf mietet sie einen Hof und führt ein zurückgezogenes Leben. Sie kümmert sich um ihren Hund Kaja und die Hühner, und sie lenkt sich mit der schweren Hofarbeit ab. Soziale Kontakte pflegt sie kaum. Richard kümmert sich um sie, er besucht sie regelmäßig und hofft, dass sie wieder zueinanderfinden.
Das Buch, das sich dem Thema Trauerbewältigung widmet, ist in sehr schöner und klarer Sprache geschrieben. Mit großer Einfühsamkeit beschreibt die Autorin Lindas tiefe Trauer über den Tod ihres Kindes und die Unmöglichkeit, ein normales Leben zu führen. Der Verlust ihrer Tochter nimmt ihr den Lebensmut, d ihremjegliche Freude und Perspektive. Anfangs noch gefangen in ihrer Trauer und ihrem Schmerz, braucht es viel Zeit, bis es Linda gelingt, sich wieder anderen Menschen zu öffnen und ihnen mit Empathie zu begegnen. Sie erkennt, dass auch ihr nahestehende Menschen schweren Lebenskrisen ausgesetzt sind und versucht ihnen zu helfen.
Wir begleiten Linda nicht nur durch die verschiedenen Phasen der Trauer, sondern erleben auch ihren harten Alltag auf dem Hof. Die körperlich schwere und für sie ungewohnte Arbeit hilft ihr dabei, den Tag zu überstehen, starke Medikamente helfen ihr durch die Nacht. In Rückblicken erfahren wir viel über Sonja und die Mutter-Tochter-Beziehung sowie das vergangene Familienleben, und wir lernen Natascha kennen, deren Tochter durch schweren Autismus behindert ist und in der Linda eine liebe Freundin findet.
Die Autorin beschreibt ihre Haupt- und Nebenfiguren sehr authentisch und lässt uns tief in Lindas Gefühls- und Gedankenwelt blicken. Ich mochte Linda, die ihr Leben neu ordnet und ihrer Trauer Raum gibt, und ich mochte Richard, der sie auf ihrem neuen Weg unterstützt und immer für sie da ist. Mir hat das Buch, in dem es neben Verlust und Trauer auch um Liebe und Freundschaft geht, sehr gut gefallen. Es ist tiefgründig und eindringlich, ohne rührselig zu sein, und es hat mich von Beginn an bis zum hoffnungsvollen Ende gefesselt und zutiefst berührt.
Absolute Leseempfehlung für diesen großartigen Roman!
berührend und fesselnd
Ihr Leben schien perfekt. Sie hatte einen Job, der ihr viel Spaß machte, einen tollen Mann und eine gut geratene Tochter. Es war nur ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, der Sonja, Lindas Tochter, das Leben kostete. Nach dem Unfalltod von Sonja stürzt Linda in eine tiefe Krise. Sie fühlt sich nicht mehr bereit ihr Leben so wie bisher weiter zu führen. Sie bricht aus und zieht in ein kleines Dorf. Die Frau, die immer großen Wert auf ihr Erscheinungsbild gelegt hat, kümmert sich nur noch wenig um ihr Aussehen, arbeitet im Garten und versorgt die Hühner. Ein langsames Herauskämpfen aus der Krise beginnt. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Hündin Kaja und Natascha mit ihrer autistischen Tochter NIne. Auch ihr Mann Richard, der anders trauert, sagt sich nie ganz von ihr los.
Eine bewegende Geschichte, die zeigt wieviel Kraft in einem Menschen steckt.
beeindruckend dicht
Linda geschieht das, was keiner Mutter passieren sollte. Ihre Tochter stirbt durch einen Verkehrsunfall und sie verliert sämtlichen Halt und Sinn in ihrem Leben. Nach dem ersten Schock und dem Realisieren, dass ihre Tochter wirklich nicht mehr wieder kommt, bricht Linda mit ihrem alten Leben und flüchtet in ein Dorf, in dem sich Hase und Fuchs gute Nacht sagen. Sie, die immer Wert auf ihre Erscheinung und Kultur gelegt hat, arbeitet nun im Garten, wäscht seit Monaten ihre Haare nicht mehr und versucht irgendwie zu überleben. Jeder Tag ist ein Kampf, der Abend, an dem die Schlaftabletten genommen werden können, wird herbeigesehnt. Richard, ihr Ehemann, bleibt in der gemeinsamen Wohnung, versucht die Ehe zu retten und besucht sie regelmäßig.
Die Autorin schafft es durch ihren Schreibstil mich als Leserin ganz nah an die Verzweiflung und Emotionen von Linda heranzuführen. Dies geschieht durch die hervorragende Charakterisierung von Linda und den wenigen Personen in ihrem Umfeld, zu denen sie noch Kontakt hat.
Das Buch ist keine leichte Kost, doch es vermittelt auch ein großes Stück Hoffnung und ich kann es nur weiterempfehlen.
Mein drittes Leben
Seitdem teilt sich Lindas Leben in ein Davor und ein Danach, die Trauer ist überwältigend und der Alltag kaum zu bewältigen. In Leipzig lauert hinter jeder Ecke eine Erinnerung, ein gemeinsames Trauern mit ihrem Mann Richard ist für Linda nicht wirklich möglich.
Und so zieht Linda aufs Land, ohne Richard und nur vorübergehend, wie sie versichert, um Abstand zu gewinnen, um den ewigen Schmerz zu besänftigen und den Erinnerungen zu entkommen. „Kein einziges Mal starrte ich hier einer jungen, schlanken Frau mit hohem, wippenden Pferdeschwanz hinterher… nie hörte ich ihr Lachen auf der Straße… und keiner ihrer Freunde stand plötzlich vor mir. An keinem Fleck hier ist sie je gewesen, und hinter keiner Ecke lauerten Erinnerungen und fielen mich an… Was Sonja betraf, befand ich mich im Niemandsland.“
Hier, in diesem öden Dorf mit den abweisenden Fassaden und den leeren Bürgersteigen beginnt nach dem Leben vor Sonja und nach dem Leben mit Sonja nun Lindas drittes Leben. Es ist ein mühsames Leben in dem alten Haus mit Hof und Garten, aber mühsam ist gut, denn solange Linda in Bewegung ist und bleibt, kann das Gedankenkarussell nicht anspringen und sie übersteht die Stunden bis zum Schlafengehen. Für die schweren Nächte helfen dann die Tabletten…
Daniela Krien hat – wieder einmal, endlich! – einen Roman geschrieben, der mich vollends begeistert hat. Ihr Gespür für ihre Figuren und deren Geschichten und ihre besondere, eindrückliche Sprache sind immer wieder ein Ereignis und ein Genuss, und ein Schmankerl für Krien-Kenner ist das Auftreten von Personal aus ihren anderen Büchern.
„Mein drittes Leben“ ist die Geschichte einer Frau, der niemand „den Umgang mit dem Schicksal beigebracht“ hat. Es ist die Geschichte der alten Linda, die vor Sonja ein eigenständig fühlendes Individuum war, „ab ihrer Geburt war mein Lebensglück ihrem unterworfen. Von Beginn an und bis über ihr Ende hinaus bin ich das, was sie ist – glücklich, unglücklich, ängstlich, traurig, euphorisch, lebendig oder tot. Denn wenn ein Kind geht, nimmt es dich mit. Es lässt nicht mehr von dir zurück als eine welke Hülle.“
Und es ist die Geschichte der neuen Linda, die sich entgegen aller Vorstellungen aus ihrem Kokon befreit und irgendwann wieder so etwas wie eine leise Freude empfinden und vielleicht wieder glücklich werden kann.
„Es ist eine andere Art von Glück… Es hat Tiefe, aber keine Leichtigkeit.“
Traurig, berührend, wunderschön. Absolut lesenswert!
Kann es ein Leben nach dem Tod eines Kindes geben?


