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Rezensionen

Rezensionen von mari_liest

Autor: Gaea Schoeters

EIN Elefant im Raum war gestern! - 5 Sterne

Ich habe „Das Geschenk“ von @gaeaschoeters verschlungen – ein Roman, der in nur knapp 140 Seiten mit reichlich Humor und messerscharfer Sprache satirisch eine ganze Gesellschaft ins Schwanken bringt. Die Grundlage ist so verrückt und doch so realistisch. Der Präsident Botswanas schenkt Deutschland viele Elefanten (die Zahl müsst ihr selbst lesen – sonst wäre es ja langweilig). Was zunächst absurd klingt, entfaltet sich als politisches Gedankenexperiment über Migration, Verantwortung, Wahrnehmung.
Im Zentrum steht ein Deutschland, das vor der nächsten Wahl panisch reagiert: Behörden, Krisenstäbe, Minister*innen – sie alle taumeln zwischen Solidarität, Opportunismus und Chaos. Die Herde Elefanten produziert Dungberge (ihr erinnert euch an Jurassic Park Teil 1!? ;-), Verkehrschaos, Ängste und neue Rollenmodelle.
Schoeters zeigt, wie schnell Ängste mobilisiert werden, wie leicht Verantwortung abgeschoben wird. Zwischen den Zeilen wird klar: Es geht nicht um Elefanten, sondern um Flüchtlinge, um Klima, um Machtmechanismen – und dieses kollektive Scheitern im Umgang mit Krisen.
Die Sprache ist klar, pointiert, kein Wort zu viel. Feine Beobachtungen: zu den Elefanten, wie Politiker*innen improvisieren/parodieren/polarisieren, wie Menschen Ängste verbal einsperren.
Die Geschichte ist politisch sicher präzise, emotional zugänglich und unglaublich aktuell - Satire trifft Gegenwart.
Mir gefällt sehr, was Schoeters aufzeigt: Veränderungen brauchen nicht nur Witz, sondern den Mut, Ungerechtigkeit ins Rampenlicht zu stellen. Mut mit Fehlern umzugehen und zu ihnen zu stehen. Das Buch ist eine Einladung, über unsere Haltung - im Allgemeinen -nachzudenken. Und es hallt nach. Ich empfehle es von Herzen.
Ich liebs, liebs, liebs! … lest auch Trophäe – das ist auch mega!
von mari_liest - 2025-08-01 16:13:00
Autor: Caroline Darian

Unfassbare Realität dieser Frauen - 5 Sterne

Die Scham muss die Seiten wechseln!!! (Giséle Pelicot)

Caroline Darians Buch Und ich werde Dich nie wieder Papa nennen ist ein erschütterndes Zeugnis über die unfassbaren Verbrechen ihres Vaters Dominique Pelicot. Über mindestens zehn Jahre betäubte er seine Ehefrau Gisèle mit Medikamenten und ermöglichte es 72 Männern, sie im bewusstlosen Zustand zu missbrauchen – eine Praxis, die als "chemische Unterwerfung" bezeichnet wird. Darians Buch beleuchtet die verheerenden Auswirkungen dieser Taten auf die Opfer und ihre Familien. Die abscheulichen Handlungen blieben lange unentdeckt und wurden erst aufgedeckt, als Pelicot 2020 beim Fotografieren unter Röcken im Supermarkt erwischt wurde. Dank sei dem Wachmann, der hartnäckig blieb!

Darian schildert nicht nur die grausamen Taten, sondern auch die tiefgreifenden Auswirkungen auf ihre Familie und sie selbst. Der unvorstellbare Schmerz und die Wut, als sie erkannte, dass ihr eigener Vater ein solches Monster war, ziehen sich durch das gesamte Buch. Besonders erschütternd ist die Entdeckung von verstörenden Bildern von ihr als junge Frau auf seinem Computer, was den Verdacht nahelegt, dass auch sie Opfer seiner Taten wurde.

Mit ihrem Buch will Darian das Schweigen brechen und auf systemische Fehler in der Opferbetreuung hinweisen: Menschen wussten, was geschah, doch schwiegen, weil sie selbst nicht direkt betroffen waren. Sie zeigt auf, wie das Versagen des Systems Tätern jahrelang Deckung bietet und Opfer allein lässt. Gisèle Pelicot hat durch ihren Mut, den Fall öffentlich zu machen, ein wichtiges Zeichen gegen sexualisierte Gewalt gesetzt. Dieses Buch ist mehr als ein persönlicher Bericht – es ist ein Aufruf zum Handeln und ein Beweis für die Stärke von Frauen wie Gisèle und Caroline, die trotz traumatischer Erlebnisse ihre Stimme erheben. Ihre Geschichte hat mich sehr berührt, macht mich wütend und traurig, aber auch voller Bewunderung für ihren Mut. Es lässt mich nicht los und zwingt mich, über die Dunkelheit nachzudenken, die in unserer Gesellschaft oft verborgen bleibt.

Sehr hartes Buch, jedoch jede Zeile lesenswert, auch um achtsamer zu werden, wenn uns etwas komisch vorkommt.

„Das Kind des Opfers und des Täters zu sein, ist eine schreckliche Last“. (S. 13)
von mari_liest - 2025-02-24 15:24:00
Autor: Isabel Bogdan

Eine besondere Gemeinschaft - 5 Sterne

„Wohnverwandtschaften“ von Isabel Bogdan hat mich durch seine ruhige, dennoch tiefgehende Erzählweise sofort in seinen Bann gezogen. Das Buch beschreibt das Zusammenleben von vier sehr unterschiedlichen Menschen in einer Wohngemeinschaft: Constanze, die sich nach einer Trennung dort wiederfindet, Jörg, der nach dem Tod seiner Frau etwas mit dem Leben und seiner Krankheit kämpft; Anke, eine Schauspielerin ohne festen Job, und Murat, der für seine kulinarischen Fähigkeiten innerhalb der WG bekannt ist. Diese Gemeinschaft zu Beginn wie eine Zweck-Gemeinschaft, entwickelt sich zu einer echten Wahlfamilie.

Das Buch vermittelt, dass Familie nicht nur durch Blutverwandtschaft definiert wird, sondern durch die Verbindungen, die Menschen im Alltag füreinander schaffen. Bogdan zeigt auf feinfühlige Weise, wie fragil und gleichzeitig stark diese Wahlverwandtschaften sein können, vor allem, wenn sich die Mitbewohner*innen ihrer Verantwortung füreinander bewusst werden. Es gibt viele stille Momente, in denen scheinbar nichts passiert, doch gerade diese Ruhe erlaubt es, die emotionalen Stärken der Figuren zu spüren. Besonders berührt hat mich der respektvolle Umgang aller mit Jörgs Krankheit und wie sie trotz eigener Probleme zusammenhalten.

Die Geschichte berührt, und das Krankheitsthema wird einfühlsam und dennoch nie bedrückend behandelt. Trotz der stillen Erzählweise empfand ich den Roman nie als langatmig, im Gegenteil: Gerade das Fehlen großer Dramen empfand ich als sehr angenehm. Die Frage, was Familie ausmacht, wird hier auf wunderschöne Weise beantwortet – es sind nicht die Blutsbande, sondern die Fürsorge und das Miteinander, die zählen.

Für mich ist „Wohnverwandtschaften“ ein leises und intensives Buch, das ich jedem empfehlen würde, der eine Geschichte voller Menschlichkeit, Wärme und leiser Melancholie sucht.
Gerne eine Leseempfehlung!
von mari_liest - 2024-10-13 20:35:00
Autor: Daniela Krien

Ein Echo über das Leben - wenn es keine Antworten gibt - 5 Sterne


#danielakrien hat mit #MeinDrittesLeben erneut etwas geschaffen, das mich sehr, sehr, sehr be- und gerührt hat. Die Geschichte von Linda, die nach dem tragischen Unfalltod ihrer Tochter Sonja den Boden unter den Füßen verliert, hat mich in ihrer rohen und unverblümten Darstellung von Schmerz und Trauer umgehauen. Die Fähigkeit, Lindas innere Zerrissenheit zu schildern, machte es mir leicht, mich in etwas einzufühlen, auch wenn ich solch einen Verlust selbst nie erlebt habe. Ihr Rückzug aufs Land wirkt nicht wie ein klassischer Neuanfang, sondern wie ein verzweifelter Versuch, den erdrückenden Gefühlen zu entkommen, die sie in der Stadt umgeben; den Erinnerungen auszuweichen, die sie täglich emotional erschlagen würden, Menschen zu entgehen, die sich sorgen und denen man nicht erklären kann, dass man nichts mehr ist. Das einfach nichts mehr übrig ist. Jeder Tag wird zur Prüfung, jede Handlung zur Herausforderung, und doch vermittelt Krien subtil die Möglichkeit eines neuen Lebens, selbst wenn es ein anderes ist als das, das Linda sich jemals gewünscht hätte oder welches sich in unseren Köpfen auftut.

Besonders wirkend fand ich die Dynamik zwischen Linda und ihrem Mann Richard. Obwohl sie beide den gleichen Verlust erlitten haben, gehen sie so divergent damit um, dass es unausweichlich scheint, dass sie sich voneinander entfernen. Während Linda sich in ihrer Trauer verliert und die Nähe zu ihrem früheren Leben meidet, sucht Richard weiter nach Halt im Leben. Seine Versuche, Linda zu erreichen, werden von ihr mit Ablehnung beantwortet. Die Spannungen zwischen den beiden spiegeln die Frage wider, wie Menschen gemeinsam trauern können, wenn jeder eine andere Art der Bewältigung benötigt. Die Schilderungen dieses emotionalen Konflikts wirken zutiefst ehrlich, ungefiltert und für mich vollkommen nachvollziehbar, ohne dass es immens sentimental erscheint.

Auch die langsame, beinahe zähe Art, in der Lindas Leben quasi wieder in eine Art Gestalt annimmt (auf dem Hof, den sie gemietet hat), finde ich stark. Katatonisch ist der Zustand für lange Zeit. Doch sie arbeitet sich auf völlig andere Art, anders als ihr Leben bisher war, wieder „an ein Leben“ heran. Retrospektiv lesen wir über ihre Kindheit, ihre Mutter, Sonia, ihren Job, ein Leben mit Richard. Rückblenden auf ihr „altes“ Leben und eine völlig andere Linda. Es gibt keinen Moment der plötzlichen Heilung, keinen klaren Wendepunkt. Stattdessen zeigt Krien, wie Trauer ein ständiger Begleiter bleibt und Linda nach und nach lernt, damit zu leben, auch wenn der Schmerz nie ganz verschwinden wird. Das Buch strahlt trotz der tiefen Traurigkeit einen feinen Funken Hoffnung aus: Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber sie lässt sie verblassen und erlaubt es, dass das Leben (irgendwann) weitergeht – wenn auch in einer anderen Form.

Manche Kritikpunkte an der Geschichte, die ich gelesen habe, wie bspw. Lindas vermeintlich übertriebene moralische Handlungen, empfinde ich als nicht störend, da sie für mich wie ein Teil ihrer Selbstfindung wirken. Sie spendet Geld und unterstützt andere nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern als Teil ihres Versuchs, Kontrolle über ein Leben zurückzugewinnen, das ihr vollständig entglitten ist. Ein weiterer Kritikpunkt, den einige nannten: sie wirkt unsympathisch und man konnte keine Beziehung zur Protagonistin aufbauen. Ist es denn, angesichts dieses Plots, wichtig, dass die Protagonistin, die das für sich schlimmste erlebt, nämlich, dass ihr Kind stirbt, sympathisch ist? Denn in diesem Fall tut es nichts für oder gegen die Geschichte, ob wir Leser*innen diese Figur sympathisch finden. Dies ist eine Kritik, die ich nicht nachvollziehen kann. Und ist es denn immer wichtig, dass Figuren sympathisch sind – was lerne ich denn aus gewissen Romanen, Schilderungen, Erzählungen, wenn immer alles so läuft, wie in meiner Denke, nichts. In welche Reflexion kann ich mich begeben, wenn die Figur in einem Buch alles tut wie ich es (vermeintlich) tun würde!?


Dieses Buch ist für mich eines der bewegendsten, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Die Feinfühligkeit im Ton, mit dem Krien den Umgang mit Trauer, Schuld und Verzweiflung beschreibt, hat mich wieder volle gekriegt. Mich hat das Buch u.a. auch so aufgewühlt, weil viele von Lindas Handlungen meine Gedankengänge treffen. Ich weiß, dass mein Papa irgendwann sterben wird. Das ist unumgänglich. Das ist in irgendeinen göttinnenverdammten Stein gemeißelt. Und wenn ich darüber nachdenke, dass dieser Tag X kommen wird, dann wird’s mir ganz eng um den Hals, mein Puls erhöht sich und die Brust wird mir extrem eng – dennoch kann ich mir vorstellen, dass ich eine Person wäre, oder auch bin, die den „Linda-Weg“ geht, weil ich keine Ahnung davon habe, wie dieser Verlust, dieser Schmerz, je wieder gut werden kann; wie dieses Gefühl in meinem Herzen jemals verschwindet. Aber jetzt habe ich zumindest eine Idee, die sich gut anfühlen könnte ….

Auch dieses Buch ist für mich eines, das wie ein Echo ist … es schreit ein Thema raus, und es hallt lange, mehrfach retour … es tut weh und es stellen sich so viele Fragen auf einmal, auf die es keine Antwort gibt – Antworten erst, wenn „es“ passiert ist.

#leseempfehlung von Herzen für ein #jahreshighlight!
von mari_liest - 2024-10-13 20:18:00
Autor: Isabelle Lehn

Fabelhaftes Buch - hab es förmlich weginhaliert - 5 Sterne

Die Entwicklung der Protagonistin in „Die Spielerin“ ist faszinierend und komplex. Zu Beginn des Romans zieht die junge Frau, deren Name bewusst nicht genannt wird, aus einer niedersächsischen Kleinstadt in den 1990er Jahren nach Zürich, um als Investmentbankerin Karriere zu machen. Sie beginnt ihre Laufbahn in einer Welt, die von Männern dominiert wird und in der sie zunächst als unscheinbar wahrgenommen und immer übersehen wird. Diese Unscheinbarkeit erweist sich jedoch als ihre größte Stärke und ihre Ambivalenz im Charakter ist beeindruckend.

Im Laufe ihrer Karriere stößt sie auf die düstere Seite des Bankwesens, die sogenannten „Bad Banks“, in denen die üblichen Regeln und Gesetze keine Rolle mehr spielen. Als ihre Karriere stagniert und sie realisiert, dass sie in der konventionellen Finanzwelt nicht weiterkommt, beginnt sie, diese Schattenseiten für sich zu nutzen. Sie erkennt, dass ihre Position als „unsichtbare“ Frau ihr erlaubt, Risiken einzugehen und in einer Welt der Illegalität zu operieren, ohne dass man ihr sofort auf die Schliche kommt.

Dieser Wendepunkt ist entscheidend für ihre Transformation. Sie entwickelt eine bemerkenswerte Kaltschnäuzigkeit und Intelligenz, mit der sie beginnt, Millionen für die kalabrische Mafia zu investieren. Ihre Fähigkeit, sich in dieser gefährlichen Welt zu behaupten, zeigt eine tiefgreifende Veränderung von einer ambitionierten, aber zunächst angepassten Frau, zu einer kalkulierenden Spielerin, die das System gekonnt für ihre Zwecke nutzt.

Schließlich führt ihre Reise sie vor Gericht, doch anstatt sich zu erklären, schweigt sie. Dies unterstreicht ihre endgültige Transformation. Sie ist nicht mehr das unscheinbare Mädchen aus der Provinz, sondern eine Frau, die sich in einer moralisch fragwürdigen, aber mächtigen Position befindet und die Kontrolle über ihre eigene Geschichte behält, indem sie diese nicht preisgibt. Ihr Schweigen ist nicht nur ein Zeichen von Macht, sondern auch eine bewusste Entscheidung, die Deutung ihrer Geschichte anderen zu überlassen.

Was mich fasziniert, ist, wie Lehn die komplexen Verflechtungen innerhalb des Finanzwesens in die Handlung integriert hat. Die Welt der „Bad Banks“ wird lebendig und greifbar dargestellt. Die Protagonistin navigiert durch diese Welt mit einer Kaltschnäuzigkeit und Intelligenz, die sie zu einer faszinierenden, wenn auch moralisch zwiespältigen, Heldin macht. Ihre Entwicklung, von einer ehrgeizigen Bankerin zur skrupellosen Person, macht „Die Spielerin“ zu einem besonders fesselnden und vielschichtigen Roman, der zeigt, wie Menschen durch ihre Umgebung und ihre Entscheidungen geformt werden. Ihre stille Macht und die Art, wie sie sich in einem männlich dominierten Umfeld behauptet, finde ich fabelhaft. Das Schweigen vor Gericht, während andere ihre Geschichte erzählen, ist ein kraftvoller Moment im Roman, der viel Raum für eigene Reflexionen über Schuld, Macht und Moral lässt.

Für mich ein Highlight und meisterhaft erzählter Roman, ich bin total begeistert! Fette Leseempfehlung!
von mari_liest - 2024-08-23 13:06:00
Autor: Rasha Khayat

Ein wunderbares und sehr realistisches Buch - 5 Sterne

„Die erste Hälfte meines Lebens sollte ich die mysteriöse Wüstenprinzessin sein mit den großen Augen und der Pyramide im Vorgarten. Und dann kam dieser verfluchte 11. September, und wir waren auf einmal alle Terroristen.“ (S. 118)

"Weil wir längst woanders sind" ist ein leiser und kraftvoller Roman, der mich sehr berührt hat. Die Geschichte dreht sich um die Geschwister Basil und Layla, die zwischen zwei Welten aufwachsen: dem liberalen Deutschland und dem traditionellen Saudi-Arabien. Als Layla sich entschließt, in Saudi-Arabien zu heiraten, versteht ihre Familie, insbesondere ihr Bruder Basil, diese Entscheidung nicht. Um Antworten zu finden, reist Basil nach Jeddah und stellt sich nicht nur der Vergangenheit, sondern auch den kulturellen und familiären Herausforderungen, die diese Entscheidung mit sich bringt.

Der Roman beeindruckt durch seine subtile, aber eindringliche Art, Themen wie Heimat, Identität und die Zerrissenheit zwischen verschiedenen Kulturen zu behandeln. Rasha Khayat schildert diese Konflikte mit einer beeindruckenden Sensibilität, die sowohl die Schönheit als auch die Schwierigkeiten des Lebens zwischen zwei Welten einfängt. Besonders hat mich die Darstellung der Geschwisterliebe bewegt, die trotz aller Differenzen und Missverständnisse eine tiefe Verbindung bleibt. Die Erzählung ist vielleicht an manchen Stellen vorsichtig und einige Konflikte werden nicht vollständig ausgelotet, doch gerade diese Zurückhaltung lässt Raum für eigene Reflexionen, Überlegungen und macht das Buch für mich zu einer besonderen Leseerfahrung. Es ist ein Roman, der auf sanfte Weise die Frage nach Heimat und Zugehörigkeit stellt und dabei zeigt, dass diese oft nicht an einen Ort gebunden sind, sondern in uns selbst liegen.

"Weil wir längst woanders sind" - ein Roman, der auf leisen Sohlen daherkommt und mich sehr beseelt hat. Wunderbar gemacht!
Ich wollte nicht, dass das Buch endet und hätte so gerne noch weitergelesen.
von mari_liest - 2024-08-23 12:32:00
Autor: Lydia Lewitsch

Der Fall Miriam Behrmann - 4 Sterne

Miriam Behrmann, Professorin an der Universität Wien, wird wegen angeblichen psychischen Missbrauchs ihrer Doktorandin Selina Aksoy angeklagt. Der Fall erregt großes Aufsehen. Der Roman beleuchtet Miriams Gedanken zu den Vorwürfen und verbindet Universitätsdramen, Miriams Karriere, und ihre Kindheitserinnerungen in Polen. Das Buch thematisiert Generationenkonflikte und kulturelle Unterschiede, während es die Frage offenlässt, wer im Recht ist – die ehrgeizige Professorin oder die politisch aktive Doktorandin?

Der Roman setzt sich mit den Themen Macht, Ambitionen und Generationenkonflikten auseinander. Allerdings gibt es Punkte, die ?? erzeugten. Wesentliche Details sowohl über die spezifischen Vorwürfe als auch zum Machtmissbrauch werden ausgespart, was für mich die Geschichte etwas schwächte. Es gibt weder ein klares Bild von Selinas Beschwerden noch von Miriams detaillierten Antworten. Phasenweise hatte ich das Gefühl, die Wahrnehmung von Miriam ist die alleinige Wahrheit und ich wollte ihr zustimmen. Ich habe mich durchwegs gefragt: an welcher Stelle sind wir hier denn (schon) in den neun Phasen einer Konflikteskalation?
Miriams Reflexion zu den Vorwürfen bleibt irgendwie oberflächlich. Sie geht kaum auf die Wahrnehmungen und Gefühle von Selina ein. Selina hingegen strebt nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance, stellt gesellschaftliche wie politische Engagements in den Vordergrund. Dieser Gegensatz verdeutlicht die unterschiedlichen Erwartungen und Wertvorstellungen der beiden Generationen. Ich konnte Selinas Wunsch nachvollziehen, jedoch fehlte mir auch ein mögliches Verständnis für die Generation der Miriam. Auch schien es mir, als nehme Selina ihre wissenschaftliche Arbeit nicht ernst genug, was mich dazu brachte, Miriams Standpunkt zu verstehen und mehr in ihre Richtung zu tendieren.

Die Beschwerde, die nur in kleinen Häppchen zur Sprache kommt, bleibt weitgehend im Dunkeln und erschwerte mir eine differenzierte Sicht auf die Konfliktsituation. Der fehlende Fokus auf die emotionalen und psychologischen Dimensionen des Konflikts macht es schwierig, die volle Tragweite der intergenerationellen Spannungen und des Machtmissbrauchs zu erfassen.

Der Roman hebt solide thematische Aspekte hervor und stellt die Erlebnisse und Erfahrungen der beiden Protagonistinnen dar. Lewitsch zeigt, wie unterschiedlich die Herangehensweise zum Thema Arbeit, Einsatz und Leistung steht und die Ambivalenz, die da in mir entstand: ein kluger Schachzug!

Zusammengefasst ist das Buch ein wertvoller Beitrag zur Debatte über Machtstrukturen und Generationenkonflikte, bei dem ich mir mehr Tiefe bei den Figuren, ihren Vorwürfen & Handlungen gewunschen hätte. Aber das ist sicherlich auch Geschmackssache.
von mari_liest - 2024-06-17 16:56:00
Autor: Volha Hapeyeva

Einsamkeit & Empathie - ein sehr berührendes Buch - 4 Sterne

„Manchmal denke ich, das beste Mittel gegen Konflikte und Kriege wäre die Entwicklung eines Empathieserums“. (S. 164)

"Samota" hat mich sehr berührt und gefordert. Der Titel, abgeleitet aus dem belarussischen und tschechischen Wort für Einsamkeit, ist richtungsweisend und führt auf eine introspektive Reise.
Diese beginnt mit Maja, Vulkanologin, die sich in einem Tagungshotel aufhält. Dort begegnet sie der mysteriösen Helga-Maria, deren Existenz zwischen real und metaphysisch schwankt. Parallel gibt es die Erzählung von Sebastian, der sich mit Melancholie und Mitgefühl auseinandersetzt, und seinem düsteren Gegenpart Mészáros. Die Figuren und ihre Geschichten sind lose miteinander verbunden und bewegen sich durch verschiedene Zeiträume, was dem Roman eine traumartige, fast unreale Qualität verleiht. Dennoch fügt sich am Ende alles irgendwie zusammen.

Hapeyeva erkundet die menschliche Einsamkeit und Isolation. Ihr Schreibstil ist geprägt von lyrischer Schönheit und sprachlicher Präzision, was die melancholische Grundstimmung des Buches unterstreicht. Besonders eindrucksvoll fand ich die thematische Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit, in einer oft empathielosen Welt einen Platz zu finden. Die Frage, ob Mitgefühl ein Mittel gegen die Kälte und Unmenschlichkeit unserer Zeit sein kann, zieht den roten Faden durch den Plot.

Trotz kleiner Unschärfen bleibt "Samota" für mich ein anspruchsvolles und tiefsinniges Werk. Es hat mich gecatcht und es hat was mit mir gemacht, denn automatisch fängt man an zu denken und begibt sich selbst auch auf eine introspektive Reise zu eigenen Gedanken. Die poetische Sprache und philosophische Auseinandersetzung mit Einsamkeit/Empathie haben mich berührt, bereichert und ich finde, dieses Buch ist etwas ganz Besonderes. Hapeyeva fängt auf weniger als 200 Seiten die Tiefe des Themas brillant ein. #leseempfehlung
von mari_liest - 2024-06-10 19:42:00
Autor: Tom Saller

Clever konstruierte Lektüre - 5 Sterne

„Bedauerlicherweise weiß niemand, ob das Glückhaben eine konstante Eigenschaft des Menschen ist.“ (S. 70)

1917, der 1. Weltkrieg tobt und Sigmund Freud behandelt den blinden Patienten Ludwig Stadlober. Stadlober, der nach einem Senfgasangriff erblindet ist, zeigt keine organischen Ursachen für seine Blindheit, was ihn zu einem interessanten Fall für die Psychoanalyse macht. Anna, fasziniert von der Arbeit ihres Vaters, nimmt inoffiziell Kontakt zu Stadlober auf und entwickelt eine tiefe Verbindung zu ihm. Diese Begegnungen sind prägend für Annas weitere Entwicklung.
Im Laufe der Jahre entwickelt sich die Beziehung zwischen Anna und ihrem Vater weiter, wobei auch Annas eigene psychoanalytische Fähigkeiten und innere Konflikte eine zentrale Rolle spielen. Als die Nazis 1938 in Wien einmarschieren, steht die Familie Freud vor existenziellen Herausforderungen. Anna und Stadlober begegnen sich erneut, und ihre einst freundschaftliche Beziehung wird auf eine harte Probe gestellt.

Anna, die jüngste Tochter des berühmten Psychoanalytikers, steht im Mittelpunkt des Romans. Sie wird als eine vielschichtige und facettenreiche Persönlichkeit dargestellt, die in der Schattenwelt ihres übermächtigen Vaters und ihrer starken Schwester nach ihrer eigenen Identität sucht. Ihr Weg zur Selbstverwirklichung und ihre Entwicklung von der schüchternen Tochter zur eigenständigen Frau und Psychoanalytikerin bilden das Herzstück der Erzählung.

Saller thematisiert nicht nur die Beziehung zwischen Vater und Tochter, sondern auch die inneren Kämpfe und die Suche nach Selbstbestimmung in einer von patriarchalen Strukturen dominierten Welt. Anna ringt mit den Erwartungen ihres Vaters und der Gesellschaft, während sie gleichzeitig ihre eigene Identität und ihren Platz in der Welt finden muss. Die Integration von psychoanalytischen Konzepten und Analyse der Persönlichkeitsmuster verleiht den Figuren im Roman Lebendigkeit und Tiefe.

Die abwechselnden Erzählperspektiven aus der Sicht von Sigmund und Anna Freud zeigen, wie unterschiedlich ein und derselbe Sachverhalt verstanden und interpretiert werden kann. Saller gelingt es, diese verschiedenen Stränge und Sichtweisen präzise und mit sprachlicher Finesse zu verbinden und er verwebt historische Fakten gekonnt mit erzählerischer Freiheit.

"Ich bin Anna" ist auch als feministischer Roman zu verstehen, der Annas Emanzipation von familiären und gesellschaftlichen Zwängen thematisiert. Ein atmosphärischer und erfrischender Roman, der in die Welt der Psychoanalyse und die komplexen Dynamiken der Familie Freud entführt. Zeitgleich aber auch die „Befreiung“ von Anna Freud erzählt. Saller zeichnet ein fesselndes Psychogramm einer jungen Frau, die zwischen der Loyalität zu ihrem Vater und ihrem eigenen Streben nach Freiheit hin- und hergerissen ist. Eine clever konstruierte Lektüre, die zum Nachdenken anregt und einen Blick auf die berühmte Familie Freud bietet. Mit hat das sehr gefallen! #leseempfehlung!
von mari_liest - 2024-06-02 19:25:00
Autor: Scott Alexander Howard

Würdet Ihr Eure Vergangenheit ändern wollen? - 5 Sterne



"Das andere Tal" von Scott A. Howard ist ein faszinierender und tiefgründiger Debütroman, der sowohl als spannender Zeitreise-Thriller als auch als philosophische Erzählung gesehen werden kann. Die Geschichte spielt in einem abgeschlossenen Tal, dessen Bewohner*innen durch Reisen in die angrenzenden Täler in die Vergangenheit oder Zukunft gelangen können.

Die Protagonistin des Romans ist die 16-jährige Odile, die sich auf Drängen ihrer Mutter um einen Platz im Conseil bewirbt, dem höchsten Entscheidungsgremium des Tals (welches zwischen zwei anderen eingebettet ist), das die streng regulierten Zeitreisen überwacht. Zunächst widerwillig, findet Odile nach und nach Gefallen an den Aufgaben und den moralischen Fragestellungen, die mit der Mitgliedschaft im Conseil verbunden sind. Durch ihre Entwicklung und die Herausforderungen, denen sie sich stellen muss, wird der Roman teilweise auch zu einer Coming-of-Age-Geschichte, die uns tief in Odiles inneres Leben und ihre psychologische Entwicklung eintauchen lässt. Denn irgendwann folgen wir der 36-jährigen jungen Frau. Odile lebt im mittleren Tal, der Gegenwart; im Westtal findet das Leben quasi vor 20 Jahren statt und im Osttal bewegt man sich 20 Jahre in die Zukunft. Niemand darf ohne Genehmigung die Grenzen des Tals überschreiten, egal in welche Richtung.

Odiles Geschichte ist geprägt von Freundschaft, Verschwiegenheit, Loyalität gegenüber dem größeren Wohl, Verrat und Schuld. Sie lernt, dass Wissen über die Zukunft oder Vergangenheit nicht nur ein Segen, sondern auch eine schwere Bürde sein kann. Diese Erkenntnis trifft sie besonders hart, als sie die Eltern eines Schulfreundes als Besucher aus der Zukunft erkennt. Und das bedeutet, dass ihrem Freund Edme bald etwas Schlimmes widerfahren wird. Wird sie dem System entgegen stellen oder treue Soldatin bleiben?

Howard gelingt es, eine melancholische und manchmal nostalgische Atmosphäre zu schaffen, die den Roman zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit Zeit und dem Umgang zwischenmenschlicher Beziehungen macht. Zwischen den Zeilen steht die Frage, wie viel Macht hat jede*r Einzelne wirklich, um das eigene Schicksal zu verändern, und welche Rolle spielt moralische Integrität in einer Gesellschaft, die von Regeln und Kontrolle geprägt ist.

Die Struktur der Täler als Metapher für die verschiedenen Phasen des Lebens und die damit verbundenen Entscheidungen und Konsequenzen finde ich brillant. Durch die strikte Reglementierung der Zeitreisen wird die Dramatik der persönlichen Entscheidungen und ihre Auswirkungen auf das Leben der jeweiligen Person nochmals deutlich inszeniert.

Ein außergewöhnliches Buch, das durch seine originelle Idee, die tiefgründige Charakterzeichnung und die philosophischen Themen besticht. Gerne eine Leseempfehlung für dieses tolle Debüt.

von mari_liest - 2024-05-27 18:23:00